
Als ich CHUMBAWAMBA im Herbst 1990 interviewte, war eben ihr „Slap!"-Album erschienen und die Band tourte durch Jugendzentren, besetzte Häuser und kleine Clubs. Das Publikum bestand weitgehend aus Punks und ähnlichen Leuten, denn Spex und die anderen großen Blätter hatten CHUMBAWAMBA noch nicht für sich entdeckt. Vier Jahre später ist die englische Anarchotruppe mit CONSOLIDATED auf Tour und hat genau das erreicht, was sie damals im Interview ankündigte: Die Popszene mit ihrer nur vordergründig süßen Musik zu erobern und dem Publikum dabei radikale Texte unterzujubeln. Klar war allerdings, dass mit dem Versuch der Erweiterung der Zielgruppe die üblichen szeneinternen Slogans von „Ausverkauf" und „ Verrat" die Runde machen würden. Ich sprach mit Alice Nutter und Harry, der einfach nur Harry heißt.
Noch bevor ich die erste Frage stellen kann, will Alice von mir wissen, weshalb ein Hardcore-Fanzine auf die Idee kommt, eine Band wie CHUMBAWAMBA zu interviewen. Meine Antwort: Musik allein ist keine Kategorie, um eine Band einzuordnen. Von ihrem Denken und politischen Anspruch her sind CHUMBAWAMBA aber eine Band, die ohne weiteres ins Ox passt. „Vor vier Jahren änderten wir unseren Musikstil total", erzählt Alice. „Der Grund, weshalb auch heute noch Punks zu unseren Konzerten kommen, ist unsere Einstellung und unsere Herkunft. Wir hatten damals die Erkenntnis gewonnen, dass es politisch nichts bringt, ewig im eigenen Szeneghetto zu bleiben. Manche Leute fühlen sich gut und elitär, wenn sie ihre Ansichten nur mit einer Hand voll Leuten teilen, aber wir halten das für dumm. Unsere Meinung ist, dass man, wenn man einen politischen Anspruch hat, mit süß klingender Popmusik in dem Mainstreambereich gehen muss, dabei aber Texte hat, die in keiner Weise süß sind."
Ihre D.I.Y.-Attitüde haben CHUMBAWAMBA nicht aufgegeben - auch wenn der Vertrieb über ein Majorlabel und die Zusammenarbeit mit einem großen kommerziellen Tourveranstalter eine andere Sprache zu sprechen scheinen. „Es sieht vielleicht nicht so aus, aber wir machen immernoch fast alles selbst", meint Alice. „Wir schreiben unsere Presseinfos selbst, kümmern uns um die Covergestaltung, produzieren die Platten völlig im Alleingang und haben keinen Manager. Viele Leute glauben uns das nicht mehr, weil wir jetzt auch in großen Hallen spielen, aber das eine hat mit dem anderen ja nichts zu tun. Bevor wir unseren Vertrag bei One Little Indian unterschrieben, machten wir denen nochmal klar, was für eine Band sie sich mit uns einhandeln: Wir sind nicht bereit, dafür, dass sich unsere Plattengut verkaufen, Dinge zu tun, die unter unserer Würde sind. Und wenn uns jemand eine Kamera unter die Nase hält, ist das für uns noch lange kein Grund, nur nette Sachen über euch zu erzählen. Auch ein netter Boss ist in erster Linie ein Boss." Kompromisse habe die Band nur in musikalischer Hinsicht gemacht, ohne sich dabei allerdings unwohl zu fühlen: „Politische Musik sollten auch die Großeltern der Leute mitsummen können. Politische Musik muss doch nicht immer laut und aggressiv sein und alle Leute abstoßen! Wenn du die Leute für deine Texte gewinnen willst, musst du sie mit süßen Melodien betören."
