© by Joe KoonzAni Kyd Wolf hat 2025 ein neues Album namens „The Last Steps Of Man-Unkind“ bei Alternative Tentacles veröffentlicht, das ihr 20-jähriges Veröffentlichungsjubiläum bei Alternative Tentacles markiert – ihr erstes Solo-Album „Evil Needs Candy Too“ erschien dort 2005. Mit den ROYAL STRAYS, einem Nebenprojekt mit Don Binns und Don Short von den legendären SONS OF FREEDOM aus Vancouver, hat Ani aktuell ebenfalls ein Album veröffentlicht – mit Anklängen an Lounge, Kabarett und Blues –, das im Oktober bei einem Auftritt als Vorband von Lene Lovich vorgestellt wurde.
Aber Ani ist auch eine Powerfrau in den Medien. Sie hatte 2025 eine regelmäßige Show auf dem YouTube-Kanal „Punk Globe Magazine“ namens „This is Punk Rock“, in der sie bekannte Persönlichkeiten aus der Region, wie etwa Joe Keithley oder John Wright interviewte. Außerdem dreht sie Musikvideos für sich und ihre Freunde, darunter Stephen Hamm (siehe das THEREMIN MAN-Video zu „Are you receiving me?“). Dabei hilft es, dass Ani auf dem Gelände einer Setdesign-Firma namens Industrial Works in Langley wohnt, die Teil der boomenden kanadischen Filmindustrie ist. Außerdem bereitet sie gerade einen Horrorfilm vor mit dem Titel „Spawn of the Living Dead“, der von John A. Russo (Drehbuchautor von George A. Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“) geschrieben wurde und in dem Michael Berryman und Bill Moseley mitspielen.
Einer meiner unvergesslichsten Konzertmomente war ein Auftritt von Jello Biafra in Vancouver zusammen mit Ani Kyd Wolf (damals nur Ani Kyd; sie nahm später den Nachnamen ihres Mannes Chris Wolf an). Heute lacht sie darüber und erinnert sich daran, wie sie Biafra völlig dominierte: „Ja, er hatte totale Angst, das war urkomisch.“ Zu sehen, wie Ani Jello an diesem Abend völlig überwältigte, war also ein höchst unterhaltsames Erlebnis. Es war 2013. Jello war in der Stadt, um seinen 55. Geburtstag zu feiern. Eine neu formierte Version von Anis Grunge-Metal-Band FUEL INJECTED .45 spielte eine Reihe von Songs, dann betrat Jello die Bühne, um seine eigenen Songs zu spielen, wobei FUEL INJECTED .45 seine Begleitband waren.
Der fragliche Moment ereignete sich jedoch zuvor, auf dem Höhepunkt von Anis Auftritt. Jello war an einen Stuhl gefesselt – oder tat zumindest so –, während sie mit dem Mikrofon in der Hand um ihn herum kreiste und das FUEL INJECTED .45-Stück „Sex song“ sang, wobei sie bei einer Textstelle regelrecht brüllte, in der es darum ging, ihn zu ihrem „Sexsklaven“ zu machen: „Dripping sweat, your cock in hand / Fuck my pussy, I demand!“ Ihre Bewegungen erinnerten fast an einen Lapdance. Man spürte, dass Jello unsicher war, was er tun sollte, und als er anfing mitzusingen, tat er dies voller übertrieben gespielter Unbehaglichkeit. Aber vielleicht war es gar nicht so gespielt ...
Anlässlich dieses Interviews lud Ani meine Frau und mich zu einem veganen Abendessen ein. Sie ernährt sich vegan und glutenfrei, kocht aber für ihren Mann Eier aus ihrem Hühnerstall, in dem sie gerettete Hühner hält.
Du hast Jello vor 25 Jahren am Set der Horrorkomödie „The Widower“ kennen gelernt, bei der Em Rogers Regie führte, damals noch unter ihrem früheren Namen Marcus Rogers, richtig? [Em hat später auch das D.O.A.-Video zu „I live in a car“ gedreht und für verschiedene andere Rock-Projekte gearbeitet. Es existiert zudem ein Interview von Ani mit Em für „Punk Globe“; ihr Name und ihre Pronomen wurden in diesem Gespräch aktualisiert. Anm. d. Verf.]
