
Nach langem Indie-Elend sind YO LA TENGO in den Staaten bei einem Major-Label untergekommen, während sie in Deutschland nach wie vor von City Slang betreut werden, durch die man auch endlich wieder in den Genuss der Frühwerke dieser Band kam. Zu „From A Motel 6" gibt es mittlerweile ein nettes Video, in dem die Band beim Aufbau ihres Sets zu bewundern ist, kurz ihre Instrumente in den Hände nimmt, um dann direkt wieder zusammen zu packen. Verkabelte Mitmenschen konnten das, neben einem kleineren Bericht über die Band im Rahmen ihrer letztjährigen Deutschland-Tournee, auf VIVA begutachten, dem deutschen Gegenspieler von MTV. Ist das jetzt der große Durchbruch oder noch schlimmer, der große Ausverkauf? Wohl eher nicht. Denn dafür ist auch die letzte Platte „Painful" immer noch zu sehr Minderheitenmusik, trotz wirklich unvergesslicher Popsongs. Besonderheit dieser Platte sind nicht etwa fehlende Feedback-Attacken, sondern deren Verlagerung von der Gitarre auf ein anderes Instrument: Es ist schon schwer beeindruckend, was für einen Lärm man selbst mit einem verhältnismäßig harmlosen Polterabendkompatiblen Instrument wieder Orgel machen kann. So stand auch ihr Konzert in der Dortmunder Live-Station in der Tradition der bis an die Schmerzgrenze gedehnten monotonen Lärmorgien, die aber diesmal auch etwas von der Räucherstäbchen-Atmosphäre britischer Bands wie SPACEMEN 3 hatten.
Seit wann gibt es YO LA TENGO denn eigentlich? Irgendwie seid ihr eine Band, bei der man das Gefühl hat, sie existiere schon seit Ewigkeiten.
Iia Kaplan: Wir haben die Band vor ungefähr neun Jahren gegründet.
Und wie alt wart ihr da?
Neun Jahre jünger!
Aus welchem musikalischen Umfeld kamen damals eure Einflüsse?
Bis zum heutigen Tag waren es immer sehr unterschiedliche Einflüsse. Ich versuche mich zwar daran zu erinnern, was es in diesem bestimmten Jahr gewesen sein könnte, aber es fällt mir nicht mehr ein.
Vielen Bands fällt bei dieser Frage immer ein sehr spezielles Erlebnis ein, z.B. eine Band, die sie live gesehen haben und daraufhin gesagt haben: Lasst uns selber eine Band gründen!
In dem Jahr, als ich meine erste Band gegründet habe, habe ich die BEATLES gesehen. Aber ich weiß nicht, ob das ausschlaggebend war. Ich wollte schon immer eine Band haben und das war einfach das Jahr, in dem es dann endgültig geklappt hat. Es hat lange Zeit gedauert, das zu verwirklichen, insofern war das spezielle Jahr eher nebensächlich.
Hat euch Punk irgendwie beeinflusst?
Ich mag Punkrock, aber eigentlich kann einen alles beeinflussen. Leute, die dir genau erzählen, was ihre Einflüsse sind, lügen. Zum Beispiel, wenn ein Schriftsteller erzählt, er würde Robert Frost mit Raymond Chandler kombinieren. Wenn du etwas machst, handelt es sich immer um einen Prozess, über den du meistens nicht viel weißt. Leute, die diese Frage beantworten können, erzählen dir nicht die Wahrheit.
Bei euch würde z.B. jeder an VELVET UNDERGROUND oder BIG STAR denken.
Ja, das sind gute Bands, mit denen man sich auch gerne vergleichen lässt. Die Musik, die wir hören, wirkt sich natürlich auf unsere Musik aus. Genauso, wie die Musik, die wir uns nicht anhören oder die Nahrung, die wir aufnehmen. Wenn du mich fragen würdest, was meine Lieblingsbands sind, könnte ich dir darauf eine Antwort geben. Aber ich würde stark bestreiten, dass es diesen direkten Einfluss gibt, wie es eure Frage unterstellt.
