
Nachdem BRAUSEPÖTER ihre erste LP, die eigentlich 1979 auf ZickZack erscheinen sollte, endlich 2023 auf Tapete Records veröffentlichten, kommt jetzt ein neues Album. Mit „Frei von all dem hier“ gelingt es BRAUSEPÖTER, sich allen starren Erwartungen, die in sie gesetzt wurden, zu widersetzen. Mit dem Albumtitel gehen sie selbst zurück zu ihren Anfängen, in die Jahre 1978 bis 1982. Seit dieser Zeit ist die Besetzung von BRAUSEPÖTER konstant: Martin (voc, gt, synth), Bernd (bs) und Kemper (dr). Wir sprachen mit Martin über das neue Album, über die NDW, aber auch über die Vergangenheit, zum Beispiel ihren Auftritt beim ZickZack Festival in Hamburg.
Euer letztes Album „Nerven geschädigt“ erschien 2019. Warum hat es dann doch so lange bis zur neuen Platte gedauert?
Eigentlich ist sie schon seit drei Jahren fertig. 2023 konnten wir sie aber nicht rausbringen, weil zur gleichen Zeit Tapete Records aus Hamburg ein Album mit unseren alten Songs von 1979 veröffentlicht hat. Und zwei Alben gleichzeitig rausbringen, empfiehlt sich nun mal nicht.
Ihr wurdet schon mal als „lost NDW-Band“ angekündigt. Passt das zu euch? Wo würdet ihr euch damals beziehungsweise das neue Album musikalisch einordnen?
Wir kommen ja aus der Version 1.0 der NDW, die sehr stark vom Punk beeinflusst war und die gar nicht mehr so viele Leute kennen. Sie wurde ja schnell von der Musikindustrie gekapert und total kommerzialisiert. „Lost NDW“ passt da sehr gut. Musikalisch bewegen wir uns zwischen Avantgarde, New Wave und Indiepunk.
Mittlerweile scheint es eine Art NDW-Revival zu geben. Wie seht ihr das?
Das mögen wir, wenn es sich an der Ur-NDW orientiert.
Der erste Song heißt „Muschelvergiftung“. Wie ist euch die Idee zu diesem Text gekommen?
„Sie sollen nicht sehen, was ich da habe / Sie sollen nicht wissen, was ich trage.“ Es geht um die immer und überall stattfindende Durchleuchtung unserer Person. Der Rest des Textes beziehungsweise die Antwort darauf ist purer Dada.
Bei „Kaltes Wasser“ wirkt der Sound auf mich wie ein Sog, passend zur Textzeile „Ich spring ins kalte Wasser, schwimmen konnte ich noch nie“. War das so gedacht?
Nicht bewusst. Aber Text und Musik sind hier in besonderer Weise verknüpft. Sie ziehen sich gegenseitig in den Strudel.
In „Abhängig von Musik“ singt ihr: „Manche Songs sind für dich wie ’ne Religion“. Welche Stücke sind das bei euch? Sind das auch eure Einflüsse gewesen?
Für mich ist das zum Beispiel immer noch die erste DEVO-LP. Die beeinflusst mich auch tatsächlich noch manchmal. Komische Takte, schräge Arrangements, wirre Melodien.
Welche Songs haben euch zu dem gemacht, was ihr seid?
Bei mir sind das „I’ve had enough“ von THE WHO, „Love is a drug“ von ROXY MUSIC, „Take me bak ’ome“ von SLADE, „Trash“ von NEW YORK DOLLS, „6060-842“von B-52’S und „Too much paranoias“ von DEVO.
In „Treffen im November“ kritisiert ihr die Social-Media-Welt. Wie geht ihr damit um?
Wir sind selbst Gefangene davon.
Mit dem Albumtitel zitiert ihr euch selbst, „Frei von all dem hier“ hieß einer eurer ersten Songs. Warum habt ihr den Namen gewählt?
Das bezieht sich auf unsere Musik. Nach einer so langen Bandgeschichte spielen wir nur noch das, was wir wollen. Moden, Trends und vor allem Erwartungen sind uns egal. Noch egaler, als sie uns immer schon waren.
