HOTLINE TNT

Foto© by Graham Tolbert

Richtig hart rocken

Noisiger Shoegaze trifft melodische Hooks mit humoriger Note. Klingt ungewohnt, passt aber hervorragend zur charmant ruppig-sarkatischen „Fuck off“-Attitüde des an diversen künstlerischen Fronten aktiven HOTLINE TNT-Masterminds Will Anderson. Wie das gemeint ist? Lesen.

Will, du bist ja bei aller Professionalität noch immer tief in der DIY-Kultur verankert. Was waren da deine ersten eigenen Erfahrungen?

Meine erste bewusste eigene Erfahrung in Sachen DIY-Kultur hatte ich, als ich einige Hardcore-Bands in einer Nachbarstadt live gesehen habe, unweit der Gegend, in der ich aufgewachsen bin. Ich war ziemlich schockiert, dass Leute, mit denen ich irgendwie lose verbunden war, selbst solche Kellerkonzerte auf die Beine stellten und ihre eigenen CDs rausbrachten. Das gab mir gleichzeitig aber auch das Gefühl, dass ich das auch schaffen könnte – und das ganz ohne die Hilfe eines Gatekeepers, das war cool. Mit 19 Jahren habe ich dann meine ersten eigenen Tapes gemacht, indem ich in Echtzeit von Garage-Band auf ein Kassettendeck überspielt habe. Das war so um 2008 herum.

Welchen Einfluss haben diese DIY-Wurzeln auf deine jetzige Arbeit als Musiker?
Ich habe dadurch ziemlich früh gelernt, auf keinen Fall Zeit damit zu verschwenden, auf die Zustimmung anderer zu warten, ich bin einfach meinem Stern gefolgt und habe so gut wie möglich mein eigenes Ding durchgezogen. Das ist auch heute noch das Leitprinzip, wenn ich ein Album aufnehme oder ein Konzert spiele: Wir müssen nicht auf die Erlaubnis von irgendjemandem warten.

Neben der Musik bist auch als Fanzinemacher aktiv. Welche Rolle spielt das in deinem kreativen Prozess? Gibt es – obwohl es in deinem Zine um Basketball geht – eine Verbindung zur Musikproduktion?
Definitiv gibt es da einen Zusammenhang, auch das ist ja schließlich ein Ventil für meine Kreativität. Es geht zwar um Basketball, Association Update bietet mir aber als Fanzine besonders auf visueller Ebene viele Ausdrucksmöglichkeiten, die mit der Gitarre gar nicht umsetzbar sind. Egal ob Heimstudio oder heimischer Kopierer, beide Medien erlauben völlige kreative Freiheit, wenn es wirklich DIY ist. Klar, HOTLINE TNT haben das DIY-Fahrwasser inzwischen verlassen, aber mein Fanzine habe ich nach wie vor komplett selbst unter Kontrolle und das ist schon eine sehr befreiende Angelegenheit.

Du hast ja im Hinblick auf visuelle Arbeiten noch ein paar andere Sachen am Start. Was hat es mit deiner derbe oldschooligen, GIF-unterfütterten Homepage assnup.com auf sich?
Das begann ursprünglich als Website für das eben erwähnte Fanzine. Ich habe sie mit etwas Hilfe von ein paar Freunden per Hand mit CSS und HTML programmiert. Sie ist einfach ein Ort, um meinen gesamten künstlerischen Output zu sammeln.

Dein eigenes Label Poison Rhythm arbeitet eng mit Third Man zusammen. Wie kam es zu dieser Kooperation und wer macht da was in Sachen HOTLINE TNT?
Ich habe die Leute von Third Man vor einigen Jahren kennengelernt, nachdem sie uns bei ein paar Shows in London gesehen hatten. Third Man presst und promotet unsere Alben und stellt ein Budget für Dinge wie Marketing oder Musikvideos zur Verfügung. Für Poison Rhythm bin einzig und allein ich zuständig.

Wird die Anzahl der Veröffentlichungen von Poison Rhythm in der näheren Zukunft weiter wachsen? Und wie wählst du die Bands aus?
Ja, ich werde diesen Herbst eine 12“ von einer großartigen Band aus Madison, Wisconsin namens COMBAT NAPS herausbringen. Und um auf meinem Label zu landen, muss man einfach nur richtig, richtig hart rocken.

Wenn ich das richtig verstanden habe, hat sich HOTLINE TNT inzwischen von einem Solo-Projekt mit wechselnden Gastmusikern zu einer festen Bandbesetzung entwickelt. Wie kam es dazu?
Die drei Leute, die an „Raspberry Moon“ mitgearbeitet haben, sind exakt diejenigen, die in den zwölf Monaten zuvor schon ausgiebig live mit mir gespielt hatten. Es war also eigentlich nur logisch, mal zusammen ein Album mit ihnen aufzunehmen.

„Raspberry Moon“ gibt mir ziemliche 1990er-Vibes. Du bist ja auch ein Kind der 1990er, welche Einflüsse aus dieser Zeit sind für dich und HOTLINE TNT besonders prägend?
Ich bin in den 1990ern aufgewachsen und halte das Jahrzehnt immer noch für das ungeschlagen beste, nicht weiter verwunderlich also, dass sich das in meiner Musik und dem Artwork niederschlägt. Es ist schwer, da konkret zu werden, ohne einfach nur eine Liste an Namen und Referenzen runterzubeten, aber ja, das ist eben das, was ich cool finde, also sollte das auch jeder andere so sehen.

Kannst du bitte trotzdem ein paar Namen droppen?
TEENAGE FANCLUB, THE LEMONHEADS, GIN BLOSSOMS, MY BLOODY VALENTINE, CRASH TEST DUMMIES, „American Movie“, „Hör mal, wer da hämmert“, „Flubber“, „Rugrats“ und leckere Butterfinger BB’s.

Fuzz und Reibung machen meiner Meinung nach einen wesentlichen Teil eures Sounds aus. Wie würdest du ihn selbst beschreiben?
Distortion spielt auf jeden Fall auch eine große Rolle. Aber ich lege genauso viel Wert auf eingängige Hooks und Powerpop-Riffs. Ein bisschen von beidem ist ideal.

Eure Bildsprache beinhaltet oft eine ordentliche Portion an Ironie, etwa beim Video zu „Julia’s war“ oder manchen bewusst cheesigen Bandfotos. Das scheint auf den ersten Blick im Widerspruch zu eurer, oberflächlich betrachtet, recht ernsthaft wirkenden Musik zu stehen. Was steckt dahinter?
Wir lachen gern und sind so ein bisschen am Rand der New Yorker Comedy-Szene unterwegs, wir kennen da einige Leute. Da lag es nahe, ein lustiges Musikvideo zu machen.

Gibt es irgendeine Hintergrundgeschichte zu dem „Julia’s war“-Video?
Eigentlich nicht, wir wollten nur ein bisschen Spaß haben und dabei gleichzeitig auch ein paar unserer Comedian-Freunde in diese Bootcamp-Parodie einbinden Aber es gibt eigentlich nicht mehr Story als das, was du auch auf dem Bildschirm siehst.

Apropos Humor: WEED, Vancouver. Wann, warum, wie lange?
2010 bis 2016. Ich dachte, es wäre witzig ... war’s aber nicht – ich meine hier natürlich nur den Bandnamen, der Rest hat gepasst.

Du warst neben HOTLINE TNT schon mit einigen anderen Bands unterwegs und kommst bald auch nach Europa. Was bedeutet Touren für dich?
Es ist eine großartige Möglichkeit, die Welt zu sehen und neue Leute kennenzulernen. Wir sind süchtig danach.

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