CALLOUS DAOBOYS

Foto© by Thomas Eger

Mehr Lynch wagen

Das neue THE CALLOUS DAOBOYS-Album entpuppt sich als wahnwitziger Ritt durch Stile und Genres, der der US-Band so manche Tür öffnen könnte. Auch inhaltlich ist „I Don’t Want To See You In Heaven“ ein Werk, das Spaß macht und herausfordert. Sänger und Mastermind Carson Pace gibt gerne Hinweise auf die Rahmenhandlung, erklären möchte er allerdings nicht zu viel.

Die Musik auf eurem neuen Album ist alles andere als geradlinig und simpel, aber gleichzeitig wirkt sie auch nicht zusammengewürfelt – im Gegenteil. Wie gehst du mit den Optionen um, wenn theoretisch alles möglich ist?

Auf der neuen Platte ist mit das Härteste dabei, was wir je gemacht haben, aber auch das leichteste und eingängigste Material, das wir je hatten. Es ging grundsätzlich eher darum, das Album richtig anzuordnen und sicherzustellen, dass es als Gesamtwerk Sinn ergibt. Mir ist wichtig, dass wir immer wir selbst bleiben. Dass wir nicht sagen, hey, wir sollten einen Song im Stil von COUNTERPARTS oder SILENT PLANET schreiben, und dann klingt der Song tatsächlich so – so was würden wir wieder verwerfen. Natürlich fließen unsere Einflüsse in den Sound ein, wir hören ja viele verschiedene Musikrichtungen. Am Ende zählt aber das Gefühl. Und ich finde, auf diesem Album fühlt sich alles zum ersten Mal für uns als Band so richtig passend an.

Du hast gerade gesagt, ein Album sei als ganzheitliches Kunstwerk zu betrachten. Lass uns zu der Geschichte kommen, die „I Don’t Want To See You In Heaven“ erzählt, laut Presseinfo spielt sie 300 Jahre in der Zukunft.
Das ist sozusagen der Rahmen, der alles zusammenhält. Es ist kein Konzeptalbum – es ist aber auch nicht kein Konzeptalbum. Ich hatte vor etwa fünf Jahren die Idee für einen Heist-Film, der in einem Kunstmuseum spielt. Ich erzähle gerne Geschichten in unseren Songs und bin ein ziemlich esoterischer Texter. Meine größten Einflüsse in dieser Hinsicht sind Aaron Weiss von MEWITHOUTYOU, Andy Hull von MANCHESTER ORCHESTRA und Cedric Bixler-Zavala von THE MARS VOLTA. Ich versuche nicht, wie Cedric zu schreiben, aber ich nutze eine ähnliche Form von freier Wortassoziation. Meine Texte machen total Sinn, wenn man sich mit den Begriffen oder Referenzen beschäftigt. Ich erzähle Geschichten in unseren Songs, aber die Lieder auf diesem Album ergeben nicht zwangsläufig eine zusammenhängende Geschichte. Es sind Erlebnisse aus meinem Leben der letzten Jahre – verpackt in dieses Museum in der Zukunft, als würde man sie 300 Jahre später hören. Vielleicht ist das ein hochkonzeptueller Ansatz, aber für mich ist es das nicht. Es ist einfach eine spezielle Art, ein Album zu präsentieren.

Also spielt es 300 Jahre in der Zukunft – und ist gleichzeitig dein persönlichstes Album?
Ja, in meinem Kopf ergibt das alles Sinn.

Und warum sollte man diese Gedanken für den Hörer noch konsumierbarer machen?
Lustigerweise habe ich das an dem Tag gespürt, an dem David Lynch gestorben ist. Die Leute haben oft dieses grundsätzliche Bedürfnis, Medienerzeugnisse erklärt zu bekommen. Gerade bei David Lynch, wo es ständig darum geht, was diese oder jene Szene in „Twin Peaks“ oder „Fire Walk With Me“ bedeutet. Ich verstehe das Bedürfnis nach Antworten, aber ich finde nicht, dass man als Künstler immer welche liefern muss. Wenn du Kunst konsumierst und dir Fragen stellst, dann ist das ein Zeichen dafür, dass sie gut gemacht ist. Schlechte Kunst lässt dich nichts fühlen. Wenn du meine Texte liest und denkst: „Was soll das bedeuten?“, dann ist das völlig okay. Und ich finde es auch okay, das nicht zu erklären – weil ich es nicht muss. Es nervt mich nur manchmal, wenn Leute behaupten, meine Texte würden keinen Sinn ergeben. Vielleicht halt nur nicht für dich.

Es ist eine sehr eingeschränkte Auffassung von Kunst, wenn man meint, alles verstehen zu müssen. Es kann doch gerade inspirierend und herausfordernd sein, wenn man etwas nicht ganz versteht oder es auf seine eigene Art interpretiert. Darum geht es doch bei Kunst.
Das denke ich auch. Ich bekomme manchmal Nachrichten von Leuten, die sagen: Für mich geht’s in dem Song um dies oder das. Dann schreibe ich immer: Ja, genauso ist es. Weil es für sie ja auch so ist – und das ist großartig. Es darf für andere etwas ganz anderes bedeuten.

Wie viel Humor braucht oder verträgt Musik?
Meiner Meinung nach unbegrenzt. Ich liebe WEEN, ich liebe MR. BUNGLE. Ich mag diese abgedrehten Bands, weil einfach alles irgendwo auch etwas Komisches enthält. Selbst in ernsten Filmen gibt es Witze.

Zumindest in den guten.
Genau das. Wenn man etwas Lustiges macht, lenkt das nicht vom Grundton ab – solange alles andere gut umgesetzt ist. Es muss wirklich lustig sein, es muss catchy sein und es muss ein guter Song sein. Wenn die Musik gut ist, darf sie so lustig sein, wie sie will.

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