Du bist doch auch selbst journalistisch tätig. Hast du dadurch vielleicht einen schärferen Blick darauf, wodurch man sich als Band beeinflussen lässt?
Ich betätige mich in dieser Richtung kaum noch, und als ich es tat, habe ich nie besonders gute Fragen gestellt. Ich war kein besonders guter Interviewer. Falls ich es jetzt wissen sollte, habe ich es auf jeden Fall damals nicht gewusst.
James Mc New: Wir haben auch kein spezielles Innenleben. In unserem Inneren sieht es genauso aus, wie bei jedem anderen Musikfan auch. Mal abgesehen davon, dass wir selber in einer Band spielen.
Eure letzte Platte „Painful" ist in den Staaten bei einem Majorlabel erschienen. Gibt es dafür besondere Gründe?
Wir sind nicht wirklich bei einem Majorlabel! Wir sind bei Matador, die eine Vereinbarung mit Atlantic haben. Potentiell gesehen haben wir also die Möglichkeiten eines großen Labels, aber das Gehirn und Herz eines kleinen Labels. Es ist im Moment in Amerika wichtiger als in Europa, bei einem großen Label zu sein. Die Independent-Label in Europa scheinen besser zu verstehen, was im Publikum vorgeht, während die großen Labels sich nicht um Bands wie uns kümmern. In den Staaten interessieren sie sich unglücklicherweise für uns. Danach müssen sich auch die Bands richten, denn sonst bleiben dir viele Türen verschlossen, wenn du nicht die Unterstützung eines großen Labels hast. Nimm dir eine Sendung wie „120 Minutes" von MTV - Amerika, wo keine einzige Band mehr richtig independent ist, während es in Europa noch eine wirkliche Indie-Sendung ist. Das ist ein Beispiel für viele Möglichkeiten, die du in Amerika nicht hättest, wenn du nicht bei einem großen Label bist.
James: In den Großstädten gibt es mittlerweile viele „alternative radiostations“, die, wie sie es nennen,“cuttingedge"-Rock spielen, eine Mischung aus „120 Minutes" und deinen Lieblings-“New Wave"-Hits. Da kommst du auch nicht rein, wenn du nicht bei einem Major bist.
Ist es notwendig bei einem Major zu sein, um kommerziellen Erfolg zuhaben?
Ich glaube nicht, dass wir dadurch jetzt übermäßig populär werden. Wir werden auch durch ein großes Label nicht plötzlich acht Millionen Platten verkaufen, aber wir haben trotzdem die Hoffnung, den einen oder anderen Hörer dazu zu gewinnen. Schau dir z.B. FUGAZI an - die sind auch ohne das alles ziemlich groß geworden.
Als ich letztes Jahr „Upside Down“ hörte, dachte ich, dass das eigentlich ein Hit werden müsste. Dieses Jahr sind SOUL ASYLUM plötzlich mit einem viel schlechteren Song hoch in den Charts platziert.
Der Song ist nicht schlecht. Das ist eine Sache, die aus meiner Erfahrung als Journalist kenne. Als ich diesen SOUL ASYLUM-Song das erste Mal hörte, saß ich mit Georgia im Auto und wir fragten uns beide: Was ist das für ein Tom Petty-Song, den kennen wir ja gar nicht?
“Upside Down“ ist ein kleiner, netter Song, aber ihm fehlt dieser “bigrock“-Sound. YO LA TENGO gibt es mittlerweile seit neun Jahren und erst jetzt seid ihr etwas bekannter geworden.
Wir waren nie sehr aggressiv darin, uns passend zu verpacken. Aber die Frage ist ähnlich wie die Frage nach den Einflüssen. Der Grund, warum Leute diese Frage beantworten, ist, weil sie eine gute Geschichte über sich erzählen wollen. Die Geschichte interessiert die Leute mehr als die Band selber. Wir haben das nie gemacht, und so hatten die Leute nichts, was sie mit uns hätten verbinden können. Die Dinge entwickelten sich immer ein bisschen weiter, aber nie auf so dramatische Weise. Wir haben immer genug Glück gehabt, dass uns ein paar Leute gehört haben, aber wir hatten nie so viel Glück, dass uns alle gehört hätten.
