Interviews & Artikel : DAVE DICTOR & MDC :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

DAVE DICTOR & MDC

Morally Daring Confrontationalist

Das folgende Interview entstand in Folge eines Artikels, den ich über Gary Floyd von den DICKS verfasst hatte (siehe Ox Nr. 108). Floyd war für seinen Transvestismus und seine offen schwule Art bekannt, zu einer Zeit und an einem Ort – Texas in den frühen Achtzigern –, als das nicht ungefährlich war. Es schien deshalb keine schlechte Idee zu sein, mal herauszufinden, was wirklich hinter dem berühmt-berüchtigten Konflikt steckte zwischen den DICKS und BIG BOYS mit ihren schwulen Sängern auf der einen Seite und den koptisch-christlichen Rastafaris BAD BRAINS auf der anderen. An dieser Stelle kommt Dave Dictor, Jahrgang 1956, ins Spiel. Der ist seit der Gründung 1981 Frontmann von MDC – drei Buchstaben, die wohl zumeist als Abkürzung von MILLIONS OF DEAD COPS verstanden werden, aber im Laufe der Jahre auch auf andere Weise interpretiert wurden –, einer politischen Hardcore-Band, die wie die DICKS irgendwann von Austin, Texas nach San Francisco gezogen sind. Heute lebt Dictor in Portland. Das folgende Interview entstand in zwei Teilen, die erste Hälfte 2012 und die zweite im Januar 2016.

Dave, wann hast du Gary Floyd das erste Mal getroffen?

Ich habe ihn, glaube ich, 1977 mal beim Trampen aufgegabelt. Er war auf dem Weg nach San Francisco, um sich die SEX PISTOLS anzusehen. Ich fragte ihn, was er vorhabe, und er sagte: „Ich bin auf dem Weg nach San Francisco. Und wenn du wüsstest, was du tust, dann würdest du auch nach San Francisco kommen!“ Austin ist aber 2.200 Meilen von San Francisco entfernt und ich wusste außerdem nicht wirklich, wer die SEX PISTOLS waren. Er war uns da weit voraus. Er war der erste richtige Punk, den ich traf. Ich habe ihn ein paar Monate später wiedergesehen, als er aus San Francisco zurückkam. Er sagte „Es war toll, ich ziehe nach San Francisco, aber erst mal will ich meine Band auf die Reihe kriegen.“ Und dann kamen wir immer wieder mal ins Gespräch. Ich wohnte nämlich mitten im Szeneviertel an der University of Texas in Austin, und er arbeitete in der Nähe. Er ist einer der interessantesten Menschen, den ich je in meinem Leben getroffen habe. Das war 1977, und er hatte sehr fortschrittliche Ansichten zu politischen Themen.

Er ist ein paar Jahre älter als du, oder?

Ja, ich glaube, er ist ungefähr fünf Jahre älter als ich. Ich bin 59. Aber zu der Zeit war ich nicht allzu jung, vielleicht 21 oder 22, er war vielleicht Mitte zwanzig. Vielleicht ist er auch nur drei Jahre älter als ich. Aber er war so eine interessante Person, und dann erzählte er mir, dass er eine Band namens DICKS hat. Dann spielte seine Band die ersten Shows in San Francisco und wir folgten ihrem Beispiel ungefähr ein halbes oder ein Jahr später. Wir fingen an, zusammen aufzutreten und bekamen schließlich ein Angebot für einen Gig mit den DEAD KENNEDYS in San Francisco im Sommer. Es war am 2. Juli 1981, und unsere beiden Bands fuhren zusammen hin und hatten einfach richtig viel Spaß. Wir beschlossen beide, nach San Francisco zu ziehen. Und das taten wir dann auch.

Er war es also, der dich zum Punkrock gebracht hat?

Na ja, nicht ganz, ich kannte die Musik teilweise, aber ich wusste auch noch nicht genau, was das war. Das war 1977 und ich stand auf die NEW YORK DOLLS, ROXY MUSIC und Lou Reed, aber nicht wirklich auf dieses British Invasion-Zeug oder auf die RAMONES. Langsam, aber sicher wurden Sachen wie Elvis Costello und Patti Smith und die TALKING HEADS Teil meines Wortschatzes. Aber er war der erste Punk, den ich jemals traf, und seine ganze Einstellung war Punk: „Es ist mir egal, was andere Leute denken. Es ist mir egal, was andere Leute sagen. Das ist mein Leben und ich führe es so, wie ich will.“ Es war einfach so erfrischend, es war einfach richtig großartig. Ich war schon so halbwegs politisch. Die Zeiten damals waren echt traurig – ich weiß nicht, ob du dich daran erinnerst, aber Nixon wurde 1972 oder 1973 zum Rücktritt gezwungen und dann ging es mit dem Land richtig bergab. Die Kids fingen an, Kokain zu nehmen, und dann kam Disco. Meiner Ansicht nach wurde die Gesellschaft immer anti-egalitärer. Leute schlichen sich zu zweit oder zu dritt ins Hinterzimmer, um Kokain zu nehmen, eine ziemlich teure Droge ... Und ich war so froh, Gary getroffen zu haben. Den Begriff „Punk“ hatte ich schon gehört, aber er war wirklich einer. Ich glaube, als ihn ein paar Monate später traf, hatte er einen violetten Iro.

Warst du bei der ersten DICKS-Show am 16. Mai 1980 in den Armadillo World Headquarters?

Ja, war ich. Ich war an beiden Abenden da – sie haben zusammen mit den BIG BOYS gespielt und im Raoul’s ihr Live-Album aufgenommen Ich glaube, wir haben um den Dreh sechs, acht, zehn Shows mit den DICKS gespielt, es waren Hinterhof-Konzerte. Wir waren so was wie ihre Junior-Band, aber wir brachten wenigstens funktionierende Verstärker mit und die Becken von unserem Schlagzeug hatten keine Risse. Wir haben oft mit ihnen geteilt. Und unsere Ansichten passten auch gut zusammen. Wir waren alle gegen den autoritären Staat, und gegen das, was den Landarbeitern widerfuhr. Die wurden in Texas vom Ku Klux Klan ermordet, und die Polizei machte gemeinsame Sache mit den Täterm. Das war damals eine andere Zeit.

MDC als auch die DICKS nennen den KKK oft in einem Atemzug mit der Polizei – gab es wirklich so enge Verbindungen?

Oh ja, das ist belegt. Es sind einige Fotos bekannt, und zwar nicht aus den Dreißigern, auf denen der Klan mit der Polizei rumhängt. Es gab Landkreise in Texas wie etwa King County, wo das Ralston-Purina-Hundefutter herkommt, wo alle Richter, alle Bullen, einfach alle irgendwie zu derselben einflussreichen Familie gehörten und sie hatten wirklich den gesamten Staat in der Hand. Das ist wie diese Sache, von der der Bluessänger Leadbelly im Song „The midnight special“ spricht: Du kommst in eine Stadt, du sagst die falschen Dinge, und ehe du dich versiehst, sitzt du auch schon im Knast.

