DIGGER & THE PUSSYCATS

Foto© by Areta Goñi (JUXE)

Frisch, voller Energie und bereit zu rocken

Zumindest eine Nachricht aus dem kleinen Paralleluniversum des Garage-Punk-Underground sorgt Anfang 2025 für eine ekstatische Nanosekunde: Das Melbourner Duo DIGGER & THE PUSSYCATS, bestehend aus dem Gitarristen und Sänger Sam Agostino und dem Drummer Andy Moore, macht sich im Juni auf den langen Weg nach Europa, um in kleinen Clubs und auf Festivalbühnen für die in schweren Zeiten nötigen positiven Energieexplosionen zu sorgen. Was liegt also näher, als die beiden grundsympathischen Systemverweigerer einem Reality-Check zu unterziehen.

Wann ging es mit der Band los und wie alt wart ihr damals?

Sam: DIGGER & THE PUSSYCATS entstand um 2002 aus den Überresten unserer vorherigen Band FORT MARY. Vielleicht haben wir sogar schon etwas früher in Melbourne gespielt. Wir waren damals 20 oder 21 Jahre alt – frisch, voller Energie und bereit zu rocken. Daran hat sich nicht viel geändert! Haha!

Ihr habt seit 2012 nicht mehr in Deutschland getourt. Was ist seitdem alles passiert?
Sam: Wir waren in den letzten Jahren ziemlich beschäftigt. Aber wir waren ein paar Mal in Europa, gerade hatten wir einige Shows in Frankreich und Spanien. Gewöhnlich spielen wir außerdem etwa vier bis fünf Mal im Jahr in Melbourne. Ansonsten habe ich mich auch auf mein anderes Projekt BRAT FARRAR konzentriert. Wir haben einige Platten veröffentlicht und waren mehrfach in Europa unterwegs. Aber jetzt ist es an der Zeit, dass DIGGER & THE PUSSYCATS endlich wieder auch nach Deutschland kommen – es ist einfach viel zu lange her.

Wie wichtig ist es für euch, in Europa auf Tour zu gehen? Und was ist mit den USA, Japan oder Asien?
Sam: Wir lieben es zu touren und nutzen jede Gelegenheit, die sich uns bietet. Für uns ist es wichtig, weil es der Fokus unserer Band ist und die Art, wie wir mit den Leuten in Kontakt treten können, die unsere Musik mögen. Wir sind super gerne in Europa. Für uns Australier es einfach aufregend – es gibt so viel zu sehen und zu erleben. Vermutlich empfinden Europäer dasselbe in Australien. Zur Frage, wie wichtig es ist: Ich bin mir nicht sicher, ob es noch so bedeutend ist wie früher. Für jüngere Bands, die komplett im Internet großgeworden sind, ist das ihre Welt. Für sie ist es vielleicht wichtiger, im digitalen Raum präsent zu sein, als unbedingt live zu spielen.

Habt ihr Pläne für neue Aufnahmen?
Sam: Wir haben eine Menge neues Material, definitiv genug für eine neue Platte. Im Moment ist unser Plan, alles aufzunehmen und es nach und nach auf Streaming-Plattformen hochzuladen. Danach wird es eine Vinyl-Veröffentlichung geben. Außerdem haben wir für 2026 eine Compilation mit unseren Singletracks geplant.

Die Musikszene in Melbourne ist sehr lebendig. Wie oft spielt ihr dort, was macht die Szene besonders, und welche neuen Bands gefallen euch derzeit?
Andy: Melbourne war schon immer ein Hotspot für Musik und wir sind wirklich glücklich, ein Teil dieser Szene zu sein. Hier gibt es jede Woche neue großartige Bands zu entdecken. Oft geht man wegen einer Band irgendwohin und stößt dabei auf zwei weitere, die man vorher nicht kannte. Meine aktuellen Lieblingsbands hier sind SPLIT SYSTEM, MOODY BEACHES, CLAMM, THE PRIZE, PERSECUTION BLUES, BLOWERS und GLAS NOST. Ich mag auch immer noch die Gigs von THE BREADMAKERS und THEE CHA CHA CHAS, wenn sie live spielen. Ich sollte wohl auch Sams andere Band BRAT FARRAR erwähnen, die sind echt nicht schlecht!

Wie kann man sich das Leben als Musiker in Melbourne leisten?
Sam: Ja, es ist teuer. Andy lebt mittlerweile etwas außerhalb des Stadtzentrums, aber ich wohne noch mittendrin. Wir haben beide noch Brotjobs und verschiedene Nebenprojekte, um die Musik herum. Corona hatte riesige Auswirkungen auf Melbourne, es fühlte sich an, als wäre die Stadt mindestens 18 Monate lang komplett dicht gewesen. Digger haben in dieser Zeit keine Shows gespielt und wir konnten auch sonst kaum etwas machen. Es war eine harte Zeit, und viele etablierte Musiker haben entweder ganz aufgehört oder sind aufs Land gezogen und haben sich aus der hiesigen Musikszene zurückgezogen. Langsam erholt sich alles wieder, aber es ist ein bisschen von dem rauhen Charme Melbournes verloren gegangen. Auf der anderen Seite haben viele während der Pandemie ihre Online-Präsenz stark ausgebaut – und ich glaube, dadurch haben viel mehr Leute etwas von den Bands aus Melbourne gehört als je zuvor.

