AGNOSTIC FRONT

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Vinnie Stigma, der geduldigste Mann der Welt

Vincenzo Cappuccio ist der bürgerliche Name des Gitarristen und Gründers von AGNOSTIC FRONT. Er wurde 1955 geboren und wuchs in Little Italy mitten in Manhattan in New York City auf – eine Sozialisation, die ihn tief geprägt hat. Er ist wie wohl kein anderer eine Ikone des New York City Hardcore und hat eine bewegte Lebensgeschichte, die sich kaum in einem Interview abbilden lässt – dafür braucht es ein ganzes Buch. „Vinnie Stigma – Der interessanteste Mann der Welt“ erschien im Sommer 2025 auf Deutsch, und ich nutzte im Sommer beim Punk Rock Holiday-Festival in Slowenien die Gelegenheit, ihn zu interviewen. Kein Thema des Interviews, weil noch nicht bekannt zu diesem Zeitpunkt, war das neue AGNOSTIC FRONT-Album „Echoes In Enternity“, das im November erschienen ist.

Vinnie, vielen Dank, dass du Zeit für uns hast. Hier ist die aktuelle Ox-Ausgabe, da ist eine Rezension deines Buchs drin.

Oh cool. Sehr schön gestaltet.

Danke. Bist du ein visueller Mensch? Du tätowierst, im Buch sind Zeichnungen von dir ...
Ja, schon als ich jung war, habe ich immer gezeichnet, oft habe ich Bäume gezeichnet. Die sind ziemlich einfach zu zeichnen. Ich habe immer einen kleinen Baumstumpf gemalt und fand, das sah ziemlich gut aus. Dann habe ich Augen gezeichnet, und kleine abstrakte Körperteile. Hände waren immer schwierig. Sogar da Vinci hat das gesagt. Ich war damals schon ein großer Fan von Leonardo da Vinci und bin es immer noch. Es gibt etwas, das man Leonardo’s Window nennt, da geht es um die Wahrnehmung der Welt, um den Blickwinkel.

Gab es in deinem Umfeld irgendetwas, das dieses Interesse, diese Fähigkeit gefördert hat? Du kommst ja nicht wirklich aus einer akademischen Familie.
Ich habe das im Grunde alles selbst gemacht. Viele Akademiker sind Idioten, die keinen gesunden Menschenverstand haben. Sie sind selbstgerecht, das ist mir aufgefallen. Es gibt nur ihre Meinung oder gar keine. Sie haben immer recht, sie liegen nie falsch. Ich dachte mir dann: Ja, scheiß drauf, Mann. Ich bin Punkrocker, ich mache, was ich will. Folge einfach deinem Herzen. Und weißt du was? Ob Akademiker oder nicht, wenn du etwas willst, kannst du es erreichen. Jeder kann alles erreichen, was er will. Sicher, manche Ziele sind schwieriger zu erreichen, und klar, in unserem Alter werden wir keine Astronauten oder Physiker mehr. Aber wenn man jung anfängt, oder auch wenn man älter ist, wenn man hart genug lernt, kann man es schaffen. Wenn ich ein Lied lernen will, ein sehr kompliziertes Lied, dann muss ich üben. Ich liebe Proben, ich liebe es, mich mit Freunden zu treffen, ein paar Bier zu trinken, dazu Pizza, und dann proben, proben, proben. Wenn es nicht gleich klappt, keine Eile, dann probieren wir es noch einmal. Es wird immer ein bisschen besser und schließlich klappt es. Du kannst alles schaffen.

Vinnie Stigma, der geduldigste Mann der Welt?
Ja. [Wendet sich an Tourmanager Mosh, der mit uns im Nightliner von AGNOSTIC FRONT sitzt] Wer ist der beste Musiker, den du je als Tourmanager begleitet hast?
Mosh: Du.
Danke. Das sage ich zu allen meinen Tourmanagern. Meine anderen Tourmanager sagen mir: „Stell mir diese Frage nicht mal ...“ Das ist wahr. Wenn du bei mir bleiben willst, dann bleib, und wenn du gehen willst, dann geh. Das ist mir egal, denn ich werde nur bis zu einem bestimmten Tag hier sein und dann bin ich weg.

