© by Kaytlin DargenDer Einfluss, den HOT MULLIGAN auf den Post-Corona-Emo haben, ist jetzt schon enorm. Songzeilen wie „Nothing good can come out of me / I’m a burden!“ (aus „And a big load“) werden gepaart mit Midwestern-Emo- und Pop-Punk-Sounds und sind wahrscheinlich das spannendste, was die Alternative-Szene im Moment zu bieten hat. Auf eine fast schon borderlineartige Weise kombiniert die Band um Sänger Tades emotionale und extrem persönliche Texte quasi mit dem Kontrastprogramm in Form von tanzbarem Songmaterial. Ihr neues Album „The Sound A Body Makes When It’s Still“ verfolgt diese Linie grandios weiter. Songs wie „It smells like fudge axe in here“ oder „Slumdog Scungillionaire“ verleiten schnell dazu, auf die falsche Spur zu geraten und die Band als albern abzutun. Dass es aber eher um Themen wie Hoffnung und den Horror des Alltags geht, erzählt Bassist Jonah im Interview.
Lass uns direkt mit mal dem Albumtitel „The Sound A Body Makes When It’s Still“ starten, der auf mich einen sehr introspektiven und gewichtigen Eindruck macht. Wann habt ihr gemerkt, dass dieser Titel passt?
Eins vorweg. Ich bekomme nicht so viele Interviewanfragen. Die gehen meistens an unseren Sänger Tades ... So wie bei unseren bisherigen Alben stammt der Titel aus einem der Songtexte. Als das Album fertig war, hat Tades eine Liste mit Ideen aufgeschrieben. Das müssten so um die 30 bis 40 gewesen sein. „The Sound A Body Makes When It’s Still“ ist uns da direkt ins Auge gesprungen. Er fasst den Sound, die Themen und die Stimmung der Platte gut zusammen. Wahrscheinlich vermuten viele, dass das Album jetzt besonders düster sei. Aber ehrlich gesagt, sind wir uns in dem Fall einfach nur treu geblieben: Unsere Lyrics waren schon immer recht dunkel. Vielleicht ist es auf dem Album sogar noch etwas intensiver, aber es ist ganz sicher kein Bruch mit unserem bisherigen Stil.
Für mich liegt in dem Titel eine Spannung zwischen Ruhe und Horror. War dieser Kontrast etwas, das ihr bewusst auf dem Album hervorheben wolltet?
Ich denke schon. Auch wenn ich die Texte nicht schreibe, weiß ich von Tades, dass für ihn Angst ein zentrales Thema der Platte ist. Der Titel kann sowohl etwas Friedliches als auch etwas Beängstigendes ausdrücken. Zum Beispiel die erschreckende Erkenntnis, dass man im eigenen Körper lebt und sogar gefangen ist. Vielleicht war ihm das nicht komplett bewusst beim Schreiben, aber im Rückblick passt es sehr gut.
Diese Spannung zeigt sich auch musikalisch. Eure Songs klingen oft energiegeladen, fast fröhlich. Andererseits erzählen die Texte von Angst, Erschöpfung und emotionaler Lähmung. Wie schafft ihr diese Balance?
Das liegt an den Bands, mit denen wir aufgewachsen sind. Viele Emo-Bands der 2010er hatten diesen Kontrast zwischen energiegeladener Musik und tieftraurigen Texten. MODERN BASEBALL zum Beispiel. Man kann zu ihrer Musik feiern, aber die Lyrics erzählen oft eine ganz andere Geschichte. Wir wollten beides: Songs, die emotional ehrlich sind, aber auch welche, die live Spaß machen. Und manchmal passt beides auch einfach perfekt zusammen.
Denkt ihr dabei auch an die Reise, die Hörende eures Albums machen?
Klar, das ist immer ein Aspekt. Aber am Ende wollen wir einfach Musik machen, die wir selbst gern hören. Manche Songs sind für einige Leute vielleicht zu emotional und das ist okay. Aber wenn sie anderen helfen, ist es das wert.
Ich bin vor allem über Bands wie JIMMY EAT WORLD zum großen Emo-Fan geworden. Früher habe ich nicht so auf die Texte geachtet. Bei euch geht das kaum, weil sie so präsent sind. Und trotzdem will ich zu HOT MULLIGAN feiern.
Haha, genau! Ich denke, unser neues Album bietet eine gute Mischung. Es gibt „Rager“ aber auch „Downer“ unter den Songs. Für jede Stimmung ist was dabei.
