BRUTAL VERSCHIMMELT

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Besser spät als nie

Das muss man der alten deutschen Punkband erst mal nachmachen: nach „nur“ vierzig Jahren ein zweites Album veröffentlichen und damit nach der langen Zeit auch noch fast in Originalbesetzung auf Tour gehen. Ihr Gig im Sonic Ballroom zu Köln wurde schnell zu einer wilden und ausgelassenen Pogo-Party und sicher auch zu einer Zeitreise in die 1980er Jahre. Wir sprachen mit Bassist Carlo über das Wie und Warum, die neue LP „Alles frisch!“ und ihre Abrechnung mit Rock-O-Rama. BRUTAL VERSCHIMMELT sind 2024 außerdem Bernie (gt) und Kölsi (gt), Max (voc, sax) sowie Norm (dr).

Ihr hattet schon vor drei Jahren im Interview eine neue LP angekündigt. Warum ist es erst jetzt dazu gekommen?

Ich hatte nach der Tour 2014 begonnen, Schritt für Schritt erste Ideen und Texte für neue Songs zu entwickeln und sie zu Hause auf dem PC aufgenommen. Mit Norm habe ich im Übungsraum zunächst erste Pilotfassungen aufgenommen, einschließlich nachträglich hingerotzter Gitarrenspuren, um eine erste Idee von den Songs zu bekommen. Zu diesem Material hatte Max auch mal bei einem Sonderurlaub im Oktober 2018 in Hannover seine Tracks gesungen. Aber das Zeug war uns dann doch zu wackelig und wir haben auch jahrelang nicht den Arsch hochgekriegt, das Material weiter zu bearbeiten. Zwischendurch schafften wir es lediglich, 2016 und 2018 das RUTS- und das NOTDURFT-Cover online jeder an seinem Wohnort aufzunehmen anlässlich zweier Sampler-Anfragen. Zur 2022er Tour waren aber schon ein paar der neuen Songs etwas ausgereifter und wir konnten sie immerhin bei den Konzerten live testen. Die Stücke kamen gut an und deswegen hegten wir den innigen Wunsch nach einer neuen LP weiter. Aber wir kamen wieder erst mal nicht zu Potte ... Als wir jetzt die 2024er Tour im Frühjahr planten, haben wir einfach überall angekündigt, dass wir unsere neue LP mitbringen. Damit sind wir in Zugzwang geraten. Da wir mit dem bisherigen Material aber noch etwas unzufrieden waren, mussten Norm und Carlo die Songs zunächst neu mit Schlagzeug und Bass einspielen.

Wieso die Entscheidung für Power It Up Records?
Bei Power It Up hat Carlo im Mai angefragt, weil wir schon gute Erfahrungen mit der Veröffentlichung der letzten Retro-Live-LP „Schlechtes von gestern“ gemacht hatten. Er willigte ein, unter der Bedingung, dass er auch die erste LP nochmals nachproduzieren kann. Vom Timing her waren wir natürlich wieder viel zu spät dran und bekamen von ihm die Deadline 28. Juli, was sehr sportlich war. Da Klaus in diesem Jahr zwei Mal im Krankenhaus war und nicht sicher, wann er wieder zur Gitarre greifen kann, haben wir zudem als Backup unseren Ur-Gitarristen Bernie angefragt, ob er bei den LP-Aufnahmen und auch der Tour mitspielen würde. Der fing wieder Feuer. Damit ging alles Schlag auf Schlag. Die beiden Gitarristen spielten jeweils an separaten Wochenenden im Juni ihre Spuren in Hannover neu ein. Max kam Ende Juni für ein paar Tage aus Kalifornien rüber und hat in drei Tagen seinen Gesang neu aufgenommen und auch ein paar Saxofon-Parts eingespielt. Im Juli hat Max das Cover gestaltet und parallel haben wir in Hannover das eingespielte Material für den finalen Mix vorbereitet. Das Endprodukt hat Achim vom Wellencocktail-Studio in den letzten beiden Wochen pünktlich bis zur Deadline produziert. Vom Endergebnis sind wir selbst überrascht gewesen, das neue Material klingt richtig gut. Die dritte LP wird auf jeden Fall nicht mehr vierzig Jahre auf sich warten lassen.

Ihr seit jetzt mit vier Originalmitgliedern unterwegs.
Wie schon gesagt, konnten wir dieses Jahr Bernie für die neue LP und die aktuelle Tour gewinnen. So bestehen BRUTAL VERSCHIMMELT heute, 44 Jahre nach der Gründung in Kempten im Allgäu, als Quintett wieder zu 80% aus Mitgliedern der Ur-Besetzung bei der ersten LP 1983. Lediglich Norm von SYSTEMFEHLA, ABSTÜRZENDE BRIEFTAUBEN und DIE ÜBLICHEN am Schlagzeug ist der Einzige ohne Allgäuer Herkunft.

