HELLACOPTERS

Foto© by Per Kristiansen

Geh aufs Ganze oder geh Nachhause

Als 1996 nach ein paar Singles das erste HELLACOPTERS-Album „Supershitty To The Max!“ erschien, hatte das in einer Zeit, alles viele auch erstmals auf TURBONEGRO und GLUECIFER stießen, etwas von der Vehemenz eines Urknalls. Punk-Energie mischte sich mit Rock-Wildheit, Glamour und Gitarren-Soli – und die einen feierten das, die anderen sahen nur die Wiederholung von Klischees, verstanden das Spiel mit Zitaten und Rock’n’Roll-Standards nicht. Skandinavischer Rock war plötzlich ein Trademark, und die HELLACOPTERS aus Stockholm führten den Tross an, schafften es sogar, ihren wilden Sound an die Amerikaner zu verkaufen, die das alles ja erfunden hatten.

Viele gute Jahre (und Platten) folgten für die 1994 von by Nicke „Royale“ Andersson (voc, gt), Andreas Tyrone „Dregen“ Svensson (gt), Kenny Håkansson (bs) und Robert „Robban“ Eriksson (dr) gegründete Band – und auch einige Besetzungswechsel und ein Todesfall (Robert „Strings“ Dahlqvist, Gitarrist von 1999 bis 2008, starb 2017). Dregen, der sich zwischenzeitlich um seine andere Band BACKYARD BABIES gekümmert hat, ist seit der Reunion 2016 wieder dabei – von 2008 bis 2016 hatten die ’Copters sich eine Auszeit genommen. Neben Nicke, Robban und Dregen ist heute Quasi-Urmitglied Anders Lindström (org, perc) wieder/noch dabei, und Dolf DeBorst (bs) ist nun auch schon seit 2018 Teil der Band. Mit „Overdriver“ haben die HELLACOPTERS nun ihr neuntes Album veröffentlicht, zu dem uns Nicke und Robert Rede und Antwort standen.

Nicke, wenn das ein Videocall wäre, könntest du sehen, wie ich meinen Finger mit einem Eisbeutel kühle, weil ich ihn mir gerade in der Autotür gequetscht habe. Du bist Gitarrist. Hast du eine Versicherung für deine Finger? Und wie oft hast du dir schon die Hand verletzt, mit der du Gitarre spielst?
Ich? Noch nie. Aber wie du wahrscheinlich weißt, hat Dregen eine solche Erfahrung gemacht. Bei ihm war es auch eine Autotür. Ich war nicht dabei, als es passierte. Aber es muss ziemlich schlimm gewesen sein, denn er hat sich zwei Finger gebrochen. Das passierte im Juli 2023. Zunächst war er sehr positiv, vielleicht stand er noch unter Schock. Er sagte, in drei Wochen bin ich wieder fit. Er versuchte einfach, positiv zu denken. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen würde. Es war ein schrecklicher Schlag für ihn, weil es auch noch seine linke Hand war, also die Griffbrett-Hand, was für einen Gitarristen noch schlimmer ist als die rechte Hand. So eine Hand ist sehr empfindlich und komplex, also denke ich, dass das eigentlich schlimmer ist, als sich das Bein zu brechen.

Es gibt Musiker, die sich ihre Finger versichern lassen. Da darf man dann wahrscheinlich keine Zwiebeln mehr schneiden in der Küche.
Daran habe ich noch nie gedacht. Vielleicht hätte ich das tun sollen, und ja, ich schneide Zwiebeln. Man muss ein bisschen leben. Zwiebeln schneiden, das ist für einen Gitarristen ein Leben am Abgrund, haha. Ich denke nur, man kann sich nicht ständig Gedanken machen um so einen Scheiß, dann frisst einen das auf. Wenn so was passiert, werde ich damit fertig, denke ich.

Die HELLACOPTERS haben 2024 ihren 30. Geburtstag gefeiert.
Ja, aber wir hatten das gar nicht so richtig auf dem Schirm. Und tatsächlich ist das Erscheinungsdatum unseres neuen Albums „Overdriver“ auf den Tag genau 30 Jahre nach unserer allerersten Show. Aber ich muss sagen, 30 Jahre, das stimmt nicht ganz, denn wir hatten ja auch eine lange Auszeit. Genau genommen sind es also nur 24 Jahre.

