Wer zu Beginn der Achtziger in Amerika lebte, dürfte Probleme gehabt haben, nicht mit Greg Ginn und seinem Hardcore-Tour-Monster BLACK FL AG in Berührung zu kommen. Auf ihren endlos scheinenden Roadtripps, stöberte die Band jeden noch so kleinen Club auf und schuf so Auftrittsmöglichkeiten für viele nachfolgende Acts. Nach dem Split der L.A.-Legende wurde es, abgesehen von vereinzelten mit ehemals befreundeten Bands ausgetragenen Rechtsstreiten, ruhig um den dreifachen Labelboss (SST/ Cruz /New Alliance Records). Mit drei unter eigenem Namen und zwei mit seiner Instrumental-Band GONE innerhalb kürzester Zeit veröffentlichten Alben, tauchte Greg Ginn nach sieben Jahren wieder aus der Versenkung auf. Ende letzten Jahres, schaute man auch mal wieder in Deutschland vorbei, so dass sich vor dem Konzert im FZW Dortmund die Möglichkeit bot, herauszufinden, wie entspannt wohl eine Person nach einer beinahe ein Jahrzehnt dauernden kreativen Schaffenspause aussehen mag.
Du siehst müde aus.
Oh... ich habe ein wenig geschlafen. Nein, mir geht's gut.
Ist dies die erste Deutschlandtour von Greg Ginn und seiner „neuen" Band?
Ja, wir sind Anfang des Jahres, etwa ein Jahr nach Veröffentlichung von „Getting Even", erstmalig live aufgetreten. Im Frühjahr und Herbst sind wir dann durch die USA getourt und anschließend nach Europa gekommen.
Konntest du nach acht Jahren Bühnenabstinenz nennenswerte Veränderungen feststellen? Während der 86er BLACK FLAG-Tour hatte es doch noch große Probleme aufgrund polizeilich verhängter Auftrittsverbote und nachfolgender Publikumsausschreitungen gegeben.
Schon, aber das beschränkte sich größtenteils auf Los Angeles. Außerhalb von LA. verlief dieTour ziemlich reibungslos. Nach der langen Pause war ich sogar einigermaßen überrascht, wie sehr sich die Konzertlandschaften von damals und heute ähneln. Das liegt wohl daran, dass die grundlegenden Veränderungen bereits vor 1986 stattgefunden hatten. Zu jenem Zeitpunkt existierten BLACK FLAG bereits zehn Jahre und es hatte sich ein umfassendes Netz von unabhängig arbeitenden Clubs, Promotern und Plattenlabeln entwickelt. Mitte der Achtziger setzte dann eine gewisse Form von Stagnation ein.
Deine Alben werden unter deinem eigenen Namen veröffentlicht. Handelt es sich dabei um Greg Ginn plus Begleitmusiker, oder um eine richtige Band?
Beides. Mit den Leuten, die gegenwärtig in meiner Band sind, spiele ich seit über zwei Jahren zusammen und einiges von dem Material, das wir in dieser Zeit aufgenommen haben, ist auch auf den Greg-Ginn-Alben zu finden. Zuvor hatte ich aber schon zahlreiche Songs alleine eingespielt, weshalb neben den Gitarren auch der Großteil der Bassparts auf allen drei Platten von mir stammt. Steve Sharp (Bass) und Gregory Moore (Drums), mit denen ich live auftrete, spielen außerdem in meiner Instrumentalband GONE, mit der wir dieses Jahr ebenfalls zwei Alben herausgebracht haben.
Wie entscheidest du, welche Songs für welche Band benutzt werden?
Die Musik beider Gruppen ist relativ verschieden. GONE ist, wie gesagt, rein instrumental, wohingegen die meisten Greg Ginn-Titel Gesang beinhalten, auch wenn auf „Let It Burn" vier Instrumentalnummern zu finden sind.
Auf BLACK FLAGs „The Process Of Weeding Out" wurde ebenfalls gänzlich auf Gesang verzichtet, um wiederholter Zensur der Texte vorzubeugen und gleichzeitig gewisse Gefühle und Ideen intuitiv durch Musik zu vermitteln. Wolltest du diesen Gedanken mit dem kurze Zeit später erschienenen Debut-Album von GONE weiter-verfolgen?
Ich denke schon und in gewisser Weise tue ich das auch heute noch. Aber GONE war nie mehr als ein vorübergehendes, BLACK FLAG untergeordnetes, Projekt, schon allein deshalb, weil Andrew Weiss und Sim Cain an der Ostküste lebten. 1986 sind wir mit PAINTED WILLIE und BLACK FLAG für sechs Monate durch die USA getourt und haben zwei Platten aufgenommen. Letztendlich existierte die Band in ihrer damaligen Zusammensetzung also nur etwa neun Monate.
