ANGEL DU$T

Foto© by Jack Tripper

Für immer Hardcore

ANGEL DU$T gehören wohl zu den vielseitigsten und unberechenbarsten Bands der US-Hardcore-Szene. Die Idee für diese Supergroup hatten Mitglieder von TURNSTILE und TRAPPED UNDER ICE. Heute ist nur noch Sänger Justice Tripp von der ursprünglichen Formation übrig. Im Interview spricht er über sein Konzept von Hardcore, über ADHS und wie es ihn als Musiker beeinflusst, sowie über das neue Album „Cold 2 The Touch“.

Wie geht es dir mit der neuen Platte und wie lief der Entstehungsprozess?

Es fühlt sich gut an! Es ist ein Album entstanden, das genau so ist, wie ich es haben wollte. Meine Vision verschiebt sich von Release zu Release immer ein bisschen und trotzdem gibt es jedes Mal gewisse Konstanten. Brian McTernan ist ein super Produzent und versteht, was wir als Band wollen und was live gut funktioniert.

Auf dem Album geht es viel darum, das eigene Leben bestmöglich zu gestalten, bevor es vorbei ist. Im Titelsong „Cold 2 the touch“ gibt es zum Beispiel die Zeile „Fear in their hearts as times goes crawling by“. Gab es bestimmte Erlebnisse in deinem Leben, die dazu geführt haben, dass das Thema so präsent ist?
Mein ADHS spielt da eine große Rolle. Ich habe oft das Gefühl, dass ich mich selbst oder andere unterhalten muss. Schon als Kind war ich ein richtiger Entertainer. Ich konnte nicht still sitzen, sondern musste die ganze Zeit herumtanzen und brauchte die volle Aufmerksamkeit. Andere sehen ADHS vielleicht als Einschränkung an, aber für mich war es ein Geschenk. Der Titelsong ist aber auch an eine neue Welle von Bands in der Hardcore-Szene gerichtet, die meiner Meinung nach nur Musik machen, weil sie erfolgreich sein wollen. Hardcore, Punk und Alternative-Rock sind für mich keine Werkzeuge, um den Durst nach Ruhm zu stillen. Das hört man ihrer Musik auch an, weil sie keine Substanz hat und nicht authentisch ist. Ich glaube, dass man anhand unserer Musik merkt, dass ich kein Gatekeeper bin. Ich liebe es, neue Leute und Elemente zu integrieren. Aber manche Bands und Solo-Künstler sind für mich nicht mehr als Touristen in der Szene.

Du selbst bist schon lange ein Teil dieser Szene und hast bereits in ganz unterschiedlichen Hardcore-Bands gespielt. Hattest du diese Einstellung bereits von Beginn an oder hat sie sich erst mit der Zeit entwickelt?
Das Schöne an Hardcore ist, dass sich die Szene immer weiterentwickelt. Die BAD BRAINS hatten zu Beginn ihrer Karriere eine andere Vision, als es Bands wie TERROR oder TURNSTILE heutzutage haben. Es gibt aber ein paar Werte, die unsere Szene definieren und an denen man nicht rütteln kann. Authentizität und Energie stehen an oberster Stelle. Es ist egal, wer oder was du bist. Wenn du ein richtiger Langweiler ist, musst du einen Weg finden, langweilig und gleichzeitig energetisch zu sein. Wenn du ein Clown bist, mach dir deine Schminke ins Gesicht und spring von der Bühne in die Crowd. Wenn ich live spiele, ist es meine Aufgabe, dass sich die Leute bewegen und mit etwas identifizieren können. Besonders diejenigen, die sich in der Gesellschaft eher wie Aliens fühlen. Ich erreiche vielleicht nicht jeden Menschen mit meiner Art, aber niemand kann sagen, dass ich nicht authentisch wäre.

Du hast gerade eben deine langjährigen Freunde TURNSTILE erwähnt. Wie siehst du deren Entwicklung als Band?
TURNSTILE verkörpern genau das, was sie sind. Sie sind intelligente und herzensgute Menschen, haben einen coolen Style und sind gut vermarktbar, ohne es zwingend sein zu wollen. Sie haben nie den Blick dafür verloren, was für sie und die Hardcore-Szene wichtig ist. Für mich sind sie absolute Meister darin, die Energie bei Live-Shows zu steuern. Auch bei ihnen hat alles mit den BAD BRAINS angefangen und ich bin der Meinung, dass jede Hardcore-Band mal was von BAD BRAINS gehört haben sollte.

Ich habe TURNSTILE zuletzt auf ihrer „The Never Enough Tour“ in Düsseldorf gesehen und war beeindruckt, wie gut sie ihre Energie auf mehr als 7.000 Menschen übertragen können.
Total! Ich glaube nicht, dass eine Hardcore-Band schon mal vor solch großen Crowds gespielt hat. Immer wenn ich mit ANGEL DU$T auf größeren Festivals spiele, merke ich, wie schwierig das ist. Es verlangt einem eine ganze Menge ab. Ich kann mir nicht erklären, wie TURNSTILE es immer wieder hinbekommen, live den nächsten Schritt zu gehen.

