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Interviews & Artikel

MONTREAL

"Wer 'ne unbekannte Band hört ...

... muss sie hassen, wenn sie Trend wird" hieß es in einem Lied auf dem Ende 2005 erschienenen ersten Album "Alles auf Schwarz" der Hamburger Mittzwanziger. In weniger als zwei Jahren sind MONTREAL, deren zweiter Langspieler "Die schönste Sprache der Welt" sich in so mancher Playlist festgesetzt hat, nun mit Auftritten bei Football-Spielen und in Moskau, Touren mit Bands wie der BLOODHOUND GANG oder 4LYN, ja sogar Airplay im australischen Radio, mit großen Schritten auf dem Weg, eben dieser Trend zu werden. Doch hassen muss man die drei Jungs dafür bestimmt nicht, denn Ende März erzählten mir Hirsch (Gesang, Bass) und Yonas (Gitarre, Gesang) vor einem Konzert in Hagen, wie sie ihren schnellen Erfolg dennoch durchaus mit einer sympathischen Punk-Attitüde unter einen Hut bekommen.

Ich hab lange im Internet nach Interviews von euch gesucht, aber die Ergebnisse waren eher mau. Stattdessen habe ich aber einige Foren gefunden, in denen ihr besonders von Teenies abgefeiert werdet, die euch sogar zu Konzerten hinterher reisen. Wie kommt das, dass ihr schon fast gehypet werdet, ohne aber in den großen Musikmagazinen präsent zu sein?


Wir geben nie Interviews. Nee, Spaß beiseite, also so wirkliche Frage-Antwort-Spiele gab es tatsächlich bislang kaum, die meisten drucken einfach nur unser Info ab. Und in Hefte wie das Visions kommst du ja eh nur, wenn du ein "The" vorm Namen hast, Karottenjeans trägst und den Pony ins Gesicht kämmst. Und trotzdem stehen draußen auch jetzt wieder die Leute, manche reisen sogar etliche Kilometer an. Die haben scheinbar nix anderes zu tun. Ich könnte mir das nicht leisten. Zwei sind uns sogar nach Moskau hinterher geflogen! Ich vermute, die relative Bekanntheit kommt daher, dass wir sehr oft spielen. Besonders auch als Vorband, etwa von der BLOODHOUND GANG, ZSK und den SPITTIN' VICARS. Und da bei Letzteren der Vom spielt, hat man da dann die ganzen Hosen-Kids.


Wie war das denn mit der BLOODHOUND GANG? Und ihr spielt ja auch bei "richtigen" Punkrock-Events, wie jetzt bald beim "Ruhrpott Rodeo". Wie kommen eure poppigen Klänge bei so was an?

Mit der BHG war es sehr geil! Die können so manchem Punker noch zeigen, was Punk überhaupt ist. Die leben das, was die anderen gerne hätten. Sie können zwar überhaupt nicht spielen, machen aber einfach ihr Ding. Denen ist alles egal. Außerdem sind es sehr nette, umgängliche Menschen, was bei anderen gar nicht so großen Bands nicht der Fall ist. Und wir waren auch schon bei der "Nikolaus raus"-Tour dabei, mit FAHNENFLUCHT, A.C.K. und wie sie alle heißen. Da hatten wir im Vorfeld die Hosen gestrichen voll, weil wir dachten, die Punks werfen uns direkt Flaschen auf die Bühne, doch dann war alles super, hat Spaß gemacht. Schwierig wird es eher bei TOMTE-Publikum. Die kommen auf uns gar nicht klar, weil wir wohl nicht ernst genug sind und keine Heulsusen-Musik machen.


Das hätte ich genau andersrum eingeschätzt. Immerhin sind eure Texte ja teilweise doch schon etwas anspruchsvoller, erfordern zumindest, dass man mal kurz drüber nachdenkt ...

Das dringt leider zu vielen nicht durch. Ich will mich jetzt nicht an TOMTE festbeißen, aber generell ist dieser Hamburger-Schule-Indie doch sehr oberflächlich und trotzdem nicht auf den Punkt. Aber wahrscheinlich sind wir dem Publikum einfach zu infantil und albern. Die werden wohl auch andere Bands, die schon vorher so was wie wir gemacht haben, doof finden. Bestimmt sogar die ÄRZTE.


