© by Todde FinnerIm Grunde sind DRAMATIST ein Produkt der Corona-Pandemie. Die fünf Bremer hatten die Zeit genutzt, sich noch mal einen neuen Gitarrensatz gekauft, viel zusammen im Proberaum gesessen und getüftelt. Nach dem Lockdown wieder gemeinsam Musik zu machen, hat eine besondere Energie freigesetzt. Und irgendwann war er da, der DRAMATIST-Sound: melodisch, vehement, intensiv. Marco van Gete (gt, voc) und Moritz Vandreier (dr) sprechen mit uns über handgemachte Musik, Haltung und ihr Debüt „Wasting Words“, das im Januar erscheint.
Für das Bremer Quintett ging die Reise schon los, bevor sie überhaupt angeschnallt waren: Noch vor dem Release ihrer ersten Single standen sie auf der Bühne, bei der Breminale und beim Wacken Festival. „Es gab enthusiastische Reaktionen auf unsere völlig fremden Songs“, erinnert sich Moritz. „Wir brettern aber auch ordentlich mit den drei Gitarren und dem zweistimmigen Gesang und können live ein gutes Erlebnis erzeugen – auch für Leute, die mit Gitarrenmusik vielleicht sonst nicht so viel anfangen können.“ – „Das war spannend“, wirft Marco ein. „Denn beim Schreiben hatten wir uns über die Außenwirkung gar keine Gedanken gemacht.“
Und auch dass sie bei der Suche nach einem Label auf so viel positive Resonanz stießen, überraschte die Band zunächst. Ihr Vorgehen war ganz rudimentär. Ein Bandcamp-Link zu acht DRAMATIST-Songs, sonst keinerlei Info, versendet per Mail an die Lieblingslabels. „Dann ging es erstaunlich schnell“, meint Marco. „Mit unseren alten Bands haben wir oft Ewigkeiten auf Rückmeldung gewartet, wenn überhaupt eine kam. Einmal hat man uns sogar eine Demo-CD zertreten zurückgeschickt.“ Aber jetzt: Ein Label aus Großbritannien meldete sich schon nach zwei Wochen. Als sie dann aber mit Jörg Tresp von DevilDuck zusammensaßen, stellten sie sofort fest, dass das am besten passt.
Handgemachter Sound
Ein typischer DRAMATIST-Song entsteht im Proberaum, keine Frage. „Als Ausgangspunkt hat immer einer von uns eine Idee: ein Riff, eine Melodie oder ein Beat“, verrät Moritz. „Dann stecken wir die Köpfe zusammen – bei der großen Lautstärke. Ich glaube, das Wichtigste für uns ist: Wir machen alle gemeinsam Musik. Im Proberaum stehen wir so positioniert wie auf der Bühne. Wir sind keine Band, bei der einer im Schlafzimmer den Rechner stehen hat. Wir brauchen das Live-Erlebnis.“
Ein ehrliches Musikerlebnis, die Instrumente in der Hand, ein kohärenter Sound, das waren auch Faktoren bei der Entscheidung, wer die ersten DRAMATIST-Songs produzieren sollte. Mit Kurt Ebelhäuser (DONOTS, ADAM ANGST) holten sich vor allem die Gitarristen der Band einen alten Bekannten ins Boot, der für einen markanten Gitarrensound steht. Die Entscheidung für Gregor Hennig (MUFF POTTER, DIE STERNE) traf maßgeblich Moritz: „Er ist Drummer und es hat mich gereizt, mit ihm aufzunehmen. Außerdem betreibt er quasi in der Nachbarschaft ein Studio.“ Beide Produzenten bringen eine so stimmige Handschrift mit, da verwundert es fast schon ein wenig, dass sie bei „Wasting Words“ das erste Mal gemeinsam an einer Produktion beteiligt waren.
Stellung beziehen
Ihr Debüt ist ein gesellschaftskritisches Werk, sie sprechen laut aus, was manche nur denken, legen den Finger in die Wunde. „Die negativen Nachrichten wurden uns irgendwann zu viel, so dass wir privat einem Eskapismus verfallen sind, mal zwei Tage keine Nachrichten verfolgt, sondern lieber eine Doku über den Schwarzwald angeschaut haben. Aber letztendlich beschäftigt uns ja, was in der Welt passiert“, ordnet Marco ein. „Viele in der Gesellschaft haben Angst. Was kommt als Nächstes? Jetzt bekommen wir Werbevideos von der Bundeswehr vorgesetzt, mit denen Menschen dazu animiert werden sollen, mit einem Gewehr auf dem Rücken durch die Felder zu robben und das Land zu verteidigen.“ Dass alles näher rückt, treibt die Band aktuell besonders um. „Plötzlich stehen Themen im Mittelpunkt, mit denen man hierzulande lange nicht konfrontiert war“, erläutert Moritz. „Das soll nicht heißen, dass einem bisher die Empathie fehlte, zu sehen und mitzufühlen, was anderswo auf der Welt passiert, aber jetzt steht die Bedrohung gefühlt vor der eigenen Tür.“ Und das ist neu.
Männer für Frauenrechte
Dass die Bremer aber nicht nur vor die eigene Haustür schauen, beweist ihr Song „The league“: „Der befasst sich speziell mit dem ‚Iranian Diaspora Collective‘, einer Bewegung, die sich für Frauenrechte im Iran einsetzt“, erklärt Marco. „Die Aktivist:innen leben allesamt nicht mehr im Iran, weil sie dort nicht frei agieren könnten. Sie setzen mit ihrem Engagement an der Basis, in den Familien an. Dort müssen sie oft erst einmal die Grundlage schaffen, nämlich dass Väter ihre Töchter unterstützen, etwa bei beruflichen oder sportlichen Ambitionen.“
Aber auch vor der eigenen Haustür sehen sich DRAMATIST in der Rolle, sich für Feminismus auszusprechen – obwohl oder gerade weil die Band nur aus weißen Männern besteht. „Manche tun so, als sei der Prozess der Gleichberechtigung abgeschlossen, aber das ist er ja noch lange nicht. Wie viele Frauen sitzen denn jetzt in Führungspositionen? Wir sind ja gerade mal mittendrin beim Thema Emanzipation – wenn überhaupt.“ Aktuelle Studien und auch ein Blick auf Social Media zeigen, dass sich der Trend derzeit allerdings wieder umkehrt. Insbesondere bei den jüngeren Generationen scheinen sich die Fronten zwischen den Geschlechtern zu verhärten. „Das darf ja nicht sein!“, betont Marco und echauffiert sich fast ein wenig. Man merkt, wie wichtig ihm das Thema ist. „Wir müssen uns doch in unserer Gesellschaft so organisieren, dass wir uns alle gegenseitig bereichern: Frauen, Männer und auch das dritte Geschlecht. Ich würde mir das wirklich wünschen.“ Nach einer kurzen Gedankenpause fügt er hinzu: „Aber vielleicht kommt es auch anders. Vielleicht haben wir unsere Platte ‚Wasting Words‘ genannt, weil wir nicht wissen, ob wir uns mit diesen Themen Gehör verschaffen können. Aber ich glaube, wenn es gelingt, dann mit Musik.“
© by Fuze - Ausgabe #116 Februar/März 2026 und Jeannine Michèle Kock
© by Fuze - Ausgabe #116 Februar/März 2026 und Jeannine Michèle Kock