Ich glaube, ich hätte einen besseren Untertitel für dein Buch als „ Der interessanteste Mann der Welt“: „The Friendliest Man on Earth“. Ich erinnere mich an eine Situation vor vielen Jahren, das war in Dortmund im FZW. Ich war damals nur an Roger Miret für das Interview interessiert und ehrlich gesagt dachte ich zuerst, du wärst der Tourmanager, weil du so freundlich und hilfsbereit warst. So habe ich dich seitdem immer wieder erlebt, und Ox-Kollege Sponge aus Berlin sagt das auch. Was ist das für eine Grundeinstellung?
Nun, ich bin ein glücklicher Mensch. Ich mache gerne, was ich mache. Ich habe viele Freunde und finde leicht neue Freunde, und deshalb verstehe ich nicht, was manche Leute für ein Problem haben. Manche Leute analysieren alles zu sehr, finde ich. So großartige Gitarristen wie Steve Vai und solche Typen, die können wahnsinnig gut Gitarre spielen, weil sie präzise sind, aber sie können keine Songs schreiben, weil sie nicht so denken können wie wir. Sie können sich nicht hineinversetzen in Leute wie uns, das ist es. Das sind akademische Gitarristen, und wenn man die Musik hört, gibt es keinen Song, es gibt fast keine Melodie. Man kann nicht mitsingen, es gibt keine Strophen, keinen Refrain, keine Abwechslung. Langweilt uns nicht, will ich denen sagen.

Welche Musik gab es bei euch zu Hause?
Als ich ein Kind war, war es Frank Sinatra. Und ich liebe Frank Sinatra, weil wir damals einfach in einer Frank Sinatra-Welt lebten. Und dann war da auch Enrico Caruso, ihn hörte ich bei meiner Großmutter, sie hatte Caruso-Platten. Ich erinnere mich an das Knistern der Platten, ich glaube, es waren 78er, nicht 45er. Die Aussprache, das Arrangement ... wenn man das hört, spürt man die Kraft der Musik. Oder Andrea Bocelli ... [er singt] Wenn es dich mitreißt, ich liebe dieses Gefühl, das ist die Art von Musik, die ich gerne höre. Später kamen dann Jimi Hendrix, Alice Cooper, Ozzy und BLACK SABBATH und all das. Ich habe immer schon verschiedene Musik geliebt, und ich habe gerade eine Country-Platte aufgenommen, die jetzt im Sommer erschienen ist. Die sie ist in einigen Country-Charts gelandet. Das läuft unter The Outlaw Vinnie Stigma. Ich kenne die richtigen Leute, der eine kann Banjo spielen, der andere Country-Fiddle, und wieder ein anderer Slide-Gitarre. Wir haben uns alle getroffen und sie sagten, ich solle singen. Ich sagte: Okay. Du kennst den Soundtrack zu „The Good, the Bad and the Ugly“? Es klingt fast wie der.

Aber es ist ein langer Weg zu klassischer Country-Musik, wenn man aus New York City kommt, oder?
Richtig. Und es ist auch nicht irgendein Johnny Cash-Cover, das ich gemacht habe. Ich singe alte Songs aus dem Bürgerkrieg aus dem 19. Jahrhundert, amerikanische Klassiker, und ich wollte das machen, weil ich nicht will, dass diese Musik verloren geht. Verstehst du, was ich meine? Wir sollten unser Erbe bewahren, unsere Musik, unsere Kulturen, unser Essen – und ich mag Fusion-Food!

Wir machen vegane Kochbücher. Und wir mögen italienisches Essen. Und du hast traditionelle italienische Rezepte in deinem Buch.
Ja, praktisch alle meine Rezepte sind vegan. Aber ich nenne es nicht vegan, ich nenne es einfach „food“. Ich weiß nicht, warum man dem einen speziellen Namen geben muss.