Die neue Platte heißt „Alles frisch!“ – wie muss man den Titel deuten?
Alle Scheiben nach der ersten LP waren Wiederveröffentlichungen irgendwelcher alten Aufnahmen, die R-O-R-LP, Live-Mitschnitte, Kassetten-Demos. Das war alles, was wir den anfragenden Labels Höhnie Records oder Power It Up bieten konnten. Nach rund vierzig Jahren kommen wir nun mit ganzen neuen Songs um die Ecke, deshalb „Alles frisch!“. Außerdem steckt hinter dem Songwriting bewusst die Grundidee, möglichst viele Themen von der ersten LP wieder aufzugreifen und aus heutiger Sicht zu beschreiben. Wären wir jetzt Künstler, könnten wir es ein Konzeptalbum nennen. Aus „Fette Kinder“ wurde „Dicke Eltern“, aus dem Suizidalsong „Illerbrücke“ die „Sterbehilfe“, aus „Panzer“ das zeitgemäße „Drohnen“ oder aus „Nazischwein“ die Losung „Hau weg die Kacke“. Mit dem Songmaterial sind wir jetzt auf unserer vierten Deutschlandtour am Start.

„Sterbehilfe“ erinnert mich von der Aussage her an den dystopischen Film „Jahr 2022 ... die überleben wollen“, wo es auch die Möglichkeit gibt, freiwillig aus dem Leben zu scheiden.
Ich habe meinen Vater vor über zehn Jahren unter Chemotherapie an Bauchspeicheldrüsenkrebs dahinsiechen gesehen. Das war der Anstoß für den Gedanken, so was selbst nie erleben zu müssen. Das Leben muss gelebt werden können, als unselbstständige Topfpflanze kann man es auch lassen und einen Schlussstrich ziehen. Aber der Song beschreibt auch das demographische Problem unserer oder auch anderer Industriegesellschaften. Das hohe Alter können sich angesichts der gestiegenen Pflege- und Gesundheitskosten nur Wohlhabende leisten. Für die breite Masse wird irgendwann der Staat auch nicht mehr aufkommen wollen und deshalb wird die scheinheilige Diskussion um Sterbehilfe in Zukunft eine neue Wendung nehmen und allen die Möglichkeit gegeben, unkompliziert die Gesellschaft zu entlasten, wenn man die Zeit gekommen sieht. Außerdem entwickeln sich die Industriestaaten zu regelrechten Gerontokratien, in denen die Politik zu sehr auf die vergreisenden Wählerschichten schielt.

Erklär bitte mal den Text von „Yes, ve gan“? Wo seht ihr „vegane Zwangsernährung“?
Ach, der Text darf nicht so bierernst genommen werden. Ich, der Autor, koche selbst meist vegan oder mindestens veggie und baue eigenes Gemüse an. Max bevorzugt als „pragmatischer Vegetarier“ ebenfalls diese Kost, erlaubt sich aber hin und wieder auch Fleisch. Auf den Touren haben wir es ständig erlebt, dass uns mit dem Argument „Das können ja alle essen“ ein veganer Einheitsbrei aufgetischt wird. Ist im Grunde auch okay, solange es gut schmeckt. Als wir aber zum zweiten Mal eine undefinierbare Masse ohne besonderen Geschmack vorgesetzt bekamen, sind zwei von uns eben mal ins nächstgelegene Steakhouse abgezogen und bestimmt total gestärkt wieder auf die Bühne gekommen. Vor diesem Hintergrund entstand dieser – in einer Zeile wohlgemerkt – ironische Text, der zu Beginn ja auch auf eure Ox-Kochbücher anspielt.

Sehr gelungen finde ich den Text von „Was bleibt“. Habt ihr Archäologen in der Band?
Nö, aber wir sind ja selbst quasi Fossilien. Derartige Gedanken kommen einem, wenn man in deutschen Innenstädten die ganzen Ramsch- und Elektronikschrottläden sieht. Da stellt man sich die ratlosen Gesichter der Leute vor, die in der Zukunft mal diese weggeworfenen Konsumkreislauf-Reste ausgraben.

