
Das Quartett aus Australien ist mittlerweile eine absolute Institution im Metal- und Metalcore-Genre. Sie sind umtriebig wie eh und je und die Präsenz in Europa spricht für ihre Liebe zum hiesigen Publikum. Nach einem einschneidenden Line-up-Wechsel in Form des Ausstiegs von Cleansänger und Bassist Ahren Stringer steht nun das neue Album „House Of Cards“ in den Startlöchern und überrascht einmal mehr mit tiefgründigen Themen und einem neuen Ansatz, was Experimentierfreude anbelangt. Aus schweren Zeiten entspringen hervorragende Alben. Wir unterhalten uns mit Joel über die Hintergründe des neuen Albums und die Zukunft von THE AMITY AFFLICTION.
Hey Joel, ihr habt es geschafft, euch ein weiteres Mal weiterzuentwickeln. Neben neuen Elementen sind diesmal vor allem die Texte sehr persönlich geraten. Was ist die Geschichte hinter „House Of Cards“?
Das Album spiegelt meine Erfahrungen mit dem schwierigen Verhältnis zu meiner Mutter wider. Wir standen nie auf einer Seite und das hat mich sehr stark desillusioniert. Ich bin in einer kalten und von Missbrauch geprägten Umgebung aufgewachsen. Begleitet von Alkoholismus und Streitigkeiten. Daraus entstand für mich ein ständiger Zwiespalt zwischen der eigenen Erfahrung, wie eine Mutter ist, und meiner Vorstellung davon, wie eine Mutter sein sollte. Meine Mutter hat sich zu Tode gesoffen und starb 2024. Ein Jahr, das für mich unfassbar schwer zu ertragen war. Ich hatte außerdem einen engen Freund verloren, dem ich nicht Lebewohl sagen konnte, weil ich dachte, er hätte noch mehr Lebenszeit vor sich, aber ich lag falsch und bereue dies zutiefst. Hinzu kam, dass die Zeit in der Band in dieser Phase furchtbar und unfassbar belastend war. Es war Stress pur und ich habe kaum Luft bekommen. Die Musik auf „House Of Cards“ hat mir schließlich geholfen, alles zu verarbeiten und einen Ausweg aus dieser Abwärtsspirale zu finden. Es war nicht leicht, aber ich konnte diese Verluste schließlich bewältigen und mich freischwimmen. Musik war schon immer mein Ventil und „House Of Cards“ ist dadurch vielleicht noch einmal ein wenig persönlicher geworden als je ein Album zuvor. Hinzu kommt die Tatsache dass wir diesmal noch mehr darauf geachtet haben, uns keine Grenzen zu setzen und auch Sounds zuzulassen, die zu THE AMITY AFFLICTION auf den ersten Blick nicht passen. Wir haben viel experimentiert und sind total glücklich mit dem Ergebnis.
Wann habt ihr mit den Arbeiten zu „House Of Cards“ begonnen und wie würdest du den damaligen Zustand der Band beschreiben?
Wir hatten in 2024 gerade „All That I Remember“ veröffentlicht und begannen kurz danach mit dem neuen Album. Wir haben eigentlich immer einen festen Zeitplan. Das hilft uns dabei, genau zu wissen, wann du schreibst, wann du aufnimmst und wann du tourst. Im Studio waren wir zwischen dem Summer of Loud Festival in den USA und der Tour mit PARKWAY DRIVE in Europa. Wir funktionieren als Band deutlich besser mit einem gewissen Druck. Das führt bei uns definitiv immer zu besseren Ergebnissen. Wir wissen dann einfach, welche Zeiträume wir optimal nutzen müssen. Was den Zustand der Band zu dem Zeitpunkt angeht, würde ich diesen als sehr komplex beschreiben. Wir hatten intern ein paar sehr schwere Jahre hinter uns. Wir haben immer versucht, positiv in die Zukunft zu blicken und die Band in der Vordergrund zu stellen. Das war nicht immer einfach. Wir waren aber trotz aller Bedenken, wie die Veränderungen bei der Band angenommen werden und wie sie uns intern beeinflussen würden, immer motiviert und haben die positiven Aspekte herausgearbeitet und uns auf die Zukunft der Band gefreut. Es war insgesamt eine große Erleichterung.
Kannst du uns beschreiben, wie es zu dem Ausstieg von Ahren kam und wie das neue Line-up funktioniert?