In musikalischer Hinsicht scheinen die letzten zehn Jahre nahezu spurlos an dir vorübergegangen zu sein. Du spielst immer noch diesen rauhen BLACK FLAG-typischen Hardcore.
Das war halt meine erste Band, in der ich zehn Jahre lang gespielt habe. Von daher ist es wohl keine Überraschung, dass sich mein Stil nicht radikal geändert hat. Nach dem Split von BLACK FLAG habe ich dennoch viel an meiner Musik gearbeitet, vor allem neben der Gitarre sehr viel Bass gespielt. Das war eine sehr produktive Phase für mich, in der ich mehrere hundert Songs aufgenommen habe.
Im Gegensatz zu vielen deiner Kollegen bist du mit fortschreitendem Alter nicht softer geworden.
Das liegt wohl daran, dass ich relativ wenig mit „soften" Dingen zu tun habe. Ich kann nicht erklären, weshalb das so ist und versuche auch nicht, es zu analysieren. Es mag sein, dass bestimmte Erfahrungen während des Heranwachsens die Entscheidung, welche Musik man hört, oder selber gerne spielen würde, beeinflussen. Ich beschäftige mich ganz einfach mit der Musik, die mir gefällt und empfinde sie nach wie vor als stimulierend, was auch der Grund dafür ist, dass ich mich nach all der Zeit in diesem Geschäft noch nicht ausgebrannt fühle.
Wie ist denn dein unverwechselbarer Gitarrensound entstanden?
Mein kleiner Bruder hatte ein wenig Gitarre gespielt, dann aber schnell die Lust daran verloren. Ich habe dann seine Gitarre genommen und anhand eines Übungsbuches einige Akkorde gelernt. Zum überwiegenden Teil besteht mein Gitarrenspiel aber aus Improvisation. Ich bin von einfachen, bluesigen Klängen ausgegangen und habe die mit Hilfe einer Menge Feedback immer weiterentwickelt. Ich habe keine Songs auswendig gelernt, kein „Loule Louie". Es gibt Leute, die sagen, dass ich sogar den Song falsch spiele. Ich habe nie ERIC CLAPTON-Licks auswendig gelernt.
Ist es das Privileg des Labelchefs, drei Platten in einem Jahr herauszubringen?
Es ist wohl ein Privileg, wenn man es so nennen möchte. Aber SST ist allein aus der Notwendigkeit heraus entstanden, die erste BLACK FLAG-7" zu veröffentlichen. Niemand sonst wollte damals mit uns zusammenarbeiten. Von daher kann ich mich heute glücklich schätzen, in einer Position zu sein, die mir diesen Luxus erlaubt, gleichfalls aber mit viel Arbeit verbunden ist. Mit dem Wort Privileg kann ich deshalb wenig anfangen.
Sind Greg Ginn-Alben nicht nur für das ältere Publikum interessant, das seit langem mit deinem Namen vertraut ist?
Da hast du wahrscheinlich recht, obwohl ich beim Schreiben meiner Songs keine bestimmte Zielgruppe im Hinterkopf habe. Ich hatte das Gefühl, jetzt, wo ich selber singe, einige sehr persönliche Platten aufnehmen zu können. Der Großteil des Materials ist im Hinblick auf Musik und Texte selbst für mich ziemlich extrem und obskur. Ein Zugang zu den Alben erfordert daher vom Hörer die Bereitschaft, etwas mehr Zeit als üblich zu investieren, auch aufgrund der Produktion. Den Durchschnitts-Musik-Fan dürfte meine Arbeit wohl kaum interessieren. GONE sind da schon etwas zugänglicher.
Hinter Titeln wie „Getting Even", „Dick" und „Let It Burn" könnte man eine Antipathie gegenüber anderen Personen vermuten.
Nein. Es wird zwar oft spekuliert, ob dieser oder jener Titel auf eine bestimmte Person gemünzt ist, aber die meisten Songs sind ja bereits vor Jahren entstanden. Viele Leute übersehen dabei den Humor in meinen Texten. „Getting Even" beinhaltet zwar einige ernste Untertöne, ist größtenteils aber ziemlich lustig. „Dick" hingegen ist ziemlich ernst, bis auf den Titel. Das war nur so eine blöde Idee. Der komplette Titel des letzten Albums ist „Let it Burn (Because 1 Don't Live There Anymore)". Am Anfang des gleichnamigen Songs befindet sich ein Sample eines Baseballspielers, der aus L.A. weggezogen war und danach einige derbe Kommentare von sich gegeben hatte. Ich fand die Äußerungen ziemlich komisch, vor allem weil ich den Typ persönlich kenne und weiß, dass er einige Wochen später auf Drogenentzug musste.