„Dicke Eltern“ ist die Antwort auf euren alten Song „Fette Kinder“ – beschreibt ihr euch selbst?
Wer ist denn hier dick? Wir beschreiben ein weltweites Phänomen unserer Wohlstands- beziehungsweise Industriegesellschaften. Multinationale Food-Konzerne wie Nestlé machen die ganze Welt immer süchtiger nach Zucker und Kohlehydraten. Gleichzeitig hängen alle paralysiert vor irgendwelchen Unterhaltungsgeräten rum. Ich war 1998 in den USA und las in der Zeitung, dass gemäß einer US-weiten Studie über die Hälfte der Amerikaner zu dick sind. 2018 fand ich die gleichlautende Meldung für Deutschland und dieses „Wachstum“ geht weiter. Wenn wir den vorgefertigten Mampf in uns reinstopfen und im wahrsten Sinne aus der Form geraten, sehen eben immer Leute so aus, wie sie heute aussehen. Gesunde, fleischlose Ernährung wäre die wirksamste Gegenmaßnahme, aber wem erzählen wir das?

Mal provokativ gefragt: Braucht es 2024 noch Deutschpunk?
Was braucht es überhaupt? Wir haben 1980 angefangen, in Bands zu spielen, und es lässt uns nicht mehr los. Es ist die Musik, die uns Spaß macht, und wenn sie anderen gefällt, dann ist das gut so. Wir sind dankbar dafür, dass wir mit dem Zeug einfach losfahren können und eine Reihe Konzerte in ganz Deutschland spielen. Wenn es mal niemand mehr hören will, lassen wir es eben. Und es ist die einzige Art von Musik, die wir mangels musikalischer Ausbildung machen können. Zu höherer Kunst reicht es nicht. Wenn wir mal wegen Gehörschäden und körperlicher Beeinträchtigungen nicht mehr können, fangen wir vielleicht an, Bücher, Gedichte, penetrante Leserbriefe oder Online-Blogs zu schreiben. Und zur Entspannung gehen wir in den Garten, unser Gemüse ansehen. So können wir den Irrsinn um uns herum verarbeiten.

„Babylon brennt“ – wer hatte die Idee zu dem Cover?
2016 kam auf der Facebook-Seite eine Anfrage für einen Oi!-Sampler rein und anfänglich wussten wir gar nicht, was wir da beitragen sollen. Eigentlich wollten wir keinen waschechten Oi!-Song covern, da einige Bands politisch doch etwas grenzwertig waren. Letztlich kamen wir auf eine der besten Punkbands: THE RUTS. Da der RUTS Sänger immerhin diesen Rude-Boy-Look hatte, empfanden wir ein Stück von ihnen als angemessen für einen Oi!-Sampler. „Babylon’s burning“ ist ein super Song, den wir damals auch schon rauf und runter hörten. Als wir uns nun mit der Übersetzung des Texts beschäftigten, fanden wir, dass der auch gut in unsere heutige Zeit passt.

Das Covermotiv eurer LP, also der Punk, der das Monster killt, das auf dem damaligen Album von Rock-O-Rama abgebildet war – ist das eure späte Abrechnung mit dem damaligen Labelbetreiber Egoldt?
Ja, wir wollten eine Fortsetzung der Szene zeigen und gleichzeitig auch das künstlerische Niveau von damals nicht überbieten. Mit dem damaligen Cover hat Egoldt unseren eigenen Entwurf ignoriert und einfach weggeworfen. Bei seinem Cover haben wir vor allem das Tier nicht verstanden. Aber egal, schlimmer war, dass er alle Texte mit klarer Aussage nicht abgedruckt hatte. Für unsere 100 eigenen Exemplare hatten wir ein eigenes, vollständiges Textblatt gemacht und das Cover in Handarbeit mit Spraydosen und Edding „umgestaltet“. Bei der neuen Platte sind alle unsere Texte enthalten.

Warum benutzt ihr das alte Motiv noch für eure Shirts?
So scheiße das Vorgehen von Egoldt war – er hatte schon einen Riecher dafür, was ankam. Das Hackemännchen von der ersten LP hat sich nach der Auflösung 1984 über die Jahrzehnte gehalten und hat aufgrund seines ikonischen Charakters das virtuelle Weiterleben von BRUTAL VERSCHIMMELT mit ermöglicht. Von entscheidender Bedeutung war aber unser beknackter Bandname. Ab Anfang der 2000er war diverses Merch zu BRUTAL VERSCHIMMELT im Netz zu finden, T-Shirts, Badges oder Aufnäher, irgendwie schien die Band weiter zu interessieren, auch wenn es sie gar nicht mehr gab. Daran konnten wir ab 2013 anknüpfen und das Motiv bei der Reunion als Bandmotiv mit hohem Wiedererkennungswert einsetzen. Das werden wir auch weiterhin tun, solange wir nichts Besseres haben.

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