© by Robert EikelpothEs war viel los in den vergangenen Jahren rund um FEINE SAHNE FISCHFILET: 2023 erschien das maximal erfolgreiche Album „Alles glänzt“, 2024 die erste Live-Platte zur üppigen Tour. Sänger Monchi brachte mit „Niemals satt“ ein autobiografisches Buch raus und ging zwischendurch auf Lesereise. Es tauchten bis heute unbewiesene Vorwürfe auf wegen angeblich übergriffigen Verhaltens (siehe Ox Nr. 167). Dazu Diskussionen in der Presse und der Szene. Es folgten im Unfrieden scheidende Bandmitglieder und Neubesetzungen. Dabei immer konsequentes Haltung zeigen gegen rechts und zahllose Aktionen.
Diese Band kennt offenbar kein Innehalten: Ende Mai erschien nun das neue Album „Wir kommen in Frieden“ – aber friedvoll ist mal wieder gar nichts. Im Gegenteil: Eine Kollaboration mit dem Rüpel-Rapper Finch sorgt für einen Shitstorm. Mit „Grüße ins Neandertal“ bekommen die „nationalen Jammerlappen“ aka Nazis einmal mehr eine volle Breitseite ab. Und im Gespräch äußern Monchi, Bassist Kai und Trompeter Max ganz klar, was sie vom „Aufstand der Anständigen“ und einem allzu woken „Mit solchen Leuten redet man nicht“ halten.
Dieses Interview heute ist quasi das erste, das ihr zum neuen Album gebt. Mit welchen Gefühlen lasst ihr „Wir kommen in Frieden“ auf die Leute los?
Monchi: Vor allen Dingen schaue ich immer darauf, dass ich das Album geil finde. Beziehungsweise dass wir als Band es geil finden. Und das ist wirklich so. Derzeit ist mein Blick auf die Platte so, dass ich einfach sagen kann: Wir haben ein hammergeiles Album gemacht! Und zwar im Sinne von: Wir sind nicht hängen oder stehen geblieben. Wir sind bei uns geblieben, aber trotzdem weitergegangen. Wobei ich überhaupt nicht erwarte, dass alle Leute es geil finden – wenn es ihnen gefällt, freue ich mich. Ich hoffe einfach, dass die Songs live knallen und freue mich riesig darauf, sie auf der Bühne zu spielen.
Kai: Genau. Ich denke, dass es auf dem Album einfach ganz viel zu entdecken gibt. Vor allem inhaltlich, denn ich bin der Meinung, dass es textlich unsere bislang stärkste Veröffentlichung ist. Das habe ich zwar auch schon beim letzten Mal gesagt, haha, aber ich glaube, dass sie wirklich noch mal eine Stufe persönlicher ist. Und entsprechend ist meine Hoffnung, dass die Leute Spaß daran haben und das Album mit eben diesem Hintergedanken hören, dass sie ganz viele Geschichten und Dinge entdecken, über die sie im Nachhinein vielleicht noch mal nachdenken. Wie du hörst, gehen wir auf jeden Fall sehr selbstbewusst mit dem Album um. Und das ist toll! Denn diese Platte sollte alles sein – nur nicht 08/15-mäßig.
Das letzte Studioalbum liegt zwei Jahre zurück. Dazwischen gab es eine Live-Platte. Ihr habt eine ordentliche Schlagzahl. Wie seid ihr an das neue Werk rangegangen – so wie immer oder musste alles anders sein?
Max: Der größte Unterschied war eigentlich, dass wir quasi sofort wieder losgelegt haben und kaum Zeit vergangen war nach der letzten Tour. Wir hatten im Winter 2023 aufgehört zu spielen – und im Januar 2024 gleich angefangen, das Album zu machen. Das war so bislang bei uns nie der Fall. Aber wir hatten uns als Band gefunden, sind in einen geilen Rhythmus gekommen. Also wollten wir diese Energie nutzen und am liebsten gleich weitermachen!
Ausreichend Stoff für neue Songs ist bei Menschen wie euch wahrscheinlich sowieso immer da ...
Max: Natürlich muss man bei jedem neuen Album so ein bisschen wieder bei null anfangen. Textlich und musikalisch. Aber es war auch sehr schnell wieder sehr viel da. Allein in den ersten zwei, drei Monaten haben wir schon wieder so viel zustande gebracht, dass wir einfach sehr gut vorangekommen sind. Ich glaube sogar, so schnell hatten wir noch nie ein neues Album fertig.
Monchi: Dass wir jetzt innerhalb von zwei Jahren drei Alben rausbringen, zeigt eben auch irgendwie, dass wir die ganze Zeit am Ball bleiben. Und das ist wiederum dem Umstand geschuldet, dass wir richtig Spaß haben und es selber geil finden, was wir da machen und wie es aktuell läuft. Zudem sieht man es daran, dass wir in den Texten Dinge aufgreifen, die eben nicht zehn Jahre her sind. Sondern neue Dinge. Aktuelle Dinge. Es ist etwas da, über das wir singen können. Etwas, das keine Pause zulässt. Auch wenn es teilweise polarisierende Inhalte sind, die wir da raushauen. Sachen, mit denen sich die vielleicht nicht alle Leute identifizieren können. Aber das ist eben das, was wir gerade fühlen und denken und wo wir stehen und wovon wir eine Bestandsaufnahme machen.