Gestern haben hier zwei kalifornische Punkbands, LAGWAGON und STRUNG OUT, gespielt. Schon mal von denen gehört?
Nein.
Es war eine dieser typischen „Sunny-California-Punk-Rock"-Shows, wo die Halle mit ca. 600 14-18jährigen vollgestopft war, die den Namen Greg Ginn wahrscheinlich noch nie in ihrem Leben gehört haben. Heute Abend werden vielleicht 50-100 Leute auftauchen. Kommst du dir da überholt vor?
Wenn meine Musik heute für den Teenage-Pop-Markt überholt ist, dann ist sie es wahrscheinlich schon immer gewesen. Punkrock wird gegenwärtig in einer Weise vermarktet, die nichts mehr mit dem zu tun hat, was mich ursprünglich an dieser Musik fasziniert hat. Damit fühle ich mich genausowenig verbunden wie mit PAULA ABDUL oder MILLI VANILLI. Was das Publikum betrifft, finde ich es ganz natürlich, dass sich im Laufe der Zeit Veränderungen einstellen. Das war schon bei BLACK FLAG so. Eine kleine Anzahl von Leuten bleibt einer Band über lange Zeit verbunden, aber der Großteil wendet sich irgendwann anderen Dingen zu. Die Leute, die mich kennen, kennen mich halt. Sehr viel mehr Leute kennen Bóno. Soll ich denen das etwa übelnehmen? Sowas interessiert mich nicht. Ich bin nicht die Person, die diese Art von Aufmerksamkeit braucht, daher auch die lange Pause. Ich beschäftige mich mit meiner Realität, die daraus besteht, an meiner Musik zu arbeiten und zu touren. Das ist es, was mir am meisten Spaß macht. Die ganze Diskussion, wer „Punk" oder „Unpunk" ist und der Hass auf Bands, die angeblich die Begründer der Hardcore-Szene ihres verdienten Lohnes berauben, ist doch völlig unproduktiv. Leute, die sich daran beteiligen, sitzen bloß rum und meckern. Meine Musik wird sich nie besonders gut verkaufen. BLACK FLAG haben jede Menge Platten herausgebracht, ohne dass College-Radio oder andere Sender die jemals gespielt hätten. Es war immer eine Sache des Untergrundes, auch wenn die Namen vieler damaliger Bands heute zunehmend in Rolling Stone oder auf MTV genannt werden. Von daher hat sich mein Leben nicht verändert. Vielleicht geht der Trend bei den Majors heute dahin, Pop-Punk-Acts unter Vertrag zu nehmen. Aber dasselbe habe ich schon mit R.E.M. und NIRVANA erlebt. Dafür rücken dann neue Bands nach. Zwar gibt es innerhalb der Pop-Punk-Kategorie auch sehr viel gute Musik, aber schau dir z.B. GREEN DAY an. Eine amerikanische Band, die mit englischem Akzent singt!? Was soll ich dazu sagen? Die machen sich doch selber lächerlich. It's like a cartoon. I can't get into it.
Wie kommt es, dass SST, DAS angesagte Label der Mitt- bis Spätachtziger, mittlerweile fast völlig von der Bildfläche verschwunden ist?
Es ist richtig, dass SST in den Achtzigern sehr viel mehr Publicity bekommen hat als heute. Dennoch sind unsere Verkaufszahlen über die Jahre hinweg relativ konstant geblieben. Es ist auch nie mein Bestreben gewesen, die Platten eines bestimmten Labels zu verkaufen, sondern die individueller Künstler. Als Alternative zum Trend des Monats wurde, war auf SST immer eine Vielzahl unterschiedlicher Stilrichtungen zu finden. Insofern hilft die Kategorisierung SST weder dem Käufer noch den einzelnen Musikern. Platten werden auch nicht wegen des Labels gekauft – es sei denn, ein gewisser Sound wird ständig dupliziert. Das haben wir nie getan. Unsere zweite Veröffentlichung, die MINUTEMEN-EP, war für alle ein Schock. Auf der anschließenden Tour mit uns, hat das Publikum die Jungs angespuckt. Der vielzitierte Niedergang von SST stellt sich für uns nicht annähernd so dramatisch dar, wie es manchmal in der Presse geschildert wird.
Aber nach 1987 ging es doch steil bergab. In dem Jahr gab es allein auf SST 80 Veröffentlichungen zumeist unbekannter Bands, die durch erfolgreiche Acts wie HÜSKER DÜ, SONIC YOUTH oder DINOSAUR JR. finanziert wurden, anschließend aber floppten. Mike Watt hat mal gesagt, er habe damals einige Bands getroffen, deren größter Wunsch es gewesen sei, irgendwann eine Platte für SST aufzunehmen.