Doch die Gefahr von Kompromissen besteht nicht darin, zu einem bestimmten Zeitpunkt den großen Kompromiss einzugehen, sondern in den vielen kleinen Kompromissen über einen längeren Zeitraum, die letztendlich von der ursprünglichen Position nicht viel übrig lassen. „Der größte Kompromiss, den wir je eingingen, war Schallplatten zu machen", meint Alice dazu. „Als wir damals unsere erste Platte machen, bekamen wir zu hören, wir hätten uns damit komplett ausverkauft. Wenn wir es wirklich ernst meinten, würden wir nur Kassetten aufnehmen, selbst kopieren und für zwei oder drei Mark weiterverkaufen. Uns war also klar, dass wir von dem Augenblick an, in dem wir eine Platte machen, uns auf die Marktmechanismen einlassen müssen. Und wenn eine Band erzählt, sie würde sich ja aus dem ganzen Business raushalten, dann ist das Blödsinn. Du kannst dich der Sache nicht entziehen. Die Hälfte von diesen Leuten hat doch nur Angst vor dem richtigen Leben: Sie bleiben in ihrem kleinen Ghetto, weil sie gar keine Chance haben, daraus auszubrechen."
Sowieso haben Alice und ihre Mitmusikerlnnen keine Lust mehr, sich auch heute noch diese Sprüche von wegen Ausverkauf etc. anzuhören: „In all den Jahren, die ich bei CHUMBAWAMBA bin, musste ich mir immer wieder von Leuten irgendwelche Vorwürfe machen lassen. Heute belastet mich das aber nicht mehr, denn ich bin absolut zufrieden mit dem, was wir machen, und fühle mich überhaupt nicht schuldig. Ich habe jetzt nicht mehr das Gefühl, mich ständig rechtfertigen zu müssen. Wenn jetzt jemand auf mich zukommt und meint, wir hätten uns doch eigentlich so und so verhalten müssen, entgegne ich, ich würde gern sehen, wie er oder sie sich in einer Band verhalten würde. Ich verhalte mich so, wie ich es für richtig halte - das ist mein einziger Maßstab."
Bleibt die Frage, wie CHUMBAWAMBA es schaffen wollen, trotz „big business" und Mainstream ihre Identität zu wahren. Merken die Leute, die „Timebomb" jeden Tag im Radio hören, dass CHUMBAWAMBA sich doch wesentlich von den gesichtslosen Hitparadenstars unterscheiden? „Selbst wenn sie nicht gleich merken, dass wir einen anderen Anspruch haben, ist es nicht weiter schlimm. Die Tatsache, dass wir überhaupt gespielt werden und so vielleicht einige Leute sich daraufhin unsere Platte kaufen und eventuell auch noch die Texte lesen, ist es wert", minimiert Harry die Erwartungen der Band an die Reaktion des Publikums. „Wir müssen noch viel mehr ins Radio drängen, denn dann können sie schon nicht so viel belanglosen „Baby, baby"-Scheiß spielen."
Doch was sind radikale oder pseudoradikale Texte überhaupt noch wert, wenn „Rebellion" - BIOHAZARD, RAGE AGAINST THE MACHINE und GREEN DAY sind Beweis genug - sich problemlos vermarkten lässt? Alice widerspricht mir entschieden: „Rebellion verkauft sich nur solange, wie sie absolut sicher ist. Du sprichst von „fashion rebellion", denn BIOHAZARD und R.A.T.M. sind „liberal wankers", liberale Arschlöcher!“
Doch wo genau liegt der Unterschied zwischen CHUMBAWAMBA und diesen Bands? „Heute nachmittag habe ich in WDR1 ein Interview gegeben. Und ich weiß, dass bei denen wahrscheinlich nicht jeden Tag eine Popmusikerin im Studio erzählt, dass der Wendepunkt in ihrem Leben gewesen sei, als sie bei einer Straßenschlacht mit Pflastersteinen nach Polizisten geworfen habe. Ich wurde auch gefragt, warum ich eine Pistole im Ausschnitt trage. Ich antwortete, dass in der Politik in den Achtzigern das eine stereotype Frauenbild durch das andere ersetzt wurde: Von der vom Mann kontrollierten Frau hin zum Bild der Frau als Göttin, als Ernährerin, als fürsorgliches Wesen. Ich weiß auch, dass die wenigsten Bands hinter einer politischen Idee stehen. Wer traut sich denn schon in der Öffentlichkeit zu sagen, dass der einzige Weg mit Faschisten umzugehen, der ist, sie umzubringen. Das hat nichts damit zu tun, dass ich Gewalt befürworte, sondern damit, dass ich Realistin bin. Ich weiß, was in den 20ern und 30ern in Europa geschehen ist, und ich kenne die Geschichte Großbritanniens: Mit dem Bösen gibt es nichts zu verhandeln - man muss handeln!" „Ich würde gerne wissen", meldet sich Harry zu Wort, „ was RAGE AGAINST THE MACHINE in zwölf Jahren machen - solange gibt es CHUMBAWAMBA nämlich schon: Gibt es die dann überhaupt nicht, sind sie noch politisch, was für Musik machen sie dann?“
Es stellt sich auch die Frage, ob Bands sich darum kümmern müssen, was Journalisten über sie reden oder schreiben. CHUMBAWAMBA sind derzeit angesagt, also findet es jeder gut, dass sie so engagiert sind und es ist ja auch irgendwie hip, gegen Schwulenfeindlichkeit zu sein. Also ist es auch angesagt, eine Band wie CHUMBAWAMBA zu pushen: „It's a fuckinggood thing to be hip", meint Alice dazu. „Mir ist es lieber, wenn Leute eine Band wie uns hip finden, als wenn sie ständig nur die gleichen blöden Liedchen über heterosexuelle Liebe zu hören bekommen."