Damals traf ich Em auf einer Halloween-Party, und ich trug dieses wirklich coole sexy Krankenschwesternkostüm. Und sie fragte: „Ani, kann ich mir das Outfit ausleihen? Wir drehen doch diesen Film und da gibt es die Figur der Bestatter-Assistentin, die einen coolen Look haben soll, und das ist verdammt cool.“ Es war ganz auf mich zugeschnitten und hatte dieses Korsett ... Ich sagte: „Kein Problem, wann braucht ihr es?“ Em sagte: „Morgen oder übermorgen?“ Als Em am nächsten Morgen anrief, fragte ich: „Okay, holt ihr das Ding ab oder ...?“ Em sagte: „Ja. aber können wir dich auch ausleihen? Die Frau, die diese Rolle spielen sollte, wurde am Flughafen aufgehalten.“ Ich sagte zu und Em meinte: „Okay, du spielst die Assistentin des Leichenbestatters, ihr seid ein Liebespaar, und dann wird es irgendwie schräg ...“ Und ich dachte, den Bestatter spielt vielleicht Nardwuar oder Joey Keithley, sicher jemand, den ich kenne. Und Em sagt: „Jello Biafra!“ – „Machst du Witze?“ Ich war immer ein großer Fan der DEAD KENNEDYS. Also sagte ich: „Okay, alles klar.“ Das hat mich völlig umgehauen! Also bin ich hingefahren, habe mich hingesetzt und gewartet, während sie alles vorbereitet haben. Dann kam Jello herein, er war ganz normal. Wir fingen an zu reden und da war sofort diese seltsame Verbindung. Ich dachte nicht, meine Güte, das ist ein Star, sondern es war gleich so, als wäre er jemand, mit dem ich gerne Zeit verbringe, weil er einfach eine tolle Persönlichkeit hat. Irgendwann fing er an, im Terminal City, einem inzwischen eingestellten Lokalblatt aus Vancouver, zu blättern, und entdeckte darin ein Bild von mir. Er sah mich fragend an, also erklärte ich ihm: „Eigentlich bin ich Musikerin.“ An und für sich hatte ihm gar nicht erzählen wollen, dass ich Musikerin bin, weil ihn bestimmt immer alle fragen: „Nimmst du mich unter Vertrag?“ Aber er meinte: „Kann ich deine Musik mal hören?“ Nun, Marc L’Esperance hatte gerade ein Demo mit Songs aufgenommen, die er und ich zusammen geschrieben hatten, und wir hatten CDs davon, also sagte ich: „Okay, ich bring dir eine CD mit.“ Es gibt manchmal diese besondere Energie, wenn man jemanden trifft. Wir waren einfach gleich auf einer Wellenlänge. So habe ich ihn also kennengelernt, und am letzten Tag habe ich ihm unsere CD mitgegeben. Einen Monat später fuhr ich nach San Francisco, denn er hatte gesagt: „Wenn du mal in der Stadt bist, ruf mich an, dann trinken wir einen Kaffee oder so.“ Ich meldete mich also bei ihm: „Hey, ich komme vorbei.“ Da dachte er vermutlich: Scheiße, ich höre mir wohl besser mal ihre CD an. Also legte er sie ein und war total begeistert. Er rief mich an und fragte mit seinem fordernden Knurren: „Hey, warum habe ich bisher noch nie von dir gehört?“ Du musst wissen, in Vancouver habe ich nie die coolen Auftritte als Vorband bekommen. Ich durfte nie mit D.O.A. oder anderen Bands spielen – bis Jello sich einschaltete –, weil alle eine einzige große Clique waren und ich mit meinem Sound da offenbar nicht reinpasste. Aber für Jello war ich gerade deshalb die Crème de la Crème, weil ich einzigartig und anders war und Substanz hatte, also liebte er meine Sachen. In einem Interview hat er mal gesagt, meine Stimme sei so einzigartig wie die von Jim Morrison, und noch: „Ich finde, das wird ihr fast nicht gerecht, weil sie so anders und einzigartig ist.“ Mir fiel es immer schwer, das zu fassen, aber er hat das öfter gesagt ...
Was war das Material, das er gehört hat? Waren das die Sachen von FUEL INJECTED .45?
Nein, es war vor allem Material, das später auf „Evil Needs Candy Too“ gelandet ist. Das war das mein erstes Solo-Album, das ich 2005 herausgebracht habe. Mit FUEL INJECTED .45 haben wir auch Demos aufgenommen, und die haben wir dann veröffentlicht, weil die Band sich aufgelöst hatte.
