© by Nathaniel ShannonDEADGUY waren ursprünglich von 1994 bis 1997 aktiv. Ihre Debüt-LP „Fixation On A Coworker“ wurde zu einem Kultalbum, das Victory zigmal wiederveröffentlicht hat. Richtig glücklich wurde die Band damit allerdings nicht. Gründungsmitglieder gingen, neue kamen und 1997 lösten sie sich schließlich wieder auf.
Mit „Near-Death Travel Services“ veröffentlichen DEADGUY Ende Juni eine neue LP auf Relapse. Hier vereinen sich Hardcore und Metal in einen Metalcore, der durch streckenweise enorm progressives Chaos in etwas Eigenes transferiert wird, das man ähnlich vielleicht bei den mit ihnen befreundeten DILLINGER ESCAPE PLAN finden kann. Die Gründungsmitglieder Tim Singer (voc) und Dave Rosenberg (dr) beantworteten unsere Fragen.
Zuerst einmal muss ich sagen, ich kannte eure Band bisher nicht, hatte aber den Namen irgendwann schon mal gehört. Auf meinem Rechner fand ich tatsächlich einen Song von einer MISFITS-Tribute-Platte aus dem Jahr 1997, da habt ihr „Horror business“ gecovert, die dritte Single der MISFITS. Was haben die MISFITS euch damals bedeutet beziehungsweise was bedeuten sie euch heute noch?
Dave: Es wird dich freuen zu hören, dass ich tatsächlich mal mit den MISFITS gespielt habe, als sie einen Schlagzeuger suchten. Ich durfte mit Jerry und Doyle auftreten und habe eine Aufnahme, auf der ich drei Songs mit ihnen spiele. Doyle spielt den Dämonenbass, wie er ihn nennt. Die MISFITS waren die prägende Band meiner Jugend, gefolgt von MINOR THREAT. Da sie aus New Jersey stammen und ich dort studierte, konnte ich sie besuchen. Es war eine verrückte Erfahrung, dabei zu sein. Die MISFITS hatten ein starkes Branding, wie auch immer man darüber denken mag. Ihre Musik war viel zugänglicher als vieles andere. Tim kam aus der Hardcore-Szene, die weniger melodisch war.
Tim: Man könnte argumentieren, dass auch MINOR THREAT eine gewisse Melodie haben.
Dave: Die MISFITS sind ein Phänomen. Danzig war allerdings später böse zu mir. Jahre danach habe ich ihn irgendwo getroffen und er war sehr unfreundlich. Also ist es so, dass man seine Idole nie treffen will.
Tim: Okay, dann wollen wir Danzig nicht treffen.
In den USA seid ihr, glaube ich, so etwas wie eine Kultband. Ein Dokumentarfilm über eure Band namens „Killing Music“ wurde 2021 veröffentlicht.
Tim: Es ist ein kleiner Kult. Wir haben auf jeden Fall eine Fangemeinde, was großartig für uns ist. Ich denke einfach, dass die Tatsache, dass wir 30 Jahre lang weg waren, so viel Raum für die Fantasie geschaffen hat. Und wir genießen irgendwie diese Zweideutigkeit.
Dave: Wir begannen in einer Zeit, als diese Art von Musik kaum gespielt wurde – das war in den frühen 1990ern. Wir klangen härter und aggressiver. Selbst Bands wie PANTERA, die damals als hart galten, waren für viele noch zugänglicher als wir. Es war eine schwierige Phase. Der Vertrieb solcher Musik war praktisch unmöglich. Wir mussten persönlich irgendwo auftauchen, damit uns jemand hörte oder überhaupt von uns erfuhr. Als wir vor ein paar Jahren wieder anfingen, gelegentlich zu spielen, war die Resonanz überraschend. Viele freuten sich, uns wiederzusehen. Wie Tim sagte: Es waren nicht Massen, insgesamt vielleicht Hunderte oder Tausende. Doch dann traten wir auf Festivals vor einem viel größeren Publikum auf, das uns gar nicht kannte. Heute bringen Eltern, die früher Fans waren, ihre Kinder mit – ein seltsames Gefühl. Tim und ich haben selbst Kinder, was die Sache irgendwie normaler macht. Damals bewegten wir uns in einem merkwürdigen Zwischenraum – wir existierten und existierten doch nicht. Dann kamen DILLINGER ESCAPE PLAN. Man könnte sagen, sie führten fort, was wir begonnen hatten. Sie selbst würden wohl zugeben, dass sie uns abgezockt haben – was völlig in Ordnung ist, haha. Wir sind bis heute mit ihnen befreundet. Bei uns kam das Leben dazwischen, wir ließen die Musik ruhen. Jetzt sind wir zurück.
Du sprachst PANTERA an. Der Sänger Phil Anselmo hat sich als White-Power-Rassist entpuppt. War das damals schon bekannt?
Tim: Nein, das wussten wir nicht.
