BAD COP BAD COP

Foto© by Band

Alles ist erleuchtet

Im April 2020 sprach ich mit Frontfrau Stacey Dee das letzte Mal fürs Ox. Damals hatte die kalifornische Band kurz zuvor fluchtartig die Schweiz verlassen, da aufgrund von Corona Landesgrenzen geschlossen wurden und die ersten Lockdowns in Kraft traten. Fast genau fünf Jahre später erschien nun mit „Lighten Up“ ihre vierte LP. Ich treffe mich mit Stacey online und wie auch damals führen wir ein sehr offenes Gespräch.

Stacey, wie geht es dir momentan?

Mir geht es ziemlich gut, ich arbeite viel und bin aufgeregt, dass das Album endlich rauskommt. Es hat ziemlich lange gedauert und ich bin wirklich stolz auf uns, dass wir durchgehalten und eines der besten Dinge fertiggestellt haben, die wir je gemacht haben.

Bei unserem letzten Gespräch 2020 hast du erzählt, dass du dein altes Leben, das von Drogen und Negativität gekennzeichnet war, hinter dir gelassen hast. Damals hattest du auch den Brustkrebs besiegt und angefangen, Yoga zu machen und richtig bewusst zu leben. Hast du das alles beibehalten?
Ich bin seit sechseinhalb Jahren krebsfrei und mache immer noch Yoga. Mit der Meditation sind das die besten Sachen, die ich jeden Tag mache. Es gab aber noch einmal einen Krebsverdacht. 2018 hat es in meinem Blinddarm begonnen, dann hat es meine Eierstöcke krank gemacht, und dann ging es einfach weiter. Schließlich musste ich mich einer totalen abdominalen Hysterektomie unterziehen, weil sie befürchteten, dass ich aufgrund der Brustkrebsmedikamente, die ich nehme, Krebs in meiner Gebärmutter hatte. Ich hatte großes Glück, dass die Mitbewohnerin der Schwester meines Freundes aus College-Zeiten meine Chirurgin war und jemanden kannte, der Gynäkologe und Onkologe war, der das Stadium sofort bestimmen könnte, für den Fall, dass es Krebs war. Als ich aus der Narkose aufwachte, sagten sie mir, dass es kein Krebs war. Das war 2023 – als wir gerade auf Tour gehen und auch auf dem Punkrock Holiday Festival spielen wollten. Meine Chirurgin meinte „Du kannst nicht fahren“, und ich sagte: „Ich fahre auf jeden Fall. Denn wenn es Krebs ist und ich diese Scheiße durchmachen muss, dann werde ich vorher wenigstens ein paar Dinge tun, die mir wirklich Spaß machen.“ Wir hatten eine großartige Tour, und als ich nach Hause kam, wurde ich sieben Tage später operiert. Und damit kam ich direkt in die Wechseljahre, mit denen ich mich nun herumschlage. Meine Psyche hat wegen beidem ziemlich gelitten. Es gibt nicht viel Hilfe für Menschen wie mich, die Brustkrebs hatten und keine Hormone nehmen können. Also muss ich andere Mittel nehmen wie Magnesium und Nachtkerzenöl, dazu meditieren und Yoga machen. Und das alles mit dem Ziel, mich zu beruhigen. Aber wie du weißt, lasse ich mich von nichts unterkriegen.

Das klingt trotz allem recht positiv, das ist gut.
Ja, so muss ich aber auch sein, wäre ich es nicht, würde es mich zerreißen.

2020 haben wir auch über euren Präsidenten Trump gesprochen und was dessen Agenda für die LGBTQIA+-Community und marginalisierte Menschen in den USA bedeutete. Vier Jahre war er weg und nun ist er wieder da – und es ist schlimmer als zuvor.
Ja, es ist schlimmer als damals. Er hat ja hier in Los Angeles mit dem Einsatz der Nationalgarde begonnen, wo sozusagen der Gegenpart zu seiner ganzen Bewegung zu Hause ist. Es ist im Moment ziemlich beängstigend, und die Leute versuchen alles, um herauszufinden, wie sie sich wehren können. Aber es scheint, als könnten wir nur sehr wenig tun, wenn unser Militär gegen uns eingesetzt wird. Unser Land hat so etwas noch nie erlebt. Es ist erschreckend und traurig, dass ausgerechnet Obdachlose und die vielen armen, entrechteten, marginalisierten und schutzbedürftigen Menschen am schlimmsten darunter leiden. Es scheint, als würde man versuchen, die Gleichberechtigung zu zerstören, als wollte man das Rad der Geschichte zurückdrehen. Ich bin nicht laut und schreie auf, aber ich stehe hinter vielen, die laut werden und schreien, und mein Aktivismus besteht darin, dass ich versuche, Positivität, Liebe und Licht zu verbreiten.