Es hat wirklich Spaß gemacht, an diesem Abend zu sehen, wie ihr „Sex song“ performt.
Ich habe diesen Song geschrieben, weil Männer immer solche Sachen schreiben, ob im Rap oder im Heavy Rock, da geht es ständig darum, „Schlampen zu ficken“, oder es heißt: „Bück dich, Bitch!“ Aber wenn das von einer Frau kommt, im selben harten Ton, dann können die Leute nicht damit umgehen. Sie wissen nicht, wie sie das verarbeiten sollen. Also versuchte ich, das so extrem zu formulieren, wie ich nur konnte, und meine Band fand das super und stachelte mich weiter an. Mir ging es eben darum, die Geschlechterrollen mal komplett umzudrehen. Und für die Show fand Jello das urkomisch, er war total begeistert davon. Ihm gefällt es, dass ich Grenzen überschreite, und deshalb treibe ich es jetzt auf dem neuen Album noch weiter.
Er wusste also, welchen Song du bringen würdest? Denn er wirkte so, als würde er sich ein bisschen unbehaglich fühlen.
Natürlich! Es war großartig. Wir scherzten immer: „Alle werden denken, dass du in mich verliebt bist und dass du mein Album deshalb herausbringst.“ Er sagte: „Meine Frau hat es nicht einmal auf Alternative Tentacles geschafft! Aber es spielt keine Rolle, wie du aussiehst. Das ist etwas anderes. Ich werde nichts auf das Label bringen, an das ich nicht glaube. Das ist mein Vermächtnis!“ Er kann sehr direkt sein, wie du weißt, und sehr ehrlich in Bezug auf das, was er denkt und warum er es denkt. Es heißt ja immer: „Wenn du große Titten hast, bekommst du alles.“ Aber bei mir lief es immer genau umgekehrt. Die Leute respektierten mich und meine Arbeit nicht, eben weil ich gerne Korsetts trug, verstehst du, was ich meine? Ich hatte immer das Gefühl, dass Männer mehr Chancen bekamen als ich. Bis heute habe ich als Regisseurin und Produzentin Qualitäten, die über die vieler Männer hinausgehen, und kann nicht fassen, was für Filme sie teilweise drehen dürfen ... Während ich mein ganzes Leben lang kämpfen musste. Aber die Sache mit Jello ist, wir sind eher wie eine Familie als Freunde. Ich glaube, ich gehöre zu den wenigen Personen in seinem Umfeld, die ihn nicht wie einen Rockstar behandeln, sondern wie einen Menschen. Wir können auch heftig aneinander geraten, gerade weil ich nicht nachgebe. Aber wir haben so viel gemeinsam, unsere Persönlichkeiten, unseren Humor, unsere politischen Ansichten, dass wir echte Freunde wurde. Und ich konnte das von dem trennen, wer er war. Ich erinnere mich, als wir „Evil Needs Candy Too“ aufgenommen haben, war es das erste Mal, dass er etwas produziert hat, das nicht seine eigene Musik war. Das war eine große Sache. Wir haben uns monatelang darauf vorbereitet und alles durchgesprochen, und ... wir kommen ins Profile Studio, und ich fange an, den Gesang aufzunehmen, und er nennt mich ein „One-Take-Wunder“, offenbar schaffen es nicht alle direkt beim ersten Take. Dann fragte ich: „Jello, würdest du hier ein paar Backing Vocals singen?“ Also ging er in die Kabine und fing an zu singen, und plötzlich wurde mir bewusst, was ich gerade getan hatte: Ich hatte Jello Biafra dazu gebracht, Backing Vocals auf meinem verdammten Album zu singen! Und wir haben alle für eine Minute innegehalten. Die Kraft, die von ihm ausgeht, die Intensität, die Stimme, das ist so typisch Jello Biafra. Ich habe großen Respekt vor dem, was er tut, auch politisch. Obwohl, da gibt es auch ein paar Dinge, bei denen wir uns in die Haare geraten.
Er isst Fleisch, oder?
Ja, er ist Fleischesser. Ich sage dann: „Du hast so ein politisches Bewusstsein, aber du isst einen Burger, wie kannst du nur ...“ – „Ich weiß, ich weiß.“ Es gibt also solche Dinge.