Zu polarisieren gehört ja bei FEINE SAHNE FISCHFILET dazu, ohne das seid ihr ja streng genommen gar nicht denkbar. Aber ich höre raus, dass es intern bei euch derzeit extrem homogen zugeht. Max hat betont, ihr hättet euch „gefunden“. Angesichts der nicht unbedingt friedvoll und reibungslos über die Bühne gegangenen Besetzungswechsel ist das nicht selbstverständlich. Ist die aktuelle Truppe die homogenste Variante der Band seit jeher?
Kai: Ich denke, dass wir schon so, wie es gerade ist, enger denn je zusammenstehen, auch wenn sich „homogen“ komisch anhört. „Homogen“ klingt so, als würden wir alle irgendwie gleich ticken. Und so ist es ja überhaupt nicht bei uns. Wir sind wirklich fünf sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Und trotzdem sind wir, das würde ich schon sagen, noch nie so eng zusammen gewesen wie derzeit. Wie bei diesem Album. Beim vorigen war mit der neuen Besetzung alles noch ganz frisch. Nach den Umbrüchen, die du angesprochen hast. Trotzdem hat das schon übelst Spaß gemacht und dementsprechend wollten wir direkt weitermachen und diesen Drive halten. Und jetzt fühlt es sich tatsächlich so an, als wären wir schon ewig auf diese Weise unterwegs – obwohl es eigentlich noch gar nicht so lange her ist, dass wir uns gemeinsam auf den Weg gemacht haben. Aber homogen ...? Einerseits würde ich sagen nein. Weil wir schon sehr unterschiedliche Menschen sind. Auf der anderen Seite aber sage ich auch ja. Denn dieser Zusammenhalt und dieses Selbstbewusstsein und alles, was wir zusammen als Band entwickelt haben in den letzten Jahren, ist so groß wie noch nie.
Monchi: Nimm zum Beispiel diese Songzeilen „Wir kommen in Frieden / Der nächste Sturm, nur eine Frage der Zeit“, was so eine provozierende Note hat von wegen: Na, dann komm doch, biete doch mal was an! Das ist etwas, was ich wirklich total fühle. So etwas kannst du natürlich nur mit einem gewissen Selbstbewusstsein bringen. In einer Gemeinschaft. Und all das haben wir fünf! Wir sagen uns: Okay, wir sind eine Mannschaft mit sehr unterschiedlichen Stärken und Schwächen. Und wir gehen uns auch manchmal total auf die Eier. Aber es ist auch klar, dass eine Band, die aus fünf Monchis bestehen würde, nicht funktioniert. Auch eine aus fünfmal Max oder fünfmal Kai nicht. Nein. Wir ergänzen einander. Wir verfolgen immer gemeinsame Ziele. Und über die sprechen wir viel innerhalb der Band. Genau wie wir darüber sprechen, wenn es vielleicht mal wieder knirscht oder einen von uns etwas nervt. Dann setzen wir uns zusammen und fragen: Ey, was wollen wir denn? So was haben wir zum Beispiel gerade erst vor ein paar Wochen noch gemacht, nachdem das Album fast fertig war. Wir haben uns gefragt: Wie sehen denn die nächsten fünf Jahre aus? Und es hat sich einmal mehr gezeigt: Wir haben einfach Bock, dass das noch lange so weitergeht mit FEINE SAHNE FISCHFILET – was letztlich aber auch nicht wirklich verwundern kann ...
Denn ...?
Monchi: Denn mit keinen anderen Menschen haben wir fünf all diese Höhen und Tiefen erlebt und so viel Zeit verbracht, wie mit uns, den Leuten innerhalb der Band. Es ist ein tolles Gefühl, an einem Strang zu ziehen.
Seid ihr tatsächlich so vorausschauend, dass ihr euch Gedanken darüber macht, wie es um die Band in fünf Jahren stehen könnte?
Monchi: Ja, mittlerweile schon.
Warum mittlerweile?
Monchi: Na ja, früher haben wir immer nur gemacht und getan und gar nicht viel darüber nachgedacht. Aber jetzt ist es so, dass wir innerhalb von zwei Jahren drei Alben rausgebracht haben, die ganze Zeit auf Tour waren – und wir in dieser Zeit, obwohl wir nun alle Familie haben, niemanden häufiger gesehen haben als diese vier Menschen aus der Band. Nicht die Freundinnen, nicht die Eltern, niemanden. Und wenn wir gerade vor diesem Hintergrund aus den vergangenen zehn Jahren als Band eines gelernt haben, dann ist es, dass man zwischendurch vielleicht auch mal quatschen und nicht nur machen sollte. Dass man sich gegenseitig fragen sollte: Ey, worauf habt ihr denn Bock? Denn wenn ich beispielsweise jetzt sagen würde „Ich habe die nächsten fünf Jahre Bock, mir die Eier von links nach rechts zu schieben“ oder „Ich will mich auf meine Familie konzentrieren“ – was sollten die anderen vier denn da machen? Nein. Es ist ganz klar: Man muss miteinander reden. Und auch wenn natürlich nichts fest vorausgeplant ist, können wir uns so doch sicher sein, dass wir einen gemeinsamen Weg haben. Eine gemeinsame Vorstellung davon, was wir wollen. Und das ist einfach ein tolles Gefühl, sagen zu können: Wir haben Bock auf diese Band und wir haben Bock, diesen Weg gemeinsam weiterzugehen!
Spielen da im Hinterkopf auch mögliche Zwänge eine Rolle? Mittlerweile ist die Band so groß geworden, da hängen so viele Leute dran ... Du kannst jetzt nicht einfach die nächsten vier Jahre die Eier schaukeln, denn das hätte sofort auch Auswirkungen auf andere.