Viele dieser Bands waren doch sehr erfolgreich, ich denke da z.B. an SCREAMING TREES. Genauso gab es schon vor 1987 Gruppen, die sich nicht gut verkaufen ließen. Vom STAINS-Album sind wir vielleicht 1000 Stück losgeworden. SACCHA RINETRUST oder ST. VITUS wurden erst populär, nachdem sie bereits zehn Jahre zusammengespielt hatten. Die kleineren und größeren Acts haben sich immer in etwa das Gleichgewicht gehalten. Die Anzahl unserer Veröffentlichungen ist auch nicht sprunghaft, sondern allmählich angestiegen und liegt, alle drei Label zusammengerechnet, gegenwärtig bei ca. 40 pro Jahr. 1987 kam die Gründung von Cruz Records und die Wiederveröffentlichung des Materials auf New Alliance Records hinzu, das wir nach D.Boons Tod von den MINUTEMEN übernommen hatten.
Wie entscheidest du, auf welchem der drei Label eine neue Platte erscheinen wird?
Spoken-Word-Alben werden grundsätzlich von New Alliance veröffentlicht. Abgesehen davon gibt es keine speziellen Zuordnungskriterien. GONE waren z.B. schon auf SST, weshalb ich das Greg Ginn-Material für Cruz eingespielt habe. Weder Cruz noch SST sind an ein bestimmtes Genre gebunden und könnten von daher Musik der unterschiedlichsten Stilrichtungen herausbringen.
Ist man da nicht geneigt, vielversprechende Bands für das zum jeweiligen Zeitpunkt erfolgloseste Label zu reservieren? Die DESCENDENTS waren Z.B. auf SST, haben aber nach Wechsel des Sängers und Änderung des Namens ihr ALL-Debut quasi als Starthilfe für Cruz eingespielt.
Das lag daran, dass ALL in puncto Promotion etwas Neues ausprobieren wollten. Außerdem war SST zum damaligen Zeitpunkt mit der Veröffentlichung anderer Alben ausgelastet. Wir haben uns dann zusammengesetzt und beschlossen, im überschaubareren Rahmen von Cruz zusammenzuarbeiten, um uns besser auf die Band konzentrieren zu können.
Wie kommt es, dass sich Leute wie Grant Hart oder Gary Floyd so negativ über ihr ehemaliges Label SST äußern?
Insbesondere Grant Hart hatte es sich wohl einfacher vorgestellt, als Solomusiker Karriere zu machen. Vielleicht dachte er, wir hätten ihn nicht genug unterstützt. Ich habe oft genug erlebt, dass Leute, die zuvor in bekannten Bands gespielt hatten, fälschlicherweise annahmen, sie könnten mit ihrem neuen Projekt nahtlos an vorherige Erfolge anknüpfen. Sie verkennen dabei, dass sie wieder ganz von vorne anfangen müssen. Als wir mit SST anfingen, wollten Bands lediglich ihre Platten herausbringen. Als Alternative-Music dann populär wurde, dachten viele, es wäre einfach, auf diese Weise den Lebensunterhalt zu bestreiten und waren um so enttäuschter, das Gegenteil herausfinden zu müssen. Auf einmal wollten alle so groß sein wie DINOSAUR JR. oder die BAD BRAINS. Einige spielten mit Bands zusammen, die einen Major-Label-Vertrag unterschrieben haften, ohne zu erkennen, dass auch das oftmals keine Erfolgsgarantie ist. Klar, für eine Band wie SOUNDGARDEN hat es sich natürlich ausgezahlt.
Ärgert es dich, dass jetzt, wo viele ehemalige SST-Bands richtig populär sind, die Majors abkassieren?