Lebst du vegan?
Ich bin vegetarisch aufgewachsen. Meine Mutter war Vegetarierin. Ich war es später im Leben nicht. Bis ich aufhörte zu saufen. Weißt du, wenn man trinkt, merkt man nicht, wie schlecht man sich fühlt. Ich hatte eine schwere Operation – ein Problem mit der Gallenblase, die geplatzt war, all diese Dinge. Als ich trocken wurde, beschloss ich, Vegetarierin zu werden und auch verschiedene andere Dinge wie Gluten zu reduzieren. Das Letzte, worauf ich verzichten konnte, war Käse. Ich war so versessen auf Käse. Aber ich erinnere mich, dass ich es an einem Neujahrstag geschafft habe. Ich glaube, seit 15 Jahren lebe ich nun konsequent vegan.
Hast du jemals die DEAD KENNEDYS mit Jello live gesehen?
Er zieht mich bis heute damit auf, dass ich ihr Konzert im Oktober 1984 im New York Theatre verpasst habe: „Ich weiß, dass du schwanger warst, klar konntest du nicht kommen.“ Ich war damals 15 und im neunten Monat. Mein Sohn wurde Anfang November 1984 geboren und natürlich bin ich nicht hochschwanger auf ein Punk-Konzert gegangen, wo die Leute wie irre rumspringen und moshen. Natürlich habe ich Jello mit THE GUANTANAMO SCHOOL OF MEDICINE live gesehen, und die haben auch immer viele DEAD KENNEDYS-Songs gespielt. Und FUEL INJECTED .45 waren auch mal Vorgruppe für die JELVINS und auch für GUANTANAMO SCHOOL OF MEDICINE auf ihrer Tour in British Columbia und Alberta. Er ist einfach ein brillanter Performer, bis heute. Er wählt seine Auftritte sehr sorgfältig aus; auf einer der letzten Tourneen hat er mit MINISTRY gesungen.
Du bist auch mit Al Jourgensen von MINISTRY befreundet. Und du hast auch schon mit ihm zusammengearbeitet.
Ja, ich liebe Al. Er ist einer der witzigsten Menschen, die ich überhaupt kenne, er hat all diese tollen Geschichten auf Lager und ist in im Grunde einfach nur liebenswert. Er ist irgendwie wie ich auf der Bühne, und dann backstage unglaublich albern. Al und ich haben ein gemeinsames Projekt, zwei Songs, die vielleicht eines Tages veröffentlicht werden; das ist ziemlich cool. Und ja, ich war mit MINISTRY auf Tour. Ich durfte als Gast bei einem ihrer Songs Akustikgitarre spielen, bei „Believe me“. Dafür bin ich im April 2023 extra nach Los Angeles geflogen. Als ich in L.A. war, war Al gerade dabei umzuziehen, und am Ende habe ich ihm beim Umzug geholfen und mit ihm die neue Wohnung eingerichtet, bevor es auf Tour ging. Auf Tour waren FRONT LINE ASSEMBLY der Opener, Gary Numan war als Nächster dran und dann MINISTRY. Es war eine sechsmonatige Tour mit ihnen. Und die Jungs von MINISTRY sind so professionell und lustig und toll. Das war die letzte Tour, auf der ich war ...
Du hast auch Videos für Jello produziert.
Ich habe alle sechs Videos zu „Tea Party Revenge Porn“ gemacht, Jello Biafras letztem Album mit THE GUANTANAMO SCHOOL OF MEDICINE von 2020. Er meinte, ich sei die einzige Person, der er erlauben würde, ein Video für ihn zu drehen; er hat ja nie offizielle Videoclips veröffentlicht. Er hasst es, zum Playback zu singen. Er ist auch in keinem von den Videos zu sehen, aber sie spiegeln genau seinen Humor und seine intensive politische Sichtweise wider. Die Videos sind hauptsächlich Collagen aus Fotos und GIFs.
Dafür tritt Jello jetzt aber in einem deiner Videos auf?
Ja, er ist jetzt in „I am an evangelist“ zu sehen, einem Song von meinem aktuellen Album, und er singt auch ein bisschen Playback, auf eine verkorkste Art und Weise, wie es Jello Biafra eben tut, aber in dem Song sehen wir ihn hauptsächlich bei einer seiner Schimpftiraden.
