
Am 30.07.2020 verkündete Dirk „Diggen“ Jora seinen Ausstieg bei SLIME, jener Band, deren Gesicht er seit 1979 gewesen war. Band wie Diggen bemühten sich in der Folge erfolgreich, einen Rosenkrieg zu vermeiden, und dabei half sicher, dass Diggen es bald schon schaffte, sich ein Leben nach SLIME aufzubauen. Er ging und geht mit SWISS UND DIE ANDERN auf die Bühne. Er etablierte einen Video-Podcast, aus dem nun ein 45-minütiger Dokumentarfilm über ihn entstand und der Anfang Oktober im Kontext der „Canarias Calling“-Festivals in Berlin und Hamburg gezeigt wird. Und er geht mit RASTA KNAST auf die Bühne, singt mit denen im Rücken zehn SLIME-Klassiker.
Diggen, wir sehen uns spätestens im Dezember auf den Kanaren beim „Canarias Calling“-Festival. Wie hat sich das ergeben?
Das kam dadurch, dass ich 2024 meine Lebensgeschichte in acht Kapiteln bei YouTube erzählte. Das habe ich zusammen mit Martin Fischer von Missglückte Welt gemacht, der Produktionsfirma von SWISS UND DIE ANDERN. Das hat Kat von Canarias Calling gesehen, die ja sowohl Cineastin ist wie auch Punkrock- und Ska-affin. Und dann ist sie an mich herangetreten und sagte, wir würden daraus gerne einen Film machen und dich dann zum Canarias Calling einladen. LOS FASTIDIOS sind auch mit dabei, die habe ich ins Boot geholt, und wir spielen dann mit RASTA KNAST den SLIME-Song, „Let’s get united“, bei dem Enrico seine, die zweite Strophe auf Italienisch singt. Die Einladung anzunehmen für Anfang Dezember fiel mir nicht schwer, ich sage nur „Hamburg 8 Grad Regen“ – von RANTANPLAN ist das.
Kennst du die Kanarischen Inseln?
Ja, ich bin schon sehr oft auf den Kanaren gewesen, aber tatsächlich noch nicht auf La Palma und auf Gran Canaria. Natürlich ist es das Klima, das ich mag, aber ich fahre auch sehr viel rum dort und versuche möglichst viel an „ Nicht-Touristen-Orten“ zu sehen, etwa in den Bergen von Teneriffa. Auf Teneriffa haben wir uns neulich schon mal das Aguere Cultural angeschaut in La Laguna – von außen, wir waren mittags da und das macht erst abends um zehn auf. Ich glaube, wir werden uns da an die spanischen Auftrittszeiten gewöhnen müssen ...
Der Film „Diggen! Ein Leben zwischen Fussball, Anarchie und Punk“ ist eine gestraffte 45-Minuten-Version eines achtteiligen, über zwei Stunden laufenden Videopodcasts. Bist du zufrieden mit dem Ding?
Darauf gibt es ein klares Jein, denn, alles was ich in diesen zweieinhalb Stunden erzähle, ist im Grunde genommen schon eine geraffte Version meiner Lebensgeschichte. Ich erzähle, wie ich mit 16 in Frankreich in Malville stehe bei der Anti-AKW-Demo und die mit Offensivgranaten auf uns schießen – das hätte man schon in der ursprünglichen Version noch ausführlicher erzählen müssen. Es war schwierig, das auf 45 Minuten runterzubrechen, Martin Fischer von Missglückte Welt und ich saßen da lange dran. Das hat auch ein bisschen Aua gemacht, das Thema nicht so tief anzuschneiden, wie man es eigentlich hätte machen müssen. Ich kann mir noch nicht so richtig vorstellen, wie das ist, wenn da im SO36 oder im Knust ein Film läuft und danach Bands auftreten, das Konzept ist für mich außergewöhnlich. Ob die Leute da 45 Minuten konzentriert dabei bleiben?