Ihr distanziert euch von Nostalgie, was ist so schlecht daran?
Wir wollen keine Band sein, die im Früher lebt. Klar spielen wir auch noch unsere alten Songs, aber immer mit viel Neuem dabei. Wenn das nicht wäre, würden wir uns auflösen.
Das Maximum Rocknroll Fanzine schrieb seinerzeit über euch „It’s indie punk in the purest John Peel sense“. Könnt ihr da mitgehen? Was versteht ihr darunter – also Punk?
Mit Indiepunk können wir mitgehen und mit John Peel sowieso. Punk alleine ist uns zu eindimensional.
Und wie ist das im Vergleich zu früher?
Es gab schon immer auch Punkrock, der offen war und Experimente zugelassen hat. Und es gab und gibt den stereotypen Punk. Den mögen wir zwar nicht spielen, trotzdem hören wir ihn manchmal gerne, weil er so schön radikal sein kann.
Wie bist du damals auf Punk aufmerksam geworden, wann hat dich das Virus selbst erfasst?
Ich habe in der Sounds davon gelesen. Und die ersten Fotos gesehen. Ich war sofort geflasht.
„Alle gaben sich englische Namen, weil die eigenen uncool waren“, singt ihr in „Tony Blair“. Ihr auch?
Wir hatten nie englische Namen, das bezog sich auf die anderen. Und natürlich auf die Bands, die unbedingt einen englischen Namen haben wollten.
Ein anderer Song heißt „Irgendwie muß ich was tun“. War das die Motivation, selbst was zu machen, also eine Band?
Wir haben immer nur an Musik gedacht. Sie war das Wichtigste für uns. Da war eine Bandgründung zwangsläufig.
Was war der Grund, deutsche Texte zu schreiben?
Ich denke und spreche auf Deutsch. Und ich wollte etwas über meine Umwelt und mich selbst erzählen. Da gab es gar keine andere Möglichkeit.
Ihr habt euch zunächst NORDWESTDEUTSCHES EITERLAGER genannt. Wie kam es dazu und warum dann die Umbenennung?
Wir fanden den Namen cool, so schön hässlich. BRAUSEPÖTER fanden wir auch cool, irgendwie witzig. Ist ostwestfälischer Slang, steht für Dummkopf. Das Witzige wird irgendwann langweilig, aber da war der Name schon bekannt. Und so beließen wir es dabei.
Wo habt ihr geprobt? Oft und „Auf’m Bauernhof“?
Wir haben häufig geprobt. Oder besser gesagt zusammengespielt. Wir sind Musiknerds. Der Ansatz „Proben ist uncool, Gitarre stimmen auch“ traf auf uns nie zu. Geprobt haben wir überall, „Auf’m Bauernhof“, in einem Büro, in Garagen, in einem Gartenhaus und in einer Luftkissenhalle. Wir haben oft gewechselt, wir mussten meist schnell wieder raus.
Wie sah die Punk-Szene in Rietberg aus? Gab es auch ein autonomes Zentrum und die Möglichkeit, selbst Konzerte zu organisieren? Oder wo musstet ihr hin, um Gleichgesinnte zu treffen?
Es gab keine Punk-Szene in Rietberg. Wir waren die Einzigen. Die Scala in Herford war damals unsere Homebase.
„Keiner kann uns ab“, habt ihr auch gesungen. Mit wem gab es Probleme?
Mit den Gleichaltrigen. Die waren noch sehr stark von den 68ern und den Hippies geprägt. Sie hielten sich für allwissend und hörten schreckliche Musik.
Exzessiver Alkohol- und Drogenkonsum, gab es den in eurer Szene?
Drogen nein, Alkohol ja.
Welche Aktionen, Peinlichkeiten, Konzerte sind dir in besonderer Erinnerung geblieben?
