DEATH BY HORSE

Foto© by Freddy Billqvist

Herz schlägt Kopf

Mit ihren beiden ersten Alben „This Too Shall Pass“ und „Reality Hits Hard“ und ihrem melodischen, aber unvorhersehbaren Sound haben sich DEATH BY HORSE zu einer meiner Lieblingsbands entwickelt. Anzusiedeln zwischen Punk und Grunge, wecken die Malmöer:innen in mir starke Assoziationen zu THE GITS und SNFU, aber aufgrund des extrem ausdrucksstarken Gesangs auch zu den CRANBERRIES. Schon im letzten Ox-Interview in Nr. 146 betonte Sängerin Jahna, dass es für sie keine sprachlichen Tabus gibt und Provokation an erster Stelle steht. Auf dem neuen Album „Liminal State“ setzten sie dieses Konzept konsequent fort, so dass es reichlich Gesprächsbedarf gibt. Mit Gitarrist Tommy und Jahna sprachen wir über Opfermentalität, Familientraumata und die Frage nach dem Wert von Leben.

Tommy, Jahna, wir haben uns vor knapp sechs Jahren anlässlich eures letzten Albums gesprochen, könnt ihr mich kurz auf den neuesten Stand bringen? Was ist alles passiert?

Tommy: Direkt im Anschluss gab es eine Veränderung im Line-up, aber seitdem sind wir personell konstant. Nach der zwangsweisen Passivität in der Corona-Zeit hatte ich zunächst große Probleme, mich wieder auf das Schreiben von Musik zu konzentrieren. Die Inspiration und der Spaß fehlten. Ich musste mich erst wieder richtig darauf einlassen.
Jahna: Außerdem sind die letzten Jahre wie im Flug vergangen und unsere Familien standen wieder mehr im Mittelpunkt. Aber schließlich hat sich der Wunsch, mich kreativ auszudrücken, wieder gemeldet. Wir hatten schon die ganze Zeit über am neuen Album gearbeitet, mal mehr und mal weniger. Eigentlich waren wir schon vor langer Zeit fertig mit dem neuen Material, aber es fühlte sich dann doch nicht richtig an. Also haben wir alles noch mal überarbeitet. Zudem zog unser Produzent und Mixer einen Monat vor Fertigstellung des Albums in eine andere Stadt, was den Abschluss der Arbeit noch einmal hinauszögerte.

„Liminal State“ ist euer drittes Album, das berüchtigte dritte, bei dem eine Band ihren eigenen Stil gefunden haben sollte. Hat euch dieser Umstand zusätzlich unter Druck gesetzt?
Jahna: Amen, Bruder! Ja, das hat er. Wir hatten die ganze Zeit über das Gefühl, das wir es noch besser hinbekommen können. Gerade angesichts der beiden Vorgängeralben sollte das neue Material qualitativ nicht abfallen. Das führte dazu, dass Songs halb fertig monatelang vor sich hin dümpelten und wir sie mehrfach umgeschrieben haben. Wenn du tagelang an einem Song tüftelst, um ihn anschließend in den Müll zu schmeißen, fragst du dich, ob du überhaupt noch neue Stücke angehen solltest. Ich war zwischenzeitlich richtig wütend auf mich und die Musik.
Tommy: Das Songwriting ging mir nicht so einfach von der Hand wie sonst. Und mit der eigenen Unzufriedenheit wachsen dann auch der Druck und die Angst, etwas Mittelmäßiges abzuliefern.
Jahna: Irgendwann waren wir an dem Punkt zu sagen: Entweder funktioniert das jetzt oder wir lassen es ganz. All or nothing! Und es hat geklappt.

Ein „Liminal state“ ist eine Phase des Übergangs von einem Zustand zu einem anderen. Was bedeutet das für euch? Ist der Zustand des Übergangs nicht eigentlich ein Dauerzustand? Es gibt ja keinen Punkt, an dem man als Mensch „fertig“ ist.
Tommy: Für mich geht es zum Beispiel um die Frage, wer ich sein möchte, abgesehen von Gitarrist in einer Band. Wie möchte ich meine Zeit verbringen, womit beschäftige ich mich? Ich bin Schulabbrecher, habe keinen festen Job. Ich befinde mich wortwörtlich in einem Schwebezustand mit vielen Unwägbarkeiten. Andere Bandmitglieder haben sich in letzter Zeit familiär verändert, es war viel im Umbruch bei uns.

