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KANONENFIEBER

Die Urkatastrophe

„Die Urkatastrophe“ ist das zweite Album des von Noise 2020 ins Leben gerufene Solo-Black-Metal-Projekts KANONENFIEBER. Wie schon beim Debütalbum „Menschenmühle“ (2021) handelt es sich bei „Die Urkatastrophe“ um ein Konzeptalbum, „um die Opfer des Ersten Weltkrieges dem Vergessen (zu) entreißen“, wie es in der Widmung heißt. Ausweislich der Band-Homepage noisebringer.de handelt es sich um ein „Musikprojekt ohne Glorifizierung des Krieges, ohne Gore-Aspekt, [das) historisch so exakt wie möglich und weitestgehend mit Fakten belegbar“ arbeitet und sich dabei auf die Hilfe eines „Hobby-Historikers“ stützt. Als Historiker, der zum Ersten Weltkrieg arbeitet, war ich nach dem Lesen der Vorankündigung in gleicher Weise gespannt und skeptisch, was das geschichtliche Authentizitätsversprechen betrifft. Aber auch was die künstlerische Umsetzung betrifft, gibt es eine gewisse Fallhöhe. Der Erste Weltkrieg ist ein häufig aufgegriffenes Thema im Black Metal. „Die Urkatastrophe“ ist keine durch Quellen und Fachliteratur gesättigte musikalische Bearbeitung des Ersten Weltkriegs. Das Quellenproblem zeigt sich unter anderem in der Nutzung von Wikipedia und anderer nicht wissenschaftlichen Kriterien genügenden Geschichts-Seiten. Daneben werden aber auch fundiert erarbeitete und öffentlich zugängliche Ressourcen zur Geschichte des Ersten Weltkrieges verwendet. Ebenso scheint ein Fundus überlieferter Soldatenbriefe aus der Zeit gelesen worden zu sein. Auf diese Weise entstehen elf realitätsnahe, aber eben nicht authentische und in einem Fall („Panzerhenker“) sogar irreführende Erzählungen zum Ersten Weltkrieg. Wäre der Anspruch auf historische Authentizität nicht so ins Fenster gestellt worden, hätte ich mir diese Kritik erspart, denn natürlich handelt es sich bei den Texten mit Ausnahme des Openers, einer Ansprache des Reichstagspräsidenten Johannes Kaempf, um fiktionale Darstellungen aus der Perspektive der Frontsoldaten. Es ist Kunst auf hohem Niveau, was KANONENFIEBENR abliefern. Black Metal ohne Experimente, ein absolutes Brett! Musikalisch gut produziert und rhetorisch elegant ausgestaltet, lassen KANONENFIEBER deutsche und österreichische Soldaten in chronologischer Folge der Ereignisse von ihren Fronterfahrungen etwa im Bewegungskrieg („Sturmtrupp“), im Mienenkrieg („Der Maulwurf“), in Materialschlachten („Verdun“, „Ausblutungsschlacht“) sowie im Panzer- und Luftkrieg („Panzerhenker“, „Ritter der Lüfte“) berichten. Die LP kommt im aufwändig gestalteten limitierten Kunstband-Cover mit vielen Illustrationen, Fotos, Hintergrundinformationen und natürlich mit sämtlichen Lyrics in Deutsch und Englisch. Ein großartiges Album.

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