Max: Ich glaube, als Mitglied einer Band befindet man sich immer in gewissen Abhängigkeiten. Wir sind keine Solo-Künstler, aber das ist ja jetzt nichts Neues. Und wir haben jetzt nun mal die unglaublich geniale Grundlage, dass wir uns intern einfach so gut verstehen und auch Konflikte gut beackern können. Wir kommen gut miteinander aus und können uns gegenseitig gut einschätzen – genauso, wie wir gut einschätzen können, welche Themen und Meinungen wir vertreten, ob wir uns hier oder da doch mal zurückhalten oder es lieber darauf ankommen lassen anzuecken. Wir sind fähig zu Kompromissen. Weil wir eine gemeinsame Perspektive für die Zukunft haben. Ergo fühlt es sich überhaupt nicht so an, als stünden wir unter einem Zwang: Scheiße, jetzt müssen wir dies und das machen, damit alles weiter funktioniert. Nein, es ist eher umgekehrt. Es ist eher so, dass wir wissen: Wir haben eine gute gemeinsame Grundlage. Und wenn wir uns jetzt nicht komplett dämlich anstellen und irgendetwas passiert, können wir das vielleicht weitere zehn Jahre machen.
Monchi: Es gibt doch überall Zwänge. Aber was sollen wir jetzt rumheulen? Dass wir sagen können, wir sind eine Band, die sich mag, nach all den Jahren, nach all den Höhen und Tiefen – das ist hammerviel wert. Natürlich freuen wir uns, wenn es geil läuft. Natürlich freuen wir uns riesig darüber, von der Band leben zu können. So zu tun, als ob es keinen Druck gäbe, wäre ja Quatsch. Aber alles hat eben seinen Preis. Und am Ende ist es schon ziemlich genial, das alles so erleben zu dürfen.
Wenn man eure Euphorie hört und gleichzeitig an eure vielen auch bei uns im Heft thematisierten Krisen und kritischen Momente der Vergangenheit denkt, erweckt ihr den Eindruck, als ob FEINE SAHNE FISCHFILET „unkaputtbar“ wären.
Monchi: Ja. Ich hoffe es zumindest. Ich hoffe, du hast recht. Das Gefühl habe ich jedenfalls manchmal auch. Aber natürlich gibt es, wenn ich jetzt diese letzten Jahre Revue passieren lasse, auch Momente, in denen wir dachten: Hat das noch Sinn? Macht das noch Spaß? Ist es das wert? Und zwar auf ganz viele Bereiche bezogen. So was kennt ja, glaube ich, jeder Mensch. Wenn ich meine Eltern oder andere Leute sehe, die seit 40 Jahren selbständig sind, die sich nach dem Ende der DDR, nach der Wende hier in Mecklenburg-Vorpommern ihre Firma aufgebaut haben ...
Dann ...?
Monchi: Dann meine ich damit: Es gibt immer mal Sinnfragen oder Zweifel. Aber wenn man ernsthaft sagen kann, dass man auf etwas Bock hat, und wenn man weiß, dass es auch viele wunderschöne Momente gibt, dann ist das ja auch etwas Stärkendes. Und so ist das auch bei FEINE SAHNE FISCHFILET. Die Band ist ja kein Selbstläufer. Wir versuchen immer wieder, uns alles zu erkämpfen. Nimm mal so eine Zeile wie im neuen Song „Gut, dass ich weiß“: „Stammtisch und Plenum drehen durch. Im Stadion läuft unser Lied.“ Da stecken ja viele Geschichten drin. Geschichten, wie wir sie selbst ständig erleben. Schöne und nicht so schöne. „Ich weiß, wer geht und wer bleibt / Und ich weiß, die schönsten Tage sind noch längst nicht vorbei“ – so was mit voller Überzeugung singen zu können, ist etwas Tolles. Zu sagen: Okay, wenn du auf die ganzen Jahre schaust, gab es immer geile Momente und es gab beschissene Momente. Aber sie alle haben einen auch geprägt. Und daran nicht so zu verbittern, daran nicht hängenzubleiben, sondern diese Momente auch zu benennen und das Gute darin zu suchen, auch wenn einen das manchmal vielleicht abfuckt – das ist eine Stärke. Und es ist toll, dafür die Musik zu haben. Daran glaube ich zu, sagen wir, 80% immer. 20% Zweifel bleiben eben. Aber die hat wahrscheinlich jeder.
Ihr singt, wie Monchi eben zitierte, vom „nächsten Sturm“, der bestimmt kommt. Welcher war für euch denn der bislang letzte? Und was könnte womöglich der nächste Sturm sein, der euch erwartet?
Max: Na ja, gerade haben wir uns ja mit unserer neuen Single „Grüße ins Neandertal“ schön wieder die ganzen AfD-Leute auf unsere Social-Media-Seiten geholt. Ich weiß in solchen Momenten jedenfalls immer, dass ich die Kommentare dort ein paar Tage lang nicht mehr zu lesen brauche, weil sich die ganzen Nazi-Trolle da austoben. Das hat sich zuletzt wieder so ein bisschen angefühlt wie FEINE SAHNE FISCHFILET vor zehn Jahren. Andere Bands würden das als alles andere als einen riesigen Shitstorm empfinden. Bei uns ist es eher so: Okay, back to the roots mal wieder. Beziehungsweise: Die Leute, die man damit ärgern wollte, hat man offenbar auch geärgert.