Nein. Es war schon immer mein Grundsatz, Verträge für lediglich ein Album abzuschließen. Die meisten der kleineren Labels versuchen , Bands langfristig an sich zu binden und verdienen eine Menge Geld, wenn ein Major jemanden aus seinem Vertrag herauskauft. Für mich ist das eine Frage der Lebensqualität. Ich habe keine Lust, mich den ganzen Tag mit Major-Label-Anwälten und Buchhaltern herumzuschlagen. Bei Verträgen für ein Album wäre es vermessen, zu denken, dass der Künstler einem darüber hinaus etwas schulde. Was mich ärgert, ist die Unaufrichtigkeit einiger Bands, die in Verhandlungen mit Majors stehen, ohne uns davon zu informieren. Das hat uns in der Vergangenheit in einige peinliche Situationen gebracht. Mir macht es auch sehr viel mehr Spaß, mit neuen Gruppen zu arbeiten. An vielen ehemaligen SST-Bands hätte ich heute kein Interesse mehr. Zwar wird mir immer wieder gesagt, wieviel Geld ich damit verdienen könnte, aber das ist ein Bereich der Industrie, von dem ich mich immer distanziert habe. Ich habe viele Bands erlebt, die wie Lemminge in den Abgrund gelaufen sind. Einige kassieren ordentlich ab und deren Musik finde ich zumeist unerträglich. Der Großteil verdient nicht besonders viel, ruiniert aber dennoch seine Musik. Wenn dein Video auf MTV gespielt wird, bekommst du wenigstens eine Gegenleistung. Nicht, dass ich das gutheiße, aber die meisten Bands betreiben völligen Ausverkauf an ihrer Musik, kriegen beschissene Produzenten vor die Nase gesetzt, rennen zwei Jahre lang mit Demos durch die Gegend und erzählen stolz, dass ihre Platte nun bald veröffentlicht werde, um nach all der Arschküsserei doch vom Major fallengelassen zu werden und ohne Geld auf der Straße zu landen. Aber deren Standpunkt wird man natürlich nie hören, da der PR-Manager des Labels für solche Negativbeispiele keine Interviews bucht.
Die MEATPUPPETS haben sich auch immer wieder bitterlich über SST beklagt. Wie kam es denn zum Rechtsstreit über Tantiemen und Urheberrechte an ihren SST-Alben?
Die MEAT PUPPETS wollten sich nicht an die vertraglichen Vereinbarungen halten. Sie verlangten von uns die Rechte an ihren früheren Platten, da ihnen ein großes Label eine beträchtliche Summe für deren Wiederveröffentlichung geboten hatte. Ihre SST-Alben ließen sich immer ziemlich gut verkaufen, im Gegensatz zu ihrem Major-Label-Debut, das damals gerade erschienen war. Sie haben dann den U2-Anwalt verpflichtet, jemand, der $400 pro Stunde berechnet, und auch das hat ihnen nicht geholfen. Für euch mag das schwer vorstellbar sein, aber manchmal arbeiten Bands mit Leuten zusammen, denen egal ist, ob ihr Handeln ethisch richtig oder falsch ist, solange es ihrem Klienten den optimalen Nutzen bringt.
Hast du noch Lust, über diese U2-NEGATIVLAND-SST -Angelegenheit zu reden? (NEGATIVLAND hatten Samples des U2-Songs „I still haven't found what l'm looking for" auf einem ihrer Alben verwendet und waren daraufhin zusammen mit SST von Island Records, Warner/Chappell Music verklagt worden. In Zusammenhang mit dem Verfahren entstanden SST Kosten in Höhe von $90.000, die von NEGATIVLAND übernommen werden sollten, was diese aber ablehnten.)
Wenn euch das interessiert, fragt ruhig!
Stimmt es, dass ihr euch außergerichtlich mit NEGATIVLAND geeinigt habt und einen Teil der Verfahrenskosten von ihnen erstattet bekommt?
Ja, der Rechtsstreit mit U2 hatte uns damals nämlich eine Menge Geld gekostet.
Und die Bezahlung soll in Form eines NEGATlVLAND-Live-AIbums auf SST erfolgen?
Nein, das war wieder eine andere Sache. Wir hatten eine Absprache mit der Band, ein Live-Album zu veröffentlichen. Sie erhielten von uns das nötige Geld für die Aufnahmen, die sie uns dann aber nicht geben wollten, so dass wir vor Gericht ziehen mussten. NEGATIVLAND haben das ganze Verfahren dann noch etwas aufgeblasen, um vom Wesentlichen abzulenken. Juristisch war das eine ganz simple Angelegenheit. Wir mussten nur die von uns ausgestellten Schecks vorlegen, um zu beweisen, dass uns die Aufnahmen zustehen. Das Album wird also demnächst erscheinen.
Du warst nicht gerade begeistert, als NEGATIVLAND SSTs jährliche Einnahmen in ihrem Newsletter veröffentlicht haben.
