
CREEPER haben die Dramaturgie bei ihren Alben offenbar voll im Griff. So trug die britische Band ihre ersten beiden Alben „Eternity In Your Arms“ und „Sex, Death & The Infinite Void“ mit dramatisch inszenierten Events zu Grabe. Als das Ende von „Sanguivore“ eingeläutet wurde, passierte allerdings nicht das Erwartbare, stattdessen wurde eine Fortsetzung des Werks in Aussicht gestellt. Frontmann Will Gould berichtet beim Gespräch in Berlin von dem Einfluss, den die Fans auf ihr Schaffen haben, hartnäckigem Make-up und wie seine Band mit einem Augenzwinkern die große Geste in die Rockmusik zurückbringt.
Zum Abschluss des letzten Albumzyklus habt ihr ein Konzert in London gespielt und langjährige Fans haben erwartet, dass die Lederjacken von „Sanguivore“ nun wieder abgelegt werden. Aber dann habt ihr etwas getan, womit keiner wirklich gerechnet hat: Anstatt nun eine neue Richtung einzuschlagen, habt ihr eine Fortsetzung angekündigt. Wie lange war euch klar, dass es „Sanguivore 2“ geben wird?
Der Gedanke spukte bei der Arbeit zum ersten „Sanguivore“-Teil schon früh in unseren Köpfen, denn es gab einfach sehr viele Ideen zu dem Thema. Aber erst die Reaktionen des Publikums haben diesen Plan gefestigt. Es ist lustig, am Anfang haben wir gar kein Make-up getragen, nur die Tänzer. Dann habe ich mich für ein Video geschminkt, aber es war nie geplant, mit Make-up auf Bühne zu gehen. Wir begannen Shows zum letzten Album spielen, und viele Fans kamen mit dem „Sanguivore“-Look. Da wurde uns klar, dass wir darauf eingehen müssen. Es war eine Art viszeraler Reaktion und sofort entstanden neue Pläne. Außerdem wollten
wir weiter mit unserem Produzenten Tom Dalgety arbeiten. Bei der Londoner Show hatten wir das Gefühl, dass auch das Publikum beschlossen hatte, dass es noch nicht Zeit war, die Sache zu beerdigen.
Würdest du sagen, dass ihr euren Sound gefunden habt, oder gibt es zu diesem Kapitel der Bandgeschichte einfach noch mehr hinzuzufügen?
Mir gefällt es, die Sache so zu betrachten wie bei Madonna oder David Bowie, wo es jedes Mal eine Entwicklung gibt. Bei CREEPER drückt sich das dieses Mal durch eine Fortsetzung aus, während die ersten beiden Alben jeweils abgeschlossene Einheiten waren. Ich weiß nicht, wohin es als Nächstes gehen wird, aber ich weiß, dass CREEPER nicht nur einen Sound haben, uns bewegt ein Geist, der die Musik immer wieder neu interpretiert. Dieses Mal ist eine Jim Steinman-angehauchte Rock’n’Roll-Welt. Ich kann nie voraussagen, was meine
Aufmerksamkeit in Zukunft fesseln wird. Genau aus diesem Grund macht es Spaß, weil wir uns von unserer
Intuition leiten lassen. Es ist toll, dass es „Sex, Death & The Infinite Void“ gibt, aber die Entstehungszeit war von psychischen Problemen geprägt, das machte die Produktion sehr schwierig. Im Moment genieße ich es, mit meinen Freunden zusammen zu sein, eine Menge Spaß beim Aufnehmen zu haben und zu sehen, wie positiv das Publikum auf die Musik reagiert. Früher war das eine Seltenheit bei CREEPER, da war das Ganze oft eine ziemliche Quälerei.
Ihr habt nicht nur Touren, sondern jüngst auch eine ganze Festivalsaison geschminkt und in schweren Lederjacken bestritten. Macht das nicht alles furchtbar anstrengend? Wie geht es deiner Haut?
Es geht ihr nicht gut, haha. Meine Freundin meinte, ich sehe aus wie ein Schornsteinfeger, wenn ich von einer langen Tour nach Hause komme. Man bekommt das Make-up einfach nicht richtig weg, weil es jeden Tag wieder neu aufgelegt wird. Und ja, dazu tragen wir eine Menge Zeug, in dem man furchtbar schwitzt, das ist ekelig. Aber es ist Teil unserer Inszenierung und die ist uns ein großes Anliegen. Am Ende sind wir so richtig stolz, weil wir behaupten können, wirklich alles gegeben zu haben.
Nach dem tiefen Eintauchen in die große Rockmusik samt Vampirgeschichten, Pyro-Live-Shows, überkam euch da wieder Drang nach etwas Einfacherem oder Reduzierterem?
Kein bisschen. Die Leute vergessen zunehmend, dass Rockmusik auch albern sein und Spaß machen sollte. Wenn du IRON MAIDEN siehst, willst du, dass es total übertrieben ist und Spaß macht. Bei KISS ist es dasselbe. Von David Bowie hat man das auch erwartet, als er noch jung war. An dem Punkt, wo wir uns gerade in unserer Karriere befinden, sehe ich noch keinen Anlass zur Rückbesinnung auf etwas Einfacheres. Es ist toll, in eine Zeit zurückzureisen, die unbeschwerter war und man zu einer Show ging, ohne zu wissen, was einen erwartet. Wir investieren viel, um den Leuten diese Art des Eskapismus zu ermöglichen.
Obwohl ihr gerne mit düsteren und gewalttätigen Elementen spielt, vermittelt ihr immer auch, dass es euch um den Spaß an der Sache geht, gerade auch live. Da gibt es neben all den Posen auch stets ein Augenzwinkern und Lächeln. Habt ihr trotzdem auch die Erfahrung gemacht, dass ihr zu ernst genommen werdet?
Das größte Missverständnis ist, unsere Instagram-Seite zu sehen und zu glauben, dass wir das alles todernst meinen. Die Idee besteht eher darin, dass Menschen, die sich vielleicht in anderen Momenten ihres Lebens etwas unbeholfen oder unwohl fühlen, zu CREEPER kommen und das Gefühl haben können, für einen kleinen
Augenblick in einem Umfeld zu sein, in das sie hineinpassen. Jeder kann sich verkleiden und Make-up auflegen. Man kann auch seine Kinder mitbringen, auch wenn es hier und da kleine Sexwitze gibt. Diese sind aber nicht schlüpfrig, sondern spielerisch und albern. Sie sind wie die Erwachsenenwitze, die man aus einem Pixar-Film kennt. Die Kinder verstehen sie nicht, nur die Erwachsenen. Die Leute können bei unseren Shows für einen kleinen Moment der Realität entfliehen, aber niemand sollte dabei denken, dass irgendetwas davon echt ist. Trotzdem sind wir absolut aufrichtig in dem, was wir tun. Aktuell ist diese Aufrichtigkeit nur von einer Fassade des Unsinns verdeckt.
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