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Interviews & Artikel

NEW MODEL ARMY

Ein Licht in dunkler Zeit

Was soll man über eine Band wie NEW MODEL ARMY noch schreiben? 27 Jahre sind sie bereits im Geschäft und damit eine der langlebigsten Bands der Post-Punk-Ära der 80er, die schon seit einigen Jahren mit ihrem eigenen Label Attack Attack der Musikindustrie den Rücken zugekehrt haben. Schöne Platten machen sie nach wie vor und das aktuelle, bereits Ende August erschienene Album "High" ist deutlicher Beweis für die ungebrochene Kreativität der Band. Die grundsätzlichen Fakten kann man aber am besten noch mal in Ausgabe 39 und 62 nachlesen oder online auf der Ox-Website. Im Moment befinden sich NMA mal wieder auf ausgedehnter Tour und ich sprach vor ihrem Auftritt in München mit dem einzigen verbliebenen Ur-Mitglied, Justin Sullivan, der sich erneut als angenehmer Gesprächspartner präsentierte, dessen Leidenschaft für das eigene Tun noch nicht irgendwelcher gelangweilter Routine gewichen ist, was die Band nur umso sympathischer macht.


Justin, ihr spielt heute euer erstes Deutschland-Konzert auf der aktuellen Tour, wie war es bisher?


Gut, wir haben diesmal in Städten gespielt, wo wir schon lange nicht mehr aufgetreten sind, wie zum Beispiel Madrid, Barcelona und Rom. Es war schön, wieder da spielen zu können, vor allem in Spanien. Es macht diesmal viel Spaß, unsere Songs zu spielen. Wenn ich auf die Geschichte der Band zurückblicke, gab es Zeiten großer Gemeinsamkeiten, wo alles mit hohem Tempo voranging, und Phasen, wo das weniger der Fall war, wo alles weniger Schwung hatte. Aber jetzt im Moment besitzt die Band eine ziemliche Dynamik.

Siehst du nach wie vor große Unterschiede zwischen dem Publikum in verschiedenen Ländern, sind die Europäer eventuell politischen Botschaften gegenüber aufgeschlossener als die Amerikaner?

Die Shows variieren eigentlich mehr von Stadt zu Stadt als von Land zu Land. Nimm zum Beispiel Istanbul und Ankara, da gibt es erhebliche Unterschiede. Aber ich weiß, was du meinst, nur kann ich das gar nicht so genau sagen. Wir waren ja nie besonders populär in den Staaten, aber unser amerikanisches Publikum ist überwiegend unser Publikum. Und das ist unseren Botschaften gegenüber sehr aufgeschlossen. Aber diesmal spielen wir überhaupt nicht in Amerika, weil wir keine Visa bekommen haben. Ich bin aber eher geneigt, es für bürokratisches Versagen zu halten. Sie haben sicher nicht im Weißen Haus unsere Platten gehört und dann entschieden, dass wir politisch nicht tragbar sind. Ich bin sicher, dass es Leute gibt, die so was glauben würden.

Schade, also keine politische Verschwörung ...


Haha, ich fürchte nicht. Wie auch immer, wir werden das hoffentlich im Frühling nachholen. ... Aber es gibt durchaus etwas in Amerika, was wir bemerkt haben, als wir das letzte Mal vor drei Jahren da waren. Denn es gibt dort inzwischen eine starke politische Bewegung. Die Leute sind konkreten politischen Aussagen gegenüber viel aufgeschlossener, als sie es vielleicht noch vor fünf Jahren waren. Die Leute realisieren endlich, dass die Bush-Regierung eine der korruptesten und inkompetentesten ist in der Geschichte der ... Welt? Möglicherweise. Wir sind ja davor fast zehn Jahre nicht in den Staaten aufgetreten. Aber irgendwann tauchten bei einer Show in München drei Amerikaner auf und meinten, sie wären extra aus den Staaten herübergeflogen, um uns zu sehen. Uns war natürlich immer klar, dass wir auch da Fans haben, und wir schuldeten es ihnen irgendwie, dort zu spielen, also tourten wir dort wieder, was zur Zeit des Irak-Krieges gewesen sein muss, das ganze Land war voller Flaggen und es war eine fanatische Haltung spürbar. Und in den fünf Jahren danach konnten wir beobachten, wie sich das veränderte.