Ich erinnere mich noch daran, wie ich 1996 eure Platte „Supershitty To The Max!“ in die Finger bekam und wie alle, die ich kannte, von diesem Album elektrisiert waren. Das war völlig neue Musik aus Schweden. Wie erinnerst du dich an diese Zeit und wie war euer Weg bis zu dieser Platte?
Wir waren in Bezug auf unsere „Karriereplanung“ eine etwas andere Band. Zumindest habe ich das so gesehen. Wir hatten die HELLACOPTERS gegründet, um 7“-Singles zu veröffentlichen. Wir hatten Bands wie NEW BOMB TURKS und DEVIL DOGS und etwas später ELECTRIC FRANKENSTEIN im Sinn, all diese amerikanischen Garage- und Punkrock-Bands. Uns gefiel diese Szene, die in erster Linie 7“s rausbrachte, also wollten wir etwas Ähnliches machen. Als wir zusammenfanden, gab es keine unmittelbaren Pläne für ein Album. Aber irgendwann dachten wir wohl, wir müssten ein Album machen. Aber wir haben das genauso aufgenommen wie all die Singles davor, was sehr schnell ging. Ich glaube, wir haben das Album einfach wie eine 7“ behandelt. Es waren eben nur ein paar mehr Songs. Bis heute weiß ich nicht, wie wir das in 26 Stunden geschafft haben. Irgendjemand muss da mitgezählt haben, wahrscheinlich Dregen und Robert. Die sind dafür da, um Sachen zu zählen, haha. Sie kamen auf die Zahl 26 Stunden, was verrückt ist, wenn ich darüber nachdenke. Wie war das überhaupt möglich?

Damals war das wohl möglich. Diese großartigen US-Punkrock-Alben aus den 1980er Jahren sind angeblich alle so entstanden, man liest immer wieder Geschichten darüber, wie sich Bands nachts in ein teures Hollywood-Studio schlichen, weil ein Freund eines Freundes dort arbeitete. Und wie sie dann in drei Nächten ihr Album aufgenommen haben.
Ja, es ist also möglich. Ich würde diesen Ansatz heutzutage gerne noch einmal aufgreifen. Aber das heißt auch, dass man viel besser vorbereitet sein muss, was viel mehr Proben und auch viel mehr Spielen im Vorfeld bedeutet, denn das spart natürlich Zeit im Studio. Dann legt man einfach los und haut es raus und damit ist es fertig.

Oder man muss jung sein und sich nicht zu viele Gedanken machen.
Das hilft auch. Und nicht so viele andere Dinge auf dem Plan haben, wie eine Familie beispielsweise. Ja, ich halte das heute noch für machbar, mit guter Planung. Es ist cool, dass wir das so gemacht haben.

Ihr habt damals zusammen mit GLUECIFER und BACKYARD BABIES unabsichtlich diese ganze Scandi-Rock-Sache losgetreten. Ich erinnere mich, dass ihr eine Show im Rahmen der Musikmesse Popkomm gespielt habt, in Köln im Underground. Und Jello Biafra war bei euch ganz vorne vor der Bühne und ging richtig ab – alle waren so begeistert von diesen neuen Klängen aus Schweden.
Das alles war nicht Teil eines Plans. Ich denke, es existieren einige Ähnlichkeiten dazu, wie wir es auch bei ENTOMBED gemacht haben, wo ich ja zuvor spielte. Wir hatten da auch nicht vor, ein Album aufzunehmen. Wir wollten Demos aufnehmen, um als Band bekannt zu werden, die ein cooles Demo herausgebracht hat, ähnlich wie es bei der 7“-Sache war. Aber als dann das erste ENTOMBED-Album erschien, wurde das alles größer, als wir je gedacht hätten. Die Leute fanden es frisch und originell. Dabei haben wir nichts weiter getan, als unsere amerikanischen Lieblingsbands zu kopieren, mehr oder weniger. Und so war es auch bei HELLACOPTERS. Wir haben einfach ein bisschen NEW BOMB TURKS genommen und etwas frühen amerikanischen Hardcore und das Ganze mit KISS-Einflüssen kombiniert – die die NEW BOMB TURKS offensichtlich nicht hatten. Und dann fanden die Leute das plötzlich neu und interessant . Was großartig ist, aber vielleicht geschah das nur, weil wir nicht groß darüber nachgedacht haben, was wir da tun. Dahinter steckte kein wohlkalkulierter Plan oder so was. Vielleicht muss man es genau so machen. Es darf nicht zu durchdacht sein, denn das würden die Leute spüren. Ich habe noch nie wirklich versucht, musikalisch etwas wirklich Neues zu schaffen. Das hat mich nie interessiert. Ich möchte etwas Gutes machen. Es mag Leute geben, die das nicht besonders originell finden, das ist in Ordnung. Ein frischer Ansatz ist gut, und wenn das dann auch noch neu ist, ist das ein riesiger Bonus. Was GLUECIFER betrifft, so wussten wir natürlich, dass es sie gibt, aber miteinander in Kontakt kamen wir dadurch, dass wir einen ähnlichen Ansatz verfolgten, und das völlig unabhängig voneinander.