Wir mussten Ahren leider während einer laufenden Tour nach Hause schicken, da seine Trinkgewohnheiten die gesamte Band negativ beeinflussten und wir so schlicht nicht mehr funktionieren konnten. Das hat alles unfassbar wehgetan und tut es noch heute, aber wir mussten diese Entscheidung treffen, weil es einfach keine andere Möglichkeit gab. Es war eine beschissene Situation für alle und man kann daran rein gar nichts beschönigen. Nachdem so wir Fakten geschaffen hatten, mussten wir über Nacht jemanden finden, der sich die 17 Songs auf die Schnelle draufschafft. Zuerst half Tim von TRUE NORTH kurz bei uns aus. Allerdings hat er eben seine eigene Band, die berechtigterweise oberste Priorität für ihn hatte. Aber zum Glück haben wir dank der vielen Touren unfassbar viele Freunde gewonnen, und einer davon schlug uns Jonny vor. Was soll ich sagen, es hat einfach sofort gepasst. Er kam dann direkt mit auf Europatour und kurz darauf haben wir ihn gefragt, ob er ein festes Mitglied der Band werden will. Manchmal birgt so ein Einschnitt eben auch positive Entwicklungen und wir sind unfassbar froh, dass alles so gekommen ist. Jonny ist ein verdammt wichtiger Teil von TAA geworden. Wir sind unendlich dankbar, dass es so viele Menschen in unserem Umfeld gibt, die die Band auf ihre Weise unterstützen, und wenn es nur solche Kleinigkeiten sind, wie dich mit Leuten zu vernetzen, die eine Rolle in der Band ausfüllen können, wie im Fall von Jonny. Dieses engmaschige Netz aus Freunden und Supportern hat uns in dem Fall wirklich den Arsch gerettet.
Inwiefern hat sich das Songwriting durch den Line-up-Wechsel verändert? Existiert dank Jonny eine neue Dynamik innerhalb der Band?
Grundsätzlich gehen wir seit jeher immer gleich vor. Seit 2004 schreibe ich die Lyrics und Hauptsongwriter ist seit 2012 Dan. Allerdings muss man sagen, dass sämtliche Ideen, die Jonny eingebracht hat, es auch aufs Album geschafft haben. Er ist eine echte Bereicherung. Im Endeffekt hat Jonny die Rolle von Ahren eins zu eins übernommen. Er passt aber auch perfekt zu unserer Art zu arbeiten. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie effizient und auf Augenhöhe wir gemeinsam neue Musik schreiben. Aber wie gesagt, wir brauchen diesen selbstauferlegten Druck, um zu funktionieren. Wenn du dir über Jahre eine Arbeitsweise angewöhnt hast, ist es manchmal schwer für Außenstehende, das nachzuvollziehen, Jonny konnte sich aber sofort einbringen, ohne das Gefüge ins Wanken zu bringen. Das ist schon eine Kunst für sich und verdient absoluten Respekt. Er ist allerdings insgesamt ein absolut cooler Typ, der die Vision, die wir als Band haben, direkt verstanden, respektiert und nie in Zweifelt gezogen hat.
Der Ausstieg von Ahren wurde in den sozialen Medien kontrovers diskutiert. Spürt ihr die Auswirkungen intern und in den sozialen Medien noch heute?
Natürlich. Online lässt es langsam nach, aber es ist noch immer ein Thema und keines, mit dem man leichtfertig umgehen kann. Ich hatte mich damals so weit von Social Media zurückgezogen, dass ich nicht alles ungefiltert mitbekommen habe. Es hätte mich zu sehr belastet. Wenn du in der Öffentlichkeit stehst, haben die Leute das Gefühl, du gehörst ein Stückweit ihnen. Ich weiß nicht, woher die Leute sich das Recht nehmen, uns mit Beleidigungen einzudecken, aufgrund von etwas, das sie nur oberflächlich mitbekommen, dessen Hintergründe sie nicht kennen, ja vielleicht nicht einmal verstehen könnten, und das sie hart gesagt auch eigentlich nichts angeht. Intern betrachtet war es die beste Entscheidung, uns von Ahren zu trennen. Wir sind sehr entspannt, glücklich und sehen der Zukunft extrem positiv entgegen. Wir kommunizieren immer sehr klar miteinander und das macht alles einfacher. Das ist ein wirklich großer Unterschied im Vergleich zum Zustand der Band in den vergangenen Jahren. Diese Leichtigkeit, die wir momentan verspüren, kannten wir fast nicht mehr. Bei allem Druck, den wir als Band brauchen, möchten wir diese Last hinter uns lassen und befreit nach vorne schauen.
