Foto

REDSHIFT

Chaos As Planned

Eine der schönsten Erfahrungen beim Fanzinemachen ist es immer wieder, jene Menschen kennen zu lernen, deren Platten einem so viel bedeuten. ARTICLES OF FAITH etwa, 1981 in Chicago gegründet, die 1986 das Über-Album „In This Life“ veröffentlichten, auf dem sich einer meiner liebsten Hardcore-Songs aller Zeiten befindet: „Remain in memory“. Das Album war lange nicht zu haben, in den USA fand ich es 1990 in einem Laden, die Band war da schon aufgelöst. Sänger und Gitarrist Vic Bondi aber machte solo weiter, veröffentlichte ab Ende der 1980er erst mit JONES VERY und dann mit ALLOY vorzügliche Platten – und tourte dann mit einer neuen Version von AOF in Europa, ich durfte die Band im legendären Bochumer Zwischenfall endlich live sehen. Mit REPORT SUSPICIOUS ACTIVITY fand er ab Mitte der 2000er Jahre ein neues kreatives Ventil, und dann, 2010, kam die unglaubliche Chance, ARTICLES OF FAITH noch einmal live zu erleben: Chicago, Riot Fest. Und es war ein Fest: zwei allerletzte Konzerte dieser Überband, bei denen Vic Bondi mit seinem charakteristisch kehligen Grölen für Gänsehaut sorgte. Es sollten und werden wohl die letzten Auftritte dieser Bandlegende gewesen sein. Aber Bondi macht immer weiter. Nach und parallel zu RSA tauchten DEAD ENDING auf, auch hier wieder mit der ihm eigenen Art der Intonation und Texten, die sich inhaltlich und intellektuell auf höchstem Niveau befinden, mit analytischer Schärfe und beißender Kritik an den Verhältnissen, die der Historiker und Softwarespezialist seit mindestens zwei Dekaden zu seinem Markenzeichen gemacht hat. Seit ein paar Jahren nun sind REDSHIFT seine Band: Bondi an Gitarre und Mikro, Mike Catts am Bass und Adam Gross an den Drums. Anfang 2025 erschien das neue Album „Chaos As Planned“ auf Alternative Tentacles, der Nachfolger von „Worst Timeline Possible“, das 2022 auf Boss Tuneage aus UK rauskam. Als „canciones para la resistencia!“ bezeichnet Bondi im Ox-Interview deren Output, spricht von Surfmusik als gemeinsamer Basis mit seinen beiden Mitstreitern, findet das neue Album experimentell und noisig, wohingegen das Label seines alten Freunds Jello Biafra von „butt shaking 21st century cosmic surf rock“ und „drag strip flat punk rock“ spricht. Sagen wir so: „typischen“ Hardcore-Punk gibt es auch, aber nicht nur. Und Surfinstrumentals dienen auch dem Zweck, sich mit Ü60 als Sänger und Gitarrist auf der Bühne eine Art Auszeit zu verschaffen. In gewohnter Art grölen, das hat Bondi immer noch drauf. Mein Höhepunkt auf dem Album: eine neue Version von „Walter Benjamin at the border“, das auch schon auf einer DEAD ENDING-7“ zu finden war. Da hat man die Verbindung von Bondis Dissertationsthema Frankfurter Schule und Punkrock. Ein Album für Menschen, die auf Zwischentöne hören und Texte lesen.

Anzeige