Ich bin mir nicht sicher, ob ihr jemals von diesem Begriff gehört habt, der hier damals oft verwendet wurde, um eure Musik zu beschreiben. In Deutschland sprachen viele Leute von „Schweinerock“ ...
Wir haben das ein paar Jahre später gehört und dachten: Wie bitte? Nennt uns nicht Schweine! Ich finde es zum Totlachen. Es klingt ein bisschen bescheuert. Diese ganzen Begriffe ... Glaubst du, dass KYUSS ihre Musik selbst als Stoner-Rock bezeichnet hätten? Wahrscheinlich nicht. Ist das vielleicht eher eine journalistische Sache? Das ist meine Frage an dich.

Eine gute Frage. Ich habe den Begriff damals wohl eher in Anführungszeichen verwendet, wenn überhaupt.
In Schweden hatten wir ein ähnliches Phänomen, da bezeichneten sie uns und Bands, die wie wir klangen, mit „Action Rock“. Irgendwann wurde mir klar, woher das kam. Wir hatten mal einen Flyer, dafür hatte ich etwas aus einer alter Autozeitschrift ausgeschnitten und eingefügt, und da stand ursprünglich „fuel-injected action“. Und ich habe „Rock“ dazu geschrieben. Das war cool. Carl von Sound Pollution hatte dann die Idee, wir sollten Jocke von den NOMADS sein Auto abkaufen und es aufmotzen und es zum HELLACOPTERS-Mobil machen. Und so kam irgendwie dieser Slogan „Fuel-injected Action Rock“ in die Welt. Ich schätze also, es war meine Schuld. Es ist einfach passiert. Nur dass „Action Rock“ ziemlich schnell zu einem eher negativ konnotierten Begriff wurde. War das in Deutschland mit „Schweinerock“ genauso, also dass es einen negativen Beigeschmack hatte?

Er fühlte sich einfach von Anfang an ein bisschen dämlich an, aber auch wenn ein Begriff doof ist, entwickelt er bisweilen ein Eigenleben. Es gibt bis heute peinliche Rock-Magazine, die Glenn Danzig als „Schinkengott“ bezeichnen, die Wörter wie „Axtschwinger“ oder „Schießbude“ verwenden. Mir läuft da ein Schauer den Rücken runter, ich bin da peinlich berührt.
Hahaha, ja, so was gibt es vor allem in Deutschland. Meine Frau Johanna kommt aus Deutschland, sie weiß das besser als ich. Aber ich denke, es ist nicht nur in Deutschland so. Es macht das Leben leichter, wenn man die Dinge einfach in eine Schublade stecken kann, auch wenn sie manchmal vielleicht nicht dorthin gehören. Aber was soll das mit „Schinkengott“? Wegen der Muskeln oder was?

Ich habe keine Ahnung, woher das kommt. Das ist etwas, das ein Musikhistoriker herausfinden müsste.
Johannas Theorie ist, dass es daher kommt, dass Glenn Danzig so muskulöse Arme hat, dass es irgendwie wie ein Schinken aussieht. Damals, als das mit dem „Schweinerock“ losging, war England da etwas spät dran. In Deutschland und Schweden wurde das mit dieser Action-Rock-Skandinavien-Sache viel schneller aufgegriffen, sogar in Spanien. Irgendwann gab es doch endlich einen Artikel im Kerrang!-Magazin und sie sprachen von „Junk Rock“ im Kontext von uns, TURBONEGRO, BACKYARD BABIES und Co. Gut, dass das nicht hängengeblieben ist. Eine Woche später war das schon vorbei. Denn als ich das las, dachte ich, das ist der dümmste Begriff von allen.

Die Briten waren schon immer gut darin, wie man bei Oi!, New Romantic, Post-Punk, New Wave und was auch immer gut sieht. Die hatten damals wöchentlich erscheinende Musikmagazine, also brauchten sie ständig neue Inhalte und Schlagworte. Es musste ständig eine neue Sau durchs Dorf getrieben werden.
Ja, um es interessant zu halten und um die Dinge in eine kleine Schublade zu stecken, was die Handhabung erleichtert. Stoner-Rock ... das fand ich schon immer einen blöden Namen.