Wie traditionell war die Erziehung in deiner Familie? Es ist ein Klischee, aber in typisch italienischen Familien stehen die Frauen in der Küche und nicht die Männer ...
Ja, ich komme aus dieser Welt, ich bin ein Mann der alten Schule und ich bin froh darüber. Denn die Welt von heute ist anders, sie ist nicht mehr so wie früher. Wenn wir vor Jahren auf Tour waren, haben alle zusammen abgehangen, Bier getrunken, geredet ... Heute kommst du in einen Tourbus oder backstage und alle haben ihr Smartphone in der Hand. Es ist keine Gemeinschaft mehr, es geht jedem nur noch um sich selbst, um Selfies. Jeder hat eine Meinung, aber meine Meinung zählt mehr als deine, das ist die Einstellung. Aber zurück zur Küche: Ich war in der Küche mit meinen Tanten, meiner Großmutter, meiner Mutter. Und dann hieß es: „Vincent, mach die Dosen auf!“ Und ich habe die Dosen geöffnet und habe die schweren Töpfe geschleppt. Manchmal hat meine Großmutter geröstete Paprika gemacht. Sie hat diese Peperoni genommen und einen Monat lang an einer Schnur aufgehängt zum Trocknen. Dann musste ich diese große Pfanne holen und sie goss Öl hinein, röstete die Peperoni in dem Öl und das ganze Haus roch danach. Und meine Großmutter stand dann vor der Küchentür, mit Tränen in den Augen, wegen der scharfen Paprika, und ich ging zu ihr und sagte: „Oma, weine nicht.“ Dann habe ich mein Gesicht über die heiße Pfanne gehalten, damit mir auch die Tränen kommen, und gesagt: „Schau mich an, Oma, ich weine auch.“ Ich hatte immer schon viel Spaß beim Kochen.

Erinnerst du dich noch daran, wie AGNOSTIC FRONT zum ersten Mal nach Deutschland kamen?
Ja, das ist fast 40 Jahre her. Fast so lange kenne ich auch Mosh, meinen Freund und Tourmanager. Die Mauer stand noch. Es waren andere Zeiten. Das Equipment war ein ganz anderes, wir schliefen in besetzten Häusern ... Heute schlafe ich hier im Bus, aber es ist mir egal, wo ich schlafe, ich beschwere mich nie. Ich bin froh, hier zu sein. Wenn ich auf Tour bin, mache ich alles, was ich tun muss, damit die Tour weitergeht. Man muss ein Teamplayer sein.

Ich fand das Thema Schlaf in deinem Buch spannend. Ärzte sagen, man soll sieben Stunden pro Tag schlafen, damit die Gehirnzellen richtig funktionieren.
Besonders auf Tour wird man schon ein bisschen müde, gerade weil ich auf der Bühne alles gebe, jeden Abend. Ich nehme mir nie einen Abend frei. Ich nehme mir einen Abend frei, wenn ich wieder zu Hause bin. Bis dahin bin ich voll dabei. [Er baut sich einen Joint.] Ich bin wirklich kein großer weed guy, nur heute bin ich in der Stimmung dafür. Jemand hat mir Gras gegeben, ich habe das meiste davon verschenkt.

Wie ist die Rechtslage in New York City in Bezug auf Gras?
Ich rauche immer noch so, als ob gleich die Polizei um die Ecke kommen würde. Ich bin es nicht gewohnt, dass Gras legal ist. Ich finde es wichtig, dass von dem Geld, das mit Gras verdient wird, was an den Schulen oder Krankenhäusern ankommt. Ich erinnere mich noch, wie das mit den OTB-Wetten war, dem Off-Track Betting außerhalb der Rennbahnen. Da hieß es, wenn das reguliert ist, wird das den Schulen helfen. Na ja, wenn es funktioniert, aber amerikanische Kinder sind immer noch dumm im weltweiten Vergleich. Das System funktioniert einfach nicht, sie sind schlecht im Lesen. Ich bin selbst ein schlechter Leser, das muss ich zugeben. Ich bin überhaupt kein Akademiker, aber ich habe gesunden Menschenverstand. Es ist schrecklich, dass das Bildungssystem in den USA so schlecht ist. Denn mit Bildung kommt alles andere. Man kann seine Meinung haben, aber ist man gebildet, trifft man vielleicht eine kluge Entscheidung für sich selbst.

