© by Errick EasterdayMit „From A Distance“ treten 156/SILENCE in eine neue Phase ihres Schaffens. Eine, die von Verlust, Weiterentwicklung und einem erweiterten ästhetischen Anspruch geprägt ist. Was die Band aus Pittsburgh seit jeher auszeichnet, ist ein kompromissloser Umgang mit Kontrasten: zwischen emotionaler Unruhe und kontrollierter Wucht, atmosphärischer Dichte und eruptiver Härte sowie zwischen introspektiver Fragilität und brachialer Direktheit. Auf diese Art entstehen Songs mit filmischer Intensität im Spannungsfeld von Metalcore, Post-Hardcore und shoegazigen Texturen.
Produzent Josh Schroeder, bekannt für seine Arbeit mit LORNA SHORE und THE PLOT IN YOU, verleiht dem Album eine ehrliche und atmosphärisch aufgeladene Tiefe, die den emotionalen Kern der Songs freilegt: „Er war das fehlende Puzzleteil, nach dem wir im kreativen Prozess immer gesucht haben“, erwidert Frontmann Jack Murray auf die Frage nach dem Beitrag des Produzenten zur offensichtlichen Weiterentwicklung von 156/SILENCE. „Niemand hat jemals so mit uns harmoniert wie er. Josh versteht jeden einzelnen Aspekt dessen, was wir musikalisch anstreben, und ich kann mir nicht vorstellen, jemals wieder mit jemand anderem zu arbeiten. Er vermittelt Komfort und Verständnis, während er dich gleichzeitig dazu bringt, das Beste aus dir herauszuholen. Er hört sich jede Idee an – gute wie schlechte – und findet bei Unstimmigkeiten immer die beste Lösung.“
Die cineastische und existenzielle Atmosphäre des Albums wird durch die Gastbeiträge verstärkt. Die Features sind jeweils tief in die Songs integriert und erweitern deren emotionale Spannweite: „Wir sind alle mit THE DEVIL WEARS PRADA aufgewachsen“, sagt Jack. „Mike in einem Track dabei zu haben, fühlt sich immer noch etwas surreal an. Er war für mich als junger Sänger eine riesige Inspiration, und ich habe immer versucht, eine vergleichbare Bühnenpräsenz bei meinen eigenen Auftritten zu erreichen. Für den Titeltrack wiederum wollten wir unbedingt eine schöne, sehr klare Stimme. Nach unserer Tour mit MAKE THEM SUFFER war uns allen sofort klar, dass Alex die perfekte Besetzung dafür ist. Ihre Stimme und ihre Präsenz haben den Song weit über das hinausgehoben, was ich mir vorstellen konnte. Sie ist eine unglaublich talentierte Künstlerin. Und was Tony betrifft: Ich weiß nicht, ob es noch eine andere Band gibt, die wir alle so leidenschaftlich verehren wie CRIPPLING ALCOHOLISM. Für mich sind die Bostoner die am meisten unterschätzte Band aller Zeiten. Jeder Track ist ein absoluter Banger, vor allem wegen Tonys Stimme und seinen Texten. Alle Features auf diesem Album haben ihre Parts weit über jede Erwartung hinaus erfüllt.“
Die engen Beziehungen zu Bands, mit denen 156/SILENCE getourt haben, prägen das Gemeinschaftsgefühl der Gruppe auch sonst. Gitarrist Jimmy Howell beschreibt diesen Einfluss so: „Auf Tour versuchen wir immer, so viel wie möglich von jeder Band zu lernen, mit der wir spielen. Wir lieben es, unterwegs zu sein und Menschen zu treffen, die denselben Spirit haben wie wir. Ob „From A Distance“ direkt beeinflusst wurde von Bands, mit denen wir getourt sind, vermag ich nicht zu sagen, aber auf die eine oder andere Weise nehmen wir immer etwas von ihnen mit.“
Die musikalischen Instinkte der Band speisen sich eher aus langjährigen Vorlieben, führt Jimmy aus: „Die zwei Bands, die ich konstant seit über 20 Jahren höre, sind DEFTONES und BRING ME THE HORIZON. DEFTONES beherrschen den Umgang mit Atmosphäre und Ton wie kaum eine andere Band. BMTH hingegen sind das Blueprint dafür, wie man seinen Sound organisch verändert und über die Jahre weiterentwickelt. Kein Album klingt wie das vorherige, und sie tun kompromisslos das, was und wann sie wollen.“ Weitere ästhetische Inspirationen lieferte Jimmys Leidenschaft für Games und Horrorwelten: „Ich bin ein riesiger Fan von Retro-Videospielen“, bestätigt der Gitarrist. „Das war für mich der Hauptimpuls für diesen neuen Sound. Ich habe eine große nostalgische Schwäche für PS1- und PS2-Horror. Daraus etwas zu übernehmen, war immer ein Traum, nur wusste ich nie wie. Spiele wie ‚Silent Hill 2‘ oder frühe ‚Resident Evil‘-Titel haben eine klaustrophobische Atmosphäre, die im Metalcore bisher kaum erforscht wurde.“ 156/SILENCE tun auf „From A Distance“ nun genau das: „Wenn ich mit dem Schreiben eines Albums beginne, habe ich immer eine grobe Vorstellung davon, wo ich hinkommen möchte“, so der Musiker. „Das Problem ist nur, dass sich alles meistens so stark verändert, dass es am Ende kaum noch wie mein ursprünglicher Pitch klingt. ‚From A Distance‘ allerdings kommt meiner ursprünglichen Vision sehr nahe. So sollte es atmosphärischer als ‚People Watching‘ sein und ich wusste, dass ich Horrorelemente und Videospiele dieses Mal wirklich einfließen lassen wollte. Wie genau, erkannte ich aber erst, als die Songs langsam Gestalt annahmen.“
Die Texte dazu wirken dieses Mal besonders offen und verletzlich: „Jeder Song hat eine eigene Bedeutung und einen eigenen Ton“, bestätigt Frontmann Jack. „Es gab nur zwei Grundsätze: Es muss gut klingen und es muss fließen. Jeder Track braucht einen eingängigen Refrain oder einen starken, prägenden Moment. Es ist auch viel erfüllender, einen bedeutungsvollen, eingängigen Refrain zu schreiben als einen reinen Mosh-Call im Breakdown. Deshalb versuche ich, immer Themen aufzugreifen, die für mich – und hoffentlich auch für die Hörer – wirklich relevant sind.“ Im Ergebnis steht ein Werk, das 156/SILENCE als emotionalen Meilenstein begreifen.
Jack hegt eine bestimmte Hoffnung, was „From A Distance“ für die Musiker mal bedeuten könnte: „Dass wir alle irgendwann auf dieses Album zurückblicken und stolz darauf sind, was wir in einer der dunkelsten Zeiten unseres Lebens geschaffen haben. Dieses Jahr bestand aus Blut, Schweiß und sehr vielen Tränen und wir hätten es ohne einander nicht geschafft. Auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind, ist diese Band größer geworden, als wir es je erwartet hätten. Sie ist eine magnetische Kraft, die uns zusammenhält.“
© by Fuze - Ausgabe #119 August/September 2026 und Arne Kupetz
© by Fuze - Ausgabe #119 August/September 2026 und Arne Kupetz