In euren Texten geht es häufig um menschliche Dilemmata. Im Song „Damage done“ heißt es im Refrain: „Am I the damaged one / Or the one who made the damage done?“ Ich habe das so verstanden, dass es schwierig sein kann zu unterscheiden, ob man in einem Konflikt selber die Ursache eines Problems ist oder ob andere Leute einem das nur einreden wollen, Stichwort: Gaslighting?
Jahna: Für mich geht es auch darum, dass man sich manchmal selber in eine Opferrolle begibt beziehungsweise die Opferrolle annimmt. Die Tatsache, dass jemand schlecht zu dir war, bedeutet aber nicht automatisch, dass du dich als Opfer identifizieren musst. Deine Eltern haben dich schlecht behandelt und darum musst du diese Rolle reproduzieren? Nein, man muss den Teufelskreis durchbrechen und aufhören, Opfer zu sein. Du kannst wählen zwischen Opfer sein und kein Opfer sein. Du kannst besser sein als deine Vorbilder. Ich halte auch nichts von Rachegedanken, das empfinde ich als kindisch. Zu denken, man dürfe andere verletzten, weil man selber verletzt wurde, ist ignorant. Ich finde es wichtig, dass man sich über die Folgen seines Handels Gedanken macht. Dazu fordern meine Texte auf.
Tommy: Es geht dabei auch um generationsübergreifende Traumata. In der Wahrnehmung unserer Elterngeneration wachsen wir heute leichter und unbeschwerter auf als sie damals. Ich finde das nicht vergleichbar. Seine Kinder nicht zu schlagen, ist für unsere Elterngeneration schon ein Zeichen für ein problemloses Aufwachsen.
Jahna: Das steht dann fast wie ein Vorwurf im Raum: Worüber beschwert ihr euch? Wir hatten es schwerer als ihr, euer Leben ist heute viel einfacher.

Den Track „Reap what you saw“ verstehe ich sinngemäß so, dass man für jemanden, vielleicht ein Elternteil, auf dem Sterbebett keine Vergebung und keine Liebe empfinden kann: „You’ll always be remembered, but you’ll never be missed.“ Es klingt viel Verbitterung und Härte in diesem Song durch. Ich musste schlucken, als ich den Text gelesen habe, weil er mich an eine Situation in meinem Leben erinnert.
Tommy: Darin geht es um meine Gefühle gegenüber meiner Stiefmutter. Sie ist vor zwei Jahren gestorben und war in meiner Jugend eine große Inspiration für mich, wie man sich als Elternteil auf keinen Fall verhalten soll.
Jahna: Darin ähneln sich die Songs „Reap what you saw“ und „Damage done“. Es geht um Abgrenzung. Meine Mutter hatte eine harte Kindheit und hat das immer als Rechtfertigung für ihre Fehler und Unzulänglichkeiten angeführt. Aber jeder hat sein Päckchen zu tragen, übertrage deines nicht auf andere.

„Blood on my hands“ handelt von einer Abtreibung. Die Protagonistin spricht innerlich mit dem Fötus und bezeichnet ihn als Parasiten und ihren eigenen Körper als Friedhof. Ich persönlich stehe voll und ganz hinter der feministischen Haltung „My body my choice“, werde aber als Mann diese Entscheidung selbst nie treffen müssen. Geht es in dem Song darum, dass die Entscheidung für eine Abtreibung für die Betroffene eine sehr einsame ist und Abtreibung oft zu einseitig als politische Angelegenheit diskutiert wird und nicht als ein menschliches Dilemma?
Jahna: Der Song soll darstellen, wie die Protagonistin versucht, ihre Gefühle und ihre Überforderung in den Griff zu bekommen. In diesem Fall in Form einer drastisch formulierten Ablehnung des Fötus: „Wer zum Teufel bist du? Verpiss dich aus meinem Körper! Ich brauche dich nicht.“ Ab der Mitte des Songs dreht sich die Handlung dann und es kommen die Schuldgefühle und die Trauer zur Sprache: „I’m a killer and I’m guilty.“ Es geht mir um das Bewusstsein für die Konsequenzen einer Handlung. Bei aller Entscheidungsfreiheit – letztendlich tötest du. Du wirst zum Killer. Es kann trotzdem für dich in dieser Situation und zu diesem Zeitpunkt die richtige Entscheidung sein. Ich habe bewusst drastische und provozierende Formulierungen verwendet, um diesen Konflikt zu veranschaulichen.

Ohne diesen Kontext könnte man euch auch vorwerfen, die gleichen Begriffe wie christliche Pro-Lifer und andere Abtreibungsgegner:innen zu benutzen, wonach Abtreibung Mord ist. Wie würdet ihr darauf reagieren?
Jahna: Wenn ich Worte wie „Killer“ oder „Blut an meinen Händen“ singe, vertrete ich damit keine Pro-Life-Haltung. Ich setze mich mit dem inneren Konflikt und den sehr realen Emotionen auseinander, die mit einer Abtreibung einhergehen können: Verleugnung, Wut, Schuldgefühle, Trauer. Es geht nicht um Slogans, sondern um die menschliche Unvollkommenheit, die Widersprüche, die wir in uns tragen. Ich kann mir vorstellen, dass Menschen, die gegen Abtreibung sind, negativ auf diese Zeilen reagieren könnten, weil sie vielleicht kalt und sogar ironisch klingen, als wäre mir das alles egal. Aber das ist eine Maske, eine Fassade. Später im Song fällt die Maske und man hört die Zerbrechlichkeit und die Schuld heraus. Es geht darum, das emotionale Spektrum zu zeigen, nicht um Spott. Ich habe diesen Song nicht geschrieben, um in der Debatte Partei zu ergreifen, sondern um zum Nachdenken anzuregen. Abtreibung ist eines dieser Themen, bei denen die Menschen einfache Antworten wollen. Sie wollen ein richtig oder falsch. Aber das Leben ist viel komplizierter. In meinem Song geht es um diese Komplexität und die Widersprüche, die Last, Leben in sich zu tragen, und die Verantwortung der Entscheidung.