Monchi: So ist es. Die Nazis sind eben durchgedreht. Erwartbar. Der Song hat die Faschos getriggert. Aber genau darum geht es ja. Wir wollten im Falle von diesem Stück nicht die nächste Rumheul-Hymne gegen Nazis schreiben und jammern, wie schlimm alles ist. Wir wollten vielmehr ein selbstbewusstes „Döp döp döp“ raushauen. Es selbstbewusst benennen und uns auch mal lustig machen über Faschos. Es geht um Galgenhumor. Denn natürlich sind diese Leute hier bei uns vor Ort viel stärker vertreten als anderswo. Das ist ja gar keine Frage. In Rostock oder Greifswald gibt es ein linkes Szenchen und ansonsten: nichts. Und trotzdem wollen wir nicht die Lebenslust verlieren. Den Humor. Und das haben wir mit diesem Lied sehr gut geschafft. Da sind für mich viele schöne Wörter drin. „Nationale Jammerlappen“ zum Beispiel. Das ist etwas, was ich wirklich bei diesen Leuten fühle. Wenn ich hier mit ihnen quatsche oder streite, gibt es auch Leute mit Einfamilienhaus und zwei Autos vor der Haustüre, die mir erzählen, dass sie in der Hölle leben. Wohlstandsverwahrlosung ist das. Und in solchen Momenten kann ich sogar manchmal verstehen, dass irgendwelche Wessis über die Jammer-Ossis abkotzen. Mich kotzt das ja auch total an. Auf der anderen Seite haben wir auch übelst viele Macherinnen und Macher in unserem Umfeld. So wie unsere Eltern. Menschen, die aus der DDR-Diktatur rauskamen und diese ganzen Umbrüche erlebt haben. Und ist es zum Kotzen, dass hier in den nächsten Jahren die Rechten übernehmen. Und das werden sie. Denn ich sage mal so: Die Grünen, die Linke oder die SPD werden es hier nicht mehr schaffen. Darauf verwette ich meinen Hintern. Wenn ich von der kommenden kommunalpolitischen Misere rede, meine ich quasi 100%. Die Menschen hier würden eine Mülltonne aufstellen, sich drumherum aufstellen und den Dorfdümmsten wählen – bloß um mit der etablierten Politik abzurechnen.
Max sagt, die Hasskommentare im Netz seien schon ein altbekanntes Ding für euch. Das hört sich beinahe harmlos an. Also inwiefern triggern euch diese in den sozialen Medien abgesetzten „Meinungen“ nach all den Jahren noch?
Monchi: Für mich spielt diese ganze Internet-Nummer gar nicht mehr so eine große Rolle. Da bin ich mittlerweile schon teilweise komplett abgestumpft. Es sind viel mehr die Morddrohungen, die ich manchmal bekomme, die mich punktuell bewegen. Vor allen Dingen, weil ich Familie habe. Worauf ich aber hinauswill: Es ist nun mal so, dass mich all das, über das ich singe, als Monchi eben persönlich betrifft. In jeder Hinsicht.
Soll heißen ...?
Monchi: Wenn wir Songs wie „Manchmal finde ich dich scheiße“ veröffentlichen, dann macht sich das direkt in meinem Alltag bemerkbar. Ich lebe nicht in Berlin-Kreuzberg oder in Bremen oder einem anderen Zecken-Viertel. Ich lebe in Mecklenburg-Vorpommern. Hier wählen mitunter über 40% der Menschen die AfD. Hier ist das alles nicht irgendwas, das ich bei „Spiegel TV“ sehe. Sondern hier gehören diese Dinge, über die ich singe, zu meinem Leben. Und wenn ich so ein Lied raushaue, merke ich das sofort – weil ich angequatscht werde. Weil Leute mich blickficken. Weil Leute mich direkt angehen. Und natürlich ist meine größte Angst immer die, dass meine Familie angegangen wird für das, was ich mache. Da ist der Preis schon auch hoch. Zudem ist es für mich auch etwas ganz anderes als früher. Wenn wir beispielsweise 2008 oder so solch ein Lied rausgehauen haben, haben wir gar nicht lange drüber nachgedacht. Wir haben es einfach getan. Jetzt überlegen wir es uns zweimal, ob wir das machen. Weil es eben einen Preis hat. Und trotzdem denke ich, ist es richtig und wichtig, solche Stücke zu bringen. Weil sie etwas Abgefucktes haben und ich schlussendlich bei vielen Leuten einfach denke: Fickt euch alle!
Also scheiß auf den Sturm?
Monchi: Ach, Sturm würde ich es nicht mal nennen. Wenn mich mal jemand anspuckt oder es vielleicht mal kurz eine Schubserei gibt, ist das nicht gleich ein Sturm. Sturm – das ist ein bisschen etwas anderes. Aber da ist schon Wind. Gegenwind. Und den merkt man. Aber ich finde es geil, dass wir auf dieser Platte eben genauso ein Lied wie „Grüße ins Neandertal“ haben. Weißt du, wenn wir bei uns in den Proberaum gehen, dann hisst der Nachbar sofort die Reichskriegsflagge. Soll heißen: Es ist nicht so, dass wir zwei, drei Soli-Konzerte im Osten spielen und uns da einen drauf runterholen, wie wild wir doch sind. Sondern wir leben hier mit so was. Wir begegnen solchen Leuten täglich.
Seid ihr vorsichtiger geworden in Bezug auf das, was ihr den Menschen an Songs beschert?
Monchi: Natürlich denkt man über Sachen nach. Aber genauso machen wir uns einen Spaß aus dieser Sache und um diese Sache herum.
Inwiefern?