Ich habe mir eine alte Ox-Rezension von 1996 zu eurem ersten Album „Fixation On A Coworker“ von 1995 angesehen. Es hieß: „Manchmal wird einem die Arbeit aber auch nicht gerade leicht gemacht: ‚File along with BLACK FLAG, DAZZLING KILLMEN, NEUROSIS and UNSANE‘ rät das Info, und ich muss verschämt zugeben, dass mir auch nach mehrmaligem Hören nichts Besseres zur Beschreibung [...] einfällt.“ Ich dachte beim ersten Hören an VISION OF DISORDER und ein bisschen an SNAPCASE. Was würdet ihr sagen – gibt es Ähnlichkeiten zu anderen Bands?
Dave: Das hatten wir jedenfalls nicht geplant. Vielleicht TODAY IS THE DAY, BLACK FLAG, SLAYER. Die neue Platte taucht tief in den Big Metal ein – Richtung IRON MAIDEN und JUDAS PRIEST. Doch ich bin auch ein großer Jazz-Fan. Ich höre viel John Schofield, Bill Stewart und diese eher esoterischen Schlagzeuger. Ich habe mir viele verschiedene Einflüsse geholt. Wir haben ja mit vielen Victory-Bands wie EARTH CRISIS und anderen gespielt, die jeweils ein ganz eigenes Ding gemacht haben. Man wusste, was man bekommt. Bei uns war das anders – niemand wusste, was er von uns zu erwarten hatte. Wir veröffentlichten „Fixation On A Coworker“, hörten dann plötzlich auf zu spielen und brachten später eine neue Platte heraus, die völlig anders war. Danach machten Tim und Keith ein weiteres Album – ehrlich gesagt war das alles ziemlich chaotisch.
Tim: Damals begannen wir aus einer Reaktion auf die verschiedenen Entwicklungen in der Musik heraus. Wir wollten richtig harte, hässliche, intelligente Musik schaffen und gegen die anderen Bands antreten, die vorhersehbar und langweilig klangen. Unsere Trickkiste war cooler, voller verschiedener Einflüsse, was einen Teil des Kultstatus erklären kann.
Wann habt ihr euch dann wieder zusammengetan und warum?
Dave: Ende 2021. Zum Teil, weil der Dokumentarfilm zum 30. Jahrestag von „Fixation On A Coworker“ anstand. Wir saßen schließlich alle in einem Raum und konnten uns nicht mehr erinnern, warum wir überhaupt wütend aufeinander gewesen waren. Schnell wurde klar: Wir hatten das, was wir einst begonnen hatten, nie zu Ende gebracht. Also spielten wir die Reunion-Shows, die gut ankamen. Doch bald merkten wir, dass wir etwas Neues schaffen mussten.
Tim: Genau da stehen wir jetzt. In der Welt, in der Szene, in der wir angefangen haben, fühlen wir uns heute mehr wie am Rand einer Klippe – anders als vor 30 Jahren, als wir zu naiv waren, das zu begreifen. Ich glaube, wir verstehen jetzt besser, wie beschissen alles ist – und es ist noch einmal beschissener. Die Stimmung passt für die Band und diese Musikrichtung heute stärker denn je.
Eure neue LP steht für mich in derselben Tradition wie „Fixation On A Coworker“. Dave, du sagtest, glaube ich, der Sound orientiert sich stärker am Melodic Metal ...
Dave: Ja, genau. Ich habe viel OPETH gehört und versucht, deren Stil auf der Gitarre nachzuspielen. Obwohl ich Schlagzeuger bin, habe ich auf der Platte auch etwas Gitarre gespielt. Als Musiker stößt man an Grenzen und will sich weiterentwickeln. Ich höre mir vieles an und versuche, es in etwas Heftiges zu verwandeln, das uns widerspiegelt. Eine Jazzgitarre heavy klingen zu lassen, ist nicht einfach. Mein Schlagzeugspiel sitzt, aber mit der Gitarre hatte ich zu kämpfen. Keith schrieb einen Song komplett allein, und das merkt man. Von den Vocals habe ich erst etwas gehört, als sie fast fertig waren. Wahrscheinlich sind sie es immer noch nicht, haha. Wir konnten uns nicht immer treffen, da jeder viel zu tun hat. Beispielsweise konnten wir einen Song an einem Samstagabend nicht fertigstellen, weil wir alle total kaputt waren. Am nächsten Morgen kaufte ich einen Bass im Guitar Center in New York, schrieb einen Part und nahm ihn am Nachmittag auf, weil Jim nicht in der Stadt war. Wer sucht, der findet. Und darum geht es in einer Band.
Laut Presseinfo hast du erst für diese Platte gelernt, Gitarre zu spielen.
Dave: Ja, ich gab vor, alles nur für diese Platte gelernt zu haben. Ich habe aber vor zehn Jahren oder so damit angefangen.
Mein Lieblingssong ist „New best friend“ – sowohl textlich als auch musikalisch. Das letzte Drittel bietet großartigen melodischen Metal und erinnert mich an SLAYER zu „South Of Heaven“-Zeiten.
