CRAZY ALICE

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Hardcore sucks

CRAZY ALICE aus Boston konnten mich mit ihrem Debut-Album „Wheel" völlig überzeugen: Mitreißender Gitarrenrock in bester BULLET LAVOLTA-Tradition, der auch live begeisterte. Wie ernst die Antworten der Band gemeint waren, müsst ihr im Einzelfall selbst herausfinden.

Ihr seid auf Tour In Deutschland, ohne dass ihr hier bis jetzt sehr bekannt seid. Big Store haben eure Platte erst kurz vor der Tour veröffentlicht.
John:
Ja, aber die Platte wurde auch in England, Spanien, Italien und Japan veröffentlicht.
Jeff: Ursprünglich nahmen wir die Platte im Oktober 1991 für ein Bostoner Label namens Sonic Bubblegum auf. Der Typ hat die Platte dann an Daniel von Big Store und Roger von Eve Records geschickt und die lizensierten die Platten dann für ihr Land. Die beiden haben auch die Tour koordiniert, die wir jetzt zusammen mit NOTWIST spielen.
John: Ja, aber die Platte wurde in den USA schon vor eineinhalb Jahren veröffentlicht.

Habt ihr denn in der Zwischenzeit neue Songs aufgenommen? Ihr habt vorhin ja auch ein paar neue Lieder gespielt.
Jeff:
Ja, bevor wir auf Tour kamen, nahmen wir unser neues Album auf, das hoffentlich im Herbst auch in Deutschland auf Big Store erscheint.

Habt Ihr denn vor CRAZY ALICE schon In einer anderen Band gespielt? Ihr seht nicht so aus, als ob CRAZY ALICE eure erste Band Ist.
John:
Schon, aber nichts, das erwähnenswert ist.
Jeff: Ich habe Pizzas gebacken. Nicht bei PIZZA HUT oder einer anderen großen Firma, sondern in einem ganz kleinen Laden. Aber ich war sehr gut.
John: Ja, er war in Boston bekannt für seine Pizzas. Und jetzt, wo er mit seiner Band in Europa auf Tour ist, vermissen ihn alle.
Jeff: Wenn ich dir erzähle, was ich wirklich mache, dann glaubst du mir sowieso nicht...

Lass mich raten: Boston Ist eine Universitätsstadt, vielleicht bist du ja wie Vic Bondi Lehrer an der Uni?
Jeff:
Nein, ich bin Rechtsanwalt.

Um auf Vic Bondi zurück zu kommen: Dein Stageacting erinnerte mich etwas an Ihn.
Jeff:
Alles, was ich auf der Bühne tue, ist kalkuliert, choreographisch perfekt einstudiert. Kennst du Paula Abdul? Sie ist unsere Choreographin, und jeden Schritt, den wir auf der Bühne machen, haben wir vorher einstudiert. Tja, es ist zwar teuer, aber ich denke, dass es das Geld wert war. Das Publikum fährt darauf ab.

Ach wirklich? Wenn eine Band aus Boston kommt, dann hat man immer zwei Klischees Im Kopf: Hardcore a la GANG GREEN oder SLAPSHOT oder Gitarrenrock a ja DINOSAUR JR.
Jeff: Ja, das stimmt. Vielleicht kommt es daher, dass Boston an sich eine relativ kleine Szene hat.
John: Es ist eine Collegestadt mit Tonnen von Bands, die keinen Platz zum Auftreten finden.
Jeff: Und alle guten Bands klingen gleich. Ob wir hier spielen oder eine von zehn anderen Bands, das würde keinen Unterschied machen. Die klingen sowieso alle gleich.

Ihr eingeschlossen?
Jeff:
Ich denke ja. Die Bands unterscheiden sich zwar in Details, aber im Grunde ähneln sie sich stark. Meine Lieblingsbands sind BUFFALOTOM, LEMONHEADS und DINOSAUR JR, aber die anderen hier haben andere Lieblingsbands. Naja, wenn du diese Art von Bands magst, dann ist es wohl zu erwarten, dass du auch selbst Musik in diesem Stil schreibst.

