
Diese 1983 erstmals veröffentlichte Graphic Novel „Ein indianischer Sommer“ ist in jeder Hinsicht besonders. Sie ist üppig geraten und umfasst am Ende gar einen aufwändig gestalteten Kunstdruck im DIN-A4-Format. Vor allem aber besticht sie – so sollte es ja im besten Fall sein – durch ihre Zeichnungen. Die sind herausragend, mitunter überwältigend, an vielen Stellen beinahe filmisch. Und umfassen Szenen, die kompliziert, herausfordernd, aufwühlend sind. Schon zu Beginn zeigt Milo Manara die Vergewaltigung einer Frau mitsamt Racheakt an den Tätern über gut zehn Seiten. Ohne jedes Wort. Ohne „zu viel“ zu zeigen. Ohne Effekthascherei. Einzig durch die angewendete Kunst, Emotionen, Unglaubliches, Unfassbares, maximal Schlimmes im Bild darzustellen. Das ist in jeder Hinsicht erschütternd – und wann hätte man so etwas je über einen Comic gesagt? In „Ein indianischer Sommer“ geht es um den US-Staat Massachusetts im Jahr 1625. Es geht um das Aufeinandertreffen von Ureinwohner:innen auf der einen und in das alte Land eindringenden Siedler:innen auf der anderen Seite. Und um Intrigen, Krisen und einen aufgekündigten Frieden – allesamt Dinge, die von den Geschehnissen zu Beginn befeuert werden. „Ein indianischer Sommer“ ist freizügig. Ist harsch. Ist brutal. Aber all das, ohne Klischees zu bedienen. Hugo Pratt lässt die Figuren großartige Dialoge sprechen. Manara treibt die Geschichte in einer, wie gesagt, irrsinnig guten, irrsinnig klugen, irrsinnig ausgeklügelten und weisen Zeichenmanier voran. Bis zum tragischen Ende, dem ein umfassender Anhang mit vielen Skizzen folgt.„Ein indianischer Sommer“ ist eine Graphic Novel, die zu besitzen sich absolut lohnt. Für Comicfans. Für Filmfans. Für Literaturfans.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #184 Februar/März 2026 und Frank Weiffen