Habt ihr eigentlich viel Kontakt zu amerikanischen Bands? Es ist ja teilweise erschreckend, was für konservative Meinungen selbst in solchen Kreisen vorherrschen.

Ja, dessen bin ich mir bewusst. Wir sind sogar mit einer amerikanischen Band zusammen auf Tour, mit DEMANDER, einem Trio aus New York. Aber was du meinst, trifft nicht nur auf amerikanische Bands zu, diese Form von Konservatismus zieht sich durch die ganze Musik. Ich bin immer wieder überrascht, wenn ich damit konfrontiert werde. Aber Musik ist eben auch ein Geschäft ... Es hat sich da sowieso ein interessanter Wandel vollzogen. Während meiner Kindheit hieß es immer, dass Musiker in Sachen Geldverdienen nicht zu gebrauchen seien. Und wenn ein Musiker durch etwas anderes als sein Talent Geld verdienen würde, wenn er also Geld verdient, weil er einen guten Geschäftsinn hat, dann sah man auf ihn herab, weil das seinen künstlerischen Wert minderte. Aber irgendwann Ende der 80er, Anfang der 90er hat sich das alles verändert. Und jetzt werden Leute im Musikbereich, die geschäftstüchtig sind und mit Geld umgehen können, sehr respektiert. Aber Leute, die tolle Musik machen und talentiert sind, aber nicht mit Geld umgehen können, werden das nicht. Und in konservativen Zeiten wie diesen ist irdischer Erfolg einfach sehr wichtig. Ich finde das eher befremdlich, da ich in einem anderen Umfeld aufgewachsen bin.

Kannst du dich noch erinnern, wie es war, als du das erste Mal Geld mit deiner Musik verdient hast?

Beim ersten Gig, wo wir richtig bezahlt wurden, haben wir das Geld aufgeteilt und ich bekam fünf Pfund. Das war ein wichtiger Moment, an den erinnere ich mich noch gut. Ich glaube, es war um 1983 oder 1984, als wir bei EMI unterschrieben und unseren Lebensunterhalt mit der Musik bestreiten konnten. Wenn ich jetzt auf die Zeit zurückblicke, waren wir in dieser Hinsicht ein hoffnungsloser Fall. Wenn wir Geld hatten, gaben wir es auch sofort wieder aus. Manchmal stiegen wir in Hotels mit fünf Sternen ab, manchmal waren es einige Sterne weniger. Manchmal aßen wir das beste Essen, manchmal den letzten Mist. Aber das gefiel mir, denn dadurch blieb alles weiterhin ein Abenteuer. Du weißt halt nicht genau, was auf dich zukommt. Ich fahre gerne in entlegene Teile dieser Erde, wo du zuvor noch nicht gewesen bist, und wo du weißt, dass die Hälfte des Gigs wahrscheinlich nicht funktionieren wird. Es ist eine Herausforderung, dennoch eine vernünftige Show hinzubekommen. Und ich weiß, dass viele Musiker so was hassen. Ich denke, das Beste ist, zu versuchen, die guten Seiten des Lebens zu genießen, ohne dass es zu einer Selbstverständlichkeit wird. Mitte der 90er gab es eine Phase, die eine unserer schwersten war, wo ich und Robert, mein alter Partner, im Studio saßen und ewig darüber diskutierten, wie eine Snaredrum zu klingen hat, während alles andere in dieser Zeit weiter bezahlt werden musste. Das war sicher nicht das Klügste, was ich in meinem Leben getan habe. Aber weißt du, letztendlich ist es ja nur Geld ...

Fühlst du dich heute mit eigenem Label jetzt eher wie ein Geschäftsmann?

Im Gegenteil, eigentlich noch viel weniger. Als ich in unserer Bandgeschichte das erste Mal die Verbindung zwischen Geld und Musik sah, versuchte ich, mich mehr an diesen Prozessen zu beteiligen, aber jede Entscheidung, die ich traf, war falsch. Also lernte ich, das anderen zu überlassen.

Und heute hast du die richtigen Leute dafür ...

Eigentlich nur einen. Im Prinzip ist Attack Attack ein Familienbetrieb. Wir haben ein Plattenlabel, dessen Produkte von verschiedenen Leuten auf der Welt vertrieben werden. Das alles wird von Tommy als Manager betreut. Es ist ziemlich viel Arbeit für ihn, aber es macht in finanzieller Hinsicht Sinn, es nur von einer Person machen zu lassen.