Du hast bereits euren Produzenten Brian McTernan erwähnt. Wie hat er euer neues Album beeinflusst?
Brian hat mir viele Freiheiten gelassen und mich motiviert, kreativ zu sein und Normen in Frage zu stellen. Er versteht ANGEL DU$T und weiß einfach, wie man an ein Hardcore-Album herangehen muss. Ich habe den Vorgänger „Brand New Soul“ damals selbst produziert und dabei viele Dinge ausprobiert. Die Produktion ist völlig drüber, was nicht unbedingt schlecht sein muss. Brian hat direkt meine Idee dahinter verstanden und mir Tipps gegeben, wie der Sound zusammenhängender sein kann und noch besser die Energie von Hardcore repräsentiert.

Lass uns noch über „Du$t“ sprechen. Der Song besteht aus zwei Teilen, geht ruhig los und nimmt dann richtig an Fahrt auf. Inhaltlich klingt der Anfang so, als hättest du einen wichtigen Menschen in deinem Leben verloren.
Zuerst hatten wir den zweiten Teil des Songs fertig. Ich wollte ein Bild davon zeichnen, was Traumata und Verluste mit einem Menschen anstellen können. In der Vergangenheit wurde mir oft gesagt, mein Verhalten würde bedrohlich wirken. Das hat mit meiner Kindheit zu tun und Dingen, die mir passiert sind. Mit dem Song wollte ich erklären, warum ich so bin, wie ich bin. Zusätzlich wollte ich auch mit einer Metapher arbeiten und dieses postapokalyptische Bild erzeugen: die Welt ist am Arsch, ich habe eine Knarre in der Hand und muss mich verteidigen. Das Problem war, dass der Song nicht erklärt hat, warum ich zu diesem missverstandenen Psychopathen geworden bin. Deshalb habe ich einen zweiten Song geschrieben, in dem es um den Tod einer geliebten Person geht. Jeff Casazza von Run For Cover Records meinte dann, dass wir die beiden Songs zusammenführen sollen, damit die Leute die komplette Geschichte verstehen. Ich wusste direkt, was er meint. Ich bin mein ganzes Leben lang falsch verstanden worden und glaube nicht, dass das irgendwann mal aufhört.

„Cold 2 The Touch“ ist das erste Album, das ihr bei Run For Cover Records veröffentlicht. Es ist bekannt, dass du einige Freunde bei dem Label hast. Was bedeutet dir diese Kooperation?
Es fühlt sich an, als würde sich ein Kreis schließen. Ich respektiere dieses Label sehr und wollte schon immer mit den Leuten dort zusammenarbeiten. Eigentlich dachte ich ja, dass ANGEL DU$T nicht zu Run For Cover passen würden. Irgendwann habe ich privat mit Dane McGoldrick darüber gesprochen, wie das nächste Album von ANGEL DU$T werden soll. Er meinte dann, dass wir die Platte ja auf Run For Cover rausbringen könnten.

Vielleicht hatten deine Zweifel auch etwas damit zu tun, dass ANGEL DU$T soundtechnisch schwer zu greifen sind. Ist das eher ein Fluch oder ein Segen?
Aus wirtschaftlicher Sicht hat es einiges schwieriger gemacht. Wie du schon sagst, es gibt nicht diesen einen Sound, den man uns zuordnen kann. Es war aber auch schon immer ein Ziel von mir, etwas ganz Eigenes zu erschaffen. Wir haben mit der Zeit so viele tolle Menschen kennengelernt und unsere Fans sind unglaublich unterschiedlich. Wenn ich mit 90 Jahren noch mit ANGEL DU$T auf der Bühne stehen kann und es den Leuten etwas bedeutet, dann könnte ich nicht glücklicher sein.

Zu eurem 2019 erschienen Album „Pretty Buff“ wurdest du in einem Interview gefragt, ob es ein Zuhause für ANGEL DU$T gibt. Du meintest damals, dass du dich als Vagabund siehst. Ist das immer noch so?
Ja, in vielen Situationen ist das noch so. Ich glaube, dass ich damit vor allem meinen damaligen Lebensstil meinte. Ich bin in Baltimore aufgewachsen und war schon früh auf Tour, wodurch ich mich in Städte wie Atlanta, Richmond, New York City oder Los Angeles verliebt habe. Ich habe vor langer Zeit sogar wegen meiner damaligen Freundin mal eine Weile in Berlin gelebt. Heutzutage fühle ich mich mehr als je zuvor in Baltimore zu Hause und freue mich immer darauf, dorthin zurückzukehren.

Dein Lebensstil klingt ein bisschen wie die Art und Weise, wie ihr als ANGEL DU$T funktioniert.
Auf jeden Fall! Eine Stadt könnte bei dem Vergleich als musikalisches Werkzeug oder ein Genre gesehen werden. Ich werde immer gerne zu bestimmten Orten zurückkommen und als Band werden wir immer Songs von älteren Releases in unserem Set haben.

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