Gibt es in der Stadt Strukturen und Netzwerke, auf die Musiker sich verlassen können? Welche wären das?
Sam: Ich denke, die gesamte Musikszene in Melbourne profitiert stark von den drei großartigen lokalen Radiosendern: PBS, RRR und 3CR. Wenn du Fan australischer Musik bist, kann ich nur empfehlen, diese Sender zu hören oder zu streamen – sie sind das Rückgrat der ganzen Szene.

Ihr habt vier Alben auf dem Bielefelder Label P.Trash Records veröffentlicht. Habt ihr besondere Erinnerungen an Peter Eichhorn, dem Labelbetreiber, der ja leider 2018 tödlich verunglückt ist?
Andy: Peter war ein wunderbarer Mensch. Wir hatten das große Glück, ihn, seine Frau Susanne und seine Töchter kennenzulernen. Es gibt wohl nur wenige, die eine größere Leidenschaft für Punkrock hatten als er. Wir haben uns immer darauf gefreut, ihn auf unseren Deutschlandtouren zu treffen – sei es im P. Trash-Hauptquartier in Bielefeld oder bei unseren Shows im Gleis 22 in Münster. Er hat uns ständig auf neue Bands aufmerksam gemacht, die wir noch nicht kannten. Wenn er über die Musik sprach, die er liebte, leuchteten seine Augen, man konnte seine Begeisterung förmlich spüren. Er war wirklich einzigartig.

Andy, du hast mal mit Spencer P. Jones gespielt. Wie kam es dazu?
Andy: Ja, ich hatte das Glück, etwa fünf Jahre lang mit Spencer zu spielen. Das Ganze kam zustande, weil sein vorheriger Schlagzeuger leider in Konflikt mit dem Gesetz geriet und einige Termine nicht wahrnehmen konnte. Eines Mittwochs bekam ich einen Anruf von Spencer, der mich fragte, ob ich am Wochenende ein paar Shows mit seiner Band in Sydney spielen könnte. Ich war verdammt aufgeregt, also habe ich ein paar Schichten bei der Arbeit abgesagt, am Donnerstagabend mit der Band geprobt und dann Spencer am Freitagmorgen abgeholt, um zusammen nach Sydney zu fahren. Ein paar Monate später wurde ich ihr Vollzeit-Schlagzeuger und er änderte den Namen der Band in ESCAPE COMMITTEE. Es sind ein paar Alben entstanden und wir haben in ganz Australien gespielt und auch einige Shows in Europa. Ich verließ die Band etwa 2007, da ich damals viel mit DIGGER & THE PUSSYCATS und KAMIKAZE TRIO im Ausland unterwegs war. Rückblickend wünschte ich, ich hätte einen Weg gefunden, wieder in seine Band einzusteigen, bevor er 2018 starb. Er war so ein brillanter Songwriter und ein lustiger Kerl, mit dem man rumhängen konnte. Wenn es Spencer-Fans gibt, die dies lesen, sollten sie versuchen, die unglaubliche Spencer P. Jones-Biografie „Execution Days“ in die Hände zu bekommen, die Patrick Emery verfasst hat. Es ist eine fantastische Lektüre.

Ihr verwendet ein sehr minimalistisches Setup und das nun auch schon seit über 20 Jahren. Wünscht ihr euch manchmal mehr Musiker oder andere Instrumente? Oder würdet ihr mit Backing-Tracks spielen?
Sam: Niemals. Ich liebe das Minimalistische – der Reiz der Band liegt gerade darin, innerhalb dieser Grenzen zu arbeiten. Da ich in fast allen anderen Bereichen meines Lebens digitale Technik nutze, finde ich es ziemlich befreiend, mit Digger einfach nur bei Gitarre und Verstärker zu bleiben.

Ihr spielt in Europa sowohl Festival- als auch Clubshows. Was mögt ihr lieber?
Andy: Beide haben ihren eigenen Reiz, aber nichts geht über die Energie einer rappelvollen Rock’n’Roll-Clubshow, wenn sich die Band und das Publikum gegenseitig pushen. Und in einem Club kann man das Publikum auch besser verstehen, wenn es uns anpöbelt!

Eure Live-Shows sind für ihre Energie und das Chaos bekannt. Wie haltet ihr diese Intensität Abend für Abend auf Tour aufrecht?
Sam: Keine Ahnung! Wir gehen einfach raus und geben alles, was wir haben. Manchmal sind wir echt erledigt, aber dann gibt es immer irgendeinen Chaoten im Publikum, der uns weiter anfeuert – das hilft enorm. Bier hilft übrigens auch!