Ihr habt als Band unfassbar viel erreicht. Wie schafft ihr es, euch immer wieder selbst zu neuen musikalischen Höchstleistungen anzuspornen.
Woher nehmt ihr die Motivation?
Erst einmal Danke für die lieben Worte. Manchmal muss man durchatmen und sich bewusst machen, woher wir kommen und wohin wir es geschafft haben. Es tut gut, dieses Feedback zu bekommen, und wir sind sehr dankbar für alles, was rund um die Band passiert. Ich glaube, für mich gilt schon mein ganzes Leben lang, dass ich immer nach vorne blicken muss, immer in Bewegung sein muss, da ich sonst einfach tot umfallen würde. Wie sagt man so schön: Stillstand ist der Tod. Der Wille, neue Musik zu schaffen, ist ein so großer Teil meines Lebens, dass ich nicht wüsste, wie ich ohne das leben sollte. Ich könnte, glaube ich, die Stille durch den Wegfall der Musik auch niemals adäquat kompensieren. Also lasse ich das lieber und bleibe bei dem, was ich kann: Musik schreiben und Musik spielen. Die Bühne ist zu meinem zu Hause geworden. Einen großer Teil unserer Motivation ziehen wir natürlich aus den vielen Konzerten und dem Feedback, das uns unsere Fans geben. Das treibt einen an und lässt einen selbst in den schwersten Momenten aufstehen und weitermachen. Wir sind den Menschen, die uns unterstützen, super dankbar und versuchen, dies mit guter Musik zurückzuzahlen. Wir machen das, so lange es irgendwie geht, selbst wenn uns dann irgendwann jemand auf die Bühne helfen muss.
Welches wäre der perfekte Soundtrack für einen THE AMITY AFFLICTION Song?
Wir versuchen seit Jahren auf den Soundtrack eines NHL-Spiels zu kommen. Hast du einen guten Kontakt für mich? Kann uns hier bitte jemand helfen der dies liest? Das wäre einfach der Hammer und für mich ein absoluter Traum. Darüber hinaus wäre uns aber auch jeder andere Soundtrack recht. Das wäre insgesamt schon wieder so eine krasse Errungenschaft. Aber wir schauen nach uns, arbeiten hart weiter und wie so viele andere Dinge die wir nicht für möglich gehalten hätten, passiert es vielleicht irgendwann ganz von selbst. Was das angeht wollen wir weiterhin unsere Songs schreiben. Nach so vielen Jahren nun anzufangen den eigenen Stil zu verändern dass man besser in irgendeine Schublade passt würden wie niemals tun. Wir sind es uns selbst schuldig uns treu zu bleiben.
Gibt es ein Traum-Package, mit dem ihr gerne einmal touren würdet?
Oh ja das das gibt es. THE PLOT IN YOU, weil sie unsere besten Freunde sind. BRING ME THE HORIZON, um jeden Abend eine der besten Produktionen im Bereich harter Musik mitzuerleben. Und dann POISON THE WELL, um mir jeden Abend die Stimme zu versauen, weil ich jeden einzelnen Song mitschreien würde, bis ich nicht mehr kann. Also sollte das jemand lesen, der es möglich machen könnte, kontaktier uns. Haha. Nein Spaß beiseite, das wäre ein absoluter Traum. Wir haben in der Vergangenheit allerdings mit so vielen
verdammt guten Bands gespielt und dabei so viele Freunde gewonnen, dass wir uns sowieso niemals beschweren dürfen. Wir haben mehr erreicht, als wir uns es jemals erträumt haben, und mit Bands gespielt, in denen wir echte Vorbilder und Helden sehen.
Was steht als Nächstes bei euch an und wann sehen wir uns wieder in Deutschland?
Wer uns mittlerweile etwas kennt, weiß ja, dass wir nahezu immer auf Tour sind. Was Deutschland angeht, sind wir am 18.09. zum Start unserer „House Of Cards“-Tour in Wiesbaden im Schlachthof und spielen zusammen mit SILENT PLANET, VARIALS und ORTHODOX. Kommt vorbei! Ihr solltet die neuen Songs wirklich nicht verpassen.
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