
„I guess I was the first person to record Black Flag. They looked real strange and they had this big amplifiers. Then they started playing, they kept playing, they kept playing, I asked them to stop, but they kept playing, they kept playing, I said please, but they kept playing, they kept playing. I still hear them, they keep playing, they keep playing, inside my eyeball, this eye here, they keep playing, they keep playing, they keep …"
Soviel zu dem Eindruck, den BLACK FLAG auf den „former recording engineer" David Tarling im Jahre '78 gemacht haben müssen - ein Eindruck, der relativ anschaulich die Intensität einer Band widerspiegelt, die den Übergang von Punk zu Hardcore markierten - vielleicht nicht unbedingt chronologisch exakt, aber auf jeden Fall musikalisch. Die Beschäftigung mit dem Vehikel BLACK FLAG - als Band kann man sie bei der Häufigkeit der Umbesetzungen kaum noch bezeichnen -, setzt auch eine Auseinandersetzung mit SST voraus, einem der wichtigsten Indie-Labels der 80er, das seinen Zenit zwar schon überschritten hat, aber dessen Back-Catalogue für mich einfach nicht wegzudenken ist. Einige der bekanntesten SST-Bands, darunter HÜSKER DÜ, SONIC YOUTH, SOUNDGARDEN etc., waren auch mit die ersten Indie-Bands, die in den Genuss eines Major-Deals kamen. Unter einer Indie-Band verstehe ich dabei im Untergrund "organisch" gewachsene Strukturen, „Roots", Erfahrungen, über die man nur verfügen kann, wenn man schon einige Jahre im Geschäft ist. Mittlerweile wird ja jede aus dem Boden gestampfte Kapelle von sogenannten Talent-Scouts der Major-Labels unter Vertrag genommen, hauptsache sie verfügt über den richtigen Eintrag beim Einwohnermeldeamt. Das Verständnis von Indie als solches scheint sich, seit den Zeiten als Greg Ginn SST gründete, grundlegend verändert zu haben. SST entstand unter dem Gesichtspunkt, eine Basis zu haben, von der aus man überhaupt die Möglichkeit hatte, seine eigene Musik veröffentlichen zu können. Das Label fungierte dabei nicht als „mittelständischer Betrieb", sondern als leicht sozialistisch eingefärbte Musiker-Kommune, in der jeder fast jeden kannte und dadurch ein dichtes Beziehungsgeflecht entstand, mit all seinen gegenseitigen Beeinflussungsmöglichkeiten. Das meist sehr freundschaftliche Verhältnis der Bands untereinander ermöglichte es Ginn, mit den Umsätzen sich gut verkaufender Platten, Platten anderer Bands zu finanzieren. Eine sehr idealistische Sichtweise, die nur solange funktionieren konnte, bis das Selbstwertgefühl einzelner Bands so stark ausgeprägt war, dass sie endlich auch mal die Früchte ihrer Arbeit genießen wollten. Solange das Geld innerhalb dieses Kreislaufs verblieb, war alles in Ordnung, wurde aber Geld entzogen, konnte das zu Problemen führen. Das versuchte Ginn nach Möglichkeit zu vermeiden, was dazu führte, dass jede ehemalige SST-Band im Interview nicht ohne die Erwähnung auskommt, wieviel Geld ihnen SST noch schuldet. Das ist auch alles völlig legitim, denn wer arbeitet schon freiwillig völlig umsonst. Ich unterstelle diesen Bands aber altersbedingte Vergesslichkeit und daraus resultierende Undankbarkeit, wenn sie heute, meist aus einer gesicherten Position heraus, gegen ein Label hetzen, dem sie ihren Status zu verdanken haben. Ich kann nicht so recht glauben, dass sich ein Idealist wie Ginn plötzlich in einen Großkapitalisten vom Format eines Richard Branson verwandelt, auch wenn man ihm ja auf der Bühne eine Verwandlung von Dr. Jeckyl in Mr. Hyde nachsagt. Da dient zur Erklärung wohl am besten die alte Weisheit, dass bei Geld die Freundschaft aufhört. Im Moment habe ich den Eindruck, dass die größeren Indie-Vertriebe nach unten als Filter für unzählige kleine Plattenanbieter dienen und nach oben als Wartezimmer und Bewährungsprobe für die Bands, die irgendwie auf einen Major-Deal schielen - sie haben fast nur noch eine Zuträgerfunktion für die Industrie. Die Kontinuität und musikalische Qualität von SST bleibt deshalb auch weiterhin die Ausnahme - dazu ist inzwischen selbst der Independent-Bereich zu kapitalistisch strukturiert. Jeder muss sich selber fragen, welchen Preis er für seine Unabhängigkeit bereit zu zahlen hat.
