
Als Supergroup stehst du einfach immer mehr im Fokus. Die vergangenen Errungenschaften werden als Maßgabe für künftige Projekte herangezogen und gefühlt spielt entspanntes Schaffen keine Rolle. Wenn sie es allerdings schaffen, so ein Debüt hinzulegen, wie es HELD. mit „Grey“ gelungen ist, dann verstummt umgehend jeder Zweifler. Ein erstes Album, das so durchweg hervorragend ist, gelingt den wenigsten. Aber seien wir einmal ehrlich, wo Mitglieder von THE SLEEPING und COHEED AND CAMBRIA mitwirken, kann eigentlich nichts schiefgehen. Wir sprechen mit Douglas Robinson, Sänger und Gitarrist des Trios, über die eigenen Ansprüche, das Verlassen der Komfortzone, über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und die Erwartungshaltung von anderen.
In den wilden Zeiten, in denen wir leben, fragt man das manchmal zu wenig: Wie geht es dir heute?
Nach der ersten Hektik des Tages kann ich sagen: sehr gut. Mir geht es trotz all der aktuellen Herausforderungen und der neuen Situation rund um HELD. wirklich hervorragend. So eine zusätzliche Band birgt immer das Potenzial, sich zeitlich zu übernehmen, aber alles, was da gerade so passiert, ist so unfassbar positiv, da nimmt man das sehr gerne in Kauf. Wir haben für die nächste Zeit jede Menge Proben geplant, damit bei den nächsten Shows einfach alles perfekt läuft. Hinzu kommen natürlich noch die Promoarbeit und allgemein jede Menge Termine. Aber jeder in der Band ist super hyped und freut sich auf alles, was jetzt kommt. Wir sind alle ja schon sehr lange mit Bands unterwegs, aber die momentane Situation fühlt sich an wie eine Wiedergeburt oder ein Neustart. Alles ist frisch, spannend und aufregend.
Diese Situation bringt sicherlich trotz der großen Erfahrung auch neue Ängste oder Unsicherheiten mit sich. Oder war immer alles cool und easy?
Um Himmels Willen nein. Spannend und aufregend ist es wirklich alles. Es ist auch das erste Album, auf dem ich selbst Gitarre spiele. Ich kann zwar schon seit Jahren Gitarre spielen, aber ich würde es selbst höchstens als solide beschreiben. Und plötzlich stehe ich total im Fokus, was Gitarrenarbeit angeht. Da beschleicht einen schon mal das Gefühl, nicht gut genug zu sein oder die Erwartungen nicht zu erfüllen. Ich musste mich dahingehend etwas emanzipieren und habe extrem hart an mir gearbeitet, bis eben alles gepasst hat und damit auch der Band gerecht wird. Das war jahrelange Plackerei, aber nun fühlt es sich gut und richtig an. Das Feedback spricht auch für sich und die Leute haben es mir wirklich leicht gemacht, in der neuen Position anzukommen.
Das neue Album spricht absolut dafür, dass sich die ganze Mühe gelohnt hat und du in deiner neuen Position gut angekommen bist.
Ich will ehrlich sein, so viel Arbeit alles war, so befreit und gut fühlt sich das jetzt an. Es hat irgendwie klick gemacht und wir haben als Band sofort funktioniert. Die Songs sind genauso geworden, wie wir uns das vorgestellt haben. Ich hatte oft im Leben, nachdem wir ein Album fertig geschrieben hatten, das Gefühl, dass irgendwas noch fehlt, oder habe gegrübelt was man noch verändern könnte. Man verliert sich zu schnell in Kleinigkeiten und zerdenkt alles. Bei „Grey“ war das gar nicht der Fall. Als das Album fertig war, habe ich auf den Moment gewartet, in dem die Grübelei und die Zweifel einsetzen. Aber der Moment kam nie. Ich habe bis heute nichts gefunden, das ich hätte anders machen wollen. Das Album ist perfekt, so wie es ist, und das ist zusätzlich unfassbar befreiend. Ich bin so stolz auf das, was wir geschaffen haben, und bin sehr gespannt, wie die Hörer die Songs annehmen. Das Feedback auf die ersten Singles war wirklich überragend. Wenn es jetzt so weitergeht, haben wir alles richtig gemacht.
Für ein Debütalbum klingt „Grey“ sehr reif und in sich geschlossen. Ist das ein Ergebnis eurer Erfahrungen mit THE SLEEPING und COHEED AND CAMBRIA.
Natürlich hilft uns unsere Vergangenheit ein Stückweit, begangene Fehler nicht noch mal zu machen, auf bewährte Arbeitsweisen zurückzugreifen und die musikalischen Vorstellungen zu artikulieren und gemeinsam in Songs umzuwandeln. Allerdings spielt bei uns sicherlich auch eine große Rolle, dass wir uns schon ewig kennen und gut befreundet sind. Wir funktionieren auf einer tieferen Ebene, ohne dass es großer Kommunikation bedarf. Das allein kann niemals durch Erfahrung entstehen. Wir hatten recht schnell eine Vision, die jeder von uns gleichermaßen verfolgt hat. Die lange Erfahrung hat uns vor allem bei der Umsetzung geholfen. Es passte einfach alles zusammen. Es gibt bei uns keine dominanten Egos. Das fühlt sich echt super erfrischend an – ohne die Arbeitsweise bei unseren anderen Bands kritisieren zu wollen. Diese sind auch absolut super, aber eben anders und fühlen sich nicht so neu und frisch an.
Wie kam es überhaupt zu der Idee, HELD. ins Leben zu rufen?
Sal und ich sind beide seit über 20 Jahren bei THE SLEEPING, er war mein Trauzeuge und ist einer meiner besten Freunde. Wir stehen uns wirklich sehr nah. Wir hatten immer schon überlegt, für die Leerlaufzeiten bei THE SLEEPING eine weitere Band zu gründen, um mal ein paar Sachen auszuprobieren. Da THE SLEEPING bei der Auswahl ihrer Auftritte inzwischen selektiver vorgehen, war es der richtige Zeitpunkt, um dieses endlich Projekt anzugehen. Es gab schlichtweg mehr verfügbare Zeit. Wir haben einfach irgendwann miteinander telefoniert und etwas rumgesponnen. Ich meinte zu ihm, dass ich bereit wäre, die Gitarre zu übernehmen, mich damit wohl fühlen würde und mittlerweile das Ganze auch technisch umsetzen könnte. Wir mussten auch nicht lange überlegen, wen wir an den Drums dabeihaben wollten. Josh von COHEED AND CAMBRIA war der Erste, der uns beiden einfiel. Wir haben bereits gemeinsam getourt und unsere Bands haben sogar das gleiche Produzententeam. Früher waren wir auch mal mit THE TERRIBLE THINGS auf Tour, Joshs alter Band. Damals fuhr er fast immer in unserem Van mit, wir haben viele Gemeinsamkeiten und den gleichen Humor. Sal und mir war klar, dass das verdammt gut werden kann. Wir kannten ihn ja lange genug, um zu wissen, dass es auch auf persönlicher Ebene funktionieren würde. Dazu kommt, dass Josh natürlich auch ein fantastischer Schlagzeuger ist mit einem ganz eigenen Stil. Er hat schließlich sofort zugesagt.
© by Fuze - Ausgabe #118 Juni/Juli 2026 und Carsten Jung
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