HOT MULLIGAN

Foto© by Kaytlin Dargen

Die Balance muss stimmen

Während manche Künstler:innen alles auf den Kopf stellen müssen, um sich einem neuen Werk zu nähern, verschieben HOT MULLIGAN aus Michigan die eigenen Grenzen mit Bedacht, aber trotzdem stetig. Das vierte Werk „The Sound A Body Makes When It’s Still“ präsentiert eine Band, die ganz bei sich ist, während sie Songs über das Zerrissensein spielt und alles noch mit einer Prise Humor garniert. Gitarrist Ryan Malicsi im Interview.

Neben Festival-Shows, habt Ihr kürzlich auch eine Tour in recht kleinen Club gespielt. War es Zeit, zurück zu den Wurzeln zu gehen?

Fand ich schon. Es ist immer gut, sich daran zu erinnern, warum wir das hier überhaupt machen. In kleinen Räumen vor energiegeladenem Publikum zu spielen, hilft da ungemein.

Fühlen sich die Anfangstage inzwischen so weit entfernt an, dass es eine Erinnerung brauchte?
Ja und nein. Irgendwie ist es schon lange her, im großen Zusammenhang betrachtet. Wir machen das jetzt seit etwa zehn Jahren. Und wenn ich an unsere ersten Touren denke, an unsere erste Headliner-Show – das wirkt schon sehr weit weg. Aber sobald wir wieder solche kleineren Konzerte spielen, fühlt es sich an wie nach Hause kommen. Und es ist auch ein guter Einstieg, um nun ein neues Kapitel zu starten.

Wenn jedes Album ein neues Kapitel ist, wie betrachtest du das letzte im Nachhinein.
Um das zu erklären, würde ich noch weiter zurückgehen. „You’ll Be Fine“ fühlte sich an wie ein Startschuss, der unsere Identität als Band definiert hat. Ich glaube, viele Leute konnten sich daran festhalten, ich selbst auch. „Why Would I Watch“ war eine Erweiterung dessen. Wir wussten nun, wer wir sind, was wir tun, und haben versucht, das etwas weiter aufzubrechen, neue Leute zu erreichen, den Sound auszuweiten. Jedes Album verschiebt unsere Grenzen ein Stück weiter. Die schnellen Songs werden noch schneller, die harten noch härter. Ich finde, „Why Would I Watch“ hat das gut abgedeckt.

Ihr spielt schon einige Jahre zusammen, habt ihr Veränderungen aneinander bemerkt und in eurer Zusammenarbeit?
Absolut. Ich finde wirklich, dass jeder von uns mit jedem Jahr und jedem Album besser wird. Chris zum Beispiel wird mit jedem Song ein besserer Songwriter, seine Strukturen sind viel ausgefeilter. Jonah schreibt jetzt auch mit und er weiß sofort, wie sich eine Basslinie anfühlen muss. Brandon wird jedes Jahr besser am Schlagzeug. Und Nathan ist unfassbar schnell. Man jammt gerade noch ein Instrumental, da steht er auf, schnappt sich das Mikro und sagt: „Ich hab einen Refrain.“ Es überrascht mich jedes Mal aufs Neue.

Bieten HOT MULLIGAN ein Umfeld, in dem man reifen kann? Ich frage, weil eure Texte sehr verletzlich, ehrlich und jung wirken, ihr aber auch keine Probleme damit habt, euch auch mal Scherzen hinzugeben.
Stimmt schon, wir nehmen uns selbst nicht zu ernst. Aber wer die Songtitel und Videos mal ausklammert und sich nur auf die Musik einlässt, merkt schnell, dass wir uns verändert haben. Die Themen drehen sich heute eher um das Leben als Erwachsener, Beziehungen, Familie und weniger um Teenie-Angst. Es steckt schon viel Reife drin, aber wir lieben auch unseren Humor. Es geht um die Balance.

Ihr sagt, dass ihr beim neuen Album nicht versucht habt, den nächsten Karriereschritt durch irgendetwas zu erzwingen, sondern euch eher auf das konzentriert habt, was euch ausmacht. Was ist die Essenz von HOT MULLIGAN?
Ich denke, es ist einfach: Wir machen nichts, was sich nicht gut anfühlt. Wir veröffentlichen keine Songs, die wir nicht selbst hören würden. Klar kann man uns irgendwo einordnen – Pop-Punk, Emo, was auch immer. Am Ende zählt aber für uns nur: Wenn wir es mögen, dann machen wir es. Das ist die Essenz. Vielleicht können andere das besser benennen, aber für uns ist es einfach ein Gefühl. Etwas, das wir gerne zusammen erschaffen.

Es ist also zu 100% ein HOT MULLIGAN-Album, aber was hat sich verändert, wenn man genau hinschaut? Gab’s Sachen, die ihr ausprobiert habt, die ein bisschen „verrückt“ waren?
Na ja, das Tracklisting ist schon verrückt, es sind viele Songs! Ich mag eigentlich kurze Alben – die einfach durchziehen, dich überrollen und vorbei sind, bevor du’s merkst. Dieses hier ist länger, lässt sich mehr Zeit, hat Höhen und Tiefen. Das ist neu für uns. Und wir haben sehr viele Songs geschrieben, viel mehr, als aufs Album gekommen sind. Aber es war eine bewusste Entscheidung: Alle Songs, die jetzt drauf sind, haben ihren Platz verdient.

Der Kosmos von HOT MULLIGAN ist ein Wechselspiel aus emotionaler, aufrichtiger Musik und Albernheiten, wie bei den Songtiteln oder dem neuen Video zu „And a big load“. Was ist gefährlicher: Nicht ernst genommen zu werden oder zu ernst genommen zu werden?
Ich denke, wir laufen eher Gefahr, nicht ernst genommen zu werden. Ich denke aber, wir balancieren das ganz gut aus. Aber ja – es gibt sicher Leute, die uns keine Chance geben, weil sie nur die albernen Songtitel oder Videos sehen. Aber zu ernst genommen zu werden, davor habe ich keine Angst. Wenn Leute sich mit unseren Songs verbinden können – großartig! Und wenn sie die Musik einfach nur wegen des Sounds mögen – auch gut. Solange sie Freude daran haben, passt’s für mich.

Letztendlich sind beides gute Wege, um Dampf abzulassen. Was sind die Dinge, mit denen du in deinem Leben zu kämpfen hast?
Ein Aspekt ist einfach: Wir touren sehr viel. In meinem privaten Umfeld kommt häufig die Frage: „Hast du denn noch Spaß daran?“ Ja, ich liebe es. Ich liebe jeden Tag, an dem ich Musik machen kann. Das ist mein Leben – das ist perfekt. Aber es ist natürlich nicht einfach, so viel Zeit fern von zu Hause zu verbringen. Freundschaften und Beziehungen aufrechtzuerhalten, ist manchmal eine Herausforderung. Aber das ist eben der Preis, den man zahlt, um das machen zu können, was man liebt. Sechs Wochen sind nicht viel, aber wenn man das drei- oder viermal im Jahr über mehrere Jahre macht, summiert sich das, dann verpasst man Dinge. Das ist wahrscheinlich das Schwierigste. Alles andere ist für mich das Sahnehäubchen. Ich liebe, was wir tun.

Anzeige