Musikalisch erinnert mich „The Last Steps Of Man-Unkind“ ein bisschen an SONS OF FREEDOM, was irgendwie naheliegend ist, da ja auch deren Bassist Don Binns dabei ist. Aber der ist eigentlich kein Songwriter ...
Nein. Das Album stammt zu 100% von mir und Marc von L’ESPERANCE. Marc hat viele der Riffs geschrieben und ich habe die Texte verfasst; wir haben es auch gemeinsam produziert. Marc singt einige Parts und spielt eine unglaubliche Anzahl von Instrumenten auf dem Album: Saxophon, Violine und in einigen Fällen auch Schlagzeug. Terry Russell von SLOW spielt Schlagzeug, und auch mein Cousin. Aber Don Binns spielt konstant auf dem gesamten Album Bass, außer bei einem Song. Er, Marc und ich sind die Kernbesetzung, aber die Songs sind nur von Marc und mir.
Stephen Hamm ist auch dabei. Du hast in einem Interview mit PunkGlobe erwähnt, dass du zwei Mitglieder von SLOW dabei hast, sind das er und Terry?
Ja, Stephen spielt bei einigen Songs Klavier, Keyboard und Orgel, zum Beispiel bei „US sinners“ und „I am an evangelist“. Ich weiß gar nicht, ob sie auch mal zusammen in einem Song zu hören sind. Aber ja, ich bin mit Terry und Stephen aufgewachsen, kenne sie ziemlich gut und mache schon seit langer Zeit mit Stephen Musik. Stephen und ich haben eine tolle Verbindung; ich habe Videos für ihn gedreht und er hat die Soundtracks für verschiedene Filme von mir geschrieben. Wir haben eine großartige Chemie zusammen und sind schon ewig befreundet.
Bei diesem Album wurde mir bewusst, dass es keine zwei Dinge gibt, die du gemacht hast, die gleich klingen. Sogar deine Stimme ist anders, als ich sie in Erinnerung hatte. Sie gleitet quasi durch die Musik, anstatt sich darüber zu legen ...
Ich finde auch, dass es anders ist als vieles, was ich in der Vergangenheit gemacht habe, weil wir die Möglichkeit hatten, alles genau zu analysieren und herauszufinden, welche verschiedenen Teile wir machen wollten. Und es ist sehr vielseitig. „America“ zum Beispiel ist sehr düster. Ich bringe diese intensive, rauhe Art zu singen nur in einem Stück zum Einsatz, in „Put the gun down“. So kennt man mich, oder? Ich habe lange daran gearbeitet, meiner Stimme diesen kraftvollen maskulinen Ausdruck zu verpassen, damit mein Gesang nicht zu mädchenhaft wirkt. Das gefällt mir, aber dann habe ich ganz feminine Backing Vocals dazu gesungen, und jetzt fragen sich die Leute, was sind das für zwei Sängerinnen? Ha, das bin ich!
In „America“ geht es um Gewalt von Weißen gegen Schwarze. Welcher konkrete Vorfall hat dich dazu inspiriert?
Es gab so viele. Als ich damals die Nachrichten durchging, stieß ich auf mehrere Schießereien, und ich wollte dem Song keinen Ort zuordnen geben, weil er für alle betroffenen Menschen steht. Mir geht es vor allem darum, dass „man aufgrund seiner Hautfarbe lebt oder stirbt“ ... Diese Schützen sind meistens weiß, und wenn sie auf weiße Menschen schießen, ist das etwas ganz anderes, als wenn sie auf schwarze Menschen schießen. Auch wenn die Polizei auf weiße Menschen oder auf schwarze Menschen schießt, wird das von der Öffentlichkeit ganz unterschiedlich wahrgenommen. Es ist dasselbe hier in Kanada mit den Ureinwohnern, wenn Kinderleichen auf einem Schulhof ausgegraben werden: Wenn man an ein weißes Kind denkt, das verschwindet, ist die Polizei sofort zur Stelle, weil es blond und blauäugig ist. Meine Nichte hat blonde Haare und blaue Augen, aber meine Familie ist sehr multikulturell. Mein Bruder ist schwarz, meine Cousins sind schwarz, meine Nichte ist Filipina, und wir sind eigentlich Métis; ich habe einen Ausweis als Ontario-Métis. Wir haben in den letzten Jahren versucht, das schätzen zu lernen und wirklich zu verstehen, woher wir kommen. Doch es ist letztlich egal, ob die Menschen nun schwarz, lateinamerikanisch, indigen oder Métis sind, sie werden immer wie der letzte Dreck behandelt. Sie bekommen die geringste Aufmerksamkeit in allen politischen Bereichen, bei Schießereien, Morden, allem. Ich habe den Song „Highway of tears“ über die vermissten und ermordeten indigenen Frauen und Mädchen von Prince George bis Prince Rupert geschrieben. Die Anzahl der Menschen, die auf dieser Autobahn verschwunden sind, ist groß und die Menge der für die Aufklärung aufgewendeten Ressourcen ist verdammt noch mal gleich null. Das ist längst bekannt. Und darum geht es auch in „America“: Egal, wo man herkommt, wenn man braune oder schwarze Haut hat, ist man für die Polizei immer ein Mensch zweiter Klasse, und das ist inakzeptabel.