Schweden hat international vergleichsweise liberale Abtreibungsgesetze. Man kann ohne Angabe von Gründen bis zur 18. Schwangerschaftswoche einen Abbruch machen. Was haltet ihr von dieser Regelung?
Jahna: Ich halte das für sinnvoll. Es wäre schlechter, Kinder in dem Wissen in die Welt zu setzen, ihnen nicht geben zu können, was sie verdienen. Keine Kinder zu bekommen kann eine verantwortungsbewusste Entscheidung sein. Es gibt so viele gebrochene Kinder da draußen.
Tommy: Allerdings sollte Abtreibung kein gängiger Ersatz für Verhütung sein.
Jahna: Das sehe ich auch so. Man sollte das nicht einfach auf die leichte Schulter nehmen. Das ist meiner Ansicht nach auch gar nicht möglich. Ich kenne das Gefühl und ich weiß, dass ein Teil in dir das Kind unbedingt haben möchte. Das ist wahrscheinlich das instinktive biologische Erbe in dir, das die Erhaltung der Spezies sicherstellen will und deinen Gefühlshaushalt kontrolliert. Und der rationale Teil sagt dir, dass es die falsche Entscheidung ist. Mich hat dieses Thema sehr beschäftigt.

Bist du für dich zu einer abschließenden Erkenntnis gekommen, mit der du zufrieden bist?
Jahna: Es ist so, dass wir Menschen biologisch darauf programmiert sind, uns fortpflanzen zu wollen und uns selbst und unsere Nachkommen um jeden Preis am Leben zu erhalten. Wir sind mit Mechanismen wie Lust ausgestattet, die uns dazu „verleiten“, den Kreislauf des Lebens fortzusetzen. Aber was ist eigentlich Leben? Und warum behandeln wir es als etwas absolut Heiliges? Wenn wir zum Beispiel wirklich glauben, dass das Leben mit der Empfängnis beginnt, warum trauern wir dann nicht um die unzähligen befruchteten Eizellen, die sich während der Menstruation nie einnisten oder entwickeln? Wenn jeder Embryo heilig ist, sollten uns diese Verluste dann nicht erschüttern? Die Tatsache, dass wir das nicht tun, zeigt, dass unsere Definition von „Leben“ komplexer ist. Es geht nicht nur um Biologie, sondern auch um Erfahrung, Bewusstsein und unsere menschliche Entscheidung, etwas wertzuschätzen. Ich halte es für wichtig, immer zu fragen, von welcher Art von Leben wir sprechen. Ist ein Leben, das von ständigem Leid geprägt ist oder nur durch Maschinen am Leben erhalten wird, wirklich dasselbe wie ein Leben in Würde und Freude? Können wir es in gleicher Weise als verantwortungsvoll bezeichnen, ein Kind in die Welt zu setzen, wenn wir wissen, dass wir ihm nicht die Fürsorge und Liebe geben können, die es verdient? Aber wer bin ich, dass ich darüber entscheiden kann?

Dieser Kontrast zwischen emotionalen und rationalen Entscheidungen taucht auch im Song „Running in circles“ wieder auf. Zahlt man letztendlich für Herz- oder Kopfentscheidungen den höheren Preis?
Jahna: Es gibt keine andere Option, als dem Herzen zu folgen. Einen Preis für seine Entscheidungen zahlt man sowieso. Der Verstand läuft dem Gefühl sowieso ständig hinterher und macht Lösungen komplizierter.
Tommy: Ich würde für einen ausgeglichenen Fifty-fifty-Ansatz plädieren.

2025 in einer Punkband zu spielen ist definitiv eine Herzensentscheidung. Welchen Preis bezahlt ihr dafür?
Jahna: Wenig Zeit mit Freunden außerhalb der Band zu haben oder in der Freizeit Dinge wie normale Menschen zu tun. Wir nutzen so ziemlich jede freie Minute, um Sachen im Studio und im Proberaum auszuprobieren, uns Gedanken über Artworks und Videos zu machen. Bei mir dreht sich alles hauptsächlich um die Band und meine Familie.
Tommy: Das eigentliche Musikmachen ist der kleinste Teil deiner Aufgaben, wenn du in einer Band spielst. Der größte Teil der Energie geht für die Promotion, die sozialen Medien und das ganze Drumherum drauf.

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