BOOZE & GLORY

Foto© by Jaka Curlic

Boys will be boys

Das sehr europäisch aufgestellte Quintett hat mit „Whiskey Tango Foxtrot“ sein sechstes Studioalbum veröffentlicht. Schon im letzten Interview 2019 glänzte Sänger und Bandleader Mark mit klaren und ehrlichen Aussagen. Die 2009 gegründete Band, die ihren Hauptsitz weiterhin in der Hauptstadt des Oi! – natürlich London – hat, bietet auf dem neuen Album abermals umwerfend gute Melodien, die so schnell wirken wie ein Wespenstich – nur angenehmer.

In eurem neuen Video „Boys will be boys“ geht es ums Boxen. Lauter toughe Männer, die durch die Straßen ziehen. Aber wo sind die Renees oder überhaupt Frauen?

Es geht nicht wirklich um Boxen oder harte Männer! Der Clip wurde in einem coolen Boxstudio in Berlin gedreht. Es ist ein Song über das Aufwachsen in den 1980ern, über die Werte und Regeln der Straße, die man kennen musste, um in dieser Zeit zu überleben – besonders in Polen, wo ich aufgewachsen bin. „Boys will be boys“ ist ein englisches Sprichwort, das bedeutet, dass Männer sich vermutlich nie ändern werden, auch wenn sie älter werden. Sie machen immer wieder dieselben Fehler und müssen dafür bezahlen, sie benehmen sich ihr ganzes Leben lang wie kleine Kinder.

Ihr habt nun Manny Anzaldo, einst bei MAD SIN, an der Gitarre. Wie hat sich das ergeben?
Mit Manny haben wir bereits im letzten Sommer begonnen. Er ist ein cooler und verrückter Typ, der in Kalifornien geboren wurde, aber in Berlin lebt. Als ich mich entschloss, die Gitarre wegzulegen und mich auf das Singen zu konzentrieren, brauchten wir noch einen Gitarristen, und Manny suchte gerade nach einer Band, der er sich anschließen konnte, nachdem er MAD SIN verlassen hatte. Es ist toll, ihn an Bord zu haben!

Ich tippe, eurem melodiösen Style kann er neue Impulse geben. Er kommt ja eigentlich aus dem Billy-Bereich.
Ja, er kommt aus der Rockabilly/Psychobilly-Szene und spielte bei MAD SIN, REZUREX und FRANTIC FLINTSTONES. Streetpunk zu spielen war für ihn etwas ganz Neues, aber es passt perfekt zu ihm.

Und Hervé, einst bei DEADLINE, ist nun am Bass ...
Ja, Hervé ist seit diesem Jahr als Bassist dabei, kurz bevor wir das neue Album aufgenommen haben. Er hat in Bands wie DEADLINE, THE FILAMENTS und ARGY BARGY gespielt. Vor fast zehn Jahren hatte er sich eigentlich aus dem Tourleben zurückgezogen, aber ich habe ihn überreden können, wieder einzusteigen, und er scheint es zu lieben. Er lebt in Südfrankreich, was logistisch nicht ganz einfach ist, haha! Aber genau wie Manny hat er sich ohne Probleme in die Band eingefügt und wir freuen uns schon sehr darauf, diesen Herbst mit dieser Besetzung durch Europa zu touren.

Wie erlebt ihr die Szene? In den 1990ern gab es Boneheads, SHARPs und Oi!-Skins, die angeblich „unpolitisch“ waren. Heute scheint das alle noch wesentlich schwieriger oder täusche ich mich da?
Um ganz ehrlich zu sein, verfolge ich das nicht so sehr. Ich meine diese „Szene-Dramen“ – er ist dies oder der ist das, das alles interessiert mich überhaupt nicht mehr. Natürlich sind BOOZE & GLORY seit dem ersten Tag eine 100% antifaschistische Band, und so ist das seit vielen Jahren. Heute bin ich 45 und ehrlich gesagt muss ich niemandem mehr etwas beweisen. Ich ziehe mein Ding durch und habe Spaß dabei. Ich verfolge auch nicht wirklich die aktuelle Oi!-Szene. Ich meine, ich höre immer noch viele klassische Oi!-Bands, ich liebe Early Reggae, Northern Soul, Motown ... Aber ich bin nicht sehr vertraut mit der „neuen“ Oi!-Szene. Manchmal schaue ich mir das Plakat eines Oi!-Festivals an und kenne keine einzige Band, die dort spielt! Aber gleichzeitig bin ich sehr froh, dass die Oi!-Szene noch lebendig ist und es neue Bands gibt. Ich muss mich definitiv besser informieren und anfangen, zu erkunden, was so los ist, aber als Vater einer Dreijährigen ist das nicht so einfach. Und jedes Mal, wenn ich etwas Lauteres und Härteres als Reggae spiele, dreht meine Tochter durch.