Ihr seid seit über 20 Jahren ein Duo. Wie hat sich eure Dynamik über die Jahre verändert, sowohl musikalisch als auch persönlich?
Andy: Musikalisch ist es ziemlich gleich geblieben, auch weil wir in letzter Zeit nicht so viel neue Musik veröffentlicht haben. Auch wenn wir jetzt auf der falschen Seite der 40 sind, haben wir uns unsere Energie und den Spaß an den Live-Shows bewahrt. Ansonsten reden wir weniger über Partys und mehr über Kindererziehung – aber wir lachen immer noch über dieselben dummen Witze wie früher. Unsere Freundschaft ist immer noch „rock solid“.

Garage-Rock hat über die Jahre verschiedene Wellen der Popularität durchlaufen. Ist die Underground-Szene denn heute immer noch so stark?
Andy: In den 2000ern, als wir jedes Jahr durch Europa getourt sind, fühlte sich die Szene sehr lebendig an. Aber wir haben auch da schon auf die Bands der 1990er zurückgeblickt und uns gewünscht, wir wären damals dabei gewesen. Vielleicht denken die heutigen Bands dasselbe über unsere Ära? Durch das Internet kann man heutzutage so viel Musik veröffentlichen, ohne dafür ein Label zu brauchen. Nach wie vor gibt es weltweit jede Menge großartiger Garage-Bands – das ist richtig schön zu sehen.

Viele Bands von früher haben sich aufgelöst oder ihren Stil verändert. Was hält DIGGER AND & THE PUSSYCATS zusammen?
Sam: Andy und ich sind einfach richtig gute Freunde. Unser Ziel ist es, Spaß zu haben – und daran hat sich nichts geändert. Wir treffen uns, spielen Songs und lachen viel. Alles darüber hinaus ist ein Bonus!

Gibt es Städte oder Locations, die besonders wild oder unvergesslich waren?
Andy: Ich muss das Dipol in Freiberg erwähnen! 2005 kamen wir zu einer Show in einem heruntergekommenen Bürogebäude. Ein paar Kids zeigten uns den Weg in den Keller, wo sich der Club befand. Die gesamte Location wurde von Jugendlichen unter 18 betrieben. Der einzige Volljährige war Pächter des Gebäudes, vermietete Büros an Firmen und hatte im Keller einen illegalen Club. Bier oder Wodka kosteten einen Euro, ein „Monaco“, drei Biere mit Gaffa-Tape zusammengeklebt, gab es für drei Euro. Das war genial! Wir haben dort mehrere Male gespielt, bis der Club von den Behörden dichtgemacht wurde. Die Kids von damals müssten jetzt in ihren 30ern sein. Ich hoffe, wir treffen ein paar von ihnen im Juni wieder.

Euer Sound ist roh und lofi. Ist das Absicht oder einfach das Ergebnis eurer Arbeitsweise?
Sam: Beides. Wir lieben das minimalistische Setup – es macht das Touren einfach. Ich mag generell LoFi-Musik. Ich höre mir auch lieber Demos an als fertige Alben, weil man da die Songs in ihrer rohesten Form und viel direkter bekommt.

Gibt es ein Album, das eure Band am besten definiert?
Sam: „Watch Yr Back“ hat für mich einen besonderen Stellenwert, weil damals so viel Cooles passiert ist – sowohl mit der Band als auch privat. Die Songs wecken viele gute Erinnerungen.

Wenn ihr mit einer beliebigen Band – aus Vergangenheit oder Gegenwart – touren könntet, welche wäre das?
Sam: Ganz einfach, jede Band, in der unsere Freunde mitspielen! BROWN SPIRITS, BLOWERS, THEE CHA CHA CHAS, BREADMAKERS ... ich könnte tausend weitere nennen.

Eure Platte „Watch Yr Back“ wurde über Sony vertrieben. Wie kam es dazu und hat euch das geholfen, über den Underground hinaus bekannt zu werden?
Sam: 2005 wurden unsere Platten auf dem niederländischen Label Undertow Records für Europa lizensiert. Das Label wurde von zwei großartigen Typen, Dick und Sicco, betrieben. Sie hatten mehrere Labels und Sony Europe organisierte den Vertrieb für all ihre Veröffentlichungen – also ging unsere Platte ebenfalls über Sony Europe raus. Ich bin mir nicht sicher, ob uns das wirklich aus dem Underground herausgebracht hat, aber zu der Zeit konnten wir definitiv mehr Shows in Europa spielen. Vielleicht gab es dadurch ein bisschen mehr Promotion für die Band. Was die Plattenverkäufe angeht – ich glaube, ich habe in meinem Leben noch nie eine Verkaufsabrechnung für Digger gesehen.

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