Hast du jemals einen Widerspruch darin gesehen, mit deiner Musik, die von einem großen Idealismus lebt, Geld zu verdienen?

Lass es mich so sagen ... Meine Lieblingsstelle in der Bibel ist, als die Leute Jesus fragen, ob sie Rom die Steuern bezahlen sollen und er ihnen sagt: "So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist." Das ist meine Haltung zu geschäftlichen Dingen. Wir leben in einer materialistischen Welt und dich mit diesen Dingen befassen. Es gibt Tage, wo ich über Geld reden muss, aber an diesen Tagen kann ich keinen Song schreiben. Es gibt Tage, wo ich in den Supermarkt gehe und mich mit der materialistischen Welt auseinandersetzen muss, was aber nichts mit dem Schreiben von Songs zu tun hat oder dem Geist, den ich mit der Musik verbinde. Aber ich finde es nicht schwer, diese Dinge voneinander zu trennen.

Erstaunlicherweise werdet ihr in Reviews und Artikeln nach wie vor oft als "ehrliche Band" bezeichnet, wundert dich das beziehungsweise hast du eine Erklärung dafür?

Ja, weil wir immer das gemacht haben, was wir machen wollten. Was wir gesagt haben, haben wir immer so gemeint und meinen es immer noch so ... Es gibt da eine Art Vorbild für mich. Ich bin 1979 bei einem Gig der RUTS gewesen - bevor sie mit "Babylon's burning" bekannt wurden. Sie wurden ja nie wirklich erfolgreich, weil der Sänger früh an einer Überdosis Heroin starb. Das war in einem kleinen Pub in Bradford, wo 200 Leute waren. Es war zu einer Zeit, als ich noch keine Ahnung hatte, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Und bei diesem Gig fand ich alles, was ich für aufregend hielt und weswegen es fantastisch ist, am Leben zu sein. Ich weiß immer noch genau, wie ich mich da gefühlt habe. Genau das wollte ich auch bewirken. Und jedes Mal, wenn ich auf die Bühne gehe, will ich die Leute das fühlen lassen, was ich damals gefühlt habe. Daran glaube ich noch immer. Wir sind alle von irgendwas inspiriert, ob es Musik oder andere Menschen sind. Und wenn deine ganze Seele "Wow!" sagt, erfährt man diese Inspiration und bringt sie in sein Leben ein, was auch immer man letztendlich tut. Oder gibt das an andere weiter.

Komischerweise kann man bei NMA aber Fremdeinflüsse nur sehr schwer an irgendwas festmachen.

Ich weiß auch nicht, warum das so ist. Und das hat es uns in kommerzieller Hinsicht immer etwas schwer gemacht, denn niemand weiß so recht, was wir da eigentlich tun - wir auch nicht. Aber es klingt halt nach NMA. So sehr wir auch vielleicht unsere Musik ändern wollen, ich könnte nicht den Klang meiner Stimme verändern, das geht allen altgedienten Bands mit demselben Sänger wohl so. Wenn du ein Gitarrist bist und wie Jimi Hendrix klingen willst, kannst du das bis zu einem bestimmten Punkt lernen. Aber wenn ich wie Otis Redding klingen wollte - das würde ich wirklich gerne -, könnte ich das niemals. Ich könnte noch nicht mal ansatzweise so klingen, denn dieser Klang ist nicht in den Stimmbändern angelegt.

Dein charakteristischer Gesang ist unter anderem wohl auch der Grund, warum es niemand stört, dass du das einzig verbliebene Urmitglied von NMA bist.

Da hast du sicher Recht, aber ich muss dazu sagen, dass die Leute, die über die Jahre zur Band gestoßen sind, immer genau die richtigen Leute waren. Wir sind eine wirklich sehr gute Band, nicht nur in technischer Hinsicht. Und ich denke, das hilft uns sehr. Denn die neuen Leute in der Band können wie die alten spielen, aber auch noch neue Sachen einbringen.

Irritiert es dich eigentlich, wie unterschiedlich vermeintliche Fans auf ein neues Album reagieren? Manchen ist "High" zu konservativ, anderen zu experimentell und andere heulen nach wie vor "The Ghost Of Cain" und "Thunder And Consolation" hinterher ...

