
Auch wir vom Ox konnten es kaum glauben, als wir das neue Anti-Word in den Händen hielten. In fetten Lettern machte das Cover mit „GG Allin lives" auf. Im Heft: Ein Interview mit GG von Anfang Oktober 1993. Eigentlich hatten wir wie alle anderen geglaubt, Allin sei im Frühsommer aufgrund seines Lebenswandels im allgemeinen und seines reichlich unbesorgten Umgangs mit illegalenSubstanzen im Besonderen nach einem Gig in New York verstorben. Die Presse von MRR bis Tempo war voll mit mehr oder weniger schmerzverzerrten Nachrufen. Flipside druckte reichlich unscharfe Videobilder von Allins Beerdigung, er wurde in Leserbriefen zum Gott und zum Oberarschloch erklärt. Andererseits erinnern wir uns auch noch mit etwas Groll, wie die Punk-Suppenkasper von den DWARVES ihren Oberzwerg He-Who-Can-Not-Be-Blamed von den Lebenden abmeldeten, um ihn dann kurz darauf zu den Lebenden zurückkehren zu lassen und alles als einen Promo-Gag zu enttarnen.
Wir vom Ox wollten Gewissheit! Ein paar Telefonate und eine Probeausgabe vom Ox später war das Ding perfekt. Jeremy Wakeford von „New York's own Anti-Word-Fanzine" ließ den Originalwortlaut des Interviews mit GG Allin rüberwachsen. Ein gerissener Hund. Wie alle anderen war er von GG Allins Tod, sagen wir mal, unangenehm berührt. Im folgenden der Originalwortlaut, der sicher manche GG Allin-Fans zu entrüsteten Leserbriefen veranlassen wird.
Hayrow, Montana, 2. Oktober 1993. Mir gegenüber sitzt GG Allin, und er ist ziemlich lebendig. Er trägt ein blau/gelb karriertes Flanellhemd, Jeans und sieht um einiges gesünder aus, als auf den Aufnahmen vom Frühjahr.
Ja, ich bin tatsächlich am Leben, aber ich möchte nicht, daß du mich noch GG Allin nennst. Es geht mir jetzt besser als damals, das ist richtig. Wie hast du mich gefunden?
Mein größerer Bruder reist als Vertreter für Pizza-Belag übers Land, und er rief mich eines Abends an: „Hey Jeremy, ich habe einen Typen an einer Tankstelle gesehen, der sah genauso beschissen aus, wie dieses Monster auf dem Plakat in deinem Zimmer.".
Ich wußte, es gibt keinen Zweiten, der aussieht wie du, GG.
Ich hatte mir oft überlegt, einen anderen Job anzunehmen. Als Tankwart werde ich wirklich oft gesehen. Ich hätte es eher machen sollen.
GG, wie kam das alles, dieser vorgebliche Tod, dieses ganze brilliant inszenierte Spektakel?
Weißt du, im Grunde bin ich ein eher konservativer Kerl. Ich wünschte mir mein Leben lang nichts sehnlicher, als ein kleines Häuschen mit einem rosenbepflanzten Vorgarten, eine liebe Frau und zwei Kinder - einen Jungen und ein Mädchen. Ich mag Country-Musik und ich liebe Barbecue.
Du liebst die heile Welt?
Ganz genau. Ich bin, nicht nur aus Punksicht, ein erzkonservativer Mensch. Und ich habe mich nur wegen diesem Vorfall damals auf diese Spiel eingelassen, habe es über ein Jahrzehnt mitgespielt, aber irgendwann kam der Punkt, an dem ich sagte: GG, du gehst auf die Vierzig zu, du musst aus diesem Quatsch endlich raus.
Du sagst, du hast dich auf dieses Spiel eingelassen. Soll das heißen, du bist nicht ganz freiwillig so geworden?
