© by Stu McDonaldMit „You Are Safe From God Here“ leben sich THE ACACIA STRAIN einmal mehr kreativ aus und testen, was im extremen Metal möglich ist. Statt bekannte Muster der Szene zu wiederholen, geht die Band aus Albany, New York im Studio immer wieder neue Wege. Gitarrist David Shidacker spricht mit uns über die Entstehung des Albums, seine Inspirationsquellen und warum ein Song auch mal aus dem Ordner „Turd Mountain“ stammen kann.
Mit diesem und den letzten beiden Alben haben wir unglaublich viele Demos geschrieben – nicht unbedingt mit dem Ziel, das kommt aufs Album, sondern eher um zu sehen, wo jeder von uns mit dem Kopf gerade ist“, erklärt David. „So konnten wir herausfinden, was wir mögen und was nicht, und am Ende präzise eingrenzen, wie die Platte klingen soll.“ Im Studio selbst hat sich das Ganze dann erstaunlich schnell gefügt: „Da wusste jeder, in welche Richtung wir wollten. Deshalb passten die Ideen sofort ins Gesamtbild. Dadurch blieb mehr Zeit für Experimente – etwa mit Pedalen oder Geräuschen, die einfach nur widerlich klingen sollten.“ Das Ziel: Heavyness in verschiedenen Facetten. „Natürlich wollten wir heavy sein – das ist bei uns immer gesetzt. Aber es sollte entweder etwas sein, das einen sofort ausrasten lässt, oder etwas, das einen sich unwohl fühlen lässt. Die Kunst war, diese beiden Extreme so zu verbinden, dass es nicht absurd wirkt.“
Ein Beispiel dafür liefert der Song „Sacred relic“: „Da wollte ich das Gefühl vertonen, von einem Terminator gejagt zu werden. Diese Kriegsszenen aus der Zukunft mit Robotern, die auf Schädeln herumtrampeln, habe ich versucht, in Gitarrensounds zu übersetzen. Also habe ich ein sich wiederholendes Bending gespielt, das etwas Roboterhaftes bekommt.“ Andere Stücke spielten bewusst mit Erwartungen: „Bei ‚Burnt offering‘ dachten wir uns: Lasst uns ein Intro aufbauen, das nach einer großen Explosion klingt, und dann gehen wir plötzlich auf Highspeed. Als wir die Stelle mit dem Übergang im Studio hörten, mussten wir alle lachen, weil es so absurd klang. Aber genau das hat’s zum Keeper gemacht.“
Natürlich landen nicht alle Ideen auf der Platte. „Wir haben fünfzehn Songs aufgenommen, aber nur zwölf sind aufs Album gekommen. Drei haben einfach nicht gepasst. Und dann gibt es noch die ganzen Demos, die in verschiedenen Ordnern abgespeichert sind. Ich habe da einen Ordner namens ‚Turd Mountain‘, mit Ideen, die ich selbst für scheiße halte. Aber manchmal höre ich Monate später rein und merke: Moment mal, das könnte doch funktionieren, wenn ich das so und so spiele.“ Langweilig wird das Songwriting nach über zwei Jahrzehnten trotzdem nicht. „Wir hören uns ständig neue Bands an, nicht nur im Metal. Inspiration kommt von überall. Wir wollen keine Band sein, die einfach ein weiteres ‚Wormwood‘ schreibt, nur weil das die Leute feiern. Dieses Album gibt es schon, mit all den Erinnerungen, die die Fans daran haben. Uns geht es darum, Momentaufnahmen zu schaffen: Das sind THE ACACIA STRAIN 2025.“
Bei der Frage nach einem Experiment, das er schon lange im Kopf hat, aber noch nie umsetzen konnte, muss David nicht lange überlegen. „Es gibt einen Song von HIM, ‚Our diabolical rapture‘, und gegen Ende ist da dieser Part, wo eine cleane Gitarre alleine ein Akkordmuster spielt, dazu ein paar einzelne Noten. Und währenddessen dreht jemand langsam an einem Fuzz-Pedal und der Sound schwillt an, wird wieder zurückgenommen, baut sich neu auf. Ich liebe diese Idee total: ein Teil, in dem Verzerrung oder Fuzz wie eine Welle ständig hinzugefügt und wieder abgezogen wird. Für mich hat das etwas von einem Foreshadowing ... wie eine Drohung, die immer größer wird, sich zurückzieht und dann noch einmal kommt.“ Bisher hat sich in den Songs von THE ACACIA STRAIN aber nie der richtige Moment gefunden: „Ich will das nicht einfach machen, nur um es gemacht zu haben. Das müsste schon an der perfekten Stelle auftauchen, damit es wirkt. Vielleicht dauert es noch 20 Jahre, bis ich so einen Song schreibe. Aber das steckt immer irgendwo in meinem Hinterkopf.“
Und wie sieht es live aus? „Wir empfinden eine Art Hassliebe zum Touren. Am Ende einer Tour sind wir oft durch, aber eigentlich wollen wir sofort wieder los. Es geht immer darum: Wie können wir die Show besser machen, ohne dass die Tickets gleich 100 Dollar kosten? Pyro wurde uns mal für 98.000 Dollar angeboten, da war sofort klar: Nein, danke.“ Besonders spannend bleibt die Reaktion des Publikums: „Manchmal liebst du als Band einen Song und die Leute hassen ihn live. ‚Above‘ ist so einer, den wir total gern spielen, aber für das Publikum killt er die Energie jedes Mal. Dann wiederum gibt’s Songs, die wir gar nicht mögen, auf die die Fans aber komplett ausrasten. Am Ende heißt es: Gib den Leuten, was sie wollen.“
Und falls sich jemand fragt, wie man den Namen des Gitarristen ausspricht – David hätte da noch einen Wunsch an alle Interviewer: „Eine Frage, die mir noch nie gestellt wurde, die ich aber immer beantworten wollte? Wie man meinen Nachnamen ausspricht.“ Trotz der Schwere der Musik nimmt sich die Band selbst nicht immer bierernst. „Wir lachen viel im Studio. Viele der ekligen oder absurden Sounds entstehen erst, wenn wir uns gegenseitig anstacheln: ‚Kannst du was machen, das noch schlimmer klingt?‘ Dieser spielerische Ansatz hält uns frisch. Es geht darum, den Spaß am Experimentieren nicht zu verlieren ... auch wenn die Musik selbst oft alles andere als ‚spaßig‘ klingt.“
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