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PROPAGANDHI

At Peace

Über sieben Jahre hat es seit dem Vorgänger „Victory Lap“ gedauert, bis die Kanadier:innen ohne viel Vorlauf oder Promo jetzt ihr achtes Studioalbum mit dem Titel „At Peace“ unters Volk werfen. Nach dem ersten Durchhören ist klar: dieses Album muss man sich erarbeiten. Viele der Songs bewegen sich im Midtempo und die früheren Thrash-Einlagen sind größtenteils Rockriffs und, man mag es kaum aussprechen, Anleihen bei den späten METALLICA gewichen. Wobei auch immer wieder auf das typische Single-Note- und Flageolett-Picking zurückgegriffen wird, das seit dem 2009er Album „Supporting Caste“ zum Markenzeichen von PROPAGANDHI gehört und ihnen durch den dadurch entstehenden Prog-Rock-Charakter der Songs den Ruf eingebracht hat, die RUSH des Punkrock zu sein. „Stargazing“, „Day by day“ und „God of avarice“ passen mit teilweise cleanen Gitarren mit Hall genau in dieses Schema. Auf Hooks und Reime wird größtenteils verzichtet, das kennt man von den letzten drei Alben. Einzig der Song „No longer young“ bleibt sofort im Ohr und ist nach meinem Empfinden der ruhigste und eingängigste PROPAGANDHI-Song nach „Refusing to be a man“ von 1996. Das erste Stück, „Guiding lights“, und letzte, ,„Something needs to die but maybe it’s not you“, schleppen sich mehr oder weniger ins Ziel. Mit dem Titelstück „At peace“, „Rented P.A.“ und „Vampires are real“ gibt es lediglich drei Nummern, die an die erste Schaffensphase der Kanadier von 2009 erinnern. Musikalisch punktet „At Peace“ bei mir nur im Mittelfeld. Seine Stärke entfaltet das Album eher auf der textlichen Ebene. PROPAGANDHI scheinen ihr Talent fürs Geschichtenerzählen entdeckt zu haben. Anstelle (konkreter) politischer und sozialer Themen und Botschaften prägen Bewusstseinsströme in bester James Joyce-Manier einen Großteil der Songs, werden groteske Bilder und Momentaufnahmen miteinander verknüpft. Haben PROPAGANDHI dadurch ihren politischen Biss verloren? Mitnichten! „Benito’s earlier work“ verdeutlicht, wie schnell Macht korrumpieren kann. „Cat guy“ spielt mit moralischen Dilemmata, wenn es darum geht, ob man eher eine Katze oder ein Baby, das vielleicht Hitler ist, vor dem Ertrinken retten würde. Oder: Was war der Sinn deines Lebens, wenn deine letzte Aktivität unmittelbar vor einer thermonuklearen Katastrophe ein beschissenes Tinder-Date ist, wie in „Prismatic spray“ in den Raum gestellt wird? „At Peace“ ist kein Album, mit dem man PROPAGANDHI für sich neu entdeckt. Dafür ist es musikalisch zu sperrig, zu wenig eingängig und inhaltlich zu verkopft. Wenn man als langjähriger Fan die Lust und Muße hat, dem Album fünf bis sechs Durchgänge zu geben, tut sich aber eine Facette auf, die man von PROPAGANDHI bislang wenig kannte – die des überraschend guten Storytellings. „More Talk, Less Rock“ wäre vielleicht der passendere Titel gewesen.

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