Ich wollte dich eigentlich fragen, warum Austin – verglichen mit dem Rest von Texas – so eine Schwulenhochburg war, aber zuerst muss ich etwas klären. Ich habe immer gedacht, du seist schwul, und dann habe ich in deinem Interview mit Mark Prindle gelesen, dass du es nicht bist.

Sagen wir es mal so, ich hatte ein paar Gender-Probleme. Ich glaube, ich war eher ein Transvestit. Mir gefielen Frauenklamotten, und ich habe bei Auftritten immer irgendwelche Fummel getragen und die Leute, ganz gleich, ob sie selber schwul oder homophob waren, haben dann einfach das pauschale Urteil gefällt, dass ich schwul bin. Und ich habe es einfach verweigert, mich dazu zu äußern. Ich lebte in San Francisco und hatte eine Menge schwuler Freunde. Im Laufe der Jahre hatte ich sechs schwule Mitbewohner. Ich habe die Gerüchteküche einfach so lange brodeln lassen, bis ich es ins schwule „Who’s Who“ der USA geschafft hatte. Und bis zum Interview mit Mark Prindle habe ich auch nie etwas anderes behauptet, aber dann habe ich die Sache richtiggestellt: Ich bin nicht wirklich schwul und das letzte Mal, dass ich etwas mit einem Mann hatte, ist sehr, sehr lange her, verdammte drei Jahrzehnte. Aber ich habe Frauenkleidung getragen und meine feminine Seite hatte eine gewisse Faszination für mich.

Hast du das auch schon gemacht, bevor du mit MDC aufgetreten bist?

Ja! An Halloween etwa, das war schon immer ein Teil von mir, der nur darauf gewartet hat, endlich durchzubrechen. Dazu passt der Song „My family is a little weird“ oder die Textzeile „Why is America so straight, and me so bent?“. Irgendwie wünschte ich, ich hätte dieses Interview nie gegeben, in dem ich die Sache richtiggestellt habe. Es war lustiger, als alle noch glaubten, ich sei schwul. Schwul, Bi, Hetero ... Vielleicht sollte ich mich einfach als bisexuell bezeichnen, obwohl ich seit 35 Jahren nichts mehr mit Männern hatte.

Für mich hatte die Szene in Austin etwas Außergewöhnliches, als ich noch dachte, du seist schwul: Es gab die BIG BOYS, die DICKS und MDC, und alle hatten einen schwulen Frontmann.

Es war ein einzigartiger Ort. Es war nicht Texas, es war Austin, und 700 Meilen in jede Himmelsrichtung gab es nichts als das stockkonservative AmeriKKKa. Selbst in den Siebzigern, eigentlich vor allem da. Es gab eine kleine schwule Gemeinschaft in Houston namens Montrose, aber der Rest der Schwulen kam von außerhalb nach Austin. Und selbst damals gab es dort nur ein oder zwei Schwulenbars. Ich war 1976 oder 1977 oft in einer lesbischen Bar namens Hollywood anzutreffen, und ich habe es wirklich gemocht, mit diesen Mädchen rumzuhängen. Die meisten von ihnen studierten an der University of Texas, ein paar lebten auch einfach nur in der Gegend, aber manchmal ging ich auch in lesbische Clubs, in denen vielleicht drei Männer in einem Raum voller Lesben anwesend waren, das war schon cool. Ich habe mich da mit meiner Transgender-Neigung sehr wohl gefühlt.

Ich weiß, dass Gary bei Shows mit Mayonnaise gefüllte Kondome ins Publikum geschmissen hat. Hast du auch etwas Ähnliches gemacht?

Ja, das hat er wirklich gemacht, er stand auf diesen übertriebenen Divine-Style, ich war eher der schüchterne Typ.

Dass du dich auch dann nicht rasiert hast, wenn du als Frau aufgetreten bist, gefällt mir. Gary erzählte mir, dass er sich immer hübsch rasiert präsentiert hat, während du mit dem Gesicht voller Stoppeln auf die Bühne gegangen bist.

Leider muss ich zugeben, dass dem Ganzen eher meine Faulheit als eine tiefgreifende politische Botschaft zugrunde lag. Wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich mich rasieren sollte, hätte ich es getan, aber diese Person gab es nicht, also habe ich es gelassen, ganz einfach.

Kommen wir mal auf die BAD BRAINS zu sprechen ... Du hast die BAD BRAINS anfangs sehr verehrt, oder?

Ja, total. Ich habe ihre Single „Pay To Cum“ 1981 gekauft, kurz nachdem wir in die Bay Area gezogen waren, und dann haben wir mit ihnen einen Gig gespielt. Sie mochten unsere klare Haltung gegen den Krieg und den KKK, die wir den Bullen gegenüber hatten, und wie das auf Leute mit dunkler Hautfarbe und weniger Einfluss wirkte. Also haben sie uns gefragt, ob wir sie nicht auf ihrer Tour begleiten wollen. Wir sagten zu und am selben Abend fuhren wir schon nach Houston zu einer Show. Und nach dem Konzert fragten sie uns: „Warum habt ihr eine Frau mit auf Tour genommen?“ Diese Frau war unsere Tourmanagerin Tammy. Für die BAD BRAINS sollten Frauen nur schwanger zu Hause sitzen. Auf dem Weg fragte ich sie dann, ob ich nicht schnell eine Last-Minute-Show in Austin organisieren solle, weil ich viele Bands kannte, die sie gerne supporten wollten. Sie sagten ja, und als wir dann ankamen, war Randy Biscuit mit den BIG BOYS und Gary und ich auch mit MDC am Start. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, ob THE OFFENDERS ebenfalls auftreten sollten. Und plötzlich wollte H.R. nicht mehr in dasselbe Mikro wie die schwulen Typen singen, und dann schrie er, diese „blood clot faggots“ sollten alle verrecken. Es ist eine Sache zu sagen, dass man Homosexuelle nicht mag, aber sich zu wünschen, die verfluchten Schwuchteln mögen verrecken, ist was anderes. Das war einfach schrecklich und natürlich war die Tour damit vorbei. Bis zum heutigen Tag zählt das zu den wirklich traurigen Sachen, die passiert sind. Wir sind dann in San Francisco vom Maximum Rocknroll-Fanzine interviewt worden und dachten, es wäre unsere Pflicht, das anzusprechen. Denn jeder war von den BAD BRAINS begeistert, sie sind ja immer noch eine unglaubliche Band. Ihr Dogma und die Einstellung ihres Sängers sind unschön, aber ihr musikalisches Können steht außer Frage. Aber was unter der Oberfläche von Prophet Joseph, wie H.R. sich im Laufe der Jahre auch nannte, verbarg, war vollkommen hasserfüllt. Zu der Zeit hatten MDC sich schon einen Namen gemacht in der Szene, wir gingen auf Tour und die Leute mochten uns und hörten uns zu. Dann wurde das Interview veröffentlicht und die Nachricht verbreitete sich rasant. Wie es im Film „American Hardcore“ wiedergegeben wird, ist es ziemlich akkurat.

Was zur Hölle bedeutet überhaupt „blood clot faggots“, was haben „Blutgerinnsel“ mit „Schwuchteln“ zu tun?