Aber als HELLACOPTERS hattet ihr nach ein paar Jahren schließlich eure eigene Schublade. Du hast vorhin ein paar Bands erwähntet, die euch ganz zu Beginn beeinflusst haben, aber wenn ich mir euer neues Album anhöre, finden sich davon fast keine Spuren mehr. Seit einiger Zeit spielt ihr ziemlich klassische Rockmusik. Wie ist es dazu gekommen und warum habt ihr daran festgehalten?
Das hat viel mit der Produktion des ersten Albums zu tun. Man darf auch nicht vergessen, dass die Leute sehr schnell Dinge vergleichen. Ich erinnere mich, dass ich vor oder nach der Show in Köln im Underground, über die wir gesprochen haben, ein Interview gegeben habe. Ich glaube, als wir dort spielten, war gerade unser zweites Album erschienen. Der Typ sagte, dass er schockiert sei, wie poliert das klingt. Und ich sagte so etwas wie: „Polished? Are you crazy?“ Aber ja, im Vergleich zu unserem Debütalbum wirkt alles glattpoliert. Wenn du dir „Payin’ The Dues“ aus heutiger Perspektive anhörst, klingt es alles andere als glatt. Wenn du es mit den Sachen zuvor vergleichst, klar, wirst du einen riesigen Unterschied erkennen. Und als wir das dritte Album rausbrachten, waren die Unterschiede noch größer. Aber es gab auf dem ersten Album auch Lieder, die auf dem siebten Album hätten sein können, nehmen wir zum Beispiel „Fake baby“, der hätte ohne Weiteres auf „By The Grace Of God“ sein können. Aber es ist einfach eine andere Produktion. Ich denke, viele Bands würden diese Frage genauso beantworten. Und nachdem wir dieses erste Album gemacht hatten, warum sollten wir es noch einmal machen wollen? Und es gibt ja sogar subtile Veränderungen bei den AC/DC-Platten, „Flick Of The Switch“ klingt nicht wie „High Voltage“. Aber es ist dieselbe Band. Abgesehen davon vergleiche ich uns definitiv nicht mit AC/DC. Das würde ich nie tun, weil sie Götter sind und wir nur ... Ich weiß nicht, was wir im Vergleich zu AC/DC sind.

Ihre Lehrlinge vielleicht?
Ja, oder Untertanen. Ich glaube aber, was mich damals dazu gebracht hat, eine Band wie die NEW BOMB TURKS zu mögen, steckt immer noch in unserer Musik. Als ich die damals hörte, hat mich das komplett vom Stuhl gehauen! Es war so eine Art US-Hardcore, aber gleichzeitig Rock’n’Roll. Es war wie die STOOGES, aber doppelt so schnell, und für mich war das etwas völlig Neues. Denn es war kein Hardcore-Punk, es war definitiv Rock’n’Roll und das hat mich sehr angesprochen, weil ich Rock’n’Roll mag und eben auch US-Hardcore. Ich mag auch G.B.H und THE EXPLOITED, aber vor allem US-Hardcore. Wenn du sagst, dieser Einfluss sei nicht mehr in unserer Musik vorhanden, dann würde ich widersprechen. Er ist nur sehr schwer zu erkennen. So wie ich Songs schreibe und wie einige Riffs sind, hat es definitiv etwas davon. Aber ich müsste die Songs komplett auseinandernehmen, um dir zu zeigen, dass es Elemente davon gibt. Aber das ist egal, denn ich bin nicht derjenige, der es sich anhört. Ich kann also nachvollziehen, dass du das nicht mehr raushörst. Und um auf die Frage zurückzukommen, ich glaube nicht, dass es irgendein durchdachtes Konzept gab, das besagte: Lasst uns das weglassen und stattdessen das machen. So funktioniert das meiner Meinung nach nicht. Ich glaube nicht, dass das bei irgendeiner Band so funktioniert. Es ist eine Veränderung, die einfach passiert. Du wechselst ein Mitglied aus, und das neue Mitglied bringt etwas Eigenes ein. Wie zum Beispiel, als 1999 Robert „Strings“ Dahlqvist in die Band kam. Er hatte keinen Punk-Background, aber er liebte das, als wir es ihm vorspielten. Er stand auf Johnny Winter und Jimi Hendrix und solche Sachen, er war ein Blues-Gitarrist. Aber er hat die Punk-Sachen angenommen, denn wenn etwas gut ist, ist es gut. Gleichzeitig haben wir damals angefangen, nun, wie soll ich sagen ... wir begannen uns für eingängigere Musik zu interessieren. Auf einer der Touren, die wir damals in den USA gemacht haben, haben wir aus irgendeinem Grund viel Jackson Browne gehört. Und vielleicht hat sich davon was eingeschlichen. Es ist schwer zu sagen, was einen in eine bestimmte Richtung treibt. Und wenn ich heute auf das Album „Rock & Roll Is Dead“ zurückblicke, stelle ich fest, dass ich den Sound überhaupt nicht mag. Damals fragten der Produzent Chips und auch der Toningenieur Mikael Ilbert, ob wir diesen kleinen Gain auf den Gitarren haben wollen. „Wollt ihr nicht ein bisschen mehr Overdrive?“ Und wir sagten: „Nein, es wird sauberer!“ Und bis heute denke ich, dass das Album so viel besser geklungen hätte, wenn es einen ähnlichen Sound wie die vorherigen Alben gehabt hätte. Aber das war es, was wir damals machen wollten. Vielleicht wollten wir uns selbst beweisen, dass wir mit weniger Overdrive auf den Gitarren spielen können.