Der Song „War“ ist schwer zu fassen. Es geht nicht nur um Krieg ...
Es geht darum, wie wir Krieg sehen und wie wir uns hinter den sozialen Medien verstecken. Es ist der erste Song, den wir für das Album geschrieben haben. Es ist der erste Song auf dem Album und das Video dafür war das erste, das wir veröffentlichen wollten, weil es für mich so viel von dem zusammenfasst, was gerade passiert. Kriege werden heute im Grunde genommen live im Fernsehen übertragen, so ist es nun einmal. Aber sie werden nicht komplett im Fernsehen übertragen, sondern an das angepasst, was man auf seinem kleinen Gerät sehen möchte. „War“ handelt davon, wie wir alle in unseren Häusern sitzen, völlig abgestumpft, und es zur Normalität wird, Menschen sterben zu sehen, in der Ukraine, in Israel, im Gazastreifen ... Und wir können Leute beschimpfen und online die übelsten Dinge schreiben, die wir im wirklichen Leben niemals sagen würden. Die meisten Facebook-Freunde würden sich nicht einmal grüßen, wenn sie sich auf der Straße begegnen würden. Das ist so verrückt. Und jetzt gibt es so viel Gerede darüber, „woke“ oder „rechts“ zu sein – es gibt scheinbar nichts dazwischen. Man kann nicht einfach einen Schritt zurücktreten und sagen: Was zum Teufel ist hier los? Seht euch an, was mit unserer Welt passiert, was mit unserer Umwelt passiert! Die Umwelt wird komplett zerstört, und es gibt ein paar wenige Milliardäre, die alle Fäden in der Hand halten. Wir haben drei Jahre gebraucht, um dieses Album zu machen, und ich habe währenddessen beobachtet, wie Trump zurück ins Amt gekommen ist. Aber ich nenne in Interviews generell ungern bestimmte Namen, weil es nicht um ihn geht, sondern um das System und darum, womit wir gefüttert werden, vor allem durch die Milliardäre, die diese auf jeden Einzelnen zugeschnittenen Algorithmen kreieren.
Ich hoffe ja, dass Trumps Exzesse ihn einholen. Es ist tatsächlich schlimmer, als ich es mir vorgestellt habe.