Allerdings nicht. Weißt du, ich war damals in einer Stadt in New Yersey Parkwächter, und da waren diese Ladies mit ihren kleinen Kötern. Die schissen alles voll und ich trat immer in die Haufen. Eines Tages haben ich so einen Haufen einer Lady hinterhergeworfen, und traf sie. Sie holte die Cops, und ich wäre für gut und gern ein paar Monate in den Bau gewandert. Also sagte ich dem Officer ganz spontan: „Sir, ich berufe mich auf mein Grundrecht der freien Meinungsäußerung. Ich bin Sänger und Künstler, dieser Hundehaufenwurf gehört zu meinem Konzept.“ Der Cop glaubte mir nicht, und ich lud ihn deshalb zu meiner Show ein. Ich stellte bis abends mit zwei Kumpeln eine Band zusammen, und wir verkleideten uns als Hunde. Wir spielten in einem Cafe, „Joe's Garage", und ich warf die von meiner Mutter in Tüten verpackten Haufen. Die Cops hielten mich für blöde, ließen mich aber laufen. Es waren auch ein paar Typen aus New York da, denen gefiel das. Ich hatte nicht so viele Freunde, also ließ ich mich auf das Angebot ein, diesen Blödsinn in New York zu wiederholen. Damals nannten wir uns DOGGY ALLIN THREE. Die Presse stieg auf uns ein - der Rest ist schäbige Punk-Historie.
Du hast mit vielen Bands gespielt?!
Ich habe sie alle gehasst. Zuerst hatte ich Angst vor ihnen, weil ich Punks nur aus der Zeitung kannte. Es waren für mich Wesen von einem anderen Stern. Doch als ich dahinter kam, dass Punks in den meisten Fällen nur ein paar verkleidete Middle-Class-Kids waren, die Abends in ihre heile Welt heimgingen, war ich schnell neidisch. Ich hatte keine Familie, deshalb hasste ich sie.
Wie bist du auf die Idee zum Ausstieg gekommen?
Als ich „Ghost-Nachricht von Sam" sah. Es war wieder einmal ein so rührender Film, bei dem ich weinen mußte. Ich weine sehr oft bei Filmen. Ich brauche das, das Kino war meine einzige heile Welt, als ich noch GG Allin war. Und dieser Film brachte mich irgendwie auf die Idee vom Abgang. Aber erst wollte ich es nochmal anders versuchen.
Wie meinst du das?
Es fiel mir nicht leicht, das böse Scheusal GG Allin zu spielen. Ich bin eigentlich ein sehr milder Mensch. Ich bastle sehr gerne und koche sehr gut. Und so wollte ich musikalisch ganz andere Wege gehen. Ich dachte mir, wenn sie dich als Mensch schätzen, werden sie deinen Wechsel mögen, oder zumindest akzeptieren. Die letzten Aufnahmen von mir und meinen Jungs kennst du vielleicht: Country, ganz schlicht. Ich liebe die WALKABOUTS und finde Garth Brooks supergut. Ich wünschte, er wäre jetzt an meiner Stelle - sozusagen GARTH BROOKS & THE MURDER JUNKIES -, und ich an seiner. Wie du wahrscheinlich weißt, kamen die Countryaufnahmen nie raus - einfach weil GG Allin-Fans immer nur denselben Dreck hören wollten. Es war, als akzeptierten sie nur den Spiegel ihrer kranken Seele, als bräuchten sie ein seelisches Müllauto, einen Anti-Heiland, auf dem man seinen ganzen perversen Müll abladen kann. Die meisten meiner Fans sind nur gehemmte Perverse, spießige Kleinbürger, die ihre Schmuddelträume auf mich projizierten, weil sie sich selber nicht trauten. Ich war ihr Uber-Ich.
Aber, wenn man bedenkt, dass du auf der Bühne onaniert und gepisst hast?!
Ich will dir mal was sagen, Jeremy: Ich bin ein ultra-schüchterner Mensch. Ich kann mich nicht einmal vor einer Frau ausziehen, und ich mag Sex nur im Dunkeln. Ich hatte mit den Frauen schon immer das Problem, dass ich zu früh kam. Und wenn ich Alkohol getrunken habe, gerate ich außer Kontrolle. Daher dieser ganze Unfug. Ich muss zugeben, mir war das immer schon sehr peinlich. Aber wenn du mal in diesen Kreisen drinsteckst, kommst du da nur sehr schwer wieder raus.
Wie hast du deinen Abgang inszeniert?