Du hast die Universität des Lebens besucht, die Punkrock Academy. Bereust du, dass du keine akademische Ausbildung hast, die du vielleicht mit einem anderen familiären Hintergrund hättest bekommen können?
Zunächst einmal sollte man den Kindern beibringen, wie man sich um seine Finanzen kümmert. Kinder wissen nicht, wie das geht. Wenn man mit den Zahlen nicht klarkommt, kommt man auch sonst nicht klar.

Einen interessanten Aspekt in deinem Buch finde ich das Thema Tattoos. Du bist Tätowierer, aber Tätowierungen waren in New York bis in die 1990er illegal.
Ja, aber ich weiß nicht mehr genau, bis zu welchem Jahr, ich sollte es wissen. Aber wen interessiert das schon? Ich habe trotzdem tätowiert. Das Gleiche gilt für Weed. Ich habe trotzdem Gras geraucht. Es war mir egal. Ich bin kein großer Kiffer, ich nehme einen Zug, trinke ein Glas Wein, rauche eine Zigarre, das ist mein Ding. Und das Tätowieren? Ich habe schon tätowiert, bevor es legal war. Und ich habe mich tätowieren lassen, bevor es legal war, als ich noch ein Kiddie war. Ich bin seit über 50 Jahren tätowiert. Das Tattoo hier habe ich 1971 oder ’72 bekommen, ich weiß nicht mehr genau.

Und als Tätowierer in NYC hattest du nie Probleme mit dem Gesetz? War es verboten, aber niemand hat wirklich was gesagt?
Nun, es gibt Vorschriften. Die wollen dir heute ja alles vorschreiben. Wie viel Zucker, wie viel Milch man in den Kaffee tut. Mit Tattoos war es dasselbe. Nun, ich kann das ein bisschen verstehen, wegen der Hygiene, okay, aber jeder anständige Mensch mit ein bisschen Verstand sollte seine Leute schulen. Genauso wie man einen Elektriker oder einen Polizisten ausbildet.

Aber hast du jemals erlebt, dass jemand, den du kennst, von der Polizei oder sonstwem für das Tätowieren verfolgt wurde?
Nein, ich weiß nicht. Das war wohl eher nur eine Formsache. Man konnte eben keinen öffentlichen Tattooshop betreiben, so wie ich das mit New York Hardcore Tattoos nun schon seit einem Vierteljahrhundert mache, mit legalen Tattoos. Das andere Vierteljahrhundert davor machte ich das – nach deren Regeln – illegal.

Ich war 1986 zum ersten Mal in New York, nur ein paar Tage, und damals war etwa die Gegend mit den kleinen Straßen am Times Square noch nicht so ein Disney-New York wie heute. Das war alles noch wild und schmuddelig, vor allem wenn man aus einer deutschen Kleinstadt kam. Wie wirken all diese Veränderungen auf jemanden wie dich, der in der Stadt aufgewachsen ist?
Es ist fast nicht mehr meine Stadt. Wir haben jetzt viele Deutsche dort, haha. Nein, es ist eine sehr touristische Stadt, man orientiert sich an den Bedürfnissen der Touristen, was in Ordnung ist. Es ist nur so, dass heute so viele Leute in der Stadt leben wollen, aber die verstehen New York einfach nicht. Die leben hier, aber die sind nicht von hier. Weißt du, diese Leute kann ich erkennen an ihrer Art zu gehen, an der Farbe ihrer Haut – ganz egal ob jemand schwarz oder weiß ist. Ich erkenne echte New Yorker an ihrer Gesichtsfarbe, daran, wie sich jemand anzieht, wie sich jemand bewegt.