Rückblickend ist man immer klüger ...
Ja. Ich bin selbst ja ein großer Musikfan, aber ich entdecke heute keine neuen Bands mehr, ich entdecke alte Bands. Wenn man älter wird, merkt man, dass ohne die BEATLES nichts davon möglich gewesen wäre. Ich habe die BEATLES schon gehört, als ich ein Kind war, also sind die natürlich da – und KISS. Und ja, irgendwann haben die HELLACOPTERS dann mehr nach KISS geklungen als nach KISS meets BAD BRAINS.

Von Lemmy weiß man, dass er eine bestimmte schwedische Band sehr mochte ... Er war Fan von ABBA.
Oh ja, das habe ich schon mal gehört. Wenn man an Lemmy denkt, würde man meinen, dass er eher Team ROLLING STONES als Team BEATLES gewesen wäre, aber nein, die BEATLES waren seine Band.

Es geht um die Melodie und ihr habt inzwischen viele Melodien. Letztlich geht es immer darum, Songs zu schreiben, an die sich die Leute erinnern können.
Wenn die Musik roh und energetisch und direkt klingt, ist das schön und gut. Aber wenn keine guten Songs dahinterstecken, dann bin ich nicht interessiert. DISCHARGE ist da die einzige Ausnahme. Aber auch die hatten richtige Songs, auf ihre eigene Art. Und all diese schnellen Hardcore-Bands, da habe ich immer auf den eigentlichen Song geachtet. Und selbst das erste NEW BOMB TURKS-Album „!!Destroy-Oh-Boy!!“ hat herausstechende Songs wie „Up for a downslide“ und „Born Toulouse-Lautrec“. Gute Songs sind also wichtig. Als wir die ersten Singles und das erste Album gemacht haben, konnte ich nicht mal richtig singen. Ich wusste nicht, wie man singt. Ich lerne immer noch, und selbst die Tough-Guy-Vocals bei den ersten Sachen, da gibt es so viele Leute, die das viel besser können als ich.