Wie ist es für dich, die Songs live zu spielen? Ist das emotional so intensiv wie für Tades?
Für mich ist es definitiv weniger belastend. Ich spiele die Basslines und muss die Geschichten dahinter nicht noch mal durchleben. Es ist eine andere Verbindung. Unsere Aufgabe als Band ist es, die Energie des Publikums aufzunehmen und die Songs so gut wie möglich zu transportieren.
Gibt es einen Song auf dem neuen Album, zu dem du eine besondere Verbindung hast?
Ja, für mich ist das „Monica Lewinskibidi“! Der Titel polarisiert, aber es geht darin eigentlich ums Vermissen: Familie, Freunde, wichtige Lebensmomente. Dinge, die du als tourende Band oft verpasst. Ich habe unzählige Hochzeiten und Geburtstage verpasst. Das Lied spricht mir da aus der Seele. Es klingt energiegeladen, aber der Text ist traurig. Genau diese Mischung gefällt mir.
Im Pressetext war vom Aufnahmeprozess in einer frittierfettgeschwängerten Wohnung und der Gefahr bei „World of Warcraft“ zu verlieren die Rede. Was ist denn da passiert?
Wir haben das Album in drei Sessions aufgenommen. Die erste war in einem Apartment direkt neben der Küche eines Fischrestaurants. Die Gerüche waren ... intensiv. Danach haben wir uns günstige Hotelzimmer gemietet und uns in ein anderes Studio eingebucht. Wir haben dort von morgens bis Mitternacht verbracht. In den Pausen hat unser Drummer Brandon viel „World of Warcraft“ gespielt. Er hatte ein ganzes Gaming-Setup dabei. Beim nächsten Mal bringe ich auch so was mit. Instagram reicht nicht für zehn Stunden Wartezeit.
Ich habe mal bei Fußballspielern gesehen, dass die ihre Playstation in einem Rollkoffer mit sich rumtragen.
Als wir mit FALL OUT BOY getourt sind, hatte Pete Wentz auch so ein Setup, das aus TV und Konsole bestand, dabei. Deren Backstage sah aus wie ein Wohnzimmer. Da wollen wir auch mal hin, haha!
Ihr habt mit eurem Sound mittlerweile eine ganze Welle an Bands beeinflusst. Dabei seid ihr euch treu geblieben, statt auf Trends aufzuspringen. Fühlt sich dieses Album wie die Belohnung dafür an?
Wir haben nie darüber nachgedacht, uns wegen eines Trends zu verändern. Das wären einfach nicht wir. Klar, eine Band wie TURNSTILE ist riesig, aber wir würden nie versuchen, so zu klingen, nur weil es gerade angesagt ist. Wir mögen sie total! Unsere Musik entwickelt sich ganz organisch weiter, wir wachsen, bringen neue Einflüsse ein. Aber wir bleiben HOT MULLIGAN.
Das Video zu „And a big load“ vereint Nacktszenen, Skatepark und 2000er-Vibes. Wie entsteht so ein Konzept?
Fast alle unsere Videos wurden von Michael Herrick gemacht, einem Freund der Band. Meist bringt er eine Grundidee mit, wie zum Beispiel „Lasst uns ein early 2000er-Pop-Punk-Video machen“. Dann brainstormen wir gemeinsam. Beim Video zu „And a big load“ kamen dann Ideen auf wie: „Was, wenn Farmtiere im Skatepark rumlaufen?“ Für eines der kommenden Videos hat Tades sogar ein Drehbuch geschrieben. Er interessiert sich inzwischen sehr für Regie und derlei Kram. Die meisten Videos sind ein Gemeinschaftsprojekt der Band.
Gibt es noch etwas, was du uns über das Album sagen möchtest?
Ich bin wahnsinnig stolz auf dieses Album. Vor allem da es mein erstes komplettes mit der Band ist. Und ich glaube wirklich, dass es unser bestes ist. Ich hoffe, die Leute spüren, was wir da reingesteckt haben. Und ich hoffe, dass wir uns bald auf Tour sehen!
© by Fuze - Ausgabe #113 August/September 2025 und Christian Biehl
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #181 August/September 2025 und Sebastian Wahle
© by Fuze - Ausgabe #113 August/September 2025 und Christian Biehl
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #181 August/September 2025 und Sebastian Wahle