
Bei DEADGUY handelt es sich zu sehr um so etwas wie eine alte Kultband für eine etwas eingeschworenere Gemeinde, als dass sie zu groß hätten werden können. Wobei sie von ihrem Stil her unter dem Radar der PANTERA-Jünger blieben, deren Sänger sich irgendwann als White-Power-Rassist entpuppte und dennoch so oft als Referenz herangezogen wird. DEADGUY füllten bei mir mit ihrem härteren und progressiveren Sound eine Leerstelle – von den reinen Metalbands bis zu so irren Fricklern wie NEUROSIS und CONVERGE. Das brachte ihnen bei ihrem Debütalbum „Fixation On A Coworker“ 1995 recht viel Aufmerksamkeit ein. Was in der Zwischenzeit bis zur nun bei Relapse erschienenen neuen Platte „Near-Death Travel Services“ passierte, lasse ich am besten Drummer Dave Rosenberg erläutern: „Wir veröffentlichten ‚Fixation On A Coworker‘, hörten dann plötzlich auf zu spielen und brachten später eine neue Platte heraus, die völlig anders war.“ Nach dem Debüt gab es nur noch eine weitere EP auf Victory sowie zwei Live-Alben, eines davon 2022, als sie sich bereits wieder zusammengefunden und ein paar Konzerte gespielt hatten. Denn da hatte es wieder gezündet als Folge einer Dokumentation, die 2021 über die Band erschienen war und die deren (begrenzten) Kultstatus verdeutlichte. So fingen sie an, neue Lieder zu schreiben. Vor allem Drummer Dave Rosenberg hat sich reingekniet. Nachdem er vor ein paar Jahren mit viel Mühe heftige Karpaltunnel-Probleme überwunden hatte, legte er nun für „Near-Death Travel Services“ schon mal Massen an Gitarrenriffs vor. Was am Ende dabei rauskam, lässt sich durchaus sehen – und hören. Im Grunde ist sich die Band gegenüber „Fixation On A Coworker“ sehr treugeblieben, auch wenn Dave vor allem Melodic-Metal-Band als Einflüsse angibt und im Interview in dieser Ausgabe sogar IRON MAIDEN und JUDAS PRIEST erwähnt. Dazu beruft er sich auch auf Jazzmusik – so chaotisch, wie es da mitunter zugeht, kann man es durchaus übertragen. Musikalisch hat es aber nichts miteinander zu tun. Die Band betont auch ihre Freundschaft zu THE DILLINGER ESCAPE PLAN – und kommt damit der Einordnung ihres Sounds schon deutlich näher. „Near-Death Travel Services“ enthält elf Songs in rund 37 Minuten – und gerade die Stücke, in denen sich DEADGUY Zeit lassen, gefallen mir sehr gut. Auf fast viereinhalb Minuten kommt der Übersong „New best friend“: Wird am Anfang noch ordentlich geholzt, folgt im letzten Drittel wirklich ein sehr an melodischem Metal orientierter Teil, der an langsamere SLAYER zu „South Of Heaven“-Zeiten erinnert. Textlich ist es weniger fröhlich, dafür kommen Wut und Frustration durch den passenden Gesang sehr gut rüber. Um es rund zu machen, haben DEADGUY für das Cover ein beeindruckendes Foto gewählt. Sobald man mit dem Sound warm geworden ist, entwickelt sich „Near-Death Travel Services“ zu einem super Album.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #22 I 1996 und Joachim Hiller
© by Fuze - Ausgabe #112 Juni/Juli 2025 und Ingo Rieser
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #180 Juni/Juli 2025 und Roman Eisner
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #26 I 1997 und Marc Lohausen