Um ehrlich zu sein, wusste ich, dass es so kommen würde. Ich wusste es, ich habe es gesehen, ich habe es gespürt. Ich habe den Leuten gesagt, dass es schnell, hart und böse werden wird. Es ist so, dass es allen den Boden unter den Füßen wegzieht, so dass alle herumhüpfen und versuchen, sich an etwas festzuhalten, und sich nicht darauf konzentrieren, dass der Boden weg ist. Wenn man die Agenda des „Project 2025“ kennt, könnte man durchdrehen; die dort formulierten Ziele sind wirklich erschreckend. Die Menschen müssen irgendwie aufstehen, und wenn sie das nicht tun, wird es ganz schnell noch viel schlimmer werden. Und alles, was ich tun kann, ist diesen Baum ein wenig zu schütteln. Wenn ich schon ein Leben führen muss, in dem ich nicht viel Geld verdiene, weil mir Musik machen wichtiger ist, würde es mir nicht reichen, wenn ich nur traurige Liebeslieder schreibe ... Ich schreibe Songs wie „Put the gun down“. Wir müssen zurückschlagen, und wir müssen die Kraft dazu haben. Die Menschen finden Kraft in der Musik, man findet Kraft und Inspiration durch durch Kunst. Da geht es nicht darum, wie ich aussehe, sondern darum, was ich denke und womit sich jemand identifizieren kann. Leider musste auch die US-Tour abgesagt werden. Wir hatten ein paar Bands, die uns als Support wollten, und es sah vielversprechend aus, aber aufgrund meiner politischen Ansichten und der Spannungen in den USA mit dem orangefarbenen Präsidenten wurde mir gesagt, dass es für mich extrem schwierig sein würde, ein Visum zu bekommen. Selbst wenn ich eins bekommen hätte, wäre der Grenzübergang eine weitere große Herausforderung gewesen, da er keineswegs garantiert gewesen wäre. Außerdem hatten Marc, Don und ich zu diesem Zeitpunkt kein Interesse daran, die USA in irgendeiner Weise zu unterstützen. Ich hoffe, dass ich irgendwann das Ani Kyd Wolf-Projekt in die Staaten bringen und auf Tour gehen kann, um dieses unglaubliche Album zu promoten, das wir bei Alternative Tentacles aufgenommen haben, aber im Moment konzentriere ich mich lieber auf meine Band ROYAL STRAYS.
Wie kam es zu dem Projekt ROYAL STRAYS?
Don Binns und Don Short arbeiteten gemeinsam an ein paar coolen Songideen und luden mich im Januar 2024 ein mitzumachen. Es war eine überwältigende Ehre für mich, mit diesen beiden Gentlemen zusammenzuarbeiten, da ich ein großer Fan ihrer Band SONS OF FREEDOM bin. Die sind bei weitem meine Lieblingsband aus Kanada. Die Songs wirkten frisch und interessant, aber gleichzeitig einfach und vertraut. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden und gemeinsam ein cooles Album geschrieben, das wir letzten September mit Dave „Rave“ Ogilive bei HippoSonic aufgenommen haben.
Was ist das für ein Ding, in dem du im ROYAL STRAYS-Video zu „Isolation“ eingesperrt bist? Ist es ein Trommelsieb?
Wir sind uns nicht sicher, was das für ein Tank ist; mein Mann Chris glaubt, es sei ein alter Heizkessel, der mit einem Sieb als Deckel umgebaut wurde. Aber eine kleine Information am Rande: Um die Tür zu öffnen oder zu schließen, musste man eine kleine Baumaschine benutzen. Sobald ich im Tank war, konnte man ihn nicht mehr mit der Hand öffnen. Das war ein bisschen beängstigend.
Auch hier ist deine Stimme wieder ganz anders, sie hat einen sinnlichen, bluesigen Klang, den ich bisher noch nie bei dir gehört habe. Du hast gesagt, dass Chuck D. und Tom Jones dich beeinflusst haben, aber ... gibt es auch Sängerinnen, die du nennen würdest?
Eigentlich hatte ich Chuck D. und Tom Jones gar nicht erwähnen wollen, weil ich es hasse, in eine Schublade gesteckt zu werden, weil die Leute dann immer glauben, in einem Song das perfekte Beispiel dafür zu entdecken. Aber ich meinte das nur bezogen auf ihre Art sich auszudrücken, es hat nichts damit zu tun, dass sie meine Idole wären oder mich besonders beeinflusst hätten. Die einzige Sängerin, die mich wirklich geprägt hat, ist meine Mutter. Ich habe keine anderen weiblichen Vorbilder.
Du erinnerst mich bei diesem Projekt ein bisschen an Diamanda Galás in ihren bluesigeren Momenten oder vielleicht an eine intensive Jarboe. Aber wären das angemessene Vergleiche?
Du kannst mich gerne vergleichen mit wem auch immer du willst. Aber ich selbst werde das nicht tun oder sonst irgendwelche Einflüsse preisgeben. Wie Don Short sagt: „Das Problem bei der Beantwortung einer solchen Frage ist, dass sie die Neugierde erstickt.“ Der Sinn von Musik besteht doch darin, 10 Millionen Einflüsse zu haben, dann kommt in jeder Situation auch etwas Passendes aus dir heraus. Diese Band erfordert schon mal einen ganz anderen Ansatz beim Gesang. Ich gehe jeden Song an wie eine Schauspielerin eine neue Rolle.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #184 Februar/März 2026 und Allan MacInnis
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