Aus dem Szeneghetto ausbrechen, möglichst viele Leute erreichen - das war das erkärte Ziel von CHUMBAWAMBA und sie haben es geschafft. Doch fühlen sie sich in ihrer Position wohl? „Nein", gesteht Alice ohne zu zögern. „Wir haben noch nicht genug Wirbel gemacht und wenn wir jetzt nicht aufpassen, bleiben wir in der Achterbahn des Pop-Business gefangen. Erfolgreich sein ist das eine, etwas zu verändern das andere. Letzteres ist uns wichtiger. Nimm zum Beispiel die SEX PISTOLS: Die waren nur kurze Zeit angesagt, aber der „Schaden", den sie der etablierten Mainstream-Rock- und Popkultur zugefügt haben, ist unermesslich. Die englische Presse hat uns schon immer gehasst und links liegen lassen – all die Blätter wie Melody Maker und NME –, weil wir nie bereit waren, uns auf ihr schmieriges Gehabe einzulassen. Und sie hassen uns noch immer.“
„Trotzdem liebt uns das englische Publikum", fährt Harry fort, „und wir sind größer als die meisten Bands, die von diesen Blättern gepusht werden. Das ärgert die jetzt natürlich ganz besonders, denn sie haben uns nie ernstgenommen und sahen uns nur als kurzlebiges Phänomen an. Wir sind einfach klüger als die, hehe. Jetzt, da wir groß sind, verweigern wir uns denen natürlich erst recht. Klar, wir könnten als Polizisten verkleidet jederzeit ein Titelfoto bekommen, aber wir wollen uns nicht auf diese Spielchen einlassen.“
Die ungeschriebenen Spielregeln zu verletzen, das lieben CHUMBAWAMBA. Und das ist auch der Punkt, der sie von Hitparadenpunks wie GREEN DAY unterscheidet, die brav mit den Plattenfirmen kooperieren. Alice: „Den Typen in den Plattenfirmen passt es überhaupt nicht, dass wir jetzt, da wir die Aufmerksamkeit auf uns gelenkt haben, in Interviews über ihre Geschäftspraktiken reden. Die tun immer so, als seien alle im Business gute Freunde und das Leben eine einzige Party. Aber das ist Bullshit: Wir sind nicht deren Freunde, und das Business ist ein Haufen stinkender Scheiße, in der wir bis zu den Knien versunken sind. Und wenn die von Politik reden, davon, dass eine Band „politisch" ist, dann meinen sie damit so liberale Scheiße wie RAGE AGAINST THE MACHINE: Wir aber reden von unserer Kultur in Nordengland und wir haben keine Angst, in Interviews und auf der Bühne unsere Meinung zu sagen."
Was Alice damit meint, machten CHUMBAWAMBA auch in dem Interview deutlich, das ich Ende 1990 führte, kurz nachdem die RAF den Treuhand-Manager Rohwedder erschossen hatte und indem sie diese Tat durchaus begrüßten. Mittlerweile stehen CHUMBAWAMBA jedoch viel mehr im Rampenlicht – ein Grund, mit entsprechenden Äußerungen heute etwas vorsichtiger zu sein? „Nein, dazu gibt es keine Veranlassung. Den Mund zu halten, um unseren Erfolg nicht zu gefährden, kommt nicht in Frage – im Gegenteil: Deutschland hat für uns wegen der RAF eine besondere Bedeutung, und Boff sagt eigentlich bei jedem Konzert was zu dem Thema. Und wenn ich es wundervoll finde, dass in Frankreich eine Frau neulich drei Bullen abgeknallt hat, dann sage ich das auch."