Womit wir bei den Vorbildern angelangt wären. Sind die ÄRZTE so etwas wie Helden? Und was für Musik hört ihr sonst so, wo sind eure Einflüsse zu suchen?

Wir schätzen eher den Vergleich mit WIZO. Die waren auch mal albern und mal ernst, aber musikalisch immer punkrockig. Die ÄRZTE sind ja eher seicht geworden. Aber was ist überhaupt schon ein Held? In den 90ern haben wir viel Melodycore gehört, aber auch Deutschpunk. Das ist heute allerdings nicht mehr so. Hirsch hört viel Hiphop, Jan Delay zum Beispiel. Und dann, was man halt auf Tour an anderen Bands mitbekommt, besonders das deutschsprachige Zeug, etwa SONDASCHULE, EL*KE oder SCHROTTGRENZE. Aber eigentlich hören wir nicht viel aktuelle Musik.


Würdet ihr euch denn selber als Punkband bezeichnen?

Na ja, es ist eher Punkrock als Jazz, was wir machen. Aber wir sind sicherlich keine Punkband in dem Sinne, wie etwa ZSK, die sich politisch permanent engagieren und in ihren Liedern gegen Staat und System singen und die ganze Chose. Wenn man das als Punk bezeichnet, sind wir wohl keine Punkband.


Verdient ihr Geld mit eurer Musik, könnt ihr davon leben?

Wir könnten vielleicht Geld verdienen, aber wir haben keine Firma im Rücken, die irgendwas vorstrecken würde. Da muss man also erstmal alles selber bezahlen und dann versuchen, das im Laufe der Zeit wieder einzuspielen. Wir sind eigentlich eine totale D.I.Y.-Band, machen den ganzen Scheiß selber. Unser Label Hamburg Records, das sind wir drei und Flo von Schwarz. Da werden selber die Flyer gedruckt und die Aufnäher geschnitten. Musik ist also schon unser Job, aber von Plattenverkäufen leben wir nicht. Deswegen haben wir auch eigentlich nix großartig dagegen, wenn Leute unser Zeug kopieren. Hauptsache, sie kommen dann zum Konzert und kaufen vielleicht noch einen Button. Was haben wir davon, wenn die nur zu Hause ihr Album hören?


Wie steht ihr denn, die ihr ja selber deutschsprachige Musik macht und hört, zu einer Radioquote für deutsche Musik?

Heinz Rudolf Kunze will doch nur so eine Quote, damit sein eigener Scheiß überhaupt mal irgendwo stattfindet. Das regelt sich doch alles von selbst. Was gut ist, das wird auch gespielt, und momentan gibt es doch sehr viel gute deutsche Musik im Radio, das hat ja geradezu einen Boom, und das völlig ohne Quote. Selbst Bands, die vor einigen Jahren noch komplett auf Englisch gesungen haben, machen mittlerweile deutsche Texte.


War dieser Boom für euch auch ein Grund, die Musik zu machen, die ihr macht? Und welche Rolle spielt dabei euer Produzent Flo von Schwarz?

Der Auslöser war eigentlich die "1 World 0 Future" von der TERRORGRUPPE, da haben wir gesagt: Jetzt machen wir auch deutschsprachige Musik, aber richtig gut produziert. Außerdem sprechen wir alle scheiße Englisch, und warum soll man dann nicht die Sprache benutzen, die man auch gut kann? Verkaufsargumente haben dabei aber keine Rolle gespielt, der Trend war da so ja noch nicht abzusehen. Und Flo sagt uns zwar seine Meinung, aber er ist nicht unser Chef. Wir sind eher wie eine Reisegruppe, bei der es ein ständiges Miteinander gibt, auch wenn man sich - wie immer, wenn man viel Zeit miteinander verbringt - zwangsläufig mal in die Haare kriegt.

Jan Eckhoff

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #72 (Juni/Juli 2007)

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