We were all surfers. We had ska-teboards. Rollerskating, too, up and down the strand. It made sense to revolt eventually…
1976 trifft der schwarze Tontechniker, Journalist und Musiker Spot, dessen Name auf fast allen alten SST-Platten auftaucht, auf Greg Ginn, „one of the strangest people had ever met in South Bay", der so gar nicht dem Klischee vom sonnengebräunten, surfenden Kalifornier entspricht, und der sich lieber in Diskussionen über Musik verstrickt. Als er Spot eröffnet, dass er eine Punkband gründen will, muss der ihm wohl laut ins Gesicht gelacht haben, aber nachdem ihm Ginn die erste RAMONES-L P vorspielt, keimt auch bei ihm die Einsicht, dass im Punk vielleicht mehr steckt, als er vorher angenommen hatte. Anfang '78, mit dem Einstieg von Chuck Dukowski, kann man ungefähr als Geburtsstunde von BLACK FLAG ansehen, die daraufhin mit drei verschiedenen Sängern versuchen, die erste E P „Jealous Again" einzuspielen, die dann '80 endlich erscheint. Danach wird dann der aus Washington nach L.A. umgezogene Henry Rollins fester BLACK FLAG-Sänger, der sich bei seiner vorherigen Band STATE OF ALERT noch Henry Garfield nannte, und dessen Einstieg in den Punk gerüchteweise einer Begegnung mit den BAD BRAINS zugeschrieben wird. Die erste Besetzung bestand aus Ginn, Dukowski und einem gewissen Robo am Schlagzeug. Johnny „Bob" Goldstein versuchte als erster sein Glück als Sänger, der aber bevor irgendwelche Plattenaufnahmen befriedigend vollendet gewesen wären, frustriert das Handtuch warf und verschwand. Sein Nachfolger Chavo Pederast (witzig, witzig!) verließ die Band ziemlich spektakulär, indem er mitten im Gig die Bühne verließ, worauf BLACK FLAG von der Spontanität des Publikums abhängig waren, die die Bühne enterten und den Gesang übernahmen. Trotzdem stammen die Vocals der ersten EP von der Besetzung mit Sänger Chavo, der unerwartet wieder auftauchte, um wenigstens diese Aufnahmen zu vervollständigen, worauf Spot wohl anmerkte: „This is so easy now! Why didn't you quit the band before this. " Grund für die Personalfluktuation waren wohl der ständige Ärger mit der Polizei - die aber billige PR für die Band produzierten -, die Prügeleien während der Auftritte und die allgemeinen Lebensumstände, die schnell zu Frustrationen führen konnten. Damals ließ sich Punk wirklich noch auf die einfache Formel Punk Rock „Violence" beschränken. Der dritte Sänger ist Dez Cadena, später DC3, der sich auf „Damaged", der ersten richtigen BLACK FLAG-LP, noch die Vocals mit Hank teilte. Das ist gleichzeitig Ende einer Ära, die eng mit dem Media Art-Studio verbunden war, und auch einen musikalischen Wandel darstellte, vom relativ simplen Punkrock von „Damaged" hin zum Hardcore von „My War". Jetzt wird der Aufschrei der Core-Jünger wieder groß sein, denn was ist Hardcore überhaupt? Wenn man Punk als groben, etwas dilettantischen Rock'n'Roll ansieht - so in etwa Elvis mit kaputter Gitarre -, dann ist Core doch eher mit Metal verwandt. Mitgröhlverse fehlen völlig, der Rythmus variiert zwischen verdammt schnell und schleppend langsam, innerhalb der Songs gibt es drastische Rhythmuswechsel und Gitarrensoli, die gerade bei Ginn, durch ihren Improvisationscharakter starke Jazz-Elemente enthalten. Auf der Live-Platte „Who's Got The 10 1/ 2" gibt es ein Stück namens „Jam“. Kein Song über Marmelade, sondern ein spontanes Rumjammen, ähnlich wie auf der MINUTE-FLAG-EP, einer Session von welchen Bands wohl? Solche Experimente führten zu nicht abwegigen Vergleichen mit GRATEFUL DEAD, die Ginn selber als eine der