Später am Abend wird Boff dann zwischen zwei Songs diesen Vorfall erwähnen und kommentieren, dass die Welt ein bisschen schöner wäre, wenn jeder auf dem Weg nach Hause das gleiche täte. Über die Angemessenheit dieser Äußerung kann man sich streiten. Tatsache ist aber, dass sie im Falle von CHUMBAWAMBA nichts mit kraftmeierischem Sprücheklopfen zu tun hat, sondern ernst gemeint ist. Alice: „Es ist uns egal, ob das Pop-Publikum bei Konzerten der gleichen Meinung ist oder nicht."
Nicht ganz unwichtig ist auch die Sprachbarriere, denn wer versteht hier in Deutschland bei einem im Radio oder live gespielten englischen Song schon den Text. Von „Homophobia" etwa dürften die wenigsten Zuhörerlnnen mehr verstehen als den Refrain. CHUMBAWAMBA sind sich dieses Problems durchaus bewusst, aber mehr als ein Schulterzucken wissen sie dem auch nicht entgegenzusetzen. „Wir sind in unseren Aussagen so direkt, dass man eigentlich zwangsläufig mitbekommt, was wir sagen wollen. Oder meinst du, man könnte eine Textzeile wie „Give the fascist man a gunshot" missverstehen?"
Dass die Sprachbarriere so dramatisch wirklich nicht sein kann und immernoch genug an Aussage durchkommt, beweist das Beispiel Israel: „Da waren wir eine ganze Weile mit „Homophobia" auf Platz 1 der Hitparade", freut sich Alice. „Dort gab es einen Skandal, weil ein Minister schwul ist und deswegen gefeuert wurde. Das löste eine Riesendebatte über Homosexualität aus und die Bewegung gegen Schwulenfeindlichkeit, die sich daraufhin formierte, erkor unser „ Homophobia" zu ihrer Hymne."
Einen gewissen missionarischen Eifer kann man CHUMBAWAMBA nicht absprechen, auch wenn Harry sich anderweitig äußert: „Es sollte nicht der Eindruck entstehen, dass wir uns für die Erziehung der ganzen Welt verantwortlich fühlen, denn eigentlich singen wir nur über unsere persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse. Wir kommen aus Leeds und singen darüber, was in Leeds los ist." „Politik ist auch nicht alles ", ergänzt Alice. „Es ist völlig o.k., wenn uns Leute nur auf der musikalischen Ebene gutfinden."
Derzeit stehen Alice und Harry auf Jungletechno, was per se nicht gerade hochpolitische Musik ist. „Das neue Album von WARREN G ist auch gut - rein musikalisch gesehen, denn auf die Texte habe ich noch gar nicht gehört. Und im Tourbus laufen ständig die BEATLES. Ich würde es gar nicht aushalten, ständig nur CRASS zu hören. Popmusik kann verdammt gut und außerdem sehr subversiv sein. Schau dir doch Elvis Presley an: Als der 1956 im amerikanischen Fernsehen mit seinen Hüftschwüngen anfing, löste das eine Revolution aus. Plötzlich hatten die Erwachsenen die Jugendkultur nicht mehr unter Kontrolle." – „Und als die BEATLES und ROLLINGSTONES plötzlich mit langen Haaren ankamen und wie Mädchen aussahen, war das für die Spießer eine ungeheure Provokation", ergänzt Harry.
Heute scheint es auf den ersten Blick schwieriger zu sein, noch mit irgendetwas zu provozieren - schon gar nicht mit irgendeinem Outfit: Irokesen-Haarschnitt, Doc Martens-Stiefel, Tattoos, Piercings - alles etabliert und weitgehend akzeptiert. Harry sieht das anders: „Vor der Waffenstillstandserklärung der IRA musstest du nur das Thema IRA ansprechen und stecktest sofort in einer ungeheuer emotionalen Diskussion. Mit Religion, egal ob Katholizismus oder Protestantismus, ist es genauso. Wir haben zum Beispiel diesen Song, wo sich Danbert als Jesus und Alice als schnapstrinkende Nonne verkleidet und nach dem Konzert gab es tatsächlich Leute, die sich beschwerten, wir hätten ihre religiösen Gefühle verletzt."