Die meisten Bands versuchen ja immer einem zu erzählen, wie eigenständig gerade Ihre Musik sei. Deshalb überrascht mich deine Offenheit.
John:
Wir versuchen ja nicht bewusst, wie diese oder jene Band zu klingen.
Jeff: Ich glaube einfach nicht, dass unser Sound besonders originell ist. Von Song zu Song lassen sich aber natürlich gewisse Unterschiede feststellen.
John: Wenn ich einen Song schreibe, dann versuche ich schon, ihn möglichst eigenständig klingen zu lassen. Ich denke schon, dass sie von mir direkt stammen und nicht nur eine Kopie der Lieder eines Anderen sind. Aber wenn ein Dritter meine Songs hört, dann ist es natürlich gut möglich, dass sie ihn an die eine oder andere Band erinnern. Das mag auch stimmen, aber wenn ich sie schreibe, bin ich mir dessen nicht bewusst.
Jeff: Wenn ich Songs schreibe, dann ist es oft so: Meine Vermieter wohnen über mir und haben ein Klavier. Manchmal, wenn sie darauf spielen, nehme ich ihre Songs heimlich auf, stehle sie ihnen, und schreibe einen neuen Song. Oder ich gehe auf Konzerte und höre mir an, was für Songs irgendwelche kleinen Bands spielen, die kein Mensch kennt. Und wenn mir da ein Song gefällt, dann klaue ich einfach Elemente davon. Das ist der einfachste Weg, haha. Übrigens haben wir bisher schon ungefähr sechs Songs von NOTWIST gestohlen, allerdings werden wir die erst üben, wenn wir wieder in Boston sind.
Shawn: Du musst aber auch sehen, dass vier verschiedene Leute in dieser Band spielen, die einen unterschiedlichen Geschmack haben. Ich kümmere mich nicht um Jeffs Meinung. Ich arbeite in Boston in einem Plattenladen und höre völlig unterschiedliche Musik. Ich stehe im Gegensatz zu Jeff mehr auf experimentelle, lärmige Bands, zum Beispiel POLVO oder die BASTARDS. Die sind irgendwie „grungier and noisier", sie klingen irgendwie anders als alles, was ich vorher gehört habe. Aber nur weil ich diese Bands höre, versuche noch noch lange nicht, sie zu kopieren. Das ist nur die Musik, die ich mir anhöre.
Jeff: Wenn du die Besprechungen unserer Platte liest , dann stellst du fest, dass wir ständig mit MOVING TARGETS, BUFFALOTOM und DINOSAUR JR verglichen werden. Wir können also spielen und erzählen was wir wollen - die Leute werden immer sagen, dass wir wie die und die klingen.
John: Wir kommen aus Boston. Diese Bands sind dort sehr groß und so vergleichen sie uns eben.
Jeff: Und wie ich vorher schon sagte, kann es, wenn du diese Band selbst gerne hörst, durchaus passieren, dass deine Band so ähnlich klingt, aber ich sehe nicht, was daran falsch sein soll. Aber ich höre auch gerne Jazz, und diesen Einfluss erkennt keiner. (Es folgt eine leider nicht wiedergebbare Aufführung einer A Capella-Version von „Simply Gorgeous", was den Besitzer des schmierigen Balkan-Imbiss gegenüber dem Bochumer Zwischenfall zur Intervention veranlasst: Obwohl wir uns den Aufenthalt in seinem Etablissement mit fünf Flaschen Bier erkauft haben, droht er uns mit Rauswurf, falls wir unsere Lautstärke nicht zurückschrauben. Kulturloser Banause...
Jeff: Tja, liebe Leser, eben wurden beinahe von diesem Individuum aus dem Restaurant geworfen. Aber was meint ihr, ob wir zehn es mit ihm aufnehmen können? What would you say if we rush him and really fuck him up?

Na los Jungs, tut euch keinen Zwang an, Ihr werdet wohl so schnell nicht mehr hier auftauchen. Aber zurück zum Thema: Jeff, Ich habe deinen Gesang in der Plattenbesprechung mit dem von Axl Rose verglichen…
Jeff:
...Ich habe weniger Tätowierungen. Aber du meinst wohl diese Art, so aus dem Hals heraus zu singen. Ja, ich kann das nachvollziehen.
John: Weißt du, die Leute über ihm, die mit dem Klavier, die hören auch ständig GUNS`N’ROSES...
Jeff: Um die Sache mit den Einflüssen abzuschließen: Jeder, der in einer Band spielt, wird dabei von den Bands beeinflußt, auf die er steht. Meine Lieblingsbands sind die REPLACEMENTS und SOUL ASYLUM. Das ist die Art von Musik, die ich mag. Man kann sich von dieser Beeinflussung nicht befreien.

