
1986 hatten sich die DEAD KENNEDYS aufgelöst, und während sich East Bay Ray, Klaus Flouride und D.H. Peligro danach eher unbedeutenden Solo-Aktivitäten widmeten und die „Fake Kennedys“, die seit 2001 ohne Frontmann Jello Biafra Konzerte spielen, keine neue Musik veröffentlichten, verhält sich das bei Biafra völlig anders. Nach einer kurzen Ruhephase macht Biafra ab 1988 zusammen mit Al Jourgensen von MINISTRY unter dem Namen LARD von sich reden – auch hier stehen sein markanter Gesang und die scharfzüngigen Texte markant im Vordergrund. 1989 arbeitete Biafra dann für den Soundtrack des Films „Terminal City Ricochets“ mit den befreundeten kanadischen Bands D.O.A. und NOMEANSNO zusammen. Aus der Kollaboration mit letzteren resultierte 1991 das Album „The Sky Is Falling And I Want My Mommy“, und zusammen mit D.O.A., die wie NOMEANSNO schon auf Biafras Label Alternative Tentacles veröffentlicht hatten, entstand das 1990 erschienene Album „Last Scream Of The Missing Neighbors“. Biafra sprühte vor Energie und Kreativität und es gab damals wohl niemanden, der zumindest in Sachen Releases die DEAD KENNEDYS vermisste – Jellos zynisch-bissige Kommentare zur Zeit gab es auch hier und musikalisch war das erstklassig. In den Folgejahren gab es weitere Coops wie etwa TUMOR CIRCUS mit STEEL POLE BATH TUB. Eine wirkliche Rückkehr auf die Rockmusik-Bühnen gab es dann erst ab Mitte der 2000er Jahre, als die MELVINS seine Backing-Band wurden. Aber zurück ins Jahr 1990, als „Last Scream Of The Missing Neighbors“ erschien und uns elektrisierte. D.O.A. waren zu der Zeit eher Legende als in Europa wirklich präsent, erst mit „13 Flavours Of Doom“ (1992) und „Loggerheads“ (1993) machten sie wieder von sich reden, und so war das gemeinsame Album eine Ansage beider Seiten, zu was sie in der Lage sind. Biafra zeigte, dass er gesanglich in Bestform war, textlich so bissig wie immer, und D.O.A. präsentierten sich hier zwar eher von der hardrockenden als von der hardcorigen Seite, aber das passte bestens. Auf der A-Seite sind von den fünf Songs gleich drei bemerkenswert: der Opener „That’s progress“, „Power is boring“ und schließlich das Cover von „We gotta get out of this place“, das durch die Version von THE ANIMALS bekannt wurde und hier zur Hymne wird. Der absolute Geniestreich allerdings ist die B-Seite – totales Gift für Radio-Airplay und Indie-Disco-DJs: „Full metal jackoff“, Spielzeit 13:57 – ein epischer, cinemaskopischer Song, der mit zur besten Musik zählt, an der Biafra je beteiligt war, und der den DEAD KENNEDYS gut zu Gesicht gestanden hätte. Inhaltlich ist es ein typischer Jello-Rant zur damaligen politischen Situation in den USA. Bemerkenswert an der Neuauflage ist, wie gegenwärtig und druckvoll die Musik klingt: andere Aufnahmen aus jener Zeit sind schlechter gealtert, aber Biafras Hang zum Perfektionismus auch in puncto Sound macht sich 35 Jahre später bezahlt. Eine Platte für die Ewigkeit, ohne die man nicht sein kann. Kommt mit Textblatt.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #178 Februar/März 2025 und Joachim Hiller