DEADGUY

Foto© by Nathaniel Shannon

Wenn nicht jetzt?

Weder Tim Singer noch Dave Rosenberg, der Sänger und der Schlagzeuger von DEADGUY, haben eine Idee, wie ihre Musik heute klingen würde, hätten sie seit 1995 beständig weiter Platten veröffentlicht. Das einzige Album, „Fixation On A Coworker“, avancierte in drei Jahrzehnten zur Referenz für Metalcore mit ungeraden Takten, weshalb die beiden jetzt zurück sind mit ihrer Band, die beim Erscheinen des Debüts bereits implodiert war.

Dave: Die Trennung kam tatsächlich noch, bevor das Album draußen war! Aufgenommen hatten wir für Blackout!/Engine Records, aber da war dann gerade kein Geld für Veröffentlichungen da. Also mussten wir uns wiederum Geld besorgen, um ihnen die Aufnahmen abzukaufen. Nur was sollten wir damit machen? Earache wollten uns nicht, Relapse machten damals Nur Grind- oder Black-Metal-Sachen. Doch Tony von Victory Records mochte schon unsere EPs und er wollte Victory Records musikalisch breiter aufstellen. Vielleicht hätten DEADGUY besser auf ein Label wie Amphetamine Reptile gepasst, aber das waren wir einfach nicht. Wir waren Hardcore-Kids, aufgewachsen mit Basement-Shows und dem CBGB’s, wir wollten in genau diesem Umfeld stattfinden. Zu dem Zeitpunkt war die Band aber bereits erledigt. Die Aufnahmen lagen Monate, fast ein Jahr zurück, und es folgten eine ganze Reihe von katastrophal geplanten Touren. Jeder war mit den Nerven fertig, alles war Stress. Es gibt einen Dokumentarfilm darüber, „Killing Music“, der zeigt, wie uns das alles um die Ohren flog. Tim zog nach Seattle und Keith ging mit, wir anderen waren dazu nicht bereit, und das war’s dann. Tim und Keith starteten KISS IT GOODBYE, DEADGUY machten mit anderem Sänger und Gitarristen weiter – bis wir alle, nicht viel später, einfach aufhörten.
Tim: Beide Bands gab es höchstens noch zwei Jahre, eher weniger. Tragisch ist, wir waren College-Freunde, die auf einmal nichts mehr miteinander zu tun haben wollten. Wir dachten, wir würden einander hassen, dabei ging es nur um alberne Streits und Tourbus-Konflikte, Belanglosigkeiten. Das nächste Mal miteinander gesprochen haben wir, als „Fixation On A Coworker“ vom Decibel Magazine in deren Hall of Fame aufgenommen wurde. Da fiel mir erst auf, dass dieses Album vielen Menschen noch etwas bedeutet. Wenn man damit beschäftigt ist, Kinder großzuziehen, achtet man auf so was nicht. Nach KISS IT GOODBYE war ich lange davon überzeugt, mit dem Thema Musik durch zu sein, jetzt fing ich an, die Social-Media-Beiträge zu DEADGUY zu lesen, wenn ich markiert wurde. Zusammen in einen Raum gebracht hat uns dann die Arbeit an der Doku, um 2020 herum. Der Regisseur drängte uns ständig in den Proberaum zum „jammen“. Ich hasse dieses Wort, aber es funktionierte, wir wurden schnell wieder der alte Haufen dummer Twens.

Das führte euch letztendlich ins Studio, wieder mit Produzent Steve Evetts. Die Erfahrung war sicher eine andere als 1995.
Dave: „Fixation On A Coworker“ haben wir in nicht mal einer Woche aufgenommen, wir hatten tausendfach geprobt, konnten reingehen, einklinken und raushauen. Diesmal waren wir über Monate immer wieder im Studio und tourten zwischendurch noch in Japan. Heute ist es kompliziert, uns alle zusammen zu kriegen, aber wir mussten nicht immer alle anwesend sein. Zum Beispiel arbeiteten wir an der zweiten Hälfte von „New best friend“, als wir merkten, dass was fehlte, also riefen wir Keith Huckins an, um nach einem Riff im SLAYER-Style zu fragen. 15 Minuten später hat er uns eins geschickt, das Internet hat das alles stark vereinfacht. „Fixation ...“ hatten wir damals noch analog auf Band aufgenommen. Ich weiß trotzdem nicht, wo Keith das hergenommen hat, bei unserem Anruf saß er im Auto! Ich habe vor zehn Jahren mit dem Gitarrespielen angefangen und bin mittlerweile ganz okay gut. Nicht wie Keith oder Crispy Corvino, aber ich kann Riffs schreiben und ihnen schicken. Ich habe über Monate auch komplette Songs in brauchbaren Demoversionen verschickt, um sie von den anderen verbessern zu lassen. Wir waren gut vorbereitet! Tim hatte sowieso 50 Seiten mit Ideen vorliegen, er und Steve Evetts haben sich dann verkrochen, um die Vocals zu zweit zu recorden.
Tim: Steve Evetts hat „Fixation ...“ aufgenommen und auch sonst jeden Song, den ich je mit DEADGUY gemacht habe. Er weiß mehr über uns als sonst jemand. Zuerst hat er mir die alten Bänder vorgespielt, nur meine Gesangsspuren, ohne Musik, und wir haben uns viel Zeit genommen, die perfekte Aufnahmesituation, das richtige Mikro und so weiter zu finden. Steve ist als Produzent wie eine Komfortzone für mich.
Dave: Er kann auch sehr pushy werden. Selbst wenn ich ihm versicherte, keinesfalls noch härter draufhauen zu können, hat er mich wieder zurück ans Schlagzeug geschickt.

Trotz des Zeitsprungs ist „Near-Death Travel Services“ auf den ersten Blick eine direkte Weiterführung des Vorläufers, auf den zweiten gibt es viele kleine Erweiterungen.
Dave: Unser Vokabular ist umfangreicher geworden, jeder bringt neue Einflüsse mit und das verändert, wie wir zusammen klingen. Ich bin ein mittelmäßiger Gitarrist, aber interessiert an unterschiedlichster Musik. Ich denke, MASTODON sind ein hörbarer Einfluss, ich habe viel JUDAS PRIEST und IRON MAIDEN gehört, viel OPETH und KING CRIMSON, auch viel obskuren Jazz. Auf diesem Album ist so viel von John Scofield geklaut, das glaubt mir keiner! Oder Eric Dolphy, ich höre so was und denke: Dieses Zeug ist super heavy, auch wenn es nicht so gespielt ist. Ich schaue dann, wie ich diese Strukturen für DEADGUY adaptieren kann.

Falls es DEADGUY beim Albumrelease diesmal noch geben sollte: Was ist geplant?
Dave: Tatsächlich arbeiten wir schon am nächsten Album, und im Herbst wollen wir nach Europa. Monatelang touren können wir nicht, aber wir wollen raus und auftreten. Andere spielen in unserem Alter Golf! Crispy scherzt immer, wir könnten auch mal nur was essen gehen – statt ewige Stunden rumzuhängen, nur um 45 Minuten auf einer Bühne zu stehen und anschließend irgendwo eine Pizza aufzutreiben. Aber so machen wir das nun mal.

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DEADGUY: Killing MuSIC
Dieser Film der New Yorker Produktionsfirma Fourth Media von 2021 dokumentiert die kurze Karriere der Band und die US-Szene Mitte der 1990er. Offiziell wird die Musikdoku in Europa derzeit nicht vermarktet und ist nur auf Umwegen zu streamen.

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