Dave: Ganz genau! Großartig!
Tim: Ja, der Song bleibt im Kopf. Er wird richtig catchy. Das war nicht geplant, es ist einfach passiert.
Dave: Genau so war es. Ich habe ausprobiert, ob ich diesen Schlagzeugpart im Intro spielen kann – gar nicht so leicht mit der Bassdrum. Crispy meinte, das sei „unser BL’AST!-Track“. Es ist im Grunde BL’AST! und SLAYER in einem. Vielleicht wird das sogar unser Radiohit.
Der Song heißt „New best friend“ und handelt von Drogen. Was ist der neue beste Freund? Wer hat den Text geschrieben?
Tim: Ich habe den Text geschrieben. „New best friend“ erzählt davon, sich in Drogen zu verlieben. Ich selbst bin nicht betroffen – die Kids nennen mich eher straight edge. Ich lebe in Philadelphia, wo Drogenabhängige buchstäblich durch die Straßen ziehen. Als Teenager habe ich gefeiert und Spaß gehabt, aber ich kenne Menschen, die süchtig wurden, die dem Himmel zu nah kamen – wie auch immer man es nennen will. Ich habe erlebt, wie Drogen ihr bester Freund wurden. Darum geht es im Kern.
Worum geht es im nächsten Song „Cheap trick“, auch wieder um Drogen?
Dave: Diesen Song habe ich wohl 2017 geschrieben, damals lebte ich noch in Kalifornien. Im Keller trommelte ich, meine Hände fühlten sich endlich besser – nach Jahren voller quälender Schmerzen. Am Ende ließ ich mir Stammzellen und all diesen Kram in die Hände spritzen. Das hat mich gerettet, aber es war eine Tortur. Dieser Song war das Erste, was ich danach schrieb. Erst vier oder fünf Jahre später spielte ich ihn jemandem vor.
Tim: Ich schreibe nicht besonders linear, das sind eher lose Gedankengänge. Hier geht es buchstäblich darum, wie wir alle in der Matrix feststecken. Wir halten uns für klüger als die Person neben uns – dabei sitzen wir alle in der gleichen Mausefalle, oder? Beim Texten spreche ich viel Wut und Frustration an, die, wie ich finde, universell sind. Aber ich will nicht, dass man das falsch versteht. Für mich sind wir alle gleich fehlerhaft, kaputt und hässlich. Das ist im Grunde die Essenz des Songs.
Wie ist es, in eurem Alter noch live zu spielen? Vic Bondi von ARTICLES OF FAITH hat im letzten Ox gesagt, dass er mit dieser Band nicht mehr auftreten würde, weil das quasi wie ein Wettbewerb gegen die alte Band wäre, den er nicht gewinnen könnte. Wie seht ihr das?
Tim: Haha, vielleicht denke ich ähnlich. Wir trainieren beide viel, fast wie alternde Athleten. Man muss einfach besser auf sich achten. Wir würden uns nicht auf die Bühne stellen, wenn wir das Gefühl hätten, nur eine Karaoke-Version unserer selbst zu sein. Aber ich glaube, du wärst überrascht, wie streitlustig und aggressiv wir immer noch sind. Keine Ahnung, wir gehen einfach rauf und es funktioniert. Und wenn es nicht so wäre, würden wir es merken.
Dave: Genau. Wie Tim schon sagte, ich trainiere vier- bis fünfmal die Woche. Als wir wieder anfingen zu spielen, dachte ich, ich würde sterben – vor allem am nächsten Tag. Aber wir sind besser geworden, weil wir die Shows ernster nehmen. Und keine Sorge, wir kommen auf jeden Fall auch zu euch.
Wollt ihr sonst noch was loswerden?
Tim: Habt ihr schon mal was von der „Fish Doorbell“ gehört? Die gibt es in Holland. Ich habe erst heute davon erfahren. Es ist eine Website mit einer 24-Stunden-Kamera auf einen Kanal. Sie ist unter Wasser – wenn man einen Fisch sieht, drückt man die Türklingel.
Dave: Das ist also eine Fisch-Türklingel, die man online betätigen kann?
Tim: Ja, wenn man geklingelt hat, kommt ein Mann und lässt den Fisch frei.
Dave: Das ist aufregend.
Tim: Das ist ein echtes Phänomen und erreicht Millionen von Menschen.
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Diskografie
„Whitemeat“ (7“, Dada, 1994) • „Work Ethic“ (7“, Engine, 1994) • „Fixation On A Coworker“ (LP/CD, Victory, 1995) • „Screaming With The Deadguy Quintet“ (10“/CD EP, Victory, 1996) • „Body Parts“ (7“, Man Alive, 2022) • „Near-Death Travel Services“ (LP, Relapse, 2025)
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #22 I 1996 und Joachim Hiller
© by Fuze - Ausgabe #112 Juni/Juli 2025 und Ingo Rieser
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #180 Juni/Juli 2025 und Roman Eisner
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #26 I 1997 und Marc Lohausen