Monchi: Nach der Veröffentlichung von „Grüße ins Neandertal“ haben uns auf einmal ganz viele Leute Bilder von Reichskriegsflaggen und schwarz-weiß-roten Aufklebern geschickt. Und wir haben uns dann gesagt: „Machen wir eine Aktion daraus! Machen wir Frühjahrsputz! Machen wir den ganzen schwarz-weiß-roten Scheiß weg und überkleben ihn!“ Und auch davon haben uns die Leute dann Fotos geschickt. Und das ist dann cool. Da merkt man, wieviele Menschen am Start sind und sich angesprochen fühlen.
Kommen wir noch mal zum Song „Manchmal finde ich dich scheiße“. Der ist schon vor der Veröffentlichung des Albums bereits ziemlich umstritten gewesen. Du singst da gemeinsam mit dem Rapper Finch, der häufiger für seine sexistischen und gewaltverherrlichenden Texte kritisiert wurde und Dauergast am „Ballermann“ ist. In dem Stück geht es darum, dass man auch mit Leuten, die anders ticken – politisch, moralisch –, sprechen sollte und eher nach Gemeinsamkeiten suchen denn Gegensätze herausstellen. Wie viel Dreck kann oder muss man dabei aushalten?
Monchi: Ganz klar: Ich kann nicht bei jedem, der beispielsweise eine andere politische Meinung hat, sagen: Der ist aber ein Nazi. Das wäre ein Riesenproblem. Denn wenn du hier jeden als Nazi bezeichnen würdest, dann gäbe es ja streng genommen gar keine Nazis mehr. Dann wäre das alles einfach normal. Ist es ja jetzt fast schon. Es gibt hier Leute, die die Reichskriegsflagge hissen und dir sagen: „Ich bin doch nicht rechts! Ich habe nicht mal eine Hakenkreuzflagge gehisst!“ Ist so passiert. Also natürlich spreche und streite ich hier auch mit AfD-Wählern. Das geht gar nicht anders. Wenn hier über 40% so was wählen und mir Leute von außerhalb sagen wollen, dass ich nicht mit denen reden soll ... Alter, das sind Diskussionen aus einer anderen Welt! Da kann ich nur sagen: Steigt mal ab von eurem Ross! Das könnt ihr vielleicht da machen, wo ihr lebt und wo nicht so viele Leute AfD wählen, aber nicht hier.
Aber wo verläuft deine Grenze?
Monchi: Diese Grenze ist ja bei jedem verschieden. Und ich glaube, meine Grenze ist doch sehr weit gefasst, wenn du so willst. Ich meine: Ich bin mit Hansa Rostock groß geworden ...
Die Hansa Rostock-Fanszene gilt als ziemlich gewalttätig und nicht unbedingt politically correct und du hast schon als Jugendlicher dort in der Kurve gestanden.
Monchi: Ja. Und ich fahre heute noch gern zu Hansa-Spielen, wenn es irgendwie geht. Und wenn man sich die Leute da im Fanblock ansieht, dann schätze ich, ist meine Grenze bestimmt anders als bei anderen Leuten ... Aber ich würde dafür auch viel mehr riskieren, viel mehr streiten, viel mehr meine Fresse hinhalten als irgendwelche Leute, die sich immer zurückziehen und dafür dann schlaue Texte im Internet schreiben oder in ihrer Bubble schlau rumquatschen.
Ist das denn schlimm, dieses Quatschen in der Bubble?
Monchi: Das ist etwas, was ich verachte! Genau das ist ja die Grundidee von „Manchmal finde ich dich scheiße“. Das Gefühl, von dem ich da singe, ist eins, das man ja bei nahezu jedem Menschen mal hat. Selbst bei den engsten Freunden, sogar bei den Eltern. Und dann diesen Bogen hinzukriegen – „Manchmal finde ich dich richtig scheißegeil und denke, dass du eigentlich kein schlechter Mensch bist“ –, das ist wichtig. Denn damit sage ich meinem Gegenüber auch: Ich denke, dass du kein Überzeugungsarschloch bist.
Also wäre die Grenze bei Überzeugungsarschlöchern überschritten?
Monchi: Ja. Das ist für mich der Punkt, an dem ich für mich die Grenze ziehe. Wenn ich das Gefühl habe – und ein Gefühl lege ich nicht nach ein, zwei Treffen oder nach irgendwelchen Internet-Posts fest –, da ist jemand ernsthaft ein Überzeugungsarschloch und erzählt mir, dass Schwarze scheiße sind, weil sie schwarz sind, und Schwule oder Lesben sind scheiße, weil sie schwul oder lesbisch sind, dann geht das für mich nicht mehr. Über alles andere aber streite ich, und ich freue mich, finde es cool, womöglich Gemeinsamkeiten zu finden. Und mit streiten meine ich wohlgemerkt, diesen Leuten auch mal zu sagen: Das, was du da gesagt oder getan oder gedacht hast, finde ich kacke! Als ich diesen Songtext geschrieben habe, habe ich jedenfalls sofort gemerkt: Das würde sehr gut zu Finch passen. Denn ich habe bei ihm einerseits sehr oft gedacht: Was er da macht, finde ich cool. Andererseits denke ich bei ihm auch häufig: Boah! Das ist jetzt echt kacke. Das ist drüber. Das ist nervig und peinlich. Das sehe ich ganz anders! Und genau deswegen habe ich mich mit ihm auch persönlich getroffen. Und zwar nicht über das Management und nach dem Motto: Hey, wollen wir jetzt mal ein Lied zusammen machen? Und dann kommt er schnell vorbei und singt das kurz ein. Sondern so, dass wir erst mal ein bisschen zusammen unterwegs waren und lange miteinander gelabert und Meinungen ausgetauscht haben. Und wir haben nach und nach mit der ganzen Band festgestellt: Ja, das passt. Der Gedanke „Lass uns schaun, was uns verbindet, und nicht mehr, was uns trennt / Schau nicht auf die Fassade, nein, guck aufs Fundament“, das ist letztlich etwas, das mich wirklich durchs Leben trägt. Und zwar immer mehr. Auch wenn es mal Gegenwind und Streit gibt. Es ist toll, wenn man das aushält.