Unvergesslich ist natürlich das ZickZack Festival 1980. Die Punks wollten uns umbringen. Oder zumindest von oben bis unten vollrotzen. Haben sie auch gemacht. ZickZack war ihnen zu arty und zu teuer und die Bands mussten es ausbaden. Nicht alle konnten wegen des Aufruhrs ihren Auftritt beenden. Wir haben es geschafft. Ich blutete stark, aufgrund einer vollen Bierdose, die ich während unserer Show an den Kopf gekriegt habe. FM Einheit von ABWÄRTS stand mit uns auf der Bühne und hat versucht, alle Wurfgeschosse abzufangen – was nur bedingt geklappt hat.
Wie ist der Kontakt zu ZickZack zustande gekommen? Hätte es Alternativen gegeben?
Alfred Hilsberg ist in die Herforder Scala gekommen, als wir einen unserer Gigs dort hatten. Er hat uns noch am selben Abend einen Vertrag angeboten. Alternativen gab es keine, und wenn, wäre Alfred die beste gewesen.
1980 ist eure erste 7“ bei ZickZack rausgekommen. Wie lief das ab? Gab es Probleme wegen des „Brausepöters“ auf dem Cover?
Probleme wegen des Hinterns gab es keine. Abgelaufen ist es so: Alfred sagte „Geht ins Studio und nehmt ‚Liebe, Glück, Zufriedenheit‘ und ‚Irgendwie muß ich was tun‘ auf. Streckt die Rechnung vor, 1.900 DM, ihr bekommt das Geld hinterher zurück.“ Wir haben nie etwas davon wiedergesehen. Wie lief es sonst ab? Wir haben schon damals alles live im Studio aufgenommen, nicht alle einzeln nacheinander. So machen wir es heute noch. Noch mal zu Alfred: Trotz seiner miesen Zahlungsmoral war er der beste Mentor überhaupt. Ich war oft bei ihm in Hamburg und habe für ihn Plakate geklebt.
Warum ist die geplante LP damals nie erschienen, sondern erst 2023 auf Tapete?
Für uns junge Typen waren 1.900 DM enorm viel Geld. Als Alfred uns fragte, ob wir auch eine LP mit ihm aufnehmen wollen, wussten wir schon, was uns blühte: noch mehr Schulden. Machen, nicht machen – wir konnten uns nicht einigen. Irgendwann haben wir uns in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Und damit hatte es sich erledigt. Tapete hat dann 2023 von dieser ominösen Kassette gehört, auf die wir damals die Rohversion der LP aufgenommen hatten, und uns gefragt, ob die noch existiert. Wir haben uns danach durch Berge von Tapes gehört und wollten schon aufgeben. Und das letzte war es dann, die ominöse Kassette von 1979.
Habt ihr oft in anderen Städten gespielt? Wie wurden die Konzerte in einer Zeit ohne Internet organisiert?
Ja, wir haben sehr oft in anderen Städten gespielt. Hamburg, Ruhrgebiet, Köln und so weiter. Unser Hauptauftrittsort war aber die Herforder Scala, damals eine der ersten und besten Adressen für Punk- und New-Wave-Stuff. Die Organisation kam meist über Alfred. Im Ausland haben wir nie gespielt.
Zu „Bundeswehr“ habt ihr 1981 ein Video in einer zum Abbruch freigegebenen Schnapsbrennerei gedreht, das im Rahmen des Films „Deutsche Welle“ in der ARD gesendet wurde, allerdings nur einmal im Vormittagsprogramm. Gibt es Erinnerungen über das Wie und Warum?
Michael Bentele, späterer Regisseur von „Formel Eins“, machte seine Abschlussarbeit an der Filmhochschule München. Dazu wollte er einen Film über die frühe deutsche Punk- und New-Wave-Bewegung drehen und hat unter anderem uns dazu kontaktiert. Wir spielten dann neben PALAIS SCHAUMBURG, BÄRCHEN UND DIE MILCHBUBIS, ÖSTRO 430 und FRONT. Zwei Lieder waren geplant, „Bundeswehr“ und „Frei von all dem hier“. Wir begannen mit „Bundeswehr“ und spielten es – als einzigen Song des Films – live ein. Leider war danach kein Band mehr da, und so konnten wir „Frei von all dem hier“ nicht mehr aufnehmen. Dafür heißt unser Album jetzt so, haha.