Ein Blutgerinnsel ist etwas, das eine Blutung verursacht. Wenn du also ein Blutgerinnsel in deinen Adern hast, ist das oft tödlich, weil es zu einem Aneurysma führen kann. So gesehen ist die schwule Bevölkerung wie ein Blutgerinnsel für die menschliche Rasse. Das ist so eine typisch koptisch-christliche Rastafari-Symbolik. Es war mir nicht geläufig, aber sie haben sich wirklich so ausgedrückt.

Spielt ihr live immer noch den Song „Pay to come along“? Das war eure musikalische Antwort auf den Vorfall. Darin heißt es: „Couldn’t help us fight the fight / Get together black and white / Returned all support with abuse / And intolerance beyond excuse“.

Nein, tun wir nicht. Er gehört nicht mehr zum Repertoire, er verschwand ungefähr 1990 von der MDC-Setlist. Ich will nicht auf die Bühne gehen und sagen: „Lasst uns über die BAD BRAINS reden.“ Ich will diesen Konflikt nicht verlängern, aber die Story ist bekannt. Die Leute wollen sich die BAD BRAINS wegen ihrem musikalischem Können ansehen, den Rest kennen sie schon. Ich habe nie zum Boykott aufgerufen, aber ich wollte, dass die Leute wissen, wie hasserfüllt H.R. tatsächlich ist, damit sie nicht in dieselbe Lage geraten wie wir, als wir sie in unsere Heimatstadt eingeladen haben, nur um herausfinden zu müssen, wie viel Hass in ihnen steckt ... Das Traurige bei H.R. ist, dass die Menge an Koks, die er geraucht hat, sein Gehirn doch ziemlich beeinträchtigt hat. Es ist immer abscheulich zu sehen, wie jemand, der einer unterdrückten Minderheit angehört, das an jemand, der noch stärker unterdrückt wird, auslässt.

Ich muss mit dir auch über euer Lied „John Wayne was a Nazi“ sprechen, weil das wahrscheinlich einer der zehn wichtigsten Punk-Songs aller Zeiten ist.

John Wayne verstarb 1979, da war ich auf der University of Texas. Damals war der Campus geprägt von Mitgliedern der Studentenverbindungen, genannt „frat boys“ und „sorority sisters“, und das war die Reagan Youth – nicht die Band, sondern die wirklichen Reagan-Anhänger. Und eines Tages waren alle am Heulen und ich fragte sie „Warum flennt ihr so?“ Und sie meinten: „John Wayne ist gestorben!“ Die Leute in Texas verehren John Wayne wirklich. Und ich meinte nur: „Was soll das? Der Typ war ein Nazi.“ Dann bin ich nach Hause gegangen und habe den Song geschrieben. Ich habe versucht, ihn ein paar anderen Leuten anzubieten, Bands, die bekannter waren, während wir noch ganz am Anfang standen. Die erste Zeit haben wir zumeist nur auf Partys vor höchstens dreißig Leuten gespielt, wir waren nicht wirklich eine Band, die 200 Leute anlocken konnte. Es ist eigentlich ganz lustig, weil wir, bevor wir nach San Francisco gingen und diesen Gig gespielt haben, in Austin eine Band aus der unteren Liga waren. Es gab mal eine Art Abstimmung und wir landeten irgendwo auf dem dreißigsten Platz oder so, genau wie Bands, die sich schon Jahre zuvor aufgelöst hatten. Austin ist eine Stadt, in der die Leute eng zusammenrücken, und keiner von uns war wirklich durch und durch Südstaatler. Franco Mares, unser damaliger Bassist, kam zwar aus El Paso, aber er war Chicano. Austin ist ein bisschen wie Peyton Place, diese bigotte Kleinstadt aus dieser Fernsehserie. Es gibt eine Hackordnung und ich war nie allzu dünn oder hatte einen großen Iro oder so ... Ok, ich hatte einmal einen Iro, aber ich will damit nur sagen, dass wir in unserer Heimatstadt nicht auf viel Gegenliebe gestoßen sind. Es brauchte die Außenwelt, es brauchte einen Anruf von Tim Yohannan vom Maximum Rocknroll und ... Also von vorne: Ich hatte Mickey Creep vom Creep Magazine unsere Platte geschickt, und sein Mitbewohner war zufällig Jello Biafra. Und Jello fing an, unsere Sachen im Radio zu spielen, Tim Yohannan rief uns an und ich bekam Biafras Nummer und so sind wir zu dem Gig gekommen. So richtig los ging es für uns erst nach 1981. Aber 1978, 1980 waren wir noch Nobodys. Wir hatten das Glück, dass Gary uns so sehr gemocht hat, weil wir nur Shows gespielt haben, wenn Gary sagte: „Ich will, dass meine Freunde THE STAINS dabei sind.“ THE STAINS, das war meine Band vor MDC.

Was war euer größtes Konzert überhaupt?

Wir haben schon vor 50.000 Leuten gespielt, aber das war als Vorband von AGNOSTIC FRONT und MOTÖRHEAD. Die 50.000 Leute waren nicht da, um uns zu sehen. Das war übrigens 2002 in Deutschland. Das war die größte Menschenmenge, vor der ich jemals gestanden und gespielt habe. Aber in früheren Jahren sind auch mal tausend Leute nur für uns gekommen, oder damals, als wir mit den DEAD KENNEDYS oder am Lincoln Memorial mit D.R.I. und THE CRUCIFUCKS gespielt haben, kamen sechs-, acht- oder zehntausend Leute aufwärts. Wir haben mit den DEAD KENNEDYS und THE CONTRACTIONS in San Francisco bei Rock Against Reagan im Herbst umsonst und draußen gespielt und da waren zwischen acht- und zehntausend Leute. Das waren die größten Shows. Es waren kostenlose Shows. Es ist schön, wenn es umsonst ist, weil einfach jeder hinkommen kann – aber wir haben 1984 auch im Grand Olympic Auditorium in L.A. gespielt, das vier- bis sechstausend Leute gefasst hat. Es war eine große Boxkampf-Arena. Wir haben da einmal mit den DICKS gespielt. Mit SUBHUMANS, DISCHARGE ...

Meinst du die kanadischen SUBHUMANS?