Wenn ich mir das Cover eures neuen Albums „Overdriver“ ansehe, muss ich an den Film „2001: Odyssee im Weltraum“ von Kubrick denken, wo die Urmenschen um diesen Obelisken herumtanzen. Nur ist bei euch statt eines Obelisken ein Verstärker zu sehen. Was ist die Idee dahinter?
Lustig, dass du das ansprichst, denn wir hatten einige Probleme, einen Albumtitel zu finden. Es gab wirklich sehr schlechte Ideen, die in der Band herumschwirrten. Ich liebe Robert, aber er hatte einige wirklich beschissene Vorschläge. Seine waren die schlimmsten. Ich glaube, für das vorherige, für „Eyes Of Oblivion, hatte er die Idee, das Album „Reflections“ zu nennen. Ich sagte: „Alter, das ist der schlechteste Albumtitel aller Zeiten. Das klingt, als wären wir 150 Jahre alt und würden auf unsere Vergangenheit zurückblicken. Das kannst du für dein Solo-Album oder so verwenden.“ Wir wussten nicht, was wir tun sollten, aber dann kamen wir irgendwann auf dieses Gitarrenpedal, das Ende der 1960er oder Anfang der 1970er Jahre auf den Markt kam, von einer Marke namens Color Sound aus England. Sie nannten das Pedal „Overdriver“. Ich fand immer, dass das ein cooler Name für ein Pedal war. Also sagte ich, wenn uns nichts Besseres einfällt, sollten wir es dann nicht einfach „Overdriver“ nennen? Bobba, der Pedale mag, fand das wirklich gut. Ich meine, was ist ein guter Albumtitel? „Overkill“ zum Beispiel. Das ist wahrscheinlich der beste Albumtitel aller Zeiten. Weil das für jede Band und jedes Genre funktionieren würde. „Overkill“ – das ist es, was du willst. Du gehst aufs Ganze oder du gehst nach Hause! Also sagten wir, nennen wir es „Overdriver“. Aber wir brauchen noch ein passendes Artwork. Also habe ich Max Loeffler gefragt, der auch das Cover für die Single gemacht hat, weil ich seine Sachen wirklich mag. Es war alles sehr kurzfristig. Er hat dann versucht, sich was auszudenken, und ich habe versucht nachzudenken, aber irgendwie ist uns nicht wirklich etwas eingefallen. Dann habe ich ihm eine Skizze geschickt. Und es ist lustig, dass du Stanley Kubricks „2001“ erwähnt hast, denn ich habe ihm tatsächlich einen Screenshot aus dem Film geschickt: „Können wir so etwas wie einen Monolithen haben? Aber einen mit VU-Metern und Knöpfen drauf! Und ein paar gereckte Hände, die diesen Monolithen anbeten, der Overdriver heißt und für energiegeladenen Rock’n’Roll steht?“ Und so haben wir das schließlich gemacht.

Ich hätte ja noch einen anderen Schweden-Bezug vermutet: Früher hatten Volvos einen langen fünften Gang namens „Overdrive“.
Das ist mir neu. Das kann ich im nächsten Interview erzählen. Wobei ich das Wort „overdriver“ wirklich lustig finde, weil ich Schwede bin. Wenn man das englische Wort „overdriver“ direkt ins Schwedische übersetzt, bedeutet es „übertreiben“ oder jemand, der übertreibt. Da passt auch, haha.

Nun, von „Übertreibung“ könnte man fast auch sprechen in Bezug auf all die Bandprojekte und Nebenbands und Co-Bands, die du hast. Gibt es da eine Hauptband, oder existieren all diese Bands parallel?
Parallel, würde ich sagen. Aber im Moment sind es nur LUCIFER und HELLACOPTERS, die aktiv sind. Die anderen sind eher Projekte, als „echte“ Bands habe ich aktuell nur die beiden. Es bedarf nur ein bisschen Planung, damit es funktioniert.

Woher kommt das Bedürfnis, mehr als eine Band zu haben? Weil so viel Kreativität in dir steckt und all das raus muss? Oder ist es einfach eine reine Notwendigkeit, um etwas Geld reinzubekommen, um die Miete zu bezahlen? Oder eine Mischung aus allem?
Ich bin da sehr offen, und meine Frau und ich mussten gerade lachen, als du sagtest, dass Geld hereinkommt. Das Einzige, was im Moment wirklich Geld einbringt, sind die HELLACOPTERS. Mit DEATH BREATH verdienen wir kein Geld. Und man sollte meinen, dass ich mit meiner Beteiligung an ENTOMBED etwas Geld verdienen würde, aber auch das wirft nichts ab. Und mit LUCIFER kommen wir klar, aber es ist keine Goldgrube. Ich mache die HELLACOPTERS ja auch nicht wegen des Geldes, auch wenn es hilft. Eine Band, ein Projekt muss für mich in kreativer Hinsicht interessant sein. Und deshalb mache ich all diese Sachen – ich will nicht nur eine Sache machen. Ich wünschte nur, ich hätte mehr Zeit.