Eigentlich nicht. Das Publikum wird oft als Einheit begriffen, aber ich sehe da viele verschiedene Gesichter und alle haben unterschiedliche Beweggründe, die Band zu mögen, jeder will etwas anderes von uns. Im Vorfeld der Gigs zu unserem 25-jährigen Jubiläum riefen wir die Leute über unser Website auf, uns ihre drei Lieblings-NMA-Songs zu nennen, um so eine Auswahl für die Shows zu treffen. Und es wurden 128 verschiedene Songs genannt. Und darauf bin ich in gewisser Weise stolz. Es werden so viele Platten veröffentlicht und 128 Songs von unseren gehören zu den Lieblingssongs bestimmter Leute.

Ist es eine dumme Reaktion, sich von seiner Lieblingsband betrogen zu fühlen?

Ich würde keine Reaktion von jemandem als dumm bezeichnen. Musik hat etwas mit Instinkt zu tun. In gewisser Weise ist dein Job als Musikjournalist also völlig irrelevant, haha ... Man mag halt Essen, das gut ist, aber man mag auch Junkfood. Du weißt, dass Junkfood nicht gut für dich ist, aber du kannst trotzdem nicht widerstehen. Und mit Musik ist das genauso, dir gefällt, was dir gefällt. Es gibt wirklich ziemlich schreckliche Musik, die ich mag. Ich weiß genau, dass es miese Popmusik ist, die nur gemacht wurde, um damit Geld zu verdienen. Aber das Wundervolle an Musik ist, dass sie völlig abstrakt ist. Wer weiß schon, was eigentlich genau passiert, wenn die Band den Akkord wechselt und der Sänger diese komische Sache mit seiner Stimme macht. Drei Leuten stellen sich dabei die Nackenhaare auf und bei drei anderen Leuten passiert überhaupt nichts, das ist schon seltsam.

Hast du jemals die Notwendigkeit verspürt, die Band von einer Platte zur nächsten komplett neu erfinden zu müssen?


Nein, zumindest nicht bewusst. Und ich denke auch, dass wir uns nie wirklich wiederholt haben. Wir klingen nach NMA, aber ich habe nie wirklich denselben Song zweimal geschrieben - zumindest versuche ich immer, das nicht zu tun. Wir benutzen immer andere Produzenten, das hilft auch. Die neue Platte ist in gewisser Weise unser Soul-Album. Jede Platte besitzt eine bestimmte Eigendynamik und "High" war eine sehr schnelle Platte für uns. Deshalb besitzt sie eine intensive Würze, die man entweder mag oder nicht. Ich finde, es ist unsere melodischste und am meisten von Gitarren dominierte Platte seit langem. Und auch auf eine seltsame Weise unsere wütendste - wenn der Song "Sky in your eyes" nicht in der Mitte darauf wäre. Den hatte ich eigentlich für eine weitere Solo-Platte geschrieben, aber die anderen wollten ihn auf dem Album haben.

Wut ist nach wie vor ein wichtiger, aber subtil verpackter Bestandteil von NMA. Hat es dich nie gereizt, diese Wut auch in der Demontage bestimmter musikalischer Elemente spürbar zu machen?

Nein, ich habe Musik nie als Wissenschaft angesehen. Musik ist sicher eine Form von Mathematik, aber ich habe nie die Idee verstanden, damit zu spielen, auch wenn das vielleicht ziemlich klug erscheinen mag. Musikalisch mag ich einfach eine Mischung aus Schönheit und Gewalt. Ich habe hässliche Kunst nie verstanden, also wenn der Künstler sagt, ich mache jetzt etwas Hässliches, damit es zeigt, was ich von der Welt halte. Die Welt ist hässlich, also mache ich hässliche Kunst. Die Welt ist natürlich immer wieder hässlich, aber ich sehe keinen Sinn darin, noch meinen Teil dazu beizutragen. Ich mag Kunst, die eine aggressive Note besitzt, aber ich hasse hässliche Dinge. Aber letztendlich liegt Schönheit natürlich immer im Auge des Betrachters.

Du hattest eben schon das Thema "Produzenten" kurz angesprochen, wie viel Einfluss hatten die letztendlich auf die Musik von NMA?