Nein, SUBHUMANS UK um Dick Lucas. Aber die Jungs aus Kanada waren auch schon früh viel unterwegs, wir haben sie in Austin gesehen, zusammen mit Joey Shithead und D.O.A. – ich weiß nicht, ob Chuck damals dabei war ... Aber wir haben uns ihren Van angeguckt und gesagt: „Wow, ihr tourt durch dreißig Städte mit diesem Van?“ Davor hast du als Band nur in deiner Heimatstadt gespielt und gehofft, dass ein Publikum kommt, das groß genug ist, dass irgendeine Plattenfirma einen Vertreter rausschickt, dich unter Vertrag nimmt und auf Tour schickt mit den RAMONES oder irgendjemandem. Sie gingen ganz neue Wege, und D.O.A und BLACK FLAG und die SUBHUMANS waren mit die ersten Bands, die sich gesagt haben: Wir werden nicht in unserer Heimatstadt hocken und warten, dass sie unsere Musik entdecken, dann würden wir hier vergammeln, bis die Hölle zufriert. Wir versuchen jetzt einfach unser Glück auf der Straße. Und tatsächlich kamen in jeder größeren Stadt 100, 200 Leute zusammen, oder zumindest in vielen der größeren Städte – Houston, Austin, natürlich L.A., San Francisco, Seattle, Portland, Vancouver, Toronto, Montreal, New York, selbstverständlich D.C., Boston und ein paar Orte im Mittleren Westen wie Minneapolis, Chicago ... Und, ob du es glaubst oder nicht, Akron, Ohio hatte eine tolle kleine Szene ... Ich habe bestimmt ein paar kleine Szenen vergessen, aber man konnte um die zwanzig Gigs in Nordamerika spielen und wir haben uns einfach auf die Reise gemacht. Wir haben uns einen alten Van geholt und gemerkt, dass wir eng zusammengequetscht durch die Gegend fahren müssen, dass es für uns keinen „Reich und berühmt“-Plattenvertrag geben wird, der uns zu richtigen altmodischen Rockstars macht. Es hatte was von Arbeiterklasse, einfach alles selber zu machen.

Es hieß mal, dass ihr 1983 in Toronto verhaftet wurdet.

Das ist wahr. Ich war nicht mal da, sonst wäre ich auch verhaftet worden. Wir waren bei irgendwem im Haus zu Gast und unser Gitarrist und unser Bassist wollten nur schnell zur Post, um etwas abzuschicken. Weil sie keinen Parkplatz fanden, haben sie eben in zweiter Reihe gehalten. Und in dem Moment kam ausgerechnet die Polizei vorbei, sie sind gerade aus dem Van ausgestiegen und die Polizei sah ihre Frisuren und das Nummernschild aus Kalifornien und schon hieß es: „Stellt euch hier rüber.“ Sie fingen an, den Van zu durchsuchen, fanden ein paar Buttons, T-Shirts und Alben mit „Millions Of Dead Cops“ drauf und haben sie dann einfach verhaftet. Mit der Anschuldigung, „die öffentliche Sicherheit gefährdende Waffen“ zu besitzen, landeten sie in Toronto in Untersuchungshaft und wurden erst nach zwei Wochen wieder entlassen. Damit war die Tour im Arsch, es hat jeden ein paar tausend Dollar gekostet und uns erst mal völlig ausgebremst. Als drei Monate später endlich die Verhandlung war, wurde die Anklage einfach fallengelassen. Die hatten eben einen Vorwand gesucht und schließlich so eine Art Brecheisen im Van gefunden, der einfach serienmäßig ausgestattet war mit Ersatzreifen und Nageleisen, und das war dann ihre die öffentliche Sicherheit gefährdende Waffe. Für mich war es eine echte Enttäuschung. Ich hatte Verwandte in Kanada und immer geglaubt, es sei bestimmt cool dort.

Wie bist du eigentlich in Portland gelandet?

Ich habe einen Sohn und der ist mit seiner Mutter hierher gezogen. Wir hatten für drei oder vier Jahre eine Art On-off-Beziehung, dann hat sie mit meinem Sohn Jesse erst in Yukai, dann in Santa Cruz gelebt, beides ein paar Stunden von San Francisco entfernt, und schließlich sind sie nach Portland gegangen. Ich habe viele Stunden in Flugzeugen, Zügen und Autos verbracht, war immer unterwegs, und an einem bestimmten Punkt – weil ich wusste, dass die Beziehung mit ihrem Mann in die Brüche ging – wollte ich da sein, um die Scherben aufzusammeln. Und es hat auch wirklich funktioniert, weil ich meinen Sohn zu mir nehmen und seit seinem 13. Lebensjahr großziehen durfte. Ich weiß nicht, ob es auch so gekommen wäre, wenn ich nicht so nah bei ihnen gewesen wäre.

Kennt dein Sohn MILLIONS OF DEAD COPS?

Er ist 31, er kam 1984 auf die Welt. Ich bin 1995 nach Portland gezogen. Er kannte MDC von Anfang an. Er fühlte sich ein bisschen alleingelassen, weil die Band ihm viel Zeit mit seinem Vater geraubt hat, weil ich immer auf Tour war und nicht in derselben Stadt wie er gelebt habe. Ich war lange bestenfalls ein Teilzeitvater und kam mir manchmal eher vor wie ein entfernter Onkel, bis ich ihn dann bekommen habe, als er 13 war. Und dann hat er bei mir gelebt und wir haben uns wirklich richtig gut kennen gelernt.

Steht er auf Punk?

Nee, er war immer schon mehr ein Gamer-Typ, er stand auf „Magic: The Gathering“ und „Pokémon“. Er hat sich immer verkleidet wie bei „Dungeons and Dragons“ ... MDC hat er im Laufe der Jahre bestimmt dreißig- oder vierzigmal gesehen, und sogar am Merchstand gearbeitet, aber es war nie sein Ding. Er mag eher Alanis Morissette und diese Art von Frauenstimmen. Reifere Sachen. Du wirst ihn nicht auf einem CASUALTIES-, D.R.I.- oder LEFTÖVER CRACK-Konzert treffen ...

Hattest du das Tattoo von Foghorn Leghorn, eine bekannte Figur aus der „Loony Tunes“-Zeichentrickserie, eigentlich schon, bevor du den Song „Chicken squawk“ geschrieben hast?

Nein, ich habe es danach bekommen. Der Song ist schon entstanden, bevor es MDC überhaupt gab, ich habe ihn mit ein paar Freunden aus einer Band namens SOLAR PIGS geschrieben, die so was wie meine Highschool-Kumpel waren. 1977 fuhr ich über den Sommer von Austin nach Hause und wir hingen einfach zusammen ab, haben Quatsch gemacht, sind bei ein paar Gartenpartys aufgetreten und da haben wir den sogenannten „Chicken song“ gespielt und ich habe dazu „Bucka-buck-buck“ gemacht. Das war ein lustiges kleines Zwischenspiel, das man zwischen Songs gemacht hat, über das mein Freund Jimmy Brighton, der Gitarrist von SOLAR PIGS, einfach gestolpert ist ... „Swing it to the east and swing it to the west and swing it to the chickens that you love best“, das hatte nichts mit Vegetarismus zu tun, es war einfach so. Und ich habe den Song dann genommen und den Vegetarier-Text geschrieben und die Akkorde ein bisschen verändert. Und selbst als wir unser erstes Album gemacht haben, hielt ich ihn immer noch für zu abgedroschen. MDC hatten maximal 16 Songs, und die waren alle nur anderthalb Minuten lang; wir konnten nie länger als 23 Minuten spielen! Aber die Leute wollten uns nicht von der Bühne gehen lassen, gelegentlich. Und bei einem Gig in Kanada, in Winnipeg meinte ich zu den anderen: „Lasst uns doch mal ,Chicken squawk‘ spielen, was ich euch bei der Probe mal vorgemacht habe.“ Und wir haben den Song dann gespielt und die Menge ist durchgedreht. Wir haben ihn dann ein Jahr später, 1983, auf der „Millions Of Dead Children“-EP veröffentlicht.