Darf ich fragen, wie es in den Jahren seit der Pandemie für Musiker wie dich aussieht? Ich denke, wenn man jemanden fragt, dann ist Nicke Hellacopter der berühmte schwedischer Musiker, der es geschafft hat. Aber wie sieht die Realität für einen Musiker in Schweden in diesen Zeiten aus? Schweden ist ja kein billiges Land, was die Lebenshaltungskosten angeht.
Du darfst fragen. Für mich funktioniert es, weil ich über einen sehr langen Zeitraum hinweg viele verschiedene Dinge gemacht habe. Also kommt hier ein bisschen was rein und da ein bisschen was. Und da ich so viele Dinge mache, brauche ich auch, da klopfe ich auf Holz, keinen anderen Job. Aber die meisten Leute in jeder Band, die ich kenne, müssen zudem arbeiten gehen. Denn in einer Band zu sein war noch nie so beschissen wie heute, tut mir leid, das sagen zu müssen. Es ist ätzend. Es kommt kein Geld rein. Alle touren jetzt mehr, denn das ist die einzige Chance, ein paar T-Shirts zu verkaufen, aber das bedeutet, dass die Welt übersättigt ist mit Bands, was heißt, dass weniger Leute zu den einzelnen Shows kommen. Die Menschen in Europa gehen gerade überall durch eine harte Phase, das Geld sitzt nicht mehr so locker, das betrifft alle. Und du weißt ja, wie es mit dem Streaming läuft, damit verdient man kein Geld. „Aber ihr seid doch bei Spotify!“, höre ich ständig, aber das ist ein Witz. Es ist fast so gut wie bei Napster zu sein, haha. Wenn du nicht Taylor Swift bist, verdienst du damit gar nichts. Es ist höchstens Taschengeld. Es ist also wirklich nicht leicht gerade. Dann muss ich mir anhören, man bekommt ein bisschen mehr Geld, wenn man auf einem Festival spielt. Ja, aber nach der Pandemie haben sich die Flugkosten mehr als verdoppelt. Ziehst du das von der Gage ab, bleibt fast nichts mehr übrig. Und das gilt für jede Band. Das klingt jetzt alles wirklich deprimierend, aber es ist wahr. Ich glaube, viele Bands geben aktuell auf, weil sie es einfach nicht schaffen.

Speziell von schwedischen Bands habe ich gehört, dass die Kosten für die Van-Miete so stark gestiegen sind und für die Fähre auch, dass es sich einfach nicht mehr lohnt, es sei denn, man möchte Geld ausgeben, um mit seiner Band irgendwo zu spielen.
Genau so ist es. Das Gleichgewicht hat sich radikal verschoben. In Schweden wird viel darüber geredet, dass die Crews angemessen bezahlt werden sollen, wofür ich mich auch einsetze, aber niemand redet über die Musiker. Es ist fast so, als sollten alle um die Bands herum angemessen verdienen, womit ich einverstanden bin, aber niemand spricht über die eigentlichen Bands. Da heißt es fast schon: „Ja, aber ihr macht das doch sowieso, weil es eure Leidenschaft ist.“ Das ist derzeit die Mentalität. Also bekommen die Leute von der Crew mehr, die Veranstalter, alle ... und jetzt klinge ich wie ein alter Sack, der sich beklagt ... Aber von Bands wird heute verlangt, dass sie auch noch die ganze Promotion selbst machen. Manchmal frage ich mich, was die Plattenfirmen tun? Sie organisieren Interviews ... aber die Werbung in den sozialen Medien, das müssen die Bands selbst machen. Ich sage dann: „Das machen wir nicht, das ist nicht unser Job. Unser Job ist es, Songs zu schreiben und sie richtig gut zu spielen.“ Und wie soll man dafür Zeit haben, wenn man ewig damit beschäftigt ist, sich selbst zu verkaufen? Es sind seltsame Zeiten. Es scheint, als läge heute alle Verantwortung beim Künstler. Man muss sich irgendwie damit arrangieren. Die meisten Leute hören nicht auf, Musik zu machen, nur weil man jetzt all diese Sachen auch noch erledigen muss.