Und Alice erzählt: „Bei unserem neuen Album ist es uns tatsächlich passiert, dass Läden sich weigerten, die Platte ins Programm zu nehmen, weil das Cover pornographisch sei. Dabei zeigt es nur die Geburt eines Kindes. Ich finde sowas großartig, wenn man Leute mit so etwas provozieren kann. Stell dir doch mal so einen gelackten Idioten im Anzug vor, der argumentiert, das Cover sei nicht für Kinder geeignet. Und dann die Diskussionen in Musikzeitungen, wo Leute Leserbriefe schrieben und meinten, wir hätten die Geburt als solche in den Schmutz gezogen. It's so easy to cause fuckin' trouble."
In die gleiche Kerbe schlägt auch der Albumtitel. „Anarchy", so hätte man vor zehn Jahren ein Punkalbum genannt, was aber schon damals ziemlich klischeehaft gewesen wäre. Heute dagegen wirkt das für Leute aus der Szene wie ein Spiel mit Klischees. Für „normale" Leute dürfte das Provokationspotential aber immer noch vorhanden sein. „Unsere Überlegung war die", erläutert Harry, „dass jetzt jede Menge Leute auf uns aufmerksam wurden, die uns bisher nicht kannten und deshalb nicht wissen können, dass wir überzeugte Anarchisten sind. Also entschieden wir uns mit „Anarchy" für einen Titel, der zusammenfasst, wofür wir in den letzten Jahren standen und auch in der Zukunft noch stehen werden. Es ist nur ein Wort, aber auf die Leute übt es immer noch eine provozierende Wirkung aus, weil es in der Presse und im Fernsehen immer verwendet wird, wenn es um Demonstrationen und Aufstände geht."
Geld. Auch der überzeugteste Anarchist und die überzeugteste Anarchistin kommen nicht ohne es aus. Ich will deshalb wissen, ob CHUMBAWAMBA mittlerweile so weit sind, dass sie mit der Band richtig Geld verdienen. „Nein", entgegnet mir Alice. „Wir können damit überleben, aber es wirklich nicht üppig. Das liegt unter anderem auch daran, dass wir uns den Marketingstrategien der Plattenfirma widersetzen. Wir haben „Timebomb" als Single aus dem Album ausgekoppelt, uns es läuft gut. Deshalb sollten wir einen weiteren Titel auskoppeln, aber wir wollen nicht, weil es nur dazu dient, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Und wenn uns die Plattenfirma sagt, wir sollten dies oder jenes tun, dann machen wir schon aus Prinzip das Gegenteil. Damit sind wir allerdings auch schon mehrmals auf die Fresse geflogen, zum Beispiel mit unserem ersten Video: Wir wollten ganz korrekt sein und haben dafür Leute angeheuert, die zwar politisch korrekt und auf unserer Linie waren, aber noch nie ein Musikvideo gemacht hatten. Das Ergebnis war dann völlig unbrauchbar und wir hatten £5.000zum Fenster rausgeschmissen. Die Plattenfirma hatte uns gewarnt, aber wir wollten klüger sein als die. Trotzdem werden wir als nächstes ein live aufgenommenes Punkalbum veröffentlichen, statt einer weiteren Popplatte. Und danach kommt ein Fotobuch mit einem rein instrumentalen Soundtrack. Du siehst also, dass wir all das, womit man wirklich Geld verdienen könnte, bleiben lassen, weil es für uns als Projekt uninteressant ist. Klar wäre es schön, soviel Geld zu haben, dass man sich keine Sorgen machen muss, wie die anfallenden Rechnungen bezahlt werden können. Aber noch viel schöner ist es, das zu tun, wozu man wirklich Lust hat."