Bei „Country squawk“, einer späteren Fassung des Songs auf dem Album „Smoke Signals“, fehlt dann leider das Foghorn Leghorn-Sample. Gab es rechtliche Probleme?

Nein, gar nicht. Wir hatten einen Akustikgitarristen namens Dave Dick, von der Band THE WITNESSES, der hat dem Ganzen einen Country-Sound verpasst. Wir wollten mehr das Country/Bluegrass-Feeling betonen und ich schätze, aus diesem Grund haben wir dieses „Hey now“-Sample mit Foghorns Stimme rausgenommen. Inzwischen habe ich noch eine sehr viel langsamere Akustikversion aufgenommen, die du finden kannst, wenn du auf die antiquierte Myspace-Seite „MDC unplugged“-gehst. Ich habe dieses Akustikding die letzten drei oder vier Jahre echt ernsthaft durchgezogen. Hier sind die Harmonien doch ein bisschen präsenter als bei so einer hektischen, rasend schnellen energiegeladenen Hardcore-Nummer.



Teil 2: More Darned Controversy

Das folgende Gespräch fand ein paar Jahre nach dem ersten statt, im Januar 2016, als ich Dave Dictor in Portland anrief, um ein paar offensichtliche Lücken im ersten Teil zu füllen.

Ich hoffe schon lange, dass MDC mal in Vancouver spielen, aber vergeblich. Von Portland aus ist es ja nicht weit, also woran liegt’s?

Vor langer Zeit hatte ich Probleme mit dem Gesetz, also muss ich immer noch jedes Mal, wenn ich in Kanada einreisen will, nervigen Papierkram erledigen, bis ich irgendwann eine Langzeitlösung finde, die ein paar hundert Dollar mehr kostet, was mich nervt. Wenn es 1.200 Dollar Festgage gibt, ich aber 300 Dollar für Papiere und noch ein paar Dollar für die Arbeitserlaubnis ausgeben muss, lohnt sich das am Ende nicht wirklich. Diese dumme beschissene Grenze trennt uns bis heute, und ich weiß, dass sich kanadische Bands auch der Probleme bewusst sind, wie sie D.O.A. und DAYGLO ABORTIONS und ein Haufen anderer Bands hatten ...

Ist Dave Dictor dein echter Name, so dass die wissen, wer du bist?

Nein, aber jeder kann heutzutage alles googlen. Aber in den Achtzigern und Neunzigern haben sie auch schon meinen Namen eingegeben und wussten sofort, dass ich in dieser Band singe, und mein Vorstrafenregister in den USA war ihnen auch bekannt. Dann haben sie anfangen, mir Fragen zu stellen, ob ich ihnen irgendetwas verheimlichen wolle ... Und ich habe nicht versucht, ihnen etwas zu verheimlichen, ich habe ihnen die Wahrheit erzählt, über das, was passiert ist, und sie haben gesagt: „Gut, Sie müssen sich an die Botschaft wenden und sich vom FBI bestätigen lassen, dass Sie sich in den letzten fünf Jahren nichts mehr haben zuschulden kommen lassen.“ Ich hatte vorher schon seit zwanzig Jahren keinen Ärger mehr mit dem Gesetz gehabt, aber sie haben so getan, als sei es das erst gestern gewesen. Für Kanadier ist es aber auch nicht einfacher, in Amerika einzureisen.

Hatten diese Probleme irgendetwas zu tun mit der Band oder dem Bandnamen? Also die Tatsache, dass die Band MILLIONS OF DEAD COPS heißt ...

Der Name hat mit Sicherheit immer für Aufmerksamkeit gesorgt. Der Name stand auch auf unserem Equipment und wenn sie ankommen und wissen wollen, was bei dir Sache ist, und du hast Buttons oder T-Shirts dabei, selbst wenn es nur ein paar sind, fangen sie an, alles ganz genau zu untersuchen, als wären wir muslimische Extremisten oder so. Sie haben sich jeden von uns der Reihe nach vorgenommen. Normalerweise kommen wir rein, aber sie lassen uns warten, eine Stunde, drei Stunden, und nehmen nach und nach den ganzen Van auseinander, während sie die Leute um uns herum einfach durchwinken.

Was ist die heftigste Reaktion, die es jemals von offiziellen Stellen aufgrund eures Bandnamens gab?

Da gab es einiges. Wir wurden in den Staaten angehalten, wir durften nicht nach England einreisen ... In Kanada wurden, sobald sie herausgefunden hatten, wer wir waren, zwei von uns unter einem Vorwand verhaftet und in Toronto ins Gefängnis gesteckt, was uns die Tour ruiniert und einige tausend Dollar gekostet hat. Es war ein echter Albtraum. In den letzten zehn, zwanzig Jahren haben sich die Dinge etwas beruhigt, aber in den Achtzigern und Neunzigern hatten sie Schaum vor dem Mund, wenn sie unseren Namen gehört haben. Grenzübertritte können noch problematisch sein, doch mittlerweile habe ich alle meine Papiere zusammen. Inzwischen bin auch clever genug, nicht mehr als „Millions of Dead Anything“ unterwegs zu zu sein, sondern vielleicht als „Multi-Death Corporation“, das ist so eine „metalartige Punkband, die über heiße Luft singt“, weißt du.

Sollte die Abkürzung MDC schon von Beginn an unterschiedliche Bedeutungen haben?

Anfangs hießen wir MILLIONS OF DEAD COPS, aber wir bekamen in den ersten beiden Jahren so viel Ärger, dass wir uns einfach MDC genannt haben. Aber irgendwann hatten sie anscheinend alles über uns in ihrem Computer gespeichert, somit funktionierte „MDC“ natürlich nicht mehr, weil sie jetzt wussten, das steht für MILLIONS OF DEAD COPS. Also haben wir angefangen, mit dem Namen zu spielen: „Millions Of Dead Children“, oder „Millions Of Damn Christians“, wir waren auch mal „Missile Destroyed Civilization“. Doch letztlich blieb es immer bei „Millions Of Dead Cops“, dem Titel unseres ersten Albums.

Wie ist aus THE STAINS denn überhaupt MILLIONS OF DEAD COPS geworden?

1981 haben wir unsere ersten Westküstentour gespielt, mit den DEAD KENNEDYS in San Francisco und mit BLACK FLAG im Cuckoo’s Nest. Chuck Dukowski und Greg Ginn haben das für uns arrangiert und nannten es inoffiziell „The Battle of the Stains“, denn es gab ja die L.A.-STAINS und die Texas-STAINS, musst du wissen. Wir wussten also gleich, dass schon eine Band mit diesem Namen existierte, wir haben sie auch getroffen und sie waren echt nett, was willst du also machen? Sie meinten, sie würden schon so und so lange STAINS heißen, wir hingegen erst seit 1980. Wir wollten keinen Streit und dann gab es dieses Konzert in Costa Mesa, wo die Bullen brutal gegen die Punks vorgegangen sind. Es waren ungefähr 400 oder 500 Leute da und es gab jede Menge Übergriffe der Polizei. Da haben wir angefangen, etwas über „Dead cops“ zu singen und auf einmal hatte unser Freund Buxf Parrot von den DICKS die Idee für den Namen, MILLIONS OF DEAD COPS.