In unserem letzten Gespräch sagtest du, dass man kein Label mehr benötige. Wie ist deine Haltung heute dazu? Concrete Jungle ist ja nun eine gute Adresse ...
Ich sagte, dass ein Label, das „nur die Platte veröffentlicht“, nicht mehr notwendig ist, weil wir das alle genauso gut tun können. Jeder kann zu einem Presswerk gehen und darum bitten, die Platte zu pressen. Der Trick besteht darin, sich nach der Veröffentlichung weiter um darum zu kümmern und die Labels dazu zu bringen, die Platte nicht zu vergessen. Wir haben jetzt einen Vertrag mit Concrete Jungle unterzeichnet, unserem neuen Label, das sich tatsächlich um die Promotion und den weltweiten Vertrieb kümmert. Das macht einen mega Unterschied. Zudem habe ich wie gesagt als Vater nicht mehr die Zeit, mich selbst darum zu kümmern, und es ist einfacher, ein gutes Label zu haben, das die Band unterstützt.

Zu deiner Heimat Polen: Die rechte PIS-Partei ist weiterhin stark, aber wie siehst du generell die politische Entwicklung dort?
Nun ja, die PIS hat zwar vor zwei Jahren die Wahl verloren, aber sie hat jetzt die Präsidentschaftswahlen gewonnen, und Polen hat nun einen neuen rechtsgerichteten, konservativen Präsidenten, was furchtbar schlimm ist. Na ja, ich schätze, das sind die „Freuden“ der Demokratie. In der rechten Propaganda Polens wird Westeuropa gerne als Hort schlechter Lebensqualität und hoher Kriminalität diffamiert. So was funktioniert bei schlichten und ungebildeten Menschen ganz prima. Die wollen dann solche Zustände nicht auch in Polen haben, also wählen sie weiterhin rechte Parteien. Es ist traurig mitanzusehen, aber wie ich schon sagte: Demokratie ist Demokratie ...

Auf dem neuen Album scheint eine Menge an Folk-Punk mitzuschwingen. Hat eure Tour mit den DROPKICK MURPHYS damit etwas zu tun?
Es ist kein Geheimnis, dass ich ein großer Fan von DROPKICK MURPHYS bin, daher gibt es natürlich einige Folk-Punk-Elemente in unseren Songs. Aber auf dem neuen Album gibt es meiner Meinung nach nur einen Track mit diesem Vibe, „Family isn’t always blood“. Diesen Song wollten wir eigentlich mit Al Barr aufnehmen, aber letztendlich konnte er es nicht machen, was schade ist. Und ja, die Tour mit DROPKICK MURPHYS war eine großartige Erfahrung und wahrscheinlich eine der besten Tourneen, die wir je gemacht haben.

Das Album wurde in drei verschiedenen Ländern eingespielt, was bemerkenswert ist. Die Songs stammen aber weiterhin hauptsächlich von dir, oder?
Ja, die Songs wurden hauptsächlich von mir und Kahan, unserem Leadgitarristen, geschrieben. Und wir haben nicht nur in drei verschiedenen Ländern aufgenommen, sondern sogar auf zwei verschiedenen Kontinenten. Aus irgendeinem Grund neigen wir dazu, die Dinge zu verkomplizieren. Unser Tontechniker ist auch Schlagzeuger und hat sein eigenes Studio in Polen. Und genau wie unser Drummer Frank ist er besessen von gutem Schlagzeug-Sound. Die beiden haben also drei oder vier Tage lang in Polen an den Schlagzeug-Spuren gearbeitet. Dann sind wir nach Italien geflogen, um den Rest aufzunehmen. Dafür hatten wir wieder dasselbe Studio und denselben Produzenten wie für die EP „Raising The Roof“. Als wir fast fertig waren, fanden wir, dass die Backing Vocals nicht stark genug waren. Unser Gitarrist Manny wollte für ein paar Wochen nach Mexiko, also haben wir ihn gebeten, ein paar seiner Freunde dort zu fragen und ein Studio zu buchen, um diese Songs ein paar Mal einzusingen. Das Album ist also in Polen, Italien und Mexiko entstanden.

„The one and only“ schließt euer kurzweiliges Album ab – mit schöner Akustikgitarre und Mitgrölfaktor. Wer wird denn in dem Song gewürdigt?
Dies ist ein Lied über Chema, unseren ehemaligen Bassisten, derzeit bei TOTAL CHAOS. Er ist ein Charakter, wie ich ihn noch nie zuvor getroffen habe, ich liebe diesen Kerl!

Ihr wart schon immer ziemlich international aufgestellt. Glaubst du, dass die neue Bandbesetzung so stabil ist, dass hoffentlich keine weiteren Änderungen mehr nötig sind?
Wenn ich ehrlich sein soll, habe ich keine Angst vor Veränderungen. Mitgliederwechsel haben auch immer bestimmte Gründe, und wenn das der Band neue Impulse und positive Entwicklungen bringt, ist das großartig. Wenn man so viel Zeit zusammen im Hotel oder im Tourbus verbringt, funktionieren manche Dinge irgendwann einfach nicht mehr. Ich sage immer: Ich mache das, weil ich es liebe, und ich möchte mich mit den Menschen um mich herum wohl fühlen. Es gibt so viele Bands, die es nicht mehr gibt, weil sie nicht mehr miteinander klarkamen, aber auch die Besetzung nicht ändern wollten, was dumm ist. Es ist absolut nichts Falsches an Besetzungswechseln, wenn sie die Band auf ein neues Level bringen.

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