
Das letzte Album von BRAUSEPÖTER erschien 2019. 2023 kam dann ihr eigentlich erstes Album „Keiner kann uns ab“ – mit nicht nur gefühlt 44-jähriger Verspätung – auf Tapete raus. 1979 sollte es eigentlich auf Alfred Hilsbergs Label ZickZack erscheinen, doch dazu ist es damals nicht gekommen. Jetzt liegt mir ihr neues Album „Frei von all dem hier“ vor. Spannenderweise besteht die Band immer noch aus denselben drei Menschen, die BRAUSEPÖTER 1978 in Rietberg im tiefsten Ostwestfalen gründeten. Und ihre musikalischen Wurzeln können und wollen sie nicht verleugnen: Punkrock, früher New Wave und Garage-Rock, THE FALL, die frühen MEKONS oder auch WIRE. Das Maximum Rocknroll schrieb einst über BRAUSEPÖTER: „It’s indie punk in the purest John Peel sense“. Derart geadelt sind die Erwartungen natürlich hoch. Der erste Song „Muschelvergiftung“ entwickelt schon eine besondere Atmosphäre und hat durchaus etwas von ganz früher NDW, also zu einer Zeit, bevor die im Ausverkauf abebbte. Bei „Kaltes Wasser“ wirkt der Sound wie ein Sog: „Ich spring’ ins kalte Wasser, schwimmen konnte ich noch nie“ und die Gitarre dazu hat durchaus einen Anflug von FEHLFARBEN. „Treffen im November“ kritisiert die Social-Media-Welt. „Ich wüsste gern, wie bist du analog“, singen BRAUSEPÖTER. Und sie formulieren ebenso treffend in „Abhängig von Musik“: „Manche Songs sind für dich wie ’ne Religion“ und dann wird klar: ‚Du bist so anhängig von Musik‘.“ „St. Etienne“ entwickelt sich zu einer Indiepunk-Hymne. Anfangs ganz ruhig, nimmt das Stück immer mehr Fahrt auf und endet in einem emotionalen Sturm. „Psychokiller“ hat dann nichts von ENGLISH DOGS oder Hardcore-Punk, sondern klingt nach dem 1970er-Jahre-Deutschrock vor Punkrock. Wie schnell die Zeit vergeht, mögen sie sich gedacht haben, als sie im Radio „was über Tony Blair“ gehört haben. Wenn sie singen „Alle gaben sich englische Namen, weil die eigenen uncool waren“, sind sie weit vor dem ehemaligen britischen Premierminister. Die „Letze Rettung“ klingt charmant nach DER MODERNE MAN oder auch wie frühe ABWÄRTS. Und „Desolat“ und „Nicht noch mehr davon“ haben dann mehr Punkrock wie etwa TEMPO oder auch UNITED BALLS. Dass sich BRAUSEPÖTER mit dem Albumtitel selbst zitieren – „Frei von all dem hier“ heißt einer ihrer ersten Songs –, hat so gar nichts mit Nostalgie zu tun. Das Gegenteil ist der Fall. Die von mir erwähnten Bands sind eher Versuche, den sehr eigenständigen Sound von BRAUSEPÖTER in Worte zu fassen. Und auch wenn sie sich von jeder Form von Nostalgie distanzieren, spielt das neue Album auf einer Klaviatur tief in mir, die mich an die Anfänge meiner musikalischen Sekundärsozialisation erinnert. Aber das neue Album ist kein müder Aufguss alter Tage, sondern vielmehr eine konsequente Weiterentwicklung. Respekt!
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