Habt ihr auch Polizisten getroffen, die sich als Fans herausstellten? Wurdet ihr jemals positiv überrascht?

Na ja, tatsächlich kannten die Bullen in San Francisco die DEAD KENNEDYS, daher kamen sie auch zu unserer Show und sahen, dass wir genau wie die unser Zeug verkaufen. Und ein paar von ihnen haben was gekauft und es sich von uns unterschreiben lassen. Es war eher Sarkasmus, verstehst du? Mit uns für Fotos zu posieren ... Ich weiß nicht, ob sie „Fans“ waren, sie fanden das wohl witzig. Gerade in einer Stadt wie San Francisco gibt es einige exzentrische Polizeibeamte. Es gibt hier auch üble, rassistische, beschissene Polizisten, klar. Aber es gab auch Cops, die haben gehupt und mich gegrüßt: „Hey Dave, was geht ab?“ Wir haben anlässlich des Papstbesuchs im Oktober 1987 in San Francisco auf dem Dach unseres Hauses gespielt und die Polizei fuhr mit dem Secret Service vor. Sie haben dann irgendwie kapiert, dass wir friedliche Punks waren und dass nichts Gewalttätiges vor sich ging, also verschwand der Secret Service wieder. Die Polizei blieb noch da, sie guckten uns scharf an, bis einer fragte: „Hey, habt ihr wohl irgendwas da, das ihr mir geben könnt, mit euren Unterschriften drauf?“ Und dann haben wir angefangen, Autogramme zu geben, haha!

Es ist schön zu hören, dass nicht alles negativ war.

Das sind seltene Ereignisse. Wir wurden mal in Nebraska angehalten, einer der Jungs hatte an ein Schild auf dem Highway gepisst, und ein Bulle ließ uns rechts ranfahren und war ganz wütend und sagte: „Ich könnte euch als Exhibitionisten verhaften, weil ihr auf den Highway gepisst habt.“ Aber es endete damit, dass wir mit ihm über den Film „Die Superbullen“ und seine Liebe zum Metal geplaudert haben. Ich weiß nicht, ob du „Super Troopers – Die Superbullen“ gesehen hast, wo sie ständig „Miau“ sagen.

Der Film mit Brian Cox? Klar!

Erinnerst du dich an die Stelle, wo die Bullen den Typen, den sie angehalten haben, fragen „Halten Sie das für witzig?“ und dann immer mit „Miau“ antworten? Diese Szene in dem Film, wo sie den verarschen. Darauf hatte ich eine Anspielung gemacht und der Cop fand es richtig lustig. Letztendlich haben wir uns gegenseitig auf den Rücken geklopft und uns einen schönen Tag gewünscht. Ich will jetzt nicht sagen, dass alle Cops tolle Typen sind, aber es sind auch nur Menschen. Ich habe bisweilen in meinem Leben einen Vertrauensbonus bekommen und ich bezweifle nicht, dass es so ist, weil ich weiß bin und mehr oder weniger normal aussehe, und nicht wie ein Araber oder aus dem Ghetto komme. Es ist mir drei- oder viermal in meinem Leben passiert, dass ich davon profitiert habe, weiß zu sein, ich bin nicht froh darüber, aber ich bin mir dessen bewusst.

Du hattest mir mal erzählt, dass du dich für eine Ausbildung zum Drogen- und Alkohol-Entziehungstherapeuten interessiert hast.

Das ist lange her. Ich hatte an der Portland State University eine Reihe Kurse belegt und wollte tatsächlich etwas in diese Richtung machen. Aber ich hatte fünf oder sechs Jahre zuvor angefangen, mit meiner Band auf Tour zu gehen, und sie haben mich rausgeworfen. Wenn du diese Kurse nicht hintereinander in einer bestimmten Anzahl von Jahren absolvierst, bist du deine Zulassung los. Aber ich bin ein Ex-Drogenabhängiger, ich hatte Probleme mit Alkoholmissbrauch und chemischen Substanzen. Ich habe das an der Universität studiert und ich gehe hin und wieder zu den Treffen der Narcotics Anonymous und der Anonymen Alkoholiker, aber ich habe das Ganze beruflich nie weiter verfolgt.

Wovon lebst du heute?

Ich habe die Band, und mein Mitbewohner – er ist Wandmaler – und ich, wir malen. Manchmal machen wir Schilder und ziemlich banales Zeugs, manchmal machen wir aber auch Wandgemälde in Restaurants, und das ist eigentlich ziemlich schön.

Erzähl mir von deinem Buch.

Es heißt „Memoirs from a Dying Civilization“. Meinem Herausgeber gefiel die Idee, ein MDC im Titel unterzubringen. Es erschien im April bei Manic D Press.

Mich würde interessieren, wann du das letzte Mal mit Doc Dart gesprochen hast. MDC und die CRUCIFUCKS waren früher oft zusammen auf Tour, oder?

Wir hatten in der Tat in den Achtzigern unsere Hochphase, auf der „Rock Against Reagan“-Tour. Es ist mir zu Ohren gekommen, dass Doc irgendwo ein ruhiges Leben führt, er singt in keiner Band mehr, sondern geht irgendwo in Michigan zur Schule und bevorzugt ein akademisches Umfeld. Er macht einfach sein Ding. Es gibt viele Leute, die ich im Laufe der Jahre kennen gelernt habe. Mit manchen von ihnen halte ich Kontakt über Facebook oder E-Mail – sogar mit Leuten, von denen ich seit zwanzig oder dreißig Jahren nichts mehr gesehen oder gehört hatte. Ich habe sie fast alle ausfindig gemacht. Aber es gibt auch Leute, bei denen du das Gefühl hast, dass du den Anschluss an sie alle zwei Monate finden musst, dann hängt man zusammen rum und genießt die gegenseitige Energie. Andere sind wiederum einfach da draußen, machen ihr eigenes Ding, und mit denen redet man nicht allzu viel.

Man findet online einen Artikel darüber, dass Doc ein ziemlicher Einsiedler ist.

Das habe ich auch gehört. Er meidet das Rampenlicht irgendwie. Ich möchte ihn nicht belästigen. Das Leben kann hart sein, und wer weiß, was Doc macht. Ich bin eine recht öffentlicher Person, ich bin auf Facebook, bei MDC, habe für das Maximum Rocknroll geschrieben, man kann mich einfach ausfindig machen. Es hat meist einen Grund, warum man manche Leute nicht aufstöbern kann. Sie wollen ihre Privatsphäre, was man respektieren sollte. Andererseits, wenn ich ihn in zehn Minuten zufällig im Lebensmittelmarkt sehen würde, würde ich sagen: „Hey Doc, wie geht’s?“ Ich wünsche ihm nur das Beste.

Wenn MDC oder die CRUCIFUCKS Songs wie „Cops for fertilizer“ spielten, seid ihr zwar in Schwierigkeiten geraten, aber das war nichts im Vergleich zu dem Shitstorm, den Ice-T und BODY COUNT für den Song „Cop killer“ abbekommen haben. Das sagt viel über Amerika aus. Du kannst so was machen, wenn du kein Schwarzer bist ...