Aber besteht nicht die Gefahr, dass man bei manchen Leuten zu viel Nachsicht walten lässt?
Monchi: Klar gibt es Momente, in denen ich mir selbst sage: Ich habe mit diesen Leuten zu lange abgehangen. Ich meine: Wie viele Leute aus meinem Umfeld, Leute, die ich kenne aus der Zeit, als ich 14, 15 war, laufen jetzt auf Fascho-Demos mit? Da gibt’s eine ganze Menge. Und darunter sind dann eben auch solche, mit denen ich zu lange gestritten habe. Aber genauso gibt’s eben auch die Menschen, bei denen ich mir denke: Vielleicht hätte ich um ihn oder sie mehr kämpfen sollen, weil das kein schlechter Mensch ist. Wie auch immer: Dieses Lied ist etwas, auf das ich sehr stolz bin. Und ich habe keinen Bock darauf, dass irgendwer mir erzählen will, das mit Finch ginge gar nicht! Da muss ich wirklich sagen: Haltet die Fresse! Denn wenn einer wie Finch nicht mehr geht, dann geht hier bei uns im Osten nahezu niemand mehr. Das ist immerhin ein Typ, der sich auch mal hinstellt und sagt: Ich find Nazis scheiße!
Wie in seinem, zugegeben, textlich hervorragenden Track „Bissu dumm“.
Monchi: Ja. Und er kriegt dafür ja auch beileibe nicht nur Applaus. Noch mal: Das heißt nicht, dass ich jetzt verlange: Hört auf, ihn zu kritisieren! Nein! Aber immer so zu tun, als ob er jetzt nicht mehr geht, oder wenn Radiostationen sich weigern, seine Songs zu spielen ... Dann ist genau das doch ein Teil des Problems, warum die Faschos es so einfach haben. Noch mal: Wenn jeder Nazi ist, ist nachher keiner mehr Nazi.
Jetzt mal Hand aufs Herz, Kai und Max, als Monchi ankam mit der Idee, Finch ins Boot zu holen – was habt ihr in diesem Moment gedacht? War da sofort Begeisterung?
Max: Bei mir ist es so, dass ich Finch schon sehr lange privat gehört habe. Wobei ich weiß, dass gerade seine Battle-Rap-Parts mitunter nicht ganz unkritisch sind. Daran kann man schon etwas aussetzen. Insofern gab es auf jeden Fall eine lange Diskussion innerhalb der Band, ob wir das wirklich machen oder nicht, und wir mussten uns erst mal einig werden. Es gab einige Vorbehalte. Aber wir sind dann gemeinsam zu dem Schluss gekommen, dass das eine richtig geile Idee ist, da Finch als Künstler gleichzeitig eben auch ansprechend und vielseitig und interessant ist. Und als wir uns darüber klar und einig waren, war es für uns alle kein Problem mehr. Ich verstehe trotzdem, wenn Leute zuerst mal sagen: Das passt gar nicht.
Kai: Ich fand die Idee super. Ich feiere Finch schon lange. Auch wenn ich manchmal denke: Oha ... Aber ich mag seine Musik, auch wenn das wirklich viele Leute in meinem Freundeskreis nicht verstehen können. Bei mir kommen bei diesen Stücken mit den hochgepitchten Refrains und dem Hardcore-Beat Kindheitserinnerungen hoch, haha.
Monchi: Vor ein paar Jahren hätten wir das Ganze bestimmt noch zerdacht. Aber das ist eben auch ein Teil der Freiheit, die wir uns erkämpft haben. Wir haben immer mehr das Gefühl, nur das zu machen, worauf wir Bock haben. Dann sollen sie doch rumtrollen. Sollen sie doch von rechts und links meckern und knurren. Scheiß drauf! Wenn wir das richtig finden, wenn wir das gut finden, dann ist das so! In diesen Zeiten, in denen die Spalterei so krass geworden ist, halte ich das für wichtiger denn je. Wenn man sagen würde „Der geht aber nicht“, dann wäre ja alles verloren. Es ist nun mal so: Wir sind einfach nicht mehr Teil von irgendeiner Szene. Wir sind FEINE SAHNE FISCHFILET. Punkt. Aus die Maus. Findet uns gut oder findet uns scheiße.
Genauso wie das, was du in deinem Podcast „Weil’s jeden Tag brennt“ im Gespräch mit Finch sagst, klingt das gut, aber auch sehr hart. Da geht es um die Demos gegen rechts in den vergangenen Monaten. Da war oft die Rede vom „Aufstand der Anständigen“. Und das kritisiert ihr beide sehr scharf. Ist es nicht schön, dass Menschen überhaupt auf die Straße gehen gegen rechts – auch wenn sie nicht eure Erfahrung haben und nicht wie ihr aus einem Landesteil kommen, in dem Nazis ein normaler Anblick sind? Muss man sich darüber lustig machen?
Monchi: Es ist natürlich gut, wenn Menschen auf die Straße gehen. Auf jeden Fall. Aber „Aufstand der Anständigen“, das finde ich lächerlich. Ich finde das wirklich peinlich. Denn dieses „anständig“ ist ein Teil des Problems.
Warum?
