© by Svarta PhotographyFünf Jahre sind seit dem Release von „Spirituality And Distortion“ vergangen. Nun legt Experimental-Visionär und Multi-Instrumentalist Gautier Serre gemeinsam mit seinen Mitstreitern den Nachfolger vor. Wir sprechen mit dem französischen Kreativkopf über das neue Album „Amen“, die Grenzen des Machbaren und den Einfluss künstlicher Intelligenz auf die Zukunft der Musik.
Nach einigen Jahren gibt es wieder ein IGORRR-Album. Kannst du den Entstehungsprozess der Scheibe noch einmal Revue passieren lassen?
Es war in der Tat ein sehr langer Prozess. Eigentlich hatten wir im April 2020 mit der Tour für „Spirituality And Distortion“ starten sollen. Doch der erste Lockdown im März verhinderte das. Ich war zu diesem Zeitpunkt aber voller Motivation. Also begann ich direkt damit, neue Songs zu schreiben. Einige Tracks auf „Amen“ stammen daher bereits aus dieser Zeit. Da ich gleichzeitig aber nun unverhofft eine Menge Zeit hatte, widmete ich mich noch einem anderen Projekt. Denn ich hatte schon immer den Traum, mir mein eigenes Studio zu bauen. Ich hatte schon länger einen Ort gefunden, nicht weit entfernt von meiner Wohnung. Ein Komplex, der etwa seit 100 Jahren leer stand. Da waren nur Spinnweben und eine Menge Müll. Ich habe dann etwa zweieinhalb Jahre lang für den Studioausbau gebraucht. Die Kredite werde ich wohl mein ganzes Leben lang abzahlen müssen, haha.
Wie ging es weiter?
Als Live-Konzerte wieder möglich waren, haben wir zunächst diverse Shows mit „Spirituality And Distortion“ gespielt. Gleichzeitig war mein Studio fertig, mit allem, was ich zum Schreiben und Aufnehmen brauchte. Außerdem liegt es etwas abgelegen. Ich konnte also auch