Na ja, ich glaube, es lag auch daran, dass Ice-T und die ganze Rap-Sache viel populärer war als Punk. Seien wir doch mal ehrlich, N.W.A. haben Millionen Scheiben verkauft, MDC und D.O.A. haben nie Millionen verkauft. Vielleicht verkaufen wir heute alle zusammen Millionen, aber das ist eine andere Sache. Wir waren Teil einer Subkultur, was Ice-T nicht war, er war Headliner auf dem Lollapalooza zusammen mit solchen Majorlabel-Acts wie JANE’S ADDICTION und Courtney Love ... Das waren große Bands, die Millionen von Alben verkauft haben. MDC und die CRUCIFUCKS taten das nicht, und das ist der Unterschied. Man kann sagen, dass das Ganze schon was mit unserer Hautfarbe zu tun hat. Wenn Weiße kritisch gegenüber den Bullen sind und andeuten, dass sie Bullen töten wollen, gibt ihnen die Tatsache, dass sie weiß sind, wahrscheinlich ein bisschen Narrenfreiheit.

Ich möchte noch über das MDC-Album „Shades Of Brown“ reden, von dem ich glaube, dass es besonders wichtig ist. Ich weiß noch, wie ich das Textblatt gelesen habe und verwundert war, weil nicht so viele der Texte von dir stammten. Ich dachte immer, dass du die meisten Texte schreibst ...

Von mir sind auch ein paar Songs auf dem Album, „Borrowed time“ etwa, aber den Großteil der Texte hat Al Schvitz geschrieben. Eigentlich Al Schultz, Al Schvitz ist sein Spitzname – das ist Jiddisch für „Schweiß“. Er hatte an diesen Texten gearbeitet und kam auf mich zu und sagte: „Ich habe die ganzen fertigen Texte.“ Wir hatten uns ein Jahr nicht gesehen, ich war an der Ostküste, um meine Familie zu besuchen, habe da gearbeitet und war 1992 nach San Francisco zurückgekehrt. Sofort, als ich wieder da war, kam Al mit einem Notizbuch voller Songtexte vorbei. Also hat er auch die Anerkennung dafür bekommen und nicht ich. Das ist das einzige Album, auf dem ich nicht wie üblich 70 bis 80 Prozent der Texte verfasst habe. „Shades Of Brown“ war sehr von Al Schvitz geprägt.

Hast du ein MDC-Lieblingsalbum?

Mit dem ersten Album hatten wir unseren Durchbruch. Die Leute vergleichen alle unserer Alben damit, also respektiere ich es. Aber ich versuche zu mögen, was ich momentan mache. Ich mag allerdings auch „Shades Of Brown“ sehr gerne. Es ist irgendwie lustig: „Shades Of Brown“ kam im Frühjahr 1992 raus, und da war es fast so, als ob Hardcore bereits gestorben wäre. Also wenn du dich nach dem Film „American Hardcore“ richtest, denn da sagen sie, dass Hardcore nur von 1980 bis 1986 oder ’87 existierte, aber Hardcore bestand vielleicht bis 1990, ’91 fort. Ich weiß nicht, ob du dich erinnern kannst, was hier los war, aber plötzlich hat diese Sache mit Melodycore die Führung übernommen und GREEN DAY und THE OFFSPRING waren da, und Bands haben nicht mehr von den Bullen gesungen, sondern über Fäkalien, über „dookie“. Und zur gleichen Zeit sind auch NIRVANA zerbrochen. Viele Hardcore-Bands waren zwischen 1988 und 1991 am Ende. Wir waren eine der letzten bestehenden Bands. Es gab so eine Art Eastcoast-Hardcore, Hatecore. Ich weiß gerade kein passenderen Wort, ich kenne mich mit den Begriffen nicht so aus, aber du weißt schon, CRO-MAGS und so was, BIOHAZARD, CRUMBSUCKERS. Die gingen in ihre eigene Richtung, während politischer Westcoast-Hardcore sich in Auflösung befand, und das Album kam genau zu der Zeit raus, als das passierte. Und obwohl es auf etwas Sympathie gestoßen ist, wurden nie viele Alben verkauft. Wir haben immer noch unser Ding durchgezogen, wir sind damit um die Welt getourt, aber die Platte hat nie die Beachtung bekommen, die sie meiner Meinung nach verdient hätte. Manchmal, glaube ich, sind meine liebsten Kinder jene, die nicht genug Liebe und Respekt kriegen. Die Platten sind nämlich alle deine Kinder, und du liebst sie alle, und bei jedem Song, den du schreibst, gibst du wirklich das Beste. Und bei manchen spürst du wirklich, dass das, was du geschaffen hast, etwas Besonderes ist. Als ich „No war/No KKK/No fascist USA“ oder „John Wayne was a nazi“ geschrieben habe, wusste ich in der Sekunde, in der ich sie geschrieben hatte, dass sie etwas Besonderes sind.

MDC haben „Big picture“ von den SUBHUMANS aus Vancouver auf dem Album „Smoke Signals“ gecovert. Ich glaube, als das veröffentlicht wurde, war Gerry Hannah von den SUBHUMANS immer noch aufgrund seiner Zeit bei Direct Action im Gefängnis.

Ja, in der Tat, wir haben das aus Solidarität mit den Jungs gemacht. Wir hatten unsere Kanadatour beendet und waren sofort zur Stelle. Aus Solidarität mit kanadischen Aktivisten und mit Gerry Hannah, der im Gefängnis war, haben wir den Song gespielt. Er wurde auf dem zweiten Album „Smoke Signals“ veröffentlicht und die Band hat sich tatsächlich mitten während der Aufnahmen aufgelöst. Das Album wurde erst ein Jahr später beendet, als wir einen Gitarristen gefunden hatten, und dann 1986 veröffentlicht; eigentlich hatten wir schon 1984 damit angefangen. Das war ein Album, bei dem einiges schiefging. Wir haben es veröffentlicht, nur um es zu veröffentlichen, aber es hat nicht annähernd die Aufmerksamkeit wie „Shades Of Brown“ bekommen, oder wie unser Debüt, über das wir Wochen und Monate am Stück gebrütet haben und auf dem jedes Wort genau durchdacht ist.

Was war passiert?

Ron Posner, mit dem ich MDC gegründet hatte, verließ die Band, das ist, was passiert ist. Er hatte sich entschieden, dass er eine Pause machen wollte, und wir haben ein halbes Jahr oder so gewartet, um zu sehen, ob er wieder zurückkommt. Und es gab persönliche Differenzen zwischen einigen Bandenmitgliedern. Wir hatten diesen langen Lauf von 1980 bis 1984, wo wir auf der Straße gelebt haben, wir eingeknastet wurden, zweimal durch Deutschland getourt sind, „Rock Against Reagan“-Touren gemacht haben. Wir haben drei oder vier Jahre hintereinander 100 bis 150 jährlich Gigs gespielt, und irgendwann ist es so weit gekommen, dass bestimmte Leute die Sache nicht weiter durchziehen wollten. Und aus welchem Grund auch immer, hat es das Album beeinflusst.

Lebst du eigentlich vegan?