Monchi: Weil man sich damit über die Leute erhebt. Weil man damit sagt: Oh ja, wir sind die Guten! Und da kann ich nur entgegnen: Haltet die Fresse! Es gibt diese eine Songzeile von uns: „Die Guten sind verdächtig. Halte dich von den Siegern fern.“ Die habe ich mitgenommen aus einem Podcast-Gespräch mit meinem Freund Lothar König.
König war ein evangelischen Pfarrer, der er sich stets gegen Rechts eingesetzt hat. Inzwischen ist er leider verstorben.
Monchi: Ja. Und das ist wirklich etwas, was ich total fühle. Denn was soll so ein „Aufstand der Anständigen“ schon sein? Ganz ehrlich: Der 16-jährige Monchi wäre damals überall hingegangen – aber ganz sicher nicht zu denen! Und so was macht mich eben übelst nachdenklich. Damit wird es den Faschos nämlich zu leicht gemacht. Wie gesagt, ich finde es toll, wenn Leute sich engagieren. Wenn sie auf die Straße gehen. Und ich glaube auch, dass viele Leute manchmal gar nicht wissen, was sie alles bewirken könnten. Es ist ihnen nicht bewusst. Und es geht mir auch nicht um stumpfes Wessi-Bashing oder so was. Aber dann gucke ich zum Beispiel nach Dortmund. Und die AfD-Balken sind da jetzt auch alle schon bei 20%. Überraschung? Auch die Menschen dort haben mittlerweile erkannt, dass sie nicht im Paradies leben. Selbst wenn sie das vor ein paar Jahren noch nicht glauben wollten, aber das ist die Realität. Und der muss man begegnen. Wenn ich das zum Beispiel hier in Mecklenburg-Vorpommern auf die Jugendlichen beziehe, dann ist es so: Früher war es nicht cool, Nazi zu sein. Jetzt ist es das aber. Und ich rede hier nicht von irgendwelchen Loser-Kids. Ich rede von den Kids, die cool aussehen, die nicht total dämlich sind. Die sind es, die hier schwarz-weiß-rote Aufkleber verteilen! Wenn wir hier mit der Band unterwegs sind, kratzen wir überall erst mal diese Wehrmachtssticker ab – und irgendwelche zwölfjährigen Teenies quatschen uns dann dumm an und fragen: „Was soll der Scheiß? Warum macht ihr die ab?“ Das ist die Bestandsaufnahme! Und das sind die Momente, in denen ich denke: Fuck, da müssen wir ran! Da müssen wir versuchen, den Leuten eine Alternative aufzuzeigen – etwa mit dem Wasted in Jarmen-Festival. Wir müssen diesen Kids zeigen: Ey, schaut mal! Leute, die gegen Nazis sind, sind nicht alle totale Luftpumpen. Da gibt es auch ein paar Unanständige. Da gibt es auch ein paar Leute, die rough sind. Die selbst durch die Scheiße gegangen sind. Und die laufen nicht diesen Idioten hinterher. Aber wenn diese „Anständigen“ der Gegenpol sind, dann ist das Ding verloren. Von denen werden diese Kids nicht abgeholt. Ich bin da gerne dreckig. Ich glaube, das erreicht ein paar mehr Leute. Zumindest diesen Schlag Menschen.
Max: Dieser „Aufstand der Anständigen“ signalisiert eine moralische Erhabenheit. Da werden Leute aus Gründen der Moral über die Klippe gestupst. Und zwar ständig. Und das hat in den vergangenen Jahren derart krass zugenommen, dass es jetzt einfach eine richtig räudige Gegenbewegung von rechts gibt. Das ist das Bittere. Das merken wir ja gerade überall. Nicht nur im Osten, sondern auch im Westen. Dabei war das doch immer eher eine Argumentation der Konservativen. Dieses Verurteilen über die Moral. Aber das hat sich in den letzten Jahren sehr gewandelt. Heute sind diejenigen, die die Moral definieren, nicht mehr die Konservativen. Und dadurch wird es, wie Monchi sagt, den Faschos leicht gemacht. Und deswegen müssen wir darüber reden! Dieser Kulturkampf gegen alles Woke und Linke wird richtig bitter – und fängt gerade erst an.