Ich war letzten September extra noch vor der Wahl im November auf Hawaii. Momentan hätte ich echt Bedenken, in die USA zu reisen. Vor einigen Wochen saß ein Deutscher am Flughafen fest – er hatte eine Greencard, Familie und einen Job in den USA. Man sagte ihm, er solle unterschreiben, dass er seine Greencard zurückgibt, dann könne er sofort gehen. Er unterschrieb nicht und erst nach zwei Wochen haben sie ihn laufen lassen.
Ja, wir sind hier auch nervös. Leute, mit denen ich sehr eng zusammenarbeite, sind sehr nervös, weil sie hier einen Status haben und dachten, dass sie sicher sind – das sind sie aber nicht wirklich. Und das ist einfach beschissen. Man würde doch denken, dass der Rest der Regierung sagt: Das machen wir nicht mit. Wir werden keinen Faschismus zulassen, wir werden unsere Verfassung nicht ändern, wir werden nichts davon tun, aber doch passiert es, und es ist außer Kontrolle. Ich weiß nicht, warum es keine stärkere Opposition gibt. Andererseits wissen wir, dass es auch anders geht. Zum Beispiel wollte Trump bei Hawaii eines der am strengsten geschützten Meeresgebiete der Welt wieder für die kommerzielle Fischerei öffnen. Das wurde aber erfolgreich blockiert. Ich arbeite mit Obdachlosen und bemühe mich um Zuschüsse für ihre Versorgung. Einer der Zuschüsse, den ich hatte, war zur Eindämmung von Corona – und kommt aus Bundesmitteln. Es waren 25.000 Dollar. Trumps Gesundheitsminister Robert F. Kennedy hat sich zu der Zeit eine Aufstellung aller Bundeszuschüsse angesehen und unseren eine ganze Woche vor Ablauf gestoppt, weil er nicht an Corona glaubt. Für eine kleine NGO ist es viel Geld. Unser Bundesstaat hat allerdings geklagt, und so können weitermachen. Zum Glück gibt es ein paar Dinge, die zu unseren Gunsten laufen.

Kommen wir zur Band. Warum ist Jennie nicht mehr dabei, sie war, glaube ich, Gründungsmitglied.
Sie hat jetzt ihre eigene Band. Sie heißt RECKONER und ihr solltet sie euch mal anhören.

Wer ist neu dabei?
Das ist Alex Windsor und sie ist jetzt seit drei Jahren bei uns. Sie hat Musik studiert, ist eine verdammt gute Bassistin und eine verdammt gute Gitarristin. Unsere Schlagzeugerin Myra hatte mit ihr ein Projekt für „Greedy and Pink“, ein großartiges Kollektiv von Frauen, die alle Musik machen. Als Alex dann zu BAD COP BAD COP kam, hat sie unsere Songs besser gespielt als jede von uns, und ehrlich gesagt hat uns das ein bisschen mehr Selbstvertrauen gegeben. Ich glaube, wir waren immer ein bisschen nervös und unsicher, aber mit ihr wissen wir einfach, was wir tun. Mit ihr sind wir selbstbewusst und rocken härter als je zuvor.

Die neue Platte ähnelt der letzten in der Struktur: positive Texte, weniger fröhliche Musik als vielleicht vor zehn Jahren.
Sie ist ein bisschen härter als vor zehn Jahren. Damals waren wir noch nicht so vertraut mit unseren Instrumenten. Dieses Album ist mehr von uns allen, wir konnten jetzt machen, was wir wollen, anstatt dass uns gesagt wird, was wir tun oder lassen sollen. Ich glaube, wir haben alles, was wir über die Jahre von anderen gelernt haben, genommen und auf unsere eigene Art umgesetzt. Ich glaube nicht, dass es so klingt wie unsere letzte Platte „The Ride“ oder irgendetwas, was wir in der Vergangenheit gemacht haben. Früher haben wir immer getrennt gearbeitet und sind dann wieder zusammengekommen, ebenso wie viele Alben heutzutage entstehen. Jetzt haben wir alle Songs zusammen eingespielt.