Bei den „Canarias Calling“-Festivals wirst du mit RASTA KNAST auftreten. Was hat es damit auf sich?
Ich bin schon dreimal mit RASTA KNAST aufgetreten. Einmal auf dem Mind The Gap Fest, da haben wir zwei Songs gemacht. Dann auf dem Apen Air-Festival, und im Knust bei der Veranstaltung „20 Jahre Jolly Roger“. Das ist eine Band, wo ich das Gefühl habe, dass das Leute sind, die ihre Instrumente beherrschen, die menschlich passen, so dass das Ganze rund und stimmig ist und dass die Energie dieser Songs transportiert wird – so wie es früher auch war. Wir werden da mit RASTA KNAST einen richtigen Flow drin haben, es wird also so nicht so sein, dass RASTA KNAST ihren Block machen und dann kommt der SLIME-Block.
Welche SLIME-Songs bekommt man da zu hören?
Es war natürlich schwierig, zehn Songs auszuwählen. Spanische Punk- und Ska-Bands haben oft „Alptraum“ gecovert, das hat mir Kat von Canarias Calling erzählt, also ist der natürlich dabei. Dann habe ich auch darauf geachtet, dass ich Songs nehme, die leider einen aktuellen Kontext haben, angesichts dieses massiven Rechtsrucks auf der Welt und auch in diesem Land. Eine Zeile wie „Deutschland, ein Land kotzt sich aus, einen alten braunen Brei“ – klar, dass wir „Schweineherbst“ spielen. Und wir spielen „Deutschland muss sterben“ – ja, das spielst du eben. Außerdem steht das Denkmal mit dem alten Nazispruch immer noch da. Wir spielen „Störtebeker“, und natürlich „Sie wollen wieder schießen dürfen“, das bezieht sich auf die Forderung, dass an den Grenzen Waffen eingesetzt werden dürfen zur Abwehr von Migranten. Und wir spielen „Let’s get united“, weil ich finde, dass sich die linke Szene in Deutschland mal wieder mörderisch zersplittert gerade, während die Rechte immer näher zusammenrückt. Denn wenn die deutsche linke Szene irgendwas kann, dann sich zersplittern. Und ich werde wie früher schon bei den Auftritten den aktuellen Kontext herstellen, weil diese Songs leider nichts an Aktualität verloren haben, sondern in dieser Hinsicht sogar noch dazugewonnen haben.
Waren die fünf Jahre seit dem Abgang bei SLIME und bis jetzt für dich eine Durststrecke?
Jein, denn es kamen ja relativ schnell SWISS UND DIE ANDERN ins Spiel und seine Firma Missglückte Welt. Swiss hat Ferris nach dessen Rausschmiss bei DEICHKIND unter seine Fittiche genommen, und bei mir war es ähnlich. Wir haben dann diese 5-Song-EP „Keine Gewalt ist auch keine Lösung“ gemacht, darunter zwei sehr emotionale Songs. Und dann haben wir auf der ersten Tour, die ich mit Swiss gemacht habe, „Deutschland muss sterben“ gespielt – Swiss hat mir seine Bühne überlassen. Weil ich gesehen habe, dass das ein jüngeres Publikum ist, das vielleicht die Geschichte hinter diesem Song gar nicht wirklich kennt, habe ich da von diesem Denkmal erzählt, wo der Text herkommt. Natürlich habe ich „Störtebeker“ vermisst oder „Alle gegen Alle“ – die sind ein Teil meines Lebens. Aber ich bin künstlerisch nicht in ein Loch gefallen, sondern konnte mit Swiss auf Tour gehen, die EP machen, war in Videos von ihm dabei. Aber jetzt mit RASTA KNAST noch mal zehn alte SLIME-Songs zu spielen – das isses! Und ... RASTA KNAST betrachten diese Konzerte durchaus als einen „starting point“: uns ist völlig klar, dass wir nächstes Jahr noch zusammen weitermachen, mit neuen Songs, die wir gemeinsam erarbeiten. Ich habe noch Songs hier liegen von Bocke, dem Gitarristen, die sind so Punk-and-Roll-mäßig, so ein bisschen wie CIA damals. Da ist gutes Zeug dabei, und Martin K. von RASTA KNAST und mir ist klar, dass wir weitermachen werden – auf jeden Fall mit ein paar neuen Songs.