besten Improvisations-Band bezeichnet. Gerade das Gitarrenspiel von Greg Ginn - natürlich auch Rollins Gesang -, das schon Spot als „loud distorted atonal riffs" und „. . . thick chords out of a guitar that in the shadowy light could have been mistaken for a chainsaw" bezeichnete, machen Platten dieser Band zu einer verstörenden Erfahrung, geprägt von einer metallischen, stumpfen Bösartigkeit. Eine brutale, an den Nerven zerrende Attacke, die man manchmal nicht mehr als einen Song lang ertragen kann. Für das Coverartwork sowie die Handpuppe mit Messer, die zum BLACK FLAG-Symbol wurde und als Tätowierung mehr als nur einen Punk ziert, war ein gewisser Raymond Pettibon verantwortlich, ein kalifornischer Zeichner, der mittlerweile auch schon über einen Underground-Status hinausgekommen ist. Aber das ist eine ganz andere Geschichte... War „My War" noch eine Art Übergang, sind alle weiteren Platten eher schwierige, mehr vom Jazzrock als vom Punk beeinflusste Experimente, dabei überwiegen kantige, von abrupten Rhythmuswechseln bestimmte Songs, die sich erst nach mehrmaligen Hören richtig erschließen lassen, und deren extremste Form dann reine Instrumentalalben sind; Songs wie „TV Party" wird man vergeblich suchen. Fester Bestandteil der Band sind damals eigentlich nur Rollins und Ginn, Dukowski steigt nach „Damaged" aus und gründet SWA, für ihn kommt auf „My War" Dale Nixon, und danach Kira, Mike Watts Frau. Bill Stevenson (DESCENDENTS) ist meistens für das Schlagzeug verantwortlich. Ist die Musik schon verstörend genug, so öffnet sich beim Lesen der Lyrics ein düsteres, gefühlskaltes Universum, eine zynische Abrechnung mit einer Gesellschaft, die für die Nöte des einzelnen keinen Platz hat. Die Texte stammen in erster Linie von Rollins und Ginn, wobei Songs der anderen Mitglieder Ausnahmen bleiben. Dukowski, der ja nicht mehr zur Besetzung gehört, schreibt auch noch vereinzelt Songs für BLACK-FLAG-Alben. Basis für die Sprache oder auch Sprachlosigkeit dieser Band bilden „TV Party" und „Six Pack", die nichts mit irgendwelcher gerade im Punkbereich weit verbreiterten Saufideologie zu tun haben, sondern mit bitterbösem Sarkasmus, die auf Fernseher und Bier beschränkte Gesellschaft, die nicht mit der Realität konfrontiert werden will, sezieren. „My girl friend asks me which one I like better. Six Pack! I hope the answer won't upset her. Six Pack! I was born with a bottle in my mouth . . ."; „We've nothing better to do, than watch TV and have a couple of brew [...] why go into the outside world at all... it's such a fright [...] TV news shows what it's like out there... it's a scare [...] what are we going to talk about... I don't know." - ,und deren individuelles Leben völlig sinnentleert und auf reines Konsumieren beschränkt ist. Alle anderen Texte dieser Band erscheinen mir dann nur noch als Reaktion auf die eigenen frustrierenden Lebensumstände und die Gefühlskälte, die innerhalb der Gesellschaft vorherrscht. In „what I See" gipfelt der innere Konflikt in dem verzweifelten Aufschrei: ,I want To Live. I wish I Was Dead. " Rollins versteht es dabei hervorragend, dieser lyrischen Verzweiflung durch seinen physisch unterstützten Pathos gesanglich eine für den Hörer erfahrbare Intensität zu verleihen. Das zentrale Thema der aus einer anonymen Massengesellschaft resultierenden Einsamkeit, in der jeder auf sich selbst gestellt ist, zieht sich wie ein roter Faden durch die BLACK FLAG-Texte, die aber keine Lösungen aufzeigen; die Situation wird zwar genau erfasst, bestätigt aber nur noch einmal, dass man kaum eine Chance hat, aus dem alltäglichen Elendskreislauf auszubrechen: "Falling down. Falling down. I stand up. To fall back down." (Sinking); Walking through a world of lies. With a heart made of stone. I looked deep into my eyes. And I knew I was alone.