Spielt Ihr denn auch außerhalb von Boston?
John:
Wir haben einmal eine kleine Tour gemacht, in Chicago, Minneapolis und in einigen kleinen Städten gespielt. Nach Chicago sind wir gefahren, um ins Studio zu gehen. Von Boston aus musst du nach Chicago schon halb durch die USA fahren - da ist ne ganz schöne Ecke. Das kostet allein das Benzin, um dort hinzukommen, schon mal 'ne ganze Stange. Deshalb haben wir beschlossen, das ganze mit einer kleinen Tour zu verbinden. Dummerweise waren gerade Frühjahrsferien. Deshalb spielten wir in ein paar Collegetowns in beinahe leeren Clubs und bekamen als Gage ein paar Dosen Bier.
Jeff: Meistens spielen wir nur in Boston. Dort gibt es genug Clubs und du hast keine Probleme, einen Auftritt zu bekommen.

In den USA wird ja viel mehr als hier zwischen Hardcore- und College-Rock-Bands unterschieden.
Jeff:
I think Hardcore sucks. Als ich 18 war, war Hardcore vorbei. Das ist was für Kids. Mich langweilt Hardcore, denn ich stehe auf etwas ausgefeilteres Songwriting. Und ob man jetzt College Rock oder Hardcore nicht leiden kann, das ist einfach Geschmackssache, das interessiert mich nicht.
John: Es ist auch eine Frage, wo du deine Musikinformationen herbekommst: Ob aus Fanzines oder zum Beispiel von College-Radiostationen. In Boston gibt es vier oder fünf verschiedene College-Radiostationen, die sehr unterschiedliche Musik spielen, von Industrial über typische Independent-Bands bis hin zu Hardcore ist da alles vertreten. Shawn: Diese ganze Top 40-Scheiße interessiert mich nicht, ich höre den ganzen Tag College-Radio. Wenn ich morgens um neun zum Arbeiten gehe, dann höre ich bis mittags College-Radio, und weil ich in einem Plattenladen arbeite, laufen da auch ständig die aktuellen Platten. Die Studenten, die bei diesen Radiostationen arbeiten, sind oft völlig fanatische Plattensammler, die teilweise ganz obskure deutsche oder neuseeländische Bands spielen. Und wenn dir da manchmal ein Song gefällt, hast du keine Chance, dir die Platte zu kaufen, weil nur 1000 Stück vor Jahren gepresst wurden und schon längst ausverkauft sind. Nimm zum Beispiel PAVEMENT. Einer hat vor Jahren deren erste Platte im Radio gespielt und ich fand das so genial, dass ich mir die Platte gekauft habe. Jetzt sind die total groß und wenn ich Leuten erzähle, dass ich deren mittlerweile sehr gesuchte erste Platte besitze, halten die mich für einen verrückten Sammler. Aber ich habe die damals ganz zufällig gekauft, weil es im Radio lief. Im College-Radio werden auch sehr viele neue Bands gespielt, die noch kaum jemand kennt. Die strengen sich teilweise richtig an, neue Sachen zu finden. Viele der DJs dort sind fanatische, reiche Kids, die genug Geld haben, um sich die ganzen Platten zu kaufen. Jeff: Wenn ich auch nochmal was sagen dürfte: Ihr Deutschen solltet zusehen, dass ihr weicheres Klopapier herstellt. Es ist zu hart.

Wir sind noch nicht so degeneriert wie ihr: Wir benutzen Recycling-Klopapler. Und das Ist eben etwas rauher. Wir haben politisch korrektes Klopapier…
Jeff:
Aber was nützt es euch, wenn ihr euch damit den Arsch aufreißt und ihr deswegen ins Krankenhaus müsst?

Weißt du, wir Deutschen sind einfach masochistisch. Wir stehen auf so was. Jeff: Hm, vielleicht könnte ich mich nach ein paar Wochen auch daran gewöhnen. Shawn: Unsere ersten drei Konzerte haben wir in Holland gespielt, und da kamen gerade mal halb so viele Leute zu unseren Konzerten wie in Deutschland. Wir dachten schon, dass alle unsere Konzerte so öde werden wie in Holland, wo die Leute wegen der legalisierten Drogen wohl alle etwas lasch drauf sind. Sobald wir nach Deutschland kamen, gab es plötzlich Leute im Publikum, die richtig begeistert waren. Jeff: In Deutschland haben wir den Vorteil, als Vorband von NOTWIST zu spielen, die schon sehr bekannt sind. Und die Leute stellen dann fest, dass ihnen auch die unbekannte Band im Vorprogramm gefällt. In Holland sind NOTWIST auch nicht so bekannt.
Shawn: Als ich einem der Typen, mit denen ich zusammenarbeite, erzählte, dass wir in Deutschland spielen werden, meinte er, die Deutschen würden uns nicht mögen: Die würden nur Industrial und Heavy Metal hören.

O.k., danke für's Interview.

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