Glaubst du Bands, die sagen, dass sie mit ihrem Indie-Status zu Frieden sind? Die meisten Bands hätten doch gerne einen dicken Plattenvertrag, schaffen es aber in der Regel nicht.
Ich sehe eine große Notwendigkeit darin, in kleinen Clubs zu spielen und Teil der Indie-Rock-Szene zu sein. Wenn du davon gelangweilt bist, musst du sehen, dass du dich weiterentwickelst. Du musst dein eigenes Ding durchziehen, auch wenn sich das jetzt sehr hippiemäßig anhört.
Magst du “RideTheTiger“ eigentlich noch?Es ist ja eine sehr zarte, noch etwas untypische Platte für euch.
Nachdem wir sie aufgenommen hatten, habe ich sie einige Jahre nicht mehr gehört. Ich mag sie jetzt mehr als damals. Es ist wie sich einen alten Film im Fernsehen ansehen.
Ich denke, dass „Painful" die beste und ungewöhnlichste YO LA TENGO-Platte ist, was wohl zum Teil an dem Einsatz der Orgel liegt. Wie kamt ihr darauf diese Orgel einzusetzen?
Wir hatten plötzlich eine. Das war die große Veränderung. Wenn auf den alten Platten mal eine Orgel auftauchte, lag das daran, dass wir die Songs ursprünglich mit Gitarre, Bass und Schlagzeug eingespielt hatten, aber dann dachten, dass eine Orgel an einer bestimmten Stelle nicht schlecht wäre. Wir liehen uns dann eine, oder das Studio hatte eine, und fügten sie nachträglich ein. Nachdem wir „May I Sing With Me“ aufgenommen hatten, fingen wir an regelmäßig Orgel zu spielen, denn jemand, mit dem wir das Zimmer teilten, besaß eine. Durch das ständige Üben wurde die Orgel fester Bestandteil der Gruppe. Auf den anderen Platten war es nur ein Studio Overdub, aber auf „Painful“ war die Orgel konkret da und die Songs wuchsen mit ihr.
Wer spielt die Orgel normalerweise?
Das hängt vom Stück ab. Jeder von uns hat auf der Platte Songs, auf denen er Orgel spielt. Das setzte viel Übung voraus. Wir hatten eine lange Periode, wo wir überhaupt keine Songs geschrieben und nur geübt haben. Wir spielten manchmal Stunden, ohne dabei an Songs zu denken und tauschten dabei die Instrumente aus. Als wir dann danach anfingen, die Stücke zu schreiben, hatte dieses Gefühl viel mit unserer Veränderung zu tun.
Habt ihr vor, noch mal eine akustische Platte wie „Fakebook" aufzunehmen, bzw. ist es generell für euch wichtig, zwischendurch rein akustische Sets zu spielen?
Es ist schwer, ein zu schätzen, wie wichtig es für uns ist. Das hängt zu einem großen Teil von der Nachfrage ab. Wenn uns niemand fragen würde, ob wir akkustisch spielen wollen, könnten wir herausfinden, wie viel es uns bedeutet, und ob wir es dann trotzdem tun würden. Aber die Leute fragen uns immer. Deshalb unterdrücken wir es auch immer öfter. Wir tun es und wir mögen es auch, aber es ist manchmal schwer zu sagen, wie wichtig es ist.
Was haltet ihr von der Behauptung, dass Städte Einfluss auf den Sound von Bands haben? Ihr kommt fast aus NewYork, aber ihr klingt nicht besonders großstädtisch.
Ich habe etwas Probleme, damit überein zu stimmen. NewYork produziert sehr unterschiedliche Arten von Musik, genau wie andere Städte auch. Wenn wir Platten aufnehmen, können wir uns natürlich nicht völlig von unserer Umgebung trennen. Ich mag an unserer Band, dass alles sehr persönlich ist und reflektiert, wer wir sind. Ich mag es nicht, wenn Leute so dummes Zeug behaupten, wie „Das ist die BEATLES-Platte, die SONIC YOUTH nie gemacht haben.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #17 II 1994 und Thomas Kerpen
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