Da war dieses Konzert in New York, in einer Tankstelle. Ich war, im Gegensatz zu meinen anderen Shows, stocknüchtern, aber ich benahm mich absichtlich idiotisch wie immer. Ich hatte vor dem Gig fast fünf Liter Pepsi getrunken, um auch nüchtern auf die Bühne pissen zu können, obwohl ich mich gehemmt fühle. Es war absurd. Jeder kaufte mir den Weirdo ab. Ich zertrümmerte Stühle, schmiss mit Glas und bedrohte das Publikum. Es war halt wie immer. Nachdem die Cops kamen, rannte ich die Straße runter und rief ein paar wilde Dinge, um sicher zu gehen, dass mich jeder für völlig dicht und daneben hielt. Ich sprang in ein Taxi und ließ mich in „Rick's Inn" fahren. Dort warteten zwei Freunde, die mich leichenblass schminkten und wie tot fotografierten. Dann zog ich mir einen guten, saloppen Anzug an und schnitt mir die Haare. Ich wurde umgeschminkt, so dass ich gesund aussah, und klebte mir einen Schnurrbart an. Ich sah aus wie Oliver Hardy. Meine Freunde und ich hatten Presse-Erklärungen vorbereitet. Es war absurd, aber ziemlich lustig, als ich für die Presse meine eigenen Sterbefotos eintütete.
Was geschah dann? Es gab doch eine Beerdigung?!
Das war Bedingung meiner Familie - eine Beerdigungszeremonie, damit es keine „GG Iives"-Gerüchte gibt. Das ganze Beerdigungsvideo ist übrigens schon länger vor meinem angeblichen Tod aufgenommen worden. Es war alles gut vorbereitet. Und es fiel keinem der Idioten auf. Auf dem Video regnet es nämlich nicht, doch an meinem angeblichen Beerdigungstag in New Jersey goss es in Strömen! Ich wollte übrigens eine Seebestattung, doch meiner Familie war das Spektakel zu teuer. Ich wundere mich übrigens auch, warum niemand auffiel, dass außer einem Kamerateam niemand da war, der als neutraler Beobachter die Echtheit der Zeremonie hätte bestätigen können. Kein Flipside, kein Spin, keine Musiker. Überall heißt es: „Nur ein paar Freunde ....". Dabei hätte bei einer richtigen Beerdigung jeder Idiot den Termin herausfinden können." Und dann? "Ich hatte mit meiner Familie vereinbart, dass sie die Tantiemen aus meinen Platten und Memorabilien-Verkäufen zu 50% behalten können. Die andere Hälfte sollte mir monatlich auf ein Sperrkonto überwiesen werden. Weißt du, ich hätte auch sagen können: „Hi Fans, ich habe keinen Bock mehr auf eure Gesellschaft. Ich ziehe mich zurück.". Aber das hätte mich fast alle Plattenverkäufe gekostet. Und die Absätze stagnierten sowieso. Ich erinnerte mich an den Fall JOY DIVISION, wo erst nach lan Curtis Tod der Rubel rollte, und beschloss etwas für meinen Umsatz zu tun: Meinen eigenen Tod.
Das ist ganz schön hart.
Aber es funktioniert. Seit meinem Tod hat sich der Umsatz fast verfünffacht. Das heißt, ich habe seit meinem Ableben schon so viele Platten verkauft wie in meinem "ersten" Leben.“
GG, du lebst jetzt in Montana und wäschst Wagen an einer Tankstelle. Wie geht es weiter?
Für dich, deine Kumpel und die GG Allin-Fans geht es überhaupt nicht weiter. Keiner wird dir das Interview glauben. Nur deswegen konnte ich es dir überhaupt geben. Ich lebe jetzt sehr gesund und habe eine nette Frau kennengelernt. Es ist, wie ich es mir immer gewünscht habe - wie der Himmel auf Erden. Ich werde nie zu diesen bigotten Kreisen von MRR, nie zu diesem schwachsinnigen Mykel Board und erst recht nie zu diesen idiotischen Fans zurückkehren. Ich war mal ganz unten, ganz außen, und wurde dafür geliebt, dass es mich anstatt ihrer erwischt hat. Ich weiß was es heißt, der letzte Dreck zu sein, und ich werde nie zu euch zurückkehren. Ich freue mich, wenn du dieses Interview druckst, doch ich werde es nie zu lesen bekommen. Meine Freundin Sarah und ich ziehen kommende Woche um, und ich werde den Teufel tun, dir zu sagen wohin." Ich wünsche dir alles Gute, GG.
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