Das hängt immer davon ab, ob ich ihnen traue oder nicht, und mir fällt es wirklich schwer, Menschen zu trauen - Produzenten ganz besonders. Wenn es eine Person gab, die mir mehr über Musik vermittelt hat als sonst jemand, dann war das Glyn Johns, der "The Ghost Of Cain" produziert hat. Das war ein wichtiger Lernprozess und Fortschritt für mich zum Verständnis, was Musik eigentlich ist und wie man sie macht. Mit den anderen Produzenten war es sehr unterschiedlich. "Thunder And Consolation" wurde zum Teil von Tom Dowd produziert und ist sicher unsere erfolgreichste Platte. Das war eine interessante Erfahrung, denn er brachte bei NMA Soul-Elemente mit ein, und im Soul sehe ich, mehr als in allem anderen, meine Wurzeln. Alle Platten nach "Thunder And Consolation" haben diese Soul-Anteile. Er war darin sehr gut und half uns ziemlich. Chris Kimsey, mit dem wir "High" aufgenommen haben, kenne ich schon seit Jahren und er ist vor langer Zeit von Glyn geschult worden. Er ist sehr hart, so wie Glyn auch, und ich arbeite gerne mit solchen Leuten. Er drehte sich irgendwann zu mir um und sagte: "Was du da singst, ist Mist!" Er ist jemand, der da sehr direkt ist. Aber ich kann ihm genauso sagen: "Chris, das klingt beschissen!" Chris und ich haben ein sehr gutes Verhältnis. Wir haben das Album sehr schnell aufgenommen und nur zwölf Tage gebraucht. Ich bin an sich sehr schwer zu produzieren, da ich sehr konkrete Vorstellungen habe. Und manchmal passiert es dann, dass Produzenten sagen, das müsste so und so sein. Und ich sage: "Du hast Unrecht." Und er antwortet: "Gut, es ist deine Musik." Und das ist nicht gut für mich, denn ich mag es, wenn ein Produzent sagt: "Ich habe doch Recht!" Aber er muss schon gute Argumente haben. Glyn und Chris können sich bei mir durchsetzen und ich arbeite gerne in einer Atmosphäre, wo Konflikte ausgetragen werden.

Die Frage ist natürlich immer, wie viel man von der Arbeit eines Produzenten tatsächlich auf einer Platte heraushören kann.

Es ist wahr, dass man sich da nicht sicher sein kann. Meine Erfahrung ist, dass es sehr unterschiedlich ist, wie viel ein Produzent tut. Manchmal ist es eine Kleinigkeit, die dennoch eine große Bedeutung besitzt. Jemand, der die Platte kauft oder bespricht, kann das nicht wirklich wissen, es sei denn, er ist selbst dabei gewesen. Und vielleicht wissen es der Produzent und Künstler selbst auch nicht. Ich denke, der Produzent meint immer, dass seine Arbeit phänomenal war und die Platte ohne ihn der letzte Mist wäre. Und der Künstler ist der Auffassung, dass der Produzent nicht allzu viel getan hat. Es gibt da keine ultimative Wahrheit.

Steve Kilbey von THE CHURCH ist es mal passiert, dass ihn der Produzent zum einem Gesangscoach geschickt hat ...

Haha, das ist mir nie passiert. Und als ich mit dem Singen anfing, war ich wirklich nicht besonders gut. Ich bin kein geborener Sänger. Aber wenn man wie ich vom Punkrock kommt, hat das auch keine Rolle gespielt.

Aber sind nicht sowieso die "Nicht-Sänger" immer die besten Sänger?

Ich weiß, was du meinst, aber wenn ich Aretha Franklin höre, ist es dennoch für mich so, als ob ich einer göttlichen Stimme lauschen würde. Ich denke, einige Leute haben etwas Besonderes in ihrer Stimme, das sie glaubwürdig macht. Chris sagte, als wir den Gesang aufgenommen haben, entweder "Ich glaube dir" oder "Ich glaube dir nicht". Das war seine Leitlinie für guten Gesang. Es ist dabei egal, ob es gut klingt oder technisch richtig ist, er muss es dir abkaufen.

Was sagst du in diesem Zusammenhang zu jemand wie Amy Winehouse, die gerade als große Soulmusik-Hoffnung gehandelt wird, wie glaubwürdig ist die?