Hast du das Gefühl, dass eure Texte immer noch aktuell sind, „Bundeswehr“ zum Beispiel?
Du meinst unsere alten Texte? Ich bin gerade noch mal die Stücke unserer 1979er Platte durchgegangen: „Das Loch in seinem Leben“, „Immer der gleiche Scheiß“, „Frei von all dem hier“ et cetera. Ich kann das Gefühl der Songs immer noch nachvollziehen. Und zu „Bundeswehr“: der ist leider wieder aktuell. Sehr sogar.
Gibt es Texte beziehungsweise Songs, die du so heute nicht mehr schreiben oder auch live aufführen würdest?
Texten würde ich viele Songs natürlich so nicht mehr, die Zeiten waren ja ganz andere. Aber spielen könnte ich sie alle noch. Denn das Grundgefühl ist für mich immer noch dasselbe. Ich habe mich da nicht so verändert.
Warum habt ihr euch 1982 aufgelöst?
Es gab drei Gründe. Der Geldschlamassel mit ZickZack hat uns runtergezogen. Noch viel mehr allerdings die alles verschlingende Neue Deutsche Welle. Und irgendwann sind sind wir alle aus Ostwestfalen weggezogen, waren also einfach nicht mehr zusammen. Das war es dann.
Und wie kam es schließlich zur Reunion?
Wir wurden gefragt, ob wir zur Eröffnung eines Rundtheaters noch mal auftreten könnten. Das haben wir dann gemacht und dabei gemerkt, dass wir immer noch gut miteinander harmonieren. Weitere Auftrittsanfragen kamen rein und wurden schließlich immer mehr. So hat es sich ergeben, dass wir zusammengeblieben sind. Es war nie mein Plan, wieder mit BRAUSEPÖTER zu spielen. Also den Rückwärtsgang einzulegen. Aber wir sind keine Retro-Band. Sonst ginge es auch nicht.
Rückblickend: Wie war es für dich, in den späten 1970ern und frühen 1980ern in einer Punkband gespielt zu haben?
Der Titelsong unseres 1979er Albums „Keiner kann uns ab“ sagt in vier Worten, wie es sich damals angefühlt hat: „Alle fanden dich scheiße“. Deine Musik und so wie du aussahst. Außer die in deiner ganz kleinen Blase.
Wie kam es zu den Rereleases?
Vom Tapete-Release habe ich oben schon gesprochen. Interessant ist vielleicht noch, dass schon 2010 in New York eine Single mit den Tracks „Bundeswehr“ und „Keiner kann uns ab“ erschienen ist. Der Kontakt kam über das Label Fin du Monde aus Münster zustande. Die Songs hatten heftiges Airplay auf WFMU, einem New Yorker Sender, und auch bei anderen alternativen US-Radiostationen wurden wir immer wieder gespielt.
Ihr spielt nach all den Jahren immer noch in Originalbesetzung. Ist das Freundschaft?
Freundschaft ist ein großes Wort. Wir kennen uns schon sehr, sehr lange. Kemper und ich sind zusammen in eine Klasse gegangen, Bernd ist mein Cousin. Wir sind eine Schülerband, die schon ewig lange zusammen ist.
Wie sind die Reaktionen auf eure neuen Songs?
Die Reaktionen auf die neuen Sachen sind viel positiver als früher. Früher herrschte großes Unverständnis, vor allem bei den Gleichaltrigen. Die kannten Punkrock ja noch gar nicht.
Heute wird der Status von Musikerinnen stark diskutiert. Wie männlich und machistisch oder emanzipatorisch hast du die damalige Szene wahrgenommen?
Ich hätte gerne mit Musikerinnen zusammengespielt, kannte aber keine. Außer einer Sängerin, aber die war schon in einer anderen Band. Ansonsten waren Frauen voll akzeptiert und auf Augenhöhe, zumindest in unserer Szene.
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