© by Oli DuncansonDas neue Album der britischen Band CASKETS ist für Sänger Matt wie eine Ansammlung von Geständnissen. Was es damit auf sich hat und warum das für ihn gar nicht so einfach war, erfahren wir im Gespräch mit ihm.
Könntest du uns zunächst einmal die Bedeutung des Albumtitels erklären und was er für dich persönlich bedeutet?
„The Only Heaven You’ll Know“ bezieht sich auf einen tiefen inneren Konflikt, den ich seit meiner Kindheit mit mir herumtrage. Ich war verzweifelt auf der Suche nach einem Sinn. Ich hoffte, im Glauben etwas zu finden, das mich heilen oder mir zeigen könnte, wo ich in dieser Welt hingehöre. Aber statt Klarheit zu erhalten, fühlte ich mich nur noch verlorener. Je mehr ich in der Außenwelt nach Antworten suchte, desto weiter entfernte ich mich von mir selbst. Der Titel steht für den Moment, in dem mir klar wurde, dass niemand kommen wird, um mich zu retten, dass es keinen garantierten Himmel gibt, der auf mich wartet. Der einzige Himmel, den du jemals erleben wirst, ist der, den du dir selbst in diesem Leben durch Schmerz, Verantwortung, Selbstkritik und Selbstakzeptanz aufbaust. Auf dem Album setze ich mich mit dieser Verwirrung und Entfremdung auseinander und verwandle sie in etwas, das mir endlich Frieden bringen könnte.
Du hast gesagt, dass jeder Song auf diesem Album einem Geständnis gleicht. Ich finde, ein Geständnis ist etwas, das man nicht leicht über die Lippen bringt. Du hast elf davon auf deinem Album. Hattest du das Gefühl, dass du viel zu bekennen hast?
Auf jeden Fall. Ich glaube, ich habe Jahre damit verbracht, viele Erkenntnisse über mich selbst zu verdrängen, Dinge, für die ich mich schämte, Teile meines Lebens, die ich nie ganz verarbeitet habe. Wenn ich sage, dass jeder Song wie ein Geständnis ist, meine ich damit, dass ich mich endlich dazu gezwungen habe, mich nicht mehr hinter Metaphern oder vagen Andeutungen zu verstecken. Das sind nicht nur Songs, sondern Offenbarungen von Schuld, Reue, Schwäche und Hoffnung. Ich musste dieses Album einfach brutal ehrlich gestalten, nicht in erster Linie für die Zuhörer, sondern vor allem für mich selbst. Diese „Geständnisse“ waren notwendig, damit ich mich als Mensch weiterentwickeln konnte.
Es muss schwer gewesen sein, in sich selbst zu graben und all diese Songs über sehr persönliche Themen zu schreiben. Hast du das Gefühl, dass dir das geholfen hat, deine Schwierigkeiten zu überwinden und dich deinen Ängsten zu stellen?
In gewisser Weise ja ... und in gewisser Weise nein. Das Schreiben dieses Albums hat mir definitiv geholfen, mich mit vielen Dingen auseinanderzusetzen, die ich jahrelang zu ignorieren versucht hatte, aber das bedeutet nicht, dass damit alle Probleme gelöst sind. Ich glaube, wir alle haben Dinge, die wir lieber vergessen würden, und Dinge, bei denen wir hoffen, dass sie uns von anderen und von uns selbst vergeben werden. Das Schreiben dieser Songs hat mich gezwungen, mich mit Teilen meiner selbst auseinanderzusetzen, die ich verdrängt hatte. Es hat mir natürlich ein Gefühl der Befreiung verschafft, aber es hat auch alte Wunden wieder aufgerissen. Einige dieser Narben sind noch nicht verheilt, aber zumindest verstehe ich jetzt besser, wo der Schmerz herkommt. Ich glaube nicht, dass Heilung bedeutet, die Vergangenheit auszulöschen; es geht darum, zu lernen damit zu leben und sich nicht mehr davon kontrollieren zu lassen.
Diese „Geständnisse“ werden für alle zugänglich sein. Denkst du manchmal über die möglichen Reaktionen auf die Songs nach, nicht nur von Fans, sondern auch von Freunden und Familie, Menschen, die dich so gut kennen, dass sie vielleicht etwas in den Songs finden, das einem durchschnittlichen Hörer nicht auffallen würde?
Natürlich mache ich mir Gedanken darüber. Es ist beängstigend, etwas zu veröffentlichen, mit dem man innerlich so lange gekämpft hat. Diese Texte handeln von Teilen meiner Persönlichkeit, die ich sehr lange verborgen gehalten habe, und sobald sie veröffentlicht sind, kann ich sie nicht mehr zurückholen, und das möchte ich auch gar nicht. Aber genau diese Angst ist der Grund, warum ich es tun wollte. Ich möchte, dass sich die Fans verstanden fühlen und wissen, dass sie mit ihren inneren Kämpfen, in dieser Dunkelheit nicht allein sind. Wenn mein Schmerz jemand anderem hilft, seine eigenen Gefühle in Worte zu fassen, dann ist es diese Verletzbarkeit wert. Was meine Freunde und meine Familie angeht, so waren sie in meinen schwersten Momenten sehr für mich da. Ich glaube, sie werden vieles von dem, was ich auf diesem Album anspreche, wiedererkennen, weil sie diese Phasen meines Lebens hautnah miterlebt haben. Es mag für sie schwer sein, das zu hören, aber ich glaube auch, dass sie verstehen werden, dass dieses Album meine Art ist, damit endlich abzuschließen.
Mit einem Album wie „The Only Heaven You’ll Know“ und der Reise, die die Band im Laufe der Jahre durchlaufen hat, was hast du persönlich durch die Band gelernt, das auch auf dein sonstiges Leben zutrifft?
In der Band zu sein hat mir mehr über das Leben und mich selbst beigebracht als alles andere, was ich je erlebt habe. Im Laufe der Jahre hat es mich gezwungen, mich mit meinem wahren Ich auseinanderzusetzen, nicht nur als Musiker, sondern auch als Mensch. Ich habe durch Misserfolge in allen Bereichen des Lebens Resilienz gelernt, durch die Erfolge Demut und die Bedeutung von Verletzlichkeit, sowohl beim Schreiben als auch im Umgang mit anderen. Früher fühlte ich mich in meinen Kämpfen völlig allein, weil ich mich nicht zu Wort meldete, bis ich zu tief in einem Loch steckte, um alleine wieder herauszukommen. Durch die Band habe ich gelernt, dass Offenheit keine Schwäche ist, sondern eine Form von Stärke.
© by Fuze - Ausgabe #90 Oktober/November 2021 und Jeannine Michèle Kock
© by Fuze - Ausgabe #102 Oktober/November 2023 und Jeannine Michèle Kock
© by Fuze - Ausgabe #115 Dezember 2025 /Januar 2026 2025 und Jeannine Michèle Kock