In Bezug auf die für den Massenmord an Juden genutzten Vernichtungslager in der Zeit des Nationalsozialismus denkt man vor allem an Auschwitz-Birkenau, Majdanek oder Treblinka, weniger bekannt dürfte das Vernichtungslager Sobibor im südöstlichen Polen sein. Dort kam es im Oktober 1943 zu einer Massenflucht von 600 Häftlingen, von denen aber nur 200 lebend die Flucht gelang. Bereits im August 1943 hatte es einen Aufstand in Treblinka gegeben – die Überlebenden wurden dann in Sobibor untergebracht. Der fürs Fernsehen gedrehte „Flucht aus Sobibor“ von Jack Gold (den ich vor allem wegen seines Horror-Thrillers „Der Schrecken der Medusa“ von 1978 schätze) war der erste Spielfilm, der sich des Themas annahm, basierend auf einem Drehbuch von Reginald Rose („Die zwölf Geschworenen“) und Thomas Blatt und Stanisław Szmajzner, zwei Sobibor-Lagerinsassen. Auf Blu-ray erschien der Film schon 2020, jetzt gibt es eine Neuauflage. Frühere Videoreleases enthielten bereits die komplette knapp zweieinhalbstündige Fassung und dürften das damalige Videothekenpublikum ziemlich enttäuscht haben, die hier aufgrund des Artworks einen Actionreißer mit Rutger Hauer erwarteten. Besonders frech war die Arcade Video-Version, die stümperhaft das Cover des Schwarzenegger-Streifens „Der City Hai“ kopiert hatte. Im Gegensatz zu etwa John Sturges’ Kriegsfilm-Klassiker „Gesprengte Ketten“ ist „Flucht aus Sobibor“ trotz bestimmter dramaturgischer Mittel alles andere als eskapistisches, leicht romantisiertes Unterhaltungskino, aber auch keine dröge Holocaust-Geschichtsstunde. Für einen Fernsehfilm gelingt „Flucht aus Sobibor“ sogar eine erstaunlich drastische Aufarbeitung der abstoßenden Zustände in den damaligen Vernichtungslagern, die abschließende Massenflucht ist dabei eigentlich der uninteressanteste Teil der Geschichte.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #181 August/September 2025 und Thomas Kerpen