
„Auf hundert Frauendarstellungen kam also eine männliche? Wie erklären sie sich dieses Missverhältnis?“ – „Nun, das erklärt sich aus der Tatsache, dass Männer wichtiger waren als Frauen“, antwortet der deutsche Paläophilosoph Constantin Rauer 2014 völlig selbstüberzeugt auf eine Zuhörerzwischenfrage während seines Vortrags über die Kunst der Eiszeit. Der Mann als Oberhaupt geht auf die Jagd und die Frauen hüten die Kinder, kochen oder sammeln allenfalls ab und an ein paar Beeren und Kräuter? Dieses Frauenbild der Arbeitsteilung in traditionellen Jäger-und-Sammler-Kulturen hält sich hartnäckig bis in die Gegenwart. Dabei wurde es in dieser Form, wie die österreichische Zeichnerin Ulli Lust („Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Leben“) in diesem Band fundiert darlegt, eigentlich erst durch die männerdominierte Forschung des 19. und 20. Jahrhunderts geprägt. Auf über 200 üppig und detailliert bebilderten Seiten kombiniert sie im ersten Band der auf mehrere Teile angelegten Reihe „Die Frau als Mensch“ biografisch eingefärbte Anekdoten aus der Gegenwart mit wissenschaftlichen, sorgfältig recherchierten und ausführlich mit Quellen belegten Erkenntnissen über die Rolle der Frau in prähistorischen Gesellschaften. Dabei beginnt sie mit dem Sozialverhalten von Menschenaffen, beschreibt dann ebendieses der ersten Menschen, um schließlich ausführlich auf Bräuche und Mythen von Nomadenvölkern inklusive der heute noch lebenden südafrikanischen Khosian einzugehen. Es entspinnt sich ein vielschichtiger Sachcomic mit vielen interessanten Feinheiten, der gekonnt mit gängigen Klischees aufräumt und sich dabei ausgesprochen gut lesen lässt.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #180 Juni/Juli 2025 und Anke Kalau