Ich bin Vegetarier. Und wenn wir auf Tour gehen, verhalten wir uns wie Veganer, und fragen nach einem veganen Menü. Ich bin nicht perfekt. Ich hatte erst vor kurzem Besuch von einem Veganer, der jedes Etikett auf allem gelesen hat und letztendlich viel von dem Essen in meiner Küche abgelehnt hat! Ich unterstütze Veganismus, aber mein Mitbewohner und ich – er ist in der Band mit mir, er ist der Bassist –, wir sind beide Single, und wir kochen ein bisschen, aber nicht allzu viel. Wir essen sehr viel auswärts. Wir sind auf Tour vegan und zu Hause dann ein bisschen entspannter. Ich bin seit über vierzig Jahren Vegetarier. Es wechselt ständig. Ich habe mich eine Zeit lang total vegan ernährt, mit Weizengras- und grünem Teesprossen-Saft und so. Und dann hatte ich eine Staphylokokkeninfektion. Ich bin im Krankenhaus fast gestorben, ich habe 14 Kilo Gewicht verloren. Und dem Arzt habe ich gesagt, dass ich Veganer bin. Er sagte: „Stopp. Erzählen Sie mir das nicht. Essen Sie ein bisschen Lachs. Essen Sie Eier – holen Sie sich Eier aus Freiland- oder Bodenhaltung, aber nehmen Sie Proteine zu sich.“ Und das habe ich mir zu Herzen genommen. Vor zwei Jahren habe ich nur 66 Kilo gewogen.

Das ist irgendwie das Gegenteil von dem, was man erwartet.

Na ja, im Rider bitten wir um veganes Essen und überall, wo wir hinkommen, versorgt man uns üblicherweise mit einem Abendessen und einem Frühstück. Auf Tour kann man sich immer schön vegan bekochen lassen. Und wenn du zu Hause bist, kommt jemand mit einem Auberginen-Parmesan-Auflauf vorbei, und nur weil da ein bisschen Käse drin ist, soll ich keine Ausnahme machen? Es ist allerdings nicht viel Käse. Ich habe keine Milch in meinem Kühlschrank. Aber ich habe ein paar Eier drinnen. Ich habe keine Eiscreme in meinem Gefrierfach, aber ich will nicht sagen, dass ich seit Jahren kein Eis mehr gegessen hätte. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte mal Eis gegessen habe, aber, weißt du, wenn ich eine Portion Ben & Jerry’s-Eiscreme vor meinen Augen schmelzen sehe, kann ich das nicht so einfach stehen lassen.

Allan MacInnis

 


MDC in Kürze

Auf Long Island nahe New York City aufgewachsen, verschlug es den 1956 geborenen David Scott Dictor in den Siebzigern an die Universität von Austin, Texas. Dort wurde er Teil der gerade aufkeimenden Punkszene rund um den legendären Club Raul’s. 1979 gründete er die REEJEX, aus denen die STAINS wurden, und aus denen wiederum entstanden 1981 MDC, mit Dictor und Ron Posner als zentralen Personen. Mit „John Wayne was a Nazi“ machten sie schon mit ihrer ersten Single klar, dass sie wussten, wie man sich Feinde schafft und provoziert – und „Millions Of Dead Cops“, der Titel des ersten Albums, ließ auch keine Fragen offen. Die Band zog nach San Francisco um, wurde Teil der stark politisierten und international vernetzten Bay Area-Hardcore-Szene, als deren Sprachrohr das Maximum Rocknroll-Fanzine galt, veröffentlichte mit Hilfe von Alternative Tentacles auf dem eigenen R Radical-Label, tourte schon früh in Europa, wo sie von CRASS unterstützt wurden, und hatten mit We Bite ein deutsches Label, was die Beliebtheit hierzulande steigerte.

Es gab dann immer wieder Phasen, in denen es ruhiger war um die letztlich nur von Dictor zusammengehaltenen Band, aber aufgelöst waren und wurden MDC nie. Seit 1995 ist Dictor in Portland, OR ansässig, und dort kam es 1997 zur „Supergroup“ THE SUBMISSIVES mit Pig Champion von POISON IDEA, die mit „An Iron Will Wear Out Many An Anvil“ auch ein Album veröffentlichte. MDC wurden erst nach der Jahrtausendwende wieder richtig aktiv, 2004 kam das Album „Magnus Dominus Corpus“ , und in den Folgejahren wurden die Platten von Beer City Records und Twisted Chords neu aufgelegt. Neues Songmaterial ist nicht der Schwerpunkt der seit geraumer Zeit wieder regelmäßig tourenden Band, aber Dictor veröffentlichte im April 2016 nach jahrelanger Arbeit endlich seine Autobiographie.

 


Ich und MDC

Im Oktober 1984 spielten die DEAD KENNEDYS eine All-Ages-Show im York Theatre in Vancouver gespielt, zwei Nächte hintereinander auf der Fall of Canada-Tour. Es war mein erstes Punk-Konzert, ich war 16 und hatte einen Freund, der ein Auto besaß, überredet, uns aus unserem Vorort hinzufahren. Ich bin am ersten Abend hingegangen, an dem die DKs mit I BRAINEATER, HOUSE OF COMMONS und BILL OF RIGHTS gespielt haben, aber habe den zweiten Abend sausen lassen, weil mich der Name von einem von ihrer Tourpartner abgeschreckt hatte. Genau genommen hatte ich Angst. Was ich damals nicht wusste, diese zweite Show war so ziemlich die einzige Chance, die ich je hatte, um die Provokateure aus Michigan, THE CRUCIFUCKS mit Doc Corbin Dart als Frontmann zu sehen, der sich heute aus allem zurückgezogen hat. Er hat sich aus dem Hardcore in eine Welt verkrochen voller Baseball-Sammelkarten, mystischer Praktiken, und leistet Waschbären Gesellschaft (wer mehr wissen will, betrachte sich das Cover von „The Messiah“ von seinem Post-CRUCIFUCKS-Projekt 26 oder aber sein mit „The Troublemaker“ überschriebenes Interview im Vice Magazine von 2009. Steve Shelley von SONIC YOUTH war auf dieser Vancouver-Show am Schlagzeug; er hat mir auch gesagt, so wie er sich in dem Vice-Artikel dargestellt, wirkt er wie eine „komplett andere Person“ als sein CRUCIFUCKS-Bandkollege).

Ich wurde christlich erzogen, mit einem Vater, der im Strafvollzugswesen tätig war, also war der Name CRUCIFUCKS erschreckenderweise für mich völlig inakzeptabel. Gleiches galt eigentlich auch für MILLIONS OF DEAD COPS, eine Band, von der ich zuerst gehört hatte auf der Maximum Rocknroll/Alternative Tentacles-Compilation-„Not So Quiet On The Western Front“ mit dem Song „The only good cop ...“. Sogar als Teenager wusste ich, dass der Titel des Stücks anspielt auf ein angebliches Zitat von General Philip Sheridan: „Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer“. Dieses Album, genau wie die erste LP von MDC, kam zehn Jahre vor dem BODY COUNT-Song „Cop killer“ raus. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich meinem Vater nichts von diesem Bandnamen erzählt habe.

Allan MacInnis

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #126 (Juni/Juli 2016)

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