CONVERGE

Foto© by Epitaph

Gefühlssache

Zu ihrem elften Studioalbum „Love Is Not Enough“ beantwortet uns Jacob Bannon, Sänger der US-Band, Fragen zu Hörgewohnheiten, den Umgang mit emotionalen Teufelskreisen und die Veränderung seines Gesangs über die Jahre.

Im Opener singst du sinngemäß: „Time is never right“. Gleichzeitig erscheint das Album einen Tag vor Valentinstag. Ist der Zeitpunkt manchmal vielleicht doch der richtige?

Das ist eine interessante Art, das zu betrachten. So habe ich das ehrlich gesagt noch gar nicht gesehen. Aber Musik in die Welt zu entlassen ist immer ein Glücksspiel. Es ist ein Risiko. Du arbeitest unglaublich lange und intensiv an diesem großen, kollektiven Kunstwerk – und dann wirfst du es in die Welt und hoffst, dass nichts dazwischenkommt. Du hoffst, dass keine weltpolitischen Ereignisse oder sonstige Dinge passieren, die plötzlich die Aufmerksamkeit von dem abziehen, was du eigentlich sagen willst. Aber das kannst du nicht kontrollieren. Das passiert einfach. Als wir über Veröffentlichungstermine gesprochen haben, gab es verschiedene Zeitpläne, verschiedene Kalender. Und als dann der 13. Februar als passender Termin im Raum stand – also direkt rund um den Valentinstag –, erschien uns das irgendwie, ja, fast schon schicksalhaft. Und dann dachte ich: Doch, das fühlt sich richtig an. Dieses Album behandelt viele Themen, und Liebe ist eines davon. Also ergibt es symbolisch total Sinn, dass es genau dann erscheint.

Wie wichtig sind für dich und für euch als Band der Sound eines Albums und der gesamte Aufnahmeprozess?
Ich würde sagen, das ist alles. Absolut alles. Im Kern sind wir eine Rockband. Eine traditionelle Rockband. Eine Punkband, klar – aber eben mit Schlagzeug, Bass, Gitarre, Gesang. Wir können komplexe, vielschichtige Dinge machen, so wie bei „Bloodmoon“, mit vielen Ebenen und flexiblen Parts. Aber CONVERGE sind im Kern eine Band aus vier Leuten. Unsere Stärke liegt darin, dass wir die Summe unserer Teile sind. Viele Bands haben einen Hauptsongwriter, eine Person, die kreativ alles dominiert. Bei uns ist das anders. Wir schreiben gemeinsam. Manchmal führt einer einen Song an, manchmal jemand anderes. Und deshalb ist unser Ton, unser Klang essenziell. Das ist unsere klangliche Identität. Wir sind eine schwere, abrasive Band – und der Sound ist dafür absolut entscheidend. Kurt quält sich regelrecht mit diesem Aspekt, betrachtet unsere Alben immer auch als Prüfstein für seine Arbeit als Engineer. Wenn du an deinem eigenen Projekt arbeitest, ist das noch mal etwas ganz anderes. Wir sind keine moderne Band im klassischen Sinne. Wir veröffentlichen heute Platten, aber wir stammen aus einer Zeit, in der man nicht alles digital glattbügeln konnte. Wir haben gelernt, die Wildheit unseres Sounds zu akzeptieren – und nicht zu versuchen, sie beim Aufnehmen zu entfernen. Wir wollen keinen messerscharfen, modernen Gitarrensound. Wir wollen etwas Hässliches, Eigenes, etwas, das nur Kurt so spielt. Dasselbe gilt für Bass und Drums. Es geht darum, jede Nuance der Persönlichkeit der Musiker einzufangen. Und ja – auch beim Gesang. Ich mache mehr als nur schreien. Da steckt Kunst drin, Tonalität, Phrasierung, Ausdruck. Viele Leute hören nur die Lautstärke und denken: Der schreit halt. Aber wenn man sich darauf einlässt, merkt man schnell, dass da viel mehr passiert.

Gutes Stichwort: Gerade auf diesem Album wirkt dein Gesang viel verständlicher als früher. Auf älteren Platten war vieles stärker geschichtet, mehr Effekte – hier ist alles klarer.
Tatsächlich sind da gar nicht viele Effekte drauf. Oft ist das, was Leute für Effekte halten, einfach ein Mikrofon, das an seine Grenzen gebracht wird. Wenn du es drückst, wenn du es falsch oder bewusst „falsch“ benutzt, fängt es an, natürlich zu verzerren. So wie du eine Gitarre hältst oder anschlägst, so behandelst du auch ein Mikrofon – alles mit Absicht, um einen bestimmten Klang zu erzeugen. Ich bin bis heute nicht wirklich darauf aus, vollkommen verständlich zu sein. Und wenn Leute das kritisieren, sagt das oft mehr über ihre Hörgewohnheiten aus als über unsere Musik. Viele haben keinen Bezug zu frühen, rougheren Bands, zu Hardcore oder Noise. Für sie klingt das dann einfach fremd. Und das ist okay. Aber wir versuchen nicht, wie irgendwer anders zu klingen. Wir haben unsere eigene Stimme. Früher – zum Beispiel bei „Jane Doe“ – ging es mir fast ausschließlich darum, eine emotionale Performance einzufangen. Ich hatte mein Notizbuch offen, habe vielleicht drei von zwanzig geschriebenen Zeilen gesungen – aber das Gefühl war da. Später habe ich gemerkt: Ich kann emotional sein und verständlich. Also habe ich angefangen, stärker über Phrasierung und die Struktur nachzudenken. Ich will, dass man es fühlt – aber auch versteht. Ohne das zu verwässern, was wir sind.

Dann würde ich gerne über „To feel some­thing“ sprechen – besonders über das Ende des Songs und diese wiederholte Zeile. Geht es darum, dass man sich irgendwann abgestumpft fühlt und dieses ursprüngliche Gefühl zurückhaben will?
Nicht im Sinne von Touren oder Musikmachen. Das fühlt sich für mich immer noch gleich an. Der Song handelt eher davon, sich im Leben überwältigt zu fühlen, von persönlichen und beruflichen Dingen. Von allem, was gleichzeitig passiert. Ich bin ein sehr introvertierter Mensch. Ich spreche kaum mit Freunden oder Familie über solche Dinge. Mit dir spreche ich nun darüber. Ich stecke meine Gefühle in die Kunst. Wenn man sie immer unterdrückt, entsteht Stress. Und dieser Stress kann dazu führen, dass man emotional taub wird. Der Song handelt davon, diesen Punkt zu erkennen – und zu merken, dass man da durch muss, um wieder etwas zu fühlen. Und auch darüber nachzudenken, warum diese Taubheit überhaupt entstanden ist.

Hast du einen Weg gefunden, aus diesem Teufelskreis auszubrechen?
Ich breche nicht aus dem Kreis aus. Ich stehe in seiner Mitte. Kunst hilft mir, einen Ort zu haben, an dem ich diese Gefühle ablegen kann. Aber ich möchte nicht den Eindruck vermitteln, dass sie alles heilt. Vielleicht gibt es keine Tür. Vielleicht ist es kein Kreis. Vielleicht stehe ich einfach auf einem großen Spiegel.

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