Das Interessante daran ist, dass ich nur ein Mitglied der Band einmal für ein paar Minuten getroffen habe. Die wissen überhaupt nichts über mich. Zu dem Zeitpunkt, als das „U2"-Album erschien, war mein Einkommen sehr gering. Ich lebte damals in meinem Proberaum und fuhr mit dem Bus, da ich weder eine Wohnung noch ein Auto besaß. Deshalb konnte ich vorhin mit Begriffen wie Luxus oder Privileg auch nicht viel anfangen. Wer meint, ich verfüge über irgendwelche Reichtümer, der irrt sich. Mir gehört kein Haus oder Ähnliches, sondern drei Plattenlabel. Ich führe ein sehr einfaches Leben. Nicht, dass das irgendjemanden etwas anginge, aber die von NEGATIVLAND veröffentlichten Zahlen hätten insbesondere zum damaligen Zeitpunkt nicht unrealistischer sein können. Rough Trade hatte gerade Konkurs angemeldet, was ein herber Verlust für uns war. Wir sind zwar nicht pleite gegangen, aber finanziell war das eine sehr schwierige Phase. Vielleicht erinnert ihr euch noch an die Gerüchte, die damals durch die Presse gingen, SST stünde vor dem Aus. Das entsprach genausowenig der Wahrheit wie die Zahlen in diesem Newsletter. Heutzutage wird so viel erzählt. Ich höre öfters Gerüchte, ehemalige BLACK FLAG-Sänger seien gestorben. Dann kommen Leute auf mich zu und fragen: "Stimmt es, dass Dez Cadena tot ist?". Denen darf ich dann jedesmal erzählen, dass das Blödsinn ist und dass ich ihn gerade noch gesehen habe. Die Menschen wollen diese schrecklichen, verheerenden Geschichten einfach glauben. Es gibt immer wieder Unternehmen, die bankrott gehen, aber Gerüchte dieser Art zu verbreiten, ist sehr störend und schädlich, vor allem für ein Independent-Label.
Wieviele Leute arbeiten denn für SST?
Außer mir noch ca. 30-35 Leute.
Ist Chuck Dukowski noch dabei?
Ja.
Wie darf man sich das SST-Hauptquartier vorstellen?
Als großes Lagerhaus, in dem wir Büroräume gemietet haben.
Zusätzlich hast du vor kurzem einen SST / Cruz / New Alliance-Store eröffnet, wie zu lesen war.
Richtig. Das ist ein kleiner Laden, in dem wir ausschließlich unsere eigenen Platten verkaufen.
Wo befindet sich der genau?
Auf dem Sunset Boulevard in Hollywood, ganz in der Nähe vom Roxy und vom Whisky, genau gegenüber von dem Club, vor dem River Phoenix gestorben ist... „ The Diaper Room" (Johnny Depp's Viper Room).
Ach du Scheiße! Ist das nicht dieser Pseudo-Hip-Club?
Ja. Von unserem Laden aus können wir jede Menge Stars sehen. Oh, boy!
Hast du vor, mehrere solcher Läden zu eröffnen?
Außerhalb von L.A. wäre das ziemlich schwierig. Der SST-Store in Hollywood liegt sehr günstig, da er nicht allzu weit von unserem Büro in Long Beach entfernt ist. Chuck hilft öfters aus und Falling James von den LEAVING TRAINS ist Store-Manager.
Klamottenmäßig einer der ganz Großen!
(Lacht) Ja, absolut!
Kennst du einen gewissen Henry Rollins?
Mmh... ja, wahrscheinlich um einiges besser als... ich glaube, ich kenne die Realität im Gegensatz zu dem ganzen Image... was auch immer.
Hast du noch Kontakt zu ihm?
Nein. Das heißt aber nicht, dass es vor dem Split von BLACK FLAG einen Riesenstreit gegeben hätte. Es war einfach so, dass die Bandmitglieder und deren Wertvorstellungen sich zunehmend voneinander entfernten. Viele SST-Bands hatten Mitte der Achtziger mit diesem Problem zu kämpfen. Leute, die bis dahin eher uneigennützig Musik gemacht hatten und getourt waren, sahen plötzlich die Möglichkeit, darauf ein sehr kommerzielles Unternehmen aufzubauen. BLACK FLAG waren keine Ausnahme. Von daher war es der richtige Zeitpunkt, um aufzuhören. Mir gefällt immer noch jede einzelne Platte, die wir aufgenommen haben. Zum Schluss fehlte die Unterstützung innerhalb der Band, um weiterhin experimentelle Musik zu machen, die die Leute überraschen würde. Eine von BLACK FLAGs Stärken war es, niemals den Erwartungen des Publikums entsprechen zu wollen, sondern Neues auszuprobieren. Oftmals hat das zu großen Spannungen während unserer Auftritte geführt. Andererseits gab es aber auch Leute, die gerade diese Unberechenbarkeit an der Band geschätzt haben. Als die nicht mehr vorhanden war, gab es keinen Grund mehr, warum man hätte weitermachen sollen.
Aber Henry ist jetzt ein Rockstar.