Ich denke, dass sie echt ist. Es gibt ja noch diese andere Engländerin, Joss Stone, bei der glaube ich das nicht. Sie ist nur mit der großen Plattensammlung ihres Vaters aufgewachsen und hat gelernt zu singen. Sie singt wirklich sehr gut und tut das auch sicher gerne, aber sie weiß nicht, warum sie es tut. Sie tut es, weil sie es kann. Und Amy Winehouse tut es, weil sie es muss. Leider ist sie nur so schrecklich kaputt, aber ich hoffe, dass sie echt genug ist, um darüber hinweg zu kommen. Aus bestimmten Gründen liebt die englische Presse solche Menschen, und wenn sie so jemanden findet, scheint sie ihn geradezu zu solchem Verhalten zu ermutigen, um seinen Niedergang zu beobachten.

Hilft es Platten zu verkaufen, wenn du ein wenig kaputt bist?


Grundsätzlich schon, denn die Leute mögen es, wenn ihre Helden menschlich sind. Vielleicht es ist eine Reaktion auf diese ganzen Popstars, die ihr Geld gut investiert haben und denen jetzt drei Häuserblocks in Manhattan gehören. Und bei NMA gab es jede Menge Skandale, wenn ich an die frühen 80er zurückdenke, nur hatten wir nie einen Drogenskandal, wir waren nie kaputt genug, um richtig Rock'n'Roll zu sein. Aber wir waren so verdammt wütend und politisch, dass jedes Konzert in einer Prügelei gipfelte. Wir waren natürlich permanent von Drogen umgeben, aber mein Motto lautete immer: Was cool ist, lehne ich ab! Vor allem, als ich noch jünger war. Wir hatten fast etwas Puritanisches an uns. Ich persönlich habe schon immer wenig Suchtverhalten gezeigt. Und in der Band gab es von Anfang an eine Regel: Kein Kokain! Denn ich denke, dass Kokain eine der zerstörerischsten Drogen überhaupt ist, schlimmer als Heroin. Heroin macht Leute unbrauchbar und müde. Aber Kokain zerstört die Kreativität, und auf Tour kann das absolut tödlich sein. Ich weiß, dass Leute im Umfeld der Band immer irgendwas genommen haben, diesbezüglich verhalte ich mich nicht übermäßig moralisch. Aber dass jemand in der Garderobe Kokain genommen hat, gab es nie. Vielleicht ist das der Grund, warum wir 27 Jahre später immer noch da sind und Musik machen. Und auch noch so klingen, als ob wir es wirklich ernst meinen.

Also ist es deiner Meinung nach ein Mythos, dass Drogen die Kreativität beflügeln?

Zum Teil schon, aber er beinhaltet auch eine gewisse Wahrheit. Denn welche Droge du auch nimmst, es verändert deine Wahrnehmung und das kann für einen Künstler interessant sein, aber man muss keine Drogen nehmen, um kreativ zu sein. Meine Haltung gegenüber Drogen ist, dass, was es auch immer sein mag, das Drogen dir geben, es nur geliehen ist.

Führt Ruhm vor allem für Leute in die Abhängigkeit, die damit nicht umgehen können?

Das ist sicher ein Teil des Problems. Aber Ruhm ist ein noch viel größerer Mythos. Wir waren nie wirklich Stars, aber wenn man uns wie welche behandelt hat, sind wir dem immer mit Humor begegnet. Ich bin mir nicht sicher, ob ich jemals gedacht habe, dass wir irgendwie die Welt verändern könnten - so naiv war ich nicht. Aber ich habe dennoch bei einem NMA-Konzert immer das Gefühl, dass etwas Spezielles zwischen Band und Publikum passiert. Es ist nicht so, dass wir auf die Bühne gehen und die Leute für das Privileg zahlen dürfen, ein paar tolle Musiker spielen zu sehen. Ich habe einen religiösen Background, bin aber kein Christ oder so was, aber es gibt sehr viele religiöse Momente bei NMA. Auf eine gewisse Weise ist es ein spiritueller Kreuzzug, den wir da führen, auch wenn Kreuzzug momentan ein schlechter Begriff ist, haha. Mein Ururgroßvater war ein Wanderprediger in Irland, vielleicht habe ich davon was abbekommen, haha.

Thomas Kerpen

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #75 (Dezember 2007/Januar 2008)

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