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TURBOSTAAT

Uthlande

Eines der Probleme meiner Profession ist bisweilen das Erreichen einer reflektierten Sichtweise, bedingt durch die „Druckbetankung“, die man sich bei manchen Platten geben muss: Monate vor Erscheinen eines Albums gilt es sich anhand eines Streams eine Meinung zu bilden zur neuen Musik einer Band, erst zur Vorbereitung eines Interviews (das natürlich zu einer Platte und nicht Monate später erscheinen soll), dann zum Verfassen einer Rezension.

„Luxusproblem!“, höre ich euch schon zurecht stöhnen, doch ist man mit so einem Album einer Band, die einem wichtig ist, manchmal ganz schön allein. Erst zwei Handvoll Menschen kennen das Album, wenn man mit der Band darüber sprechen soll, der gewonnene Eindruck ist zwangsläufig ein erster, vorläufiger, keine Chance die Songs sacken zu lassen.

Dann ist das Interview geführt und getippt, man kennt die Hintergründe, die Einschätzung der Band, hört die Platte noch zig weitere Male, kann sich – kennt ja noch keiner, ist ja noch nicht raus – nicht mit anderen austauschen, wie sie die neue von Soundso so finden.

Und stellt irgendwann fest, dass man sich das neue Album – hier „Uthlande“ von TURBOSTAAT – so reingehämmert hat, dass einem gefühlt die kritische Distanz abhanden gekommen ist, man eine Platte, die quasi noch keiner gehört hat, als so vertraut empfindet wie all die davor, die man seit Jahren kennt.

Was wohl bedeutet, dass es eine geschätzte Band einmal mehr geschafft hat, einen um den Finger zu wickeln. Dadurch, dass locker die Hälfte der zwölf Songs das Zeug dazu hat, zu künftigen Standards im Liveprogramm zu werden.

Ein definitiver Kandidat dafür ist „Rattenlinie Nord“, schon Ende Oktober als Single ausgekoppelt, der Opener des Albums, mit eingängigem Refrain und historisch verwurzeltem Text, in dem es sowohl um die norddeutsche Heimat der Band geht wie auch den Umgang mit der Nazi-Vergangenheit.

Aber auch das für Bandverhältnisse sehr sanfte „Ein schönes Blau“ nimmt für sich ein, das beschwingte „Schwienholt“, das druckvolle „Stine“, „La Hague“ (in dem der Name des norddeutschen Skandal-AKW Krümmel auftaucht), „Luzi“ und „Heilehaus“ bleiben gleichermaßen hängen wie das mit fünf Minuten sehr lange „Brockengeist“ mit den melancholischen Backingvocals und dem TON STEINE SCHERBEN-Zitat, nach dem man mit „Hemmingstedt“ geprügelt wird.

TURBOSTAAT, das könnte der einzige Vorwurf sein, überraschen einen mit „Uthlande“ (benannt nach der untergegangen Landschaft in der Nordsee vor Husum) nicht wirklich. Man hat es mit einer gesetttleten Band zu tun, die lange schon bei sich angekommen ist, ihr Ding macht, ohne links und rechts zu schauen und mit Jan Windmeier einen Sänger hat, der die Texte von Gitarrist Marten Ebsen auf unnachahmliche Weise intoniert.

Wer hippen neuen Scheiß hören will, muss woanders suchen, hier gibt es ein wohliges Wiedersehen.