...Was auch immer... Andere Bands, mit denen ich gearbeitet habe, verkaufen noch mehr Platten. Viele von denen sind auch sehr nett, aber nicht unbedingt meine Welt. Es gibt eigentlichen niemanden, mit dem ich viel Zeit verbringe, schon gar nicht mit Leuten, die zusammen mit GUNS N ROSES oder Eddie Vedder spielen. I can't stand the sight or sound of an Eddie Vedder! Allein der Gedanke, herumzulaufen und zu erzählen: "Hey, l'm hangin' out with Eddie. Me and Eddie, man!". Selbstverständlich befasse ich mich nicht mit solchen Leuten. Ich bewege mich mehr in meinem eigenen kleinen Umfeld, das aus der Zusammenarbeit mit Bands besteht, die mich interessieren. Ich weiß, dass viele Leute BLACK FLAG als musikhistorisches Ereignis sehen und genau verfolgen, was die einzelnen Mitglieder heute tun. Ich persönlich habe Henrys neue Platte noch nicht gehört. Ganz selten höre ich mal einen seiner Songs. Als wir in Berlin waren, habe ich eines seiner Videos in einem Cafe gesehen und ich fand es schrecklich. Der Text war einfach unglaublich schlecht.
Es ist auch ziemlich albern, dass jemand wie Henry Rollins, der keine Möglichkeit auslässt, zu erklären, wie sehr er Presse und Fernsehen hasst, alle fünf Minuten auf MTV erscheint. Vor allem auch, weil er jahrelang Independent gearbeitet hat.
Das hatte sich damals schon etwas geändert. Mag sein, dass er sich in dieser Umgebung ziemlich unwohl fühlt und lieber etwas weniger Aufmerksamkeit bekommen würde. Aber es gibt viele Leute, die in dieser Hinsicht sehr berechnend sind, und Bands, die eine gute Presseabteilung hinter sich haben und dadurch anspruchsvoll und glaubwürdig erscheinen, obwohl sie dieselbe Formel ständig wiederholen, auch wenn es eine „arty formula" ist. YES waren „arty" und haben ihre Formel immer wieder kopiert, aber waren die deswegen unendlich toll? Nein! Es läuft wieder darauf hinaus, dass ich persönlich lieber mit neuen Bands zusammenarbeite. Die meisten wahren Musikfans werden bestätigen können, dass das erste oder zweite Album einer Band zumeist auch das beste ist. Normalerweise ist das der Fall – es gibt aber viele, viele Ausnahmen, z.B. ROGER MILLER. Der bringt kontinuierlich gute Alben heraus und hat eine Einstellung, die keinen Anlass zu der Vermutung gibt, dass sich das irgendwann ändern könnte. Oder JACK BREWER. Das sind Leute, die sehr solide Arbeit leisten, aber sehr viele Bands driften in diesen kommerziellen Bereich ab. Die fühlen sich unter Druck gesetzt, weil ihre Eltern ständig nachfragen, wann sie denn endlich einen ordentlichen Beruf ergreifen wollen. Und wenn du 30 bist, ist dieser Druck natürlich größer als bei einem 19jährigen.
BLACK FLAG waren sehr kompakt, weil ihr auf euren langen Touren ständig zusammengespielt habt und dadurch besser wurdet. Heute nehmen Bands ein Album auf, produzieren ein Video, das dann ordentlich gepusht wird und gehen anschließend für zwei bis drei Wochen auf Tour. Eigentlich müssten die live doch viel schlechter sein als die Bands vor zehn Jahren.