Ich finde, es klingt ein bisschen erwachsener ...
Es ist definitiv eine Steigerung gegenüber allem, was wir bisher gemacht haben, und das liegt daran, dass wir endlich wissen, wer wir sind. Wir spielen besser und wir schreiben besser und wir singen besser. Ich habe elf bis zwölf Stunden am Tag an dem Album gearbeitet, weil wir wollten, dass es wirklich gut wird. Es gab Momente, in denen wir mitten in der Nacht nach Hause gefahren sind, währenddessen einige der Tracks gehört haben und uns einfach an den Händen gehalten haben und dachten: Holy shit, das klingt so verdammt gut! Wir waren einfach so begeistert davon und wir lieben das Album. Wir denken, es ist das Beste, was wir je gemacht haben.

Die Texte geben wieder sehr viel her. Sind das alles deine Erfahrungen?
Vom ersten bis zum letzten Song ist es eine Erzählung unseres Lebens. Es beginnt mit „All together now“ ...

... stilistisch, textlich und vom Titel her der absolut perfekte Opener.
Vielen Dank. Dann geht unsere Story weiter und fragt, warum die Menschheit so durcheinander ist. Man taucht ein in Linhs Kampf, wo sie davon spricht, dass sie ihre psychischen Probleme überwinden muss. Es mit anderen zu teilen, hilft dabei, und sie hofft, dass die Menschen verstehen können, was sie durchmacht. Dann geht es direkt weiter mit der Entzugsklinik, was eines der schwierigsten Dinge war, die ich je tun musste – nämlich von einer negativen und traurigen Perspektive zu einer sehr positiven und glücklichen zu gelangen. Da war diese Nacht, in der ich aus der Entzugsklinik kam, und es war einerseits erschreckend und andererseits ein großer Erkenntnisgewinn, dass ich all die Leute angefleht habe, mir zu helfen. Wobei in Wahrheit ich die Einzige war, die mir helfen konnte. Das war die wichtigste Lektion, die ich gelernt habe.

Mein Lieblingssong ist textlich betrachtet „See me now“, in dem eine Frau auf der Bühne steht und ihrem Vater voller Stolz zeigen möchte, dass sie es doch noch geschafft hat. Ich hatte Tränen in den Augen, als ich ihn zum ersten Mal gehört habe.
Das ist ein Song, den Linh über ihren Vater geschrieben hat, der gestorben ist. Als mein Freund Michael, der auch unsere Platte produziert hat, und ich den Song zum ersten Mal hörten, waren wir beide total begeistert von der Zeile „From that front row seat in the clouds“. Michael hat so sehr an den Song geglaubt, dass er sich wirklich dafür eingesetzt hat und tatsächlich die gesamte Musik dafür geschrieben hat. Das Einzige, was wir gemacht haben, war der Gesang und das Schlagzeug. Michael hat alles sonstige gemacht. Es freut mich, dass du das Stück magst.

„Dead friends“ handelt von jemandem, der eine Menge Freunde verloren hat, aus vielen verschiedenen Gründen wie Unfall, Krebs oder Suizid.
Bei mir ging es los, als ich noch ganz jung war. Mein erster Freund und ich hatten einen Autounfall, als wir 15 oder 16 waren. Er starb vor meinen Augen. Und dann ging es einfach weiter, weißt du, ich verlor immer mehr Menschen, darunter jemanden, den ich als so was wie meinen Bruder betrachtete. Damit habe ich sogar jetzt noch zu kämpfen, weil er mir, bevor er starb, sagte, dass er zwei kleine Kinder hatte. Ich fange schon wieder an zu weinen ... Er sagte mir damals, ich sei ihre Patin. Und momentan versuche ich, vieles mit seinem Bruder zu klären, dessen Mutter es nicht gut geht ... Ja, auch dieser Text ist tatsächlich wahr.

Ist die letzte Zeile „So try to love your life, while you can“ der Schluss, den man aus dem ganzen Album ziehen sollte?
Das ist einfach eine Schlussfolgerung aus all dem, was wir gerade durchmachen, und all den Gründen, warum Menschen sich in einem elenden Leben wiederfinden. Es gibt aber immer noch so viel Tolles da draußen, weißt du, und ich denke, das war schon immer meine Botschaft. Bei „Johnny Appleseed“ von Joe Strummer, dem letzten Song der Platte, dachte ich einfach, das wäre das i-Tüpfelchen, weil er genau das Gleiche aussagt. Ich dachte mir, wir müssen noch einen Song machen – und diesen liebe ich einfach so sehr.

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