© by Jack TripperDer Charakter der Formation aus Baltimore war schon immer stark mit dem von Frontmann Justice Tripp verknüpft. Spätestens seitdem er das einzige verbliebende Gründungsmitglied ist, drei ehemalige Mitglieder konzentrieren sich voll auf ihren Job bei TURNSTILE, dreht sich sowieso alles um ihn. Mit dem neuen Album „Cold 2 The Touch“ füllt Tripp diese Rolle auf eine ganz neue Weise aus, denn im Mittelpunkt steht nicht mehr das Spalten von Meinungen oder die Abgrenzung von seiner anderen Band TRAPPED UNDER ICE, sondern vielmehr das Bewusstsein, für ein Publikum zu spielen, das sich ernsthaft für ihn und seine Kunst interessiert.
Im Rahmen des neuen Albums wirst du mit dem knappen Statement „ANGEL DU$T ist Rock’n’Roll“ zitiert. Ist das als Kommentar zu der ständigen Diskussion zu verstehen, dass eure Musik nur schwer kategorisierbar sei?
Wir machen sehr bewusst immer wieder etwas anderes, deshalb überrascht es mich nicht, wenn die Leute manchmal verwirrt sind. Aber das ist doch genau das Wesen von Hardcore: ausprobieren und neue Wege gehen. Was dieses Album besonders macht: Wir haben nicht nur neue Türen geöffnet, sondern gleichzeitig auch bestimmte Beschränkungen aufgehoben, die wir uns früher selbst verordnet hatten. Nach dem Motto: Das können wir nicht machen, das haben TRAPPED UNDER ICE schon gemacht. Oder: Das ist gerade angesagt. Diesmal war es eher: Wenn schon Grenzen einreißen, dann richtig. Jetzt erlaube ich es mir, mit ANGEL DU$T etwas zu machen, das man schon von TRAPPED UNDER ICE kennt, oder etwas, dass gerade populär ist. Es geht darum, etwas Authentisches und Einzigartiges zu erschaffen, mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen.
Hat euch das zu einem härteren Sound geführt?
Die Hardcore-Energie steckte natürlich schon immer in ANGEL DU$T. Dieses Album setzt wieder stärker auf die härtere Seite, die wir zuletzt vielleicht etwas vernachlässigt haben. Früher dachte ich oft: Das klingt zu sehr nach TRAPPED UNDER ICE, das will ich nicht. Ich wollte eine klare Trennung, aber die Bands sind unterschiedlich genug. Wenn ich auf eine bestimmte Art singe, die an TRAPPED UNDER ICE erinnert, dann ist das so, weil ich der Typ bin, der dort ebenfalls singt. Ich bin davor ein bisschen weggelaufen und fand Vergleiche fast beleidigend. Inzwischen weiß ich, das ist kein Angriff, sondern normal. Ich liebe es, Neues zu erkunden, aber nicht alles muss maximal einzigartig sein. Man darf auch feiern, was einen als Künstler ausmacht. Das war eine befreiende Feststellung und macht Spaß.
Das zehnjährige Bandjubiläum habt ihr schon vor zwei oder drei Jahren gefeiert, wie präsent sind die Anfangstage von ANGEL DU$T noch? War es damals ein großes Ding, die Band zu starten, oder keine besondere Sache?
Eher wie eine Party, die durch gemeinsames Abhängen entstand. TRAPPED UNDER ICE waren eine große Maschine, ANGEL DU$T sollten das Gegenteil davon sein. Also fragte ich meine besten Freunde: „Hey, ich will dieses lustige Ding machen und alberne Songs schreiben – wer ist dabei?“ Wir haben es einfach gemacht und hatten eine gute Zeit. Dann entstand plötzlich Nachfrage, die Leute mochten es, was großartig war, aber ich habe heute das Gefühl, dass ich zu Beginn vieles absichtlich halbherzig vorgegangen bin, weil ich nicht wollte, dass es funktioniert. Ich habe es fast sabotiert, denn es sollte einfach nur eine Spaßveranstaltung sein. Ich wollte kreativ spalten, vielleicht sogar ein bisschen nerven und den Leuten unter die Haut gehen. Das Publikum mochte es trotzdem – zum Glück. Und so wurde ANGEL DU$T zu dem, was wir heute sind: eine sehr aktive Band, die das Ganze auf einem ähnlichen Level wie damals genießt.
Wie viel von dieser ursprünglichen Idee der Band steckt noch im neuen Album?
Ein bisschen davon ist noch da, vor allem die Idee des Austestens der Grenzen, in denen Musik funktioniert. Das alleinige Ziel ist aber nicht mehr, dass Leute sagen: „What the fuck?“ Früher war genau das mein Lieblingsding. Als wir bei Roadrunner unterschrieben und eine Pop-Rock-Platte gemacht haben, meinte das Label: „Die Leute werden das hören und sagen: What the fuck!“ Und ich sagte: „Super, wir sind die What-the-fuck-Band.“ Das ist nicht ganz weg, aber heute geht es uns nicht mehr darum, absichtlich antagonistisch zu sein. Der Fokus liegt mehr darauf, etwas zu machen, das den Hörern Freude bringt, also dem Publikum dient. Vielleicht ist das Teil des Erwachsenwerdens, denn ich kann Dinge machen, die die Menschen lieben, die ich selbst liebe, und das ist okay.
Sind dadurch auch die Texte ernster geworden?
Ich erlaube mir, Dinge anzusprechen, die ich mit ANGEL DU$T vorher nicht angefasst habe oder zumindest nicht aus dieser Perspektive. Manche der Emotionen habe ich früher eher bei TRAPPED UNDER ICE rausgelassen. Aber am Ende des Tages bin das einfach ich, also versuche ich, dem Publikum mein authentischstes Selbst zu zeigen. Ich kann mich glücklich schätzen, dass Menschen sich für meine kreative Arbeit interessieren, warum sollte ich ihnen davon nicht mehr geben?
Also keine Songs mehr wie „Bang my drum“?
Das mit „Bang my drum“, das war eine gute Zeit, aber es war sehr antagonistisch. Es war etwas, das ich liebe, von dem ich aber wusste, dass mein Publikum es vielleicht nicht mag. Natürlich macht man keine Alben für Leute, man macht sie aus einem Gefühl heraus. Aber man sollte auch bedenken, dass es Menschen gibt, denen das, was man tut, etwas bedeutet. Das war für mich lange schwer zu akzeptieren, ich habe nicht gesehen, wie viel Wert meine Arbeit für andere hat. Es fühlt sich fast egozentrisch an, das laut zu sagen – aber ich bin einfach sehr dankbar, dass meine Musik die Menschen erreicht. Rob Schnauf, mit dem ich „Yak“ gemacht habe, war der Erste, der meinte: „Das ist wunderschön, aber ist es das, was dein Publikum von dir will?“ Ich dachte: Wen interessiert’s? Er hat mir gezeigt, dass man als Künstler sich selbst dient, aber auch seinem Publikum. Bis dahin hatte ich nie darüber nachgedacht, dass ich überhaupt ein Publikum habe.
© by Fuze - Ausgabe #116 Februar/März 2026 und Christian Biehl
© by Fuze - Ausgabe #116 Februar/März 2026 und Christian Biehl
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #144 Juni/Juli 2019 und Joachim Hiller
© by Fuze - Ausgabe #91 Dezember/Januar 2021 und Christian Biehl