Davon, wie abgeklärt und illusionslos CHUMBAWAMBA dem Musikbusiness gegenüberstehen, könnten sich viele andere Bands eine Scheibe abschneiden, die sich stattdessen aber lieber darüber beschweren, wie hinterhältig sie von ihrem Label abgezockt worden seien. CHUMBAWAMBA haben alles getan, um zu verhindern, dass sie gegenüber ihrer Plattenfirma One Little Indian in Abhängigkeit geraten. Alice: „Wir haben uns geweigert, von der Plattenfirma Geld zu leihen, denn wenn du das tust, haben sie Kontrolle über dich. Wir akzeptierten nur eine kleine Summe als Vorschuss, um damit die Aufnahme zu finanzieren. Manchmal wäre es allerdings ganz schön, wenn wir reich wären. Und ich hätte gern so viel Geld wie die Leute, die bei Konzerten auf uns zukommen und sich beschweren, dass es 25 Mark Eintritt kostet. Ich denke mir dann nur, dass die garantiert mehr Geld verdienen als ich. Verdammt, wissen die überhaupt wie ich lebe?"
Klingt einleuchtend – auch die Erklärung, dass die Package-Tour mit CONSOLIDATED und SAPRIZE jede Menge Geld kostet, weshalb 25 Mark sicher nicht überteuert seien. Harry: „Bei uns sind acht Leute auf der Bühne, von denen fünf singen. Deshalb brauchen wir eine relativ aufwendige Anlage, denn sonst ist der Sound einfach schrecklich. " Und Alice erklärt, dass CHUMBAWAMBA keinen Manager haben; weshalb sie sich selbst um die geschäftlichen Angelegenheiten der Band kümmert und somit genau weiß, wo das Geld hin fließt: „ Weder eine der beteiligten Bands noch die Ton- und Lichtmenschen verdienen mehr als jemand, der einen durchschnittlichen Job hat und daran gibt es wohl nichts auszusetzen."
So nervig die ständigen Diskussionen mit Leuten aus der Szene auch sein können, so wenig will Alice auf diese Erfahrung verzichten: „Es beweist mir, dass wir noch mit beiden Beinen auf dem Boden stehen. Andere Bands haben Fans, die sie anhimmeln und ihnen sagen, wie toll sie doch sind. Wir dagegen haben Fans, die uns nach dem Konzert zur Rede stellen und wissen wollen, warum wir nicht länger gespielt haben, warum wir die Ansagen nicht auf Deutsch machen und so weiter. Zum einen nervt das total, zum anderen zeigt es, dass die Leute nicht blind konsumieren und uns auch nicht als abgehobene Stars betrachten, sondern unser Verhalten hinterfragen. "
Überraschend war für viele alte Fans von CHUMBAWAMBA die Tatsache, dass die Band in Deutschland plötzlich über den Major Metronome vertrieben wurde. Bis „Anarchy" ließ das englische Label One Little Indian noch über Rough Trade vertreiben, entschied sich dann aber als Partner in Deutschland für die Industrie. CHUMBAWAMBA wurden von diesem Vorgehen ihrer Plattenfirma völlig überrascht, konnten aber nicht dagegen vorgehen, weil es im Vertrag keine entsprechende Klausel gibt. „Als wir die Leute von Metronome dann zum ersten Mal trafen, waren wir völlig überrascht. Wir hatten richtige Arschlöcher erwartet, aber die waren total nett und standen auch auf unsere Musik", erzählt Alice. „ Wir fühlten uns richtig Scheiße, denn wir hatten vorher in zig Interviews erzählt, dass wir eben von der Musikindustrie über den Tisch gezogen worden seien. Es erschienen dann Stories mit Überschriften wie „Metronome are shit!", was uns im Nachhinein wirklich leid tat. Und die Tatsache, dass ein Label independent ist, bedeutet überhaupt nichts, denn viele von den kleinen Bossen sind genauso schlimm wie die Typen von den Majors."
Warum die Band angesichts ihres Misstrauens gegenüber Plattenfirmen ihre Alben nicht weiterhin auf dem bandeigenen Agitprop-Label veröffentlicht, will ich wissen. Harry erklärt mir, dass sie es mit dem eigenen Label nicht hätten schaffen können, aus dem Punkrockghetto auszubrechen. Außerdem sei die Doppelbelastung durch Band und Label einfach nicht mehr zu bewältigen gewesen. Alice nennt noch einen weiteren Grund: „Wir haben bei allen Platten, die wir rausbrachten, letztendlich draufgezahlt. All das Geld, das wir mit CHUMBAWAMBA verdienten, mussten wir deshalb in unser Label stecken. Und wir mussten die Erfahrung machen, dass die meisten Bands unglaublich dumm sind: Wenn du denen nicht genau sagst, wie sie ihr Leben leben sollen, kriegen die einfach nichts geregelt."
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