Monchi: Nimm unseren neuen Song „Awarenesskonzept“. Da heißt es: „Du setzt dich ein für Menschenrechte, für Klima, Frieden, gegen Nazis und all das Schlechte / Supernova, Massenmord im Sonnenschein, bequemer Szene-Kiez. Peace For Palestine /Du hast es immer gut gemeint. Deine Moral im Höhenflug. Kollektive Gänsehaut. Danke für deinen Gratis-Mut“. Das sagt doch alles! Das ist das, was ich einfach ganz oft denke ... Alter, die Leute haben im Internet so eine riesengroße Fresse, dass man meint, wir stünden hier kurz vor der linken Revolution. Aber sie halten die Fresse nicht hin! Ich höre sie alle quatschen, aber ich sehe sie nicht, wenn es darauf ankommt. Und das haben doch die Faschos gecheckt! Wenn ich vor zehn Jahren in Interviews gesagt habe „Bei euch im Westen wird’s auch beschissen werden“, dann haben die mich blöd angeguckt. So nach dem Motto: Ja, ja, genau. Rede du mal. Der Osten ist ja noch viel, viel schlimmer. Da kann ich heute nur sagen: Jetzt guckt doch mal, wo ihr hingekommen seid mit eurem Aufstand der Anständigen! Und genau deswegen werde ich wütend. Hier geht es schließlich nicht um irgendeine Internet-Diskussion. Hier geht es darum, dass ich wie viele andere überlege: Kann ich weiterhin hier leben – oder nicht? Für irgendwelche Wokies bin ich das unpolitische Macker-Schwein, dem alles scheißegal und latte ist und dessen Band jetzt auch noch irgendwas gemeinsam mit Finch gemacht hat. Alter, FEINE SAHNE FISCHFILET – die gehen ja gar nicht mehr! Aber gleichzeitig bin ich hier im Dorf, in der Provinz, in Mecklenburg-Vorpommern, der linksradikale und queerfeministische Aktivist, der Klimakriminelle und Veganer und was sonst noch alles. Das ist für mich alles total absurd. Ich meine, wir haben uns doch nicht gegen Faschos gerade gemacht, weil es dafür Applaus gab und wir dafür gemocht werden wollten. Was ein maßgeblicher Unterschied zu vielen anderen Leuten ist. Wäre es mir darum gegangen, dann hätte ich etwas anderes gemacht. Klar, dass es mit den Jahren dafür irgendwann trotzdem Applaus gab von vielen Leuten – toll. Aber soll denn alles immer nur nett sein? Nein! Es ist eben gerade nicht alles nett! Ich finde gesellschaftlichen Fortschritt gut. Ich finde es gut, sich mit Sachen auseinanderzusetzen und miteinander zu streiten. Aber dieses Moralische, das ist etwas, das ich einfach zutiefst räudig finde. Diese übertriebene Wokeness ist wie ein Weihnachts- und ein Ostergeschenk zusammen für die Faschos! Die müssen mittlerweile diesen Elfmeter, den sie ständig serviert bekommen, nur noch verwandeln. Weil die Leute immer nur daherreden, man müsse doch mal alles nüchterner sehen. Ganz ehrlich: Ja, ich habe Schiss, dass ich irgendwann eine Kugel im Kopf habe! Und ich weiß: Diese ganzen Revoluzzer im Internet hocken dann schön bei sich zu Hause. Die sind nicht diejenigen, die für das alles zuerst bezahlen werden. Ich würde mir das alles manchmal auch anders wünschen. Aber ich komme da nicht mehr raus ...
Wo, aus der Szene, aus der linken Ecke?
Monchi: Ja. Ich glaube, wer unseren Weg verfolgt hat, der checkt schon, dass wir keine linksradikalen Spinner mehr sind. Und dass wir heutzutage selbst vielleicht auch manches kritisch sehen. Aber, ganz ehrlich: Ich könnte in einen Eimer scheißen und wir könnten die Nationalhymne covern – und die Rechten würden durchdrehen und trotzdem sagen: Diese Linksradikalen! Stellt sie an die Wand! Ich glaub, es geht immer nur darum, was man hören will. Das merkt man doch. Siehe das Finch-Lied: Wer halbwegs hinhört und nicht immer nur das Negative wahrnehmen will, der wird schon auch checken, dass da etwas Positives drin steckt, das wir ausdrücken wollen. Dass das vielleicht auch eine Art Selbstkritik ist – weil wir früher vielleicht genauso waren und Leute schnell verurteilt haben. Es wäre ja Quatsch so zu tun, als wenn wir nicht auch mal viel mehr in Schwarz-Weiß gedacht hätten. Aber dem muss man Einhalt gebieten. Moralisieren bedeutet immer auch ausgrenzen. Du stellst dich moralisch über andere – und die Nazis sagen denen natürlich: Kommt alle her! Die wollen euch nicht! Die sagen, ihr seid scheiße und per se doof und kacke. Und hier bei uns findet ihr Verständnis. Und genau das ist über die Jahre eine Stärke von uns, von FEINE SAHNE FISCHFILET geworden. Wir sagen selber: Alle Sünder, kommt zu uns! Auch wenn ihr scheiße gewesen seid. Solange ihr keine Überzeugungsarschlöcher seid, kommt her!
Womöglich ist das mitunter auch ein Grund für euren Erfolg. Dieses, nennen wir mal ganz klischeehaft, Authentische. FEINE SAHNE FISCHFILET sind also für alle da – nur eben nicht für überzeugte Nazis. Aber sie sind versöhnlich.
Monchi: Zumindest ist das für mich die Erklärung, warum Punkrock so langweilig geworden ist. Man weiß immer schon, was kommt. Es wird so viel erzählt, aber nichts gesagt. Bloß nichts reingeben. Bloß nichts Umstrittenes!
Gut, kommen wir am Ende noch auf ein ganz anderes Thema. Wenn ich mir den Song „Haut an Haut“ anhöre – spricht daraus womöglich ein Monchi, der Vater geworden ist?
Monchi: Ja. Und dieser Song zeigt, glaube ich, eine Stärke dieses Albums, dass es nämlich von lauten bis zu leisen Tönen wieder alles umfasst. Von lauten Ansagen bis hin zu nachdenklichen, bis hin zu Liedern wie diesem oder auch „Eine rauchen wir noch“ für Lothar König. Wobei „Haut an Haut“ für mich persönlich das Maximum darstellt. Dazu gab es lange Diskussion – vor allem mit mir selbst und mit meinem engsten Umfeld. Aber ich bin nun mal Papa geworden. Natürlich werde ich mein Kind nicht in irgendeine Kamera halten. Aber ich habe auch keinen Bock, das zu verheimlichen – weil es das Schönste ist, was mir in meinem Leben passiert ist. Da sind gleichzeitig tausend Gefühle zwischen Liebe und Angst. Man betrachtet viele Sachen komplett anders. Und weil ich das in einem Lied sagen und auf sogar auf Platte veröffentlichen kann, bin ich einfach krass dankbar dafür, dass ich in so einer Band spielen darf!
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