Ich kann das überhaupt nicht nachvollziehen. Mit meiner neuen Band habe ich die ersten anderthalb Jahre lang sechs Tage in der Woche nur geprobt, um die Musik entwickeln zu können. Wir sind nicht ein einziges mal live aufgetreten und wir haben auch nicht ab und an geprobt, sondern sechs Tage und manchmal auch Nächte in der Woche. Das ist es, was mich an Musik reizt, obwohl ich weiß, dass sich das Ergebnis an eine absolute Minderheit richtet. Aber ich führe ein sehr einfaches Leben. Ich muss keine Hypotheken auf mein Schloss abzahlen. Die NEGATIVLAND-Leute zum Beispiel haben fast alle sehr gute Jobs. Außerdem ist es doch so, dass Bands, die zum Mainstream überwechseln, meinen, sie müssten nun das Independent-Lager miesmachen, nur um zu beweisen, dass sie sich nicht verändert haben. Ich habe darüber nachgedacht und meine Auffassung ist, dass Frank Sinatra der letzte ehrliche Rocksänger war. Er hat all diese Sachen gesungen wie „I wanna take over New York"... Ich mag Frank Sinatra sehr, er ist wahrscheinlich sogar mein Lieblingssänger, denn er war wirklich der Letzte, der aufrichtig war. Er hat es offen heraus gesagt: "Yeah, I want the women, I want the money". Viele Bands, mit denen ich gearbeitet habe, spielten nur aus diesen Gründen zusammen und haben sich untereinander gehasst. Öffentlich haben die das natürlich nie zugegeben. Frank Sinatra dagegen tritt vor und sagt, was er will and he'll take shit for it, aber ich bewundere ihn dafür. Ich sehe so viele weinerliche Bands, die sich beklagen, dass der Vertrieb ihrer Platten nicht gut genug gewesen sei. Es gibt aber Independent-Rap-Labels, die mit dem selben Vertrieb eine Million Platten verkaufen. Daran kann es also nicht liegen. Die erzählen einfach diese negativen Geschichten, dass Independent-Labels nicht funktionieren. Wenn sowas dann oft genug in der Presse steht, verfestigt sich so eine Meinung natürlich und alle Leute meinen, man müsse auf einem Major sein, um Erfolg zu haben; und Journalisten prüfen das auch nicht weiter nach. Ihr habt mir diesbezüglich ein paar Fragen gestellt, aber ich könnte euch ja wer weiß was erzählen. Ihr wisst nicht, ob das der Wahrheit entspricht. Niemand untersucht wirklich, was da vor sich geht. Mit solchen Bands erstickt sich die Independent-Szene gewisserweise selber; dabei steckt in ihr ein enorm großes Potential an kreativer musikalischer Freiheit und gutem, realitätsbezogenem Business.
Demnach glaubst du immer noch fest an die Independent-Ideale.
Oh ja. Du sagst immer noch... ich bin einfach so sehr in die ganze Sache eingebunden, heute genauso wie früher. Ihr habt wahrscheinlich die „Destroy corporate rock"- und „Corporate rock still sucks"-Slogans gesehen. Einige Leute haben davon einen falschen Eindruck gekriegt. Wir haben eine Menge Spaß damit gehabt, aber der Entstehungsgrund waren mal wieder Gerüchte. Vor vier bis fünf Jahren kamen diese Gerüchte auf, SST solle an ein Major-Label verkauft werden oder an einen MajorVertrieb angeschlossen werden. Das lag daran, dass damals viele SST-Bands bei Majors unterschrieben haben. Die großen Labels sind dann alle an uns herangetreten und wollten sich mit uns unterhalten. Die Wahrheit ist: Ich habe mit keinem einzigen von denen auch nur einmal gesprochen. Ich habe einfach gesagt: „Nein, wir sind nicht interessiert!“ Das ging dann zwei Jahre so weiter und die Majors begannen unterdessen, Leute zu befragen: "Was hieltest du davon, wenn wir SST kauften?" oder „Glaubst du, dass sich diese SST-Platte in unserem Vertrieb verkaufen ließe?". Die Leute, die innerhalb der Industrie herumschnüffeln, erzählen sowas dann weiter und etwas später hast du dieses Gerücht, das alle für die Wahrheit halten. Alle haben geglaubt, ich plane diesen Riesendeal hinter den Kulissen. Das hat die Labelarbeit damals sehr gestört. Die Bands waren sich nicht sicher, was mit ihnen geschehen würde. Also habe ich diese Sticker drucken lassen, um ein für allemal klarzustellen, dass das Label nicht verkauft wird. Ich habe kein Interesse an Major-Labels. Die können meinetwegen machen, was sie wollen. Ich verachte sie nicht für das, was sie tun. Natürlich sind sie nur hinter Geld her. Böse oder nicht... das ist mir egal. Aber ich kann es nicht leiden, wenn sie Auswirkungen auf meine Arbeit haben, indem sie herumschnüffeln und Gerüchte verbreiten. Lasst mich in Ruhe, lest den Sticker, ruft nicht an, fragt nicht eure Freunde, verbreitet keine Gerüchte!
Chuck Dukowski soll letztes Jahr auf der Popkomm mit einem T-Shirt herumgelaufen sein, das einen japanischen Aufdruck hatte, unter dem „Fuck Sony!" stand.
(Lacht) Die haben wir machen lassen, nachdem ein Freund von uns, der einen kleinen Vertrieb hat, von Sony über den Leisten gezogen worden war. In Japan verkaufen die Shirts sich besonders gut.
© by - Ausgabe # und 16. Mai 2025
© by - Ausgabe # und 28. September 2022
© by - Ausgabe # und 28. Juli 2022
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #15 II 1993 und Thomas Kerpen
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #19 I 1995 und Norbert Johannknecht
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #89 April/Mai 2010 und Joachim Hiller
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #107 April/Mai 2013 und Joachim Hiller
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #33 IV 1998 und Joachim Hiller
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #111 Dezember 2013/Januar 2014 und Joachim Hiller