
Zu Roman Biewer, der maßgeblich hinter DISSO!VER steckt, ist auf Discogs „German metal singer and guitar player“ zu lesen. Und tatsächlich, Biewer war mal bei der Progressive-Metal-Band THE EXPERIENCE aus dem Saarland, die Ende der 1990er zwei Platten auf AFM Records veröffentlichten. Auf seinem zweiten DISSO!VER-Album „Die völlige Abwesenheit von Punk“ (nach „Lagerkoller“ von 2021) ist aber nicht nur die völlige Abwesenheit von Punk sondern auch die von Metal feststellbar, selbst wenn Biewer mal recht noisige Gitarrenparts einstreut. Ansonsten tendiert der Kölner Multi-Instrumentalist zu einer Mischung aus Neo-Kraut (mit der Berliner Band CAMERA hatte er auch schon zusammengearbeitet), NDW und Indietronics. In den 1990ern hätte man das vielleicht sogar der Hamburger Schule zugeordnet. Die halbe Miete ist hier auf jeden Fall das tighte rhythmische Fundament, das Jan Philipp Janzen beisteuert, eine Hälfte von URLAUB IN POLEN und auch an den letzten beiden Alben von DIE STERNE beteiligt. Aber Biewer kann auch echte Hits schreiben wie das großartige „Hey, Artefakt“ mit seinem starken NEW ORDER-Touch. Am besten umschreibt das Album aber wohl der Songtitel „Post post irgendwas“, denn Biewers Bezüge zu Krautrock und NDW sind immer originell und wirken nie wie eine billige Kopie. In solchen Zusammenhängen taucht ja häufig der Begriff Zitatpop auf, aber von Wiederholung oder Rückschritt kann man hier aufgrund von Biewers smartem Songwriting sicherlich nicht sprechen. Auf dem Cover ist eine Zeichnung von Max Müller zu sehen, Frontmann der Band MUTTER.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #180 Juni/Juli 2025 und Thomas Kerpen
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #157 August/September 2021 und Thomas Kerpen