Inwiefern sehen New Yorker anders aus? Wie anders gehen sie?
Zunächst einmal sind sie viel eiliger unterwegs. Man nennt das „New York minute“. Ich beobachte mich selbst dabei, wenn ich wieder nach Hause komme, nachdem ich in kleinen Städten in Deutschland oder Frankreich oder wo auch immer gespielt habe: dann merke ich immer, dass ich etwas langsamer gehe. Ich sage mir dann: Moment mal, whoa, wach auf! Ja, und die Leute von außerhalb schauen immer nach oben, weil sie noch nie so hohe Gebäude gesehen haben, und sie wissen nicht, dass sie zur Seite gehen sollten, wenn sie sich umschauen, weil sie sonst den Fußgängerstrom aufhalten. Die wirken, als würden sie umherirren. Lauf weiter, die Leute müssen weiter!

Und was ist das mit der Gesichtsfarbe? Sind New Yorker blasser, weil es kein Sonnenlicht gibt, oder worin liegt der Unterschied?
Nein, das ist es nicht, sie sind nicht blass, das Grau kommt von all dem Schmutz und Staub.

Hast du jemals daran gedacht, Vinnie Stigma’s New York Walking Tours für Punkrock anzubieten?
Das mache ich nur für Freunde. Wir haben schon genug Touristen in unserer Stadt. Und tatsächlich habe ich mal ein Video-Interview dazu gegeben, das findet man noch irgendwo. Das ist cool, da sieht man, wie ich durch die Straßen laufe, jemand aus dem Fenster ruft: „Yo, Vinnie!“ Ich weiß dann genau, wo ich hinschauen muss. Das ist noch wie im alten New York. Ich hatte eine alte Nachbarin, die über mir wohnte, und ich sagte zu ihr, weil sie eine alleinstehende Frau war: „Wenn irgendwas ist, klopf auf das Heizungsrohr.“ Ding, ding, ding, ding, ding! Wenn wir uns im Treppenhaus trafen, gab es immer eine lautstarke Begrüßung.

Das wirkt, wie man es aus alten Filmen kennt, die in New York City spielen.
Ich lebe diese Filme! Aber ich wusste immer schon, dass das eines Tages alles vorbei sein würde. Ich hatte vielleicht eine gewisse Vorahnung oder so. Zum Beispiel wegen der Sache mit dem Taubenschlag. Ich hatte früher auch Tauben auf dem Dach. Das geht heute nicht mehr wegen der Brandschutzvorschriften, Hygiene, diesem und jenem. Ich wusste, dass das irgendwann vorbei sein würde. Früher gab es in Little Italy die Tradition des Greasepole-Kletterns: Ein mit Fett beschmierter Telefonmast, den man hochklettern musste. Tja, irgendwann gab es das nicht mehr. Ich versuche, an solchen Dingen so gut es geht festzuhalten, und ich versuche, davon zu erzählen, damit zumindest die Erinnerung daran bleibt.