Und was machst du sonst noch?
Ich bin bei dem „Budapest-Komplex“ dabei, Stichwort: „Free Maja“, aus Solidarität mit der Person, die gerade in Budapest unter schlimmsten Bedingungen vor Gericht steht. Im Schauspielhaus in Hamburg gab es dazu eine Veranstaltung, und den musikalischen Rahmen hat Sebastian Krumbiegel von DIE PRINZEN gestaltet, der ja auch sehr politisch engagiert ist. Da stand auf der Bühne eine Kombination, die ich mir so vor zehn Jahren auch nicht hätte vorstellen können. Da sitzt einer von den PRINZEN am Klavier, da stehen der Gitarrist Marco Schmedtje, Jan Plewka, der Sänger von SELIG – und Diggen. Und wir spielen „Keine Macht für niemand“ und „Die letzte Schlacht gewinnen wir“ von TON STEINE SCHERBEN. Ich bin im Moment also relativ breit aufgestellt, mir wird auf keinen Fall langweilig, muss ich sagen.
Das klingt gut. Dabei bist du in dem Alter, wo Menschen mit „normaler“ Erwerbsbiografie in Rente gehen ...
Mit Thema brauchst du mir eh nicht kommen. Ich kriege einmal im Jahr den Rentenbescheid und der lautet über 167 Euro oder so, das kann man sowieso knicken. Natürlich musste ich mich nach dem Ausstieg bei SLIME entscheiden, ob ich als Künstler noch auf der Bühne stehen will oder nicht. Es geht da auch um Drogen und Alkoholkonsum. Charlie Harper säuft sicher heute auch nicht mehr so, wie er es damals getan. Du musst dich da schon entscheiden. Ich gehe zweimal die Woche in die Sauna, mache mein Fitnessprogramm, gehe schwimmen. Trinken? Hm, ja, hier und da mal, aber ich will fit sein auf der Bühne. Und ich will auch all den Hatern, die ich auch habe nach meinem Ausstieg, keine Munition liefern: „Guck mal, der alte Sack, der kann ja nicht mal mehr ‚Schweineherbst‘ singen.“ Dafür will ich fit sein.
Wie wäre es mit einer Autobiografie? Das SLIME-Buch ist ja auch schon wieder zehn Jahre her.
Ja, das ist durchaus eine Überlegung wert ... Letztes Jahr habe ich ja auch noch einen Live-Podcast gemacht auf der Bühne im Schmidt-Theater auf der Reeperbahn, das war immer ausverkauft. Drei unterschiedliche Themen, dazu passende Gäste und Moderatoren: Der erste war zum FC St. Pauli, Thees Uhlmann machte die Moderation zu Punk-meets-Hip-Hop mit Jan Delay und Swiss. Olli Schulz machte die zur Geschichte von SLIME – der ist ein totaler Punk-Nerd, der steckt alle in die Tasche. Ich muss sagen, da habe ich ein bisschen Blut geleckt, mal außerhalb einer Band auf der Bühne vor dem Mikro zu stehen. Es gibt jetzt die Überlegung, ob ich mit dem SLIME-Buch und einem Gitarristen dazu so eine Art Lesereise mache. Und dann kommt natürlich irgendwann auch noch mal die Autobiografie, wobei im SLIME-Buch natürlich schon sehr viel erzählt worden ist. Ich würde mir nicht zutrauen, das zu schreiben. Ich kann zwar schreiben, aber da würde ich mir doch jemand von außen holen. Das müsste dann schon jemand wie Heinz Strunk oder Rocko Schamoni sein.
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