Wie ist das bei dir mit dem Drang, kreativ zu sein? Wenn du morgens aufstehst, setzt du dich als Erstes hin und schreibst einen neuen Song?
Ich wünschte, es wäre so. Normalerweise ist es so, dass man morgens aufwacht und einen Haufen E-Mails beantworten muss, die man nicht beantworten will. An einem sehr guten Tag würde das so aussehen: Aufwachen, einen Kaffee trinken und ein Lied schreiben. Aber ich weiß nicht einmal mehr, wann ich das das letzte Mal gemacht habe. Weil so viel anderes Zeug dazwischenkommt. Und wenn man außerdem ein Kontrollfreak ist, so wie ich, dann braucht das Zeit. Die Optik von allem, was wir machen, ist mir wichtig. Alles muss gut aussehen. Und dann bekommst du diese Assets – wie ich gelernt habe, heißen die so – für Social Media-Sachen, und wirst gefragt, ob die okay sind. Nein, die muss man neu machen. Also mache ich sie neu. Und das gilt sowohl für die HELLACOPTERS als auch für LUCIFER, weil wir da sehr wählerisch sind. Bei LUCIFER mache ich alles zusammen mit Johanna, aber bei den HELLACOPTERS mache ich das selbst. Wenn wir neue Merchandising-Artikel machen, müssen die gut aussehen. Und manchmal komme ich damit nicht hinterher. Es gibt viele Dinge, die ich nicht an einen der anderen Jungs in der Band abgeben möchte, weil es dann schief geht. Es ist eine bewusste Entscheidung, überall einen Blick drauf haben zu wollen, aber ich denke auch, dass es sich langfristig auszahlt, weil ich dann besser schlafen kann, wenn ich weiß, dass es gut aussehen und sich gut anhören wird. Es ist nur so, dass es manchmal an einem Tag etwas stressig wird. Und dann ist dieser Tag vorbei und du hast keinen weiteren Tag verbracht, ohne einen Song zu schreiben, ohne die Gitarre überhaupt nur angeschaut zu haben.

Bei LUCIFER spielst du mit deiner Frau. Geht ihr da so richtig zur Probe? Oder macht ihr zu Hause Musik?
Obwohl wir im selben Haus sind, habe ich meine Sachen in einem Raum und Johanna macht ihre Sachen in einem anderen Zimmer. Wir sitzen also nicht zusammen, auch nicht bei den HELLACOPTERS. Ich weiß gar nicht, wie das geht. Ich muss allein sein, um meine Sachen zu machen, und ich glaube, Johanna geht es genauso. Wenn wir dann beide mit dem, was wir gemacht haben, fertig sind, hören wir es uns gemeinsam an und reden darüber. Also wenn man Fotos von Bands sieht, die zusammensitzen und Songs schreiben, verwirrt mich das. Ich glaube, das ist wohl üblich, aber wir machen das nicht so.

Gab es mal eine Gelegenheit, wo alle ehemaligen und aktuellen Mitglieder der HELLACOPTERS zusammengekommen sind? Und wie viele Leute wären das? Hast du das jemals gezählt?
Nein, daran habe ich noch nie gedacht. Es könnte passieren, dass wir mal alle auf einer Veranstaltung sind, aber das wäre nur ein Zufall. Ich werde die anderen Jungs mal fragen, was sie davon halten.

Was ist euer Plan für 2025?
Wir werden die besten Shows spielen, die wir je gespielt haben. Das ist immer das Ziel. Es fühlt sich so an, als wären wir eine gute Band und dass wir nicht an Energie verloren haben, was gut ist, wenn man bedenkt, wie alt wir sind. Wir werden im April in Skandinavien und in Deutschland spielen, auch auf einigen Festivals. Das werden wir genießen und dann hoffentlich wieder mehr Musik schreiben.

Was ist mit der Setlist? Hauptsächlich neue Sachen, oder anlässlich des Jubiläums auch ein paar Klassiker, die ihr schon eine Weile nicht mehr gespielt habt?
Es wird definitiv ein längeres Set. Wahrscheinlich mehr „deep cuts“, weil wir jetzt schon eine Weile die bekannteren Songs gespielt haben. Und hoffentlich, wenn wir Glück haben, werden wir auch ein paar Gäste hier und da dabeihaben. Wir wollen ein bisschen etwas anderes machen. Vielleicht wird es auch optisch ein bisschen anders sein. Wir haben uns noch nicht wirklich entschieden.

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Diskografie
„Supershitty To The Max!“ (LP/CD, White Jazz, 1996) • „Payin’ The Dues“ (LP/CD, White Jazz, 1997) • „Respect The Rock“ (Split-LP/CD w/ GLUECIFER, White Jazz, 1997) • „Grande Rock“ (LP/CD, White Jazz/Psychout, 1999) • „Respect The Rock America“ (Split-CD w/ GLUECIFER, Man’s Ruin, 1999) • „High Visibility“ (LP/CD, Universal/Polar/LED/Psychout, 2000) • „By The Grace Of God“ (LP/CD, Universal/Polar/LED/Psychout, 2002) • „Rock & Roll Is Dead.“ (LP/CD, Universal/Psychout, 2005) • „Head Off“ (LP/CD, Wild Kingdom/Psychout, 2008) • „Eyes Of Oblivion“ (LP/CD, Nuclear Blast/Psychout, 2022) • „Overdriver“ (LP/CD, Nuclear Blast, 2025)

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