Was hat dich dazu bewegt, deine Autobiografie zu schreiben – jetzt und nicht schon vor zehn oder fünfzehn Jahren?
Ich wollte nicht einfach kein Buch schreiben, weil alle ein Buch geschrieben haben. Die Leute haben immer gesagt: „Vinnie, du musst ein Buch schreiben!“ Aber nur weil alle anderen das tun, muss ich das ja nicht auch tun. Als dann mein Freund Howie Abrams, der viele Bücher schreibt, damit ankam, sagte ich: „Okay, ich mache mit.“ Er ist seit 40 Jahren ein Freund von mir. Und ich sagte zu ihm: „Okay, ich schreibe ein Buch, aber ich will es anders machen. Ich will ein Buch, aber ich will einen Comic, ein Kochbuch, einen Bildband, alles in einem. Und ich will ein Quiz, das Buch soll Spaß machen, damit die Leute es lesen. Und es sollte eine Kindergeschichte geben, die heißt „Die Nase“. Mein Freund liest seiner kleinen Tochter jeden Abend eine Kindergeschichte vor. Und es sollte so sein, dass er zu ihr sagen kann: „Du kennst doch Onkel Vinnie, oder? Das ist seine Geschichte, als er noch klein war.“ Das Ganze ist im Grunde wahr, weißt du, aber ein bisschen fiktiv. Es ist die Geschichte, wie ich zur Schule gegangen bin, dass ich vor meiner Klasse aufgestanden bin, um allen meinen Freunden zu zeigen, dass ich Gitarre spielen kann. Bis heute erinnern sich Leute in Little Italy, wie ich in der Schule oder in der Kirche Gitarre gespielt habe. Diese Geschichten stehen für meine Kultur und meine Nachbarschaft, und die trage ich jeden Abend auf der Bühne mit mir herum. Ich repräsentiere sie. Ich bin kein Star, in meinem Buch geht es um die Menschen. In vielen Büchern von Musikern geht es immer so in der Art wie „Ich war ein Junkie, ich war ein Rockstar, ich war dies, ich war das, ich habe dies getan, ich habe das getan.“ Ja, okay, ist ja gut.

AGNOSTIC FRONT haben zusammen mit Bands wie SICK OF IT ALL und anderen das geschaffen, was man heute unter der „Marke“ New York City Hardcore kennt. Viele Bands, die heute diesen Sound spielen, leben gar nicht mehr in New York City. Was ist mit deiner Stadt passiert, dass NYHC seine Heimatbasis größtenteils verloren hat, von dir mal abgesehen?
Das CBGB’s hat geschlossen. Das ist der Grund. Als das passiert ist, war es vorbei. Das war „the day the music died“. Ich wohne immer schon um die Ecke vom CB’s. Ich erinnere mich, wie ich vor dem CBGB’s stand, ohne T-Shirt, ich kam direkt aus dem Pit, und ich sah die Tauben meines Großvaters herumfliegen. Leute fuhren im Auto vorbei, riefen mir aus dem Fenster zu: „Yo, Vinnie, hey, was machst du?“ Das waren meine Leute und meine Nachbarschaft. Tja, Clubs schließen, es gibt neue Vorschriften, und so weiter, und Gott sei Dank gibt es heute Jesse Malin, den Retter der New Yorker Musik und des Hardcore. Er ist der neue Hilly Crystal. Er hat die Clubs, er ist Teil der Szene, er ist ein toller Typ, ein großartiger Freund, und er rettet tatsächlich die Musikszene in der Stadt. Er hat sozusagen die Macht über die Clubs. Er ist mit den großen Stars und den kleinen Stars befreundet. Ich erinnere mich noch, als er 13, 14 war und vor dem CBGB’s stand, ein kleiner Junge. Und ich bin dafür bekannt, dass ich auf Leute zugehe und frage: „Hey, was machst du so?“ Er verkaufte Platten seiner Band HEART ATTACK, und ich sagte: „Lass mich mal reinhören. Wie viel, drei Dollar? Okay, ich kaufe dir eine ab und hör sie mir an.“ „God is dead“ war auf der A-Seite der Single und auf der anderen Seite war „Shotgun“. Ich sagte zu ihm: „Ja, ich mag ‚God is dead‘, aber ‚Shotgun‘ gefällt mir besser.“ Wir sind Freunde seitdem.

Wie hast du es geschafft, in New York City und in Little Italy zu bleiben, trotz all der Veränderungen in der Stadt?
Nun, meine Familie kommt von da, dort bin ich aufgewachsen, ich habe meine Wohnung behalten können, Dank der Mietpreisbindung. Jetzt bin ich im Seniorenalter, die können mich nicht mehr loswerden. Vielleicht setzen die mir ja mal ein schönes Denkmal, ich will meine eigene Straßenecke, haha: Stigma’s Corner. Die RAMONES haben ja auch eins bekommen!

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