“(l'm The One); „Crying for a human touch. or anything that'll reach my soul."(Loose Nut); „And I can't decide. To spill my emotions or keep them inside. Go for a drive, go to the store. I'm looking for something. That can't be bought there."(Can't Decide); „I was looking fora little warmth. But I didn't find nuthin'. So now I'm hanging around." (The Swinging Man); „I ain't got no friends to call my own. I just sit here alone. There's no girls that want to touch me. I don't need your goddamn sympathy." (Depression). Diese Einsamkeit und die totale Ausweglosigkeit der eigenen Situation führt zu psychischem Schmerz, zu einer unerträglichen Seelenqual, die ein Ventil benötigt, damit sich Schmerz entladen kann, der dabei immer zu Aggression führt, entweder gegen sich oder gegen andere. Der physisch empfundene Schmerz dient als Ersatz für fehlende richtige Gefühle. Es ist nur wichtig überhaupt noch etwas zu spüren: „I punch the wall with my fists. I feel it, this is good." (This Is Good); „Swimming in the mainstream. Is such a lame dream. No method to the madness. Beat my head against the wall." (Beat My Head Against the Wall); „There may be no right, and there may be no wrong. But there is pain, and it always lasts too long." (Bastard In Love); „Pain in my heart. Pain hurts my heart. Nothing left inside. (Nothing left Inside); „Put the gun to my head. And I don't pull. I'm confused. Confused. my emotions are bruised." (Damaged II); „Life's miseries pain is deep. Does it matter that anybody cares? Can there be another outlet." (Life Of Pain); „I feel it in my heart, that if I had a gun. I feel it in my heart, l'd wanna kill some. I feel it in my heart, the end will come." (My War); „You screamed. You bled. You laid on the floor. But now I know. You'll leave me no more." (I Love You). Trotz dieser scharfen Beobachtungen kann man sich nur in sein Schicksal fügen und dem Leben und der Gesellschaft gegenüber eine misstrauische Haltung einnehmen: „See it in - Maniacs. Their eyes Maniacs. Maniacs, Maniacs." (Padded Cell); „I knew what I had when I grew up. I knew that it really sucked. Now I'm a slave to the same lies. If I don't get out, I'm gonna die."No More); „It's hard to survive. Don't know if I can do it."(Room 13); „Living tomorrow Is everyone's sorrow. Modern man's daydreams have turned into nightmares." (Modern Man); „I know the world got problems. l’ve got problems of my own. Not the kind that can't be solved. With an atom bomb." (Gimmie, Gimmie, Gimmie). Heute distanziert sich Henry Rollins von seinen Wurzeln, als wenn man Punk als Lebenseinstellung abstreifen könnte wie dreckige Unterwäsche. Dafür wird dann lieber einer plumpen Fitness-Studio-Ideologie gefrönt, und handelt sich dafür das Image eines tätowierten Kirmesprolls ein. Aber die vier Rechtecke auf der Haut lassen sich nicht so einfach entfernen. Greg Ginn, der einen ebenso starken Imageverlust erlitten hat, nimmt mit "Getting Even" (vor kurzem erschienen) plötzlich eine Platte auf, die auch schon vor zehn Jahren entstanden sein könnte und in der viel von dem Geist der Band BLACK FLAG steckt. Die wütendste und gleichzeitig verzweifeltste Musik dieses Planeten, deren Halbwertszeit noch lange nicht erreicht ist.
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