WATERPARKS

Foto© by Ashley Osborn

Verhext

Die Texaner waren noch nie schüchtern, wenn es darum ging, eine bestimmte Meinung zu vertreten – selbst wenn es um die eigenen Fans ging. Und so setzt sich das Trio rund um Sänger Awsten Knight auch auf seinem neuen Album „Jinx“ weiterhin mit der eigenen Fanliebe auseinander. Aber es geht um noch viel mehr, auch um politische Themen, die die Band beschäftigen, wie Sänger Awsten erklärt.

Euer neues Album heißt „Jinx“. Ich fand den Titel inte­ressant, weil „to jinx someone“ ja bedeutet, jemanden zu verhexen oder ihm Unglück zu bringen. Verhext du mit diesem Album also irgendwie die Leute?

Ich glaube schon. Aber mehr als irgendjemand anderen verhexe ich wahrscheinlich mich selbst. Eigentlich glaube ich nicht einmal, dass ich andere mehr verhexe, als sie sich selbst verhexen. Ich glaube, ich verhexe mich selbst mehr als alle anderen. Denn mal ehrlich: Eine ganze Ära „Jinx“ zu nennen, ist schon ziemlich verrückt. Das würde ich mir selbst nicht antun, wenn ich nett zu mir wäre.

Na ja, ihr hattet ja auch schon ein Album namens „Greatest Hits“.
Das stimmt. Das soll aber nicht heißen, dass ich kein Fan von WATERPARKS bin. Ich bin wahrscheinlich der größte WATERPARKS-Fan überhaupt. Aber ich bin definitiv auch einer der größten Unglücksbringer rund um die Band.

Während ich euer neues Album gehört habe, aber auch auf ältere Veröffentlichungen zurückgeblickt habe, hatte ich manchmal das Gefühl, dass du so etwas wie eine Hassliebe zu euren Fans empfindest – zum Beispiel in Songs wie „If lyrics were confidential“. Hast du manchmal ein zwiespältiges Verhältnis zu eurer Fanbase?
Ja, habe ich.

Inwiefern?
Ich glaube, dass das bei WATERPARKS und dem, was wir machen, einfach schon immer ein zweischneidiges Schwert war. Es ist großartig, dass den Leuten das, was wir machen, wichtig ist. Aber genau das kann auch sehr schnell zu weit gehen. Es ist toll, wenn sich jemand von dem inspirieren lässt, was ich oder wir machen. Das finde ich großartig. Aber gleichzeitig kann eben alles zu weit gehen. Und wenn das passiert, dann trifft es einen ziemlich hart. Ich glaube, wenn Menschen – und das wird zwangsläufig irgendwann passieren – von irgendetwas enttäuscht oder verletzt werden, weil das einfach zum Leben dazugehört, dann fühlen sie sich dadurch unglaublich getroffen. Und das schlägt dann mit einer solchen Wucht zurück, dass dieser Schmerz sich manchmal stärker anfühlt als all die Liebe, die man zuvor bekommen hat. Es ist einfach immer eine sehr seltsame Beziehung. Ich glaube, ich hatte lange Schwierigkeiten, damit umzugehen, weil ich nicht damit aufgewachsen bin, beliebt zu sein. Das war ich einfach nicht. Deshalb war und ist das alles für mich bis heute etwas sehr Merkwürdiges, womit ich umgehen muss. Allerdings bin ich inzwischen besser darin geworden, mir nicht alles zu sehr zu Herzen zu nehmen, was über uns gesagt wird. Ich lese heute zum Beispiel längst nicht mehr alles. Früher war es so, dass es mich komplett zerstört hat, wenn jemand einen Song nicht mochte. Dann dachte ich sofort: „Wie kannst du den nicht mögen? Für mich ist er perfekt.“ Ich weiß schließlich um die ganze Arbeit und alles, was darin steckt. Ich glaube – und das ist wahrscheinlich etwas, das ich in einer Therapie aufarbeiten sollte – dass ich einfach den Wunsch habe, wertgeschätzt zu werden und dass die Menschen mögen, was ich tue. Das ist etwas, bei dem ich über die Jahre lernen musste, mich davon zu lösen. Vor allem weil ich weiß, dass wir unseren Sound ständig verändern. Weißt du, was ich meine? Ein Song wie „If lyrics were confidential“ hätte zum Beispiel niemals auf „Double Dare“ funktioniert. Einerseits möchte ich Dinge vorantreiben. Ich möchte mich weiterentwickeln. Aber genau das ist für manche Menschen schwierig, weil sie einen vielleicht gar nicht in diese Richtung gehen sehen wollen. Deshalb musste ich lernen, damit klarzukommen, dass manche Leute die Vision zunächst einfach nicht sehen oder erst später verstehen. Denn irgendwann kommen die meisten doch noch an diesem Punkt an.

Du hast erwähnt, dass ihr gerne mit verschiedenen Sounds experimentiert und immer wieder etwas verändert. Besonders bei „Prowler“ probiert ihr einen deutlich härteren Sound aus als auf allen vorherigen Veröffentlichungen. Glaubst du, dass ein komplett hartes Album von WATERPARKS möglich wäre?
Ich weiß nicht. Folgendes kann ich dazu sagen: Wir wären absolut in der Lage, so ein Album zu machen. Aber ich würde es hassen, damit auf Tour zu gehen. Denn zum Beispiel, als wir in Washington D.C. gespielt haben, haben wir mit „Prowler“ eröffnet. Das allererste, was ich also machen musste, war zu schreien und zu brüllen. Und fünf Songs später musste ich plötzlich diese Falsett-Töne treffen und „Stupid for you“ singen. Wenn wir also ein ganzes Album hätten, auf dem ich die ganze Zeit nur herumschreie, dann wäre das auf Tour furchtbar. Ich würde ständig denken: Meine Güte, wie viele verdammte Songs muss ich eigentlich noch schreien? Aber ich glaube, diese Shows würden dennoch unglaublich viel Spaß machen.

Ich bin jedes Mal überrascht, wie heftig die Leute bei euren Konzerten tatsächlich abgehen.
Das ist cool. Für uns alle ist das einfach viel aufregender. Ich bekomme sogar selbst noch einen Adrenalinschub, wenn ich mir die Auftritte anderer Bands anschaue und sehe, wie das Publikum richtig mitgeht. Im Gegensatz dazu steht, wenn ich mir eine Show anschaue und einfach nur dreitausend Handys sehe. Das macht keinen Spaß. Ich verstehe schon, wenn man ein Foto machen möchte oder so. Aber was bringt dir dieses Video später? Darauf hörst du am Ende sowieso nur irgendeinen anderen Fan, der die ganze Zeit herumschreit.

Glaubst du, dass WATERPARKS irgendwann eine handyfreie Show erleben werden?
Ich würde es lieben, aber die Leute sind verdammte Feiglinge und sie sind so nervig damit, sie weigern sich einfach, für eine Stunde ohne ihren Schnuller auszukommen. Aber es wäre ehrlich gesagt richtig geil, weil ich die Diskussionen online sehe und mir denke: Das ist so ein dummes Thema. Und ich verstehe, was die Leute sagen, aber ich denke mir einfach: Komm schon, könnt ihr das nicht einfach für eine verdammte Stunde locker sehen? Ich will hier gar nicht komplett Öl ins Feuer gießen, aber egal. Jeder, der das hier liest: Scheiß drauf, sagt ihnen einfach, ich habe gesagt, sie sollen sich einfach für eine Sekunde entspannen und mich kurz ausreden lassen. Es klingt dann so nach dieser „Der Kunde hat immer recht“-Mentalität, wo Leute sagen: „Wir haben bezahlt, es ist euer Job, das da oben zu machen, es ist nicht euer Ding, was wir mit unseren Handys anstellen.“ Und ich verstehe das, wirklich, aber es ist so viel cooler, wenn man mal sieht, wie Menschen einfach im Moment leben. Und ich würde das gerne selbst erleben können. Ich weiß nur, dass Leute, die WATERPARKS mögen, ihre Handys verdammt lieben. Und ich fürchte, wenn ich versuchen würde, ihnen das wegzunehmen, würden sie mir innerhalb von 20 Minuten den Kopf abreißen.

Mein Lieblingssong auf dem Album ist „Girls need guns“, aus mehreren Gründen. Der offensichtlichste ist das Thema, es ist ein politisches Stück, allgemein gesprochen über Frauenrechte. Was hat dich dazu inspiriert, diesen Song zu schreiben?
Alles. Ich weiß, sorry, das ist eine dumme Antwort. Aber ehrlich gesagt ist es die Weltlage. Ich weiß, ich mache online viel Quatsch, aber ich trage wirklich das Gewicht von allem, was ich sehe und lese, immer mit mir herum. Es ist schwer, diese Dinge zu sehen und nicht wütend oder machtlos zu sein. Und es gab so viele Versionen dieses Songs, für die ich komplette Strophen geschrieben habe, weil ich natürlich das beschrieben habe, was ich fühle – die Wut darüber, wo die Welt sozial und politisch steht. Es fühlt sich einfach an, als würde alles brennen. Und ich habe so bestimmt 50 Songs geschrieben, explizit politisch oder politisch angelehnt. Aber jedes Mal, wenn ich eine Strophe für diesen Song geschrieben habe, hat es sich nicht richtig angefühlt. Manchmal klang es zu aggressiv, manchmal zu frech oder was auch immer. Ich habe es mir angehört und dachte: Ja, okay, cool. Doch ich weiß irgendwie, wann etwas richtig ist. Und aus irgendeinem Grund hat es nicht funktioniert. Es klingt so offensichtlich, als wäre ich ein Idiot. Aber irgendwann habe ich verstanden: Es geht gar nicht um mich. Es ist etwas, das mir sehr wichtig ist, aber es betrifft direkt Menschen, die mir wichtig sind. Und dann hat es Klick gemacht, als ich mit meiner Mutter telefoniert habe und mit ihr darüber gesprochen habe. Plötzlich hat alles Sinn ergeben. Ich saß in New York im Hotel, habe daran gearbeitet und einfach geweint. Ich musste immer wieder unterbrechen, weil ich so überwältigt war. Und als es fertig war, dachte ich: Heilige Scheiße, das ergibt vollkommen Sinn. Die Botschaft war immer richtig – sie sollte nur nicht von mir kommen.

Ist es deine Mutter, die wir im Song hören?
Ja.

Ich fand das sehr besonders, weil sie ja aus ihrer eigenen Erfahrung spricht. Deshalb hat es sich auch sehr berührend und ehrlich angefühlt. Ich finde es auch den besten Song des Albums.
Danke. Das bedeutet mir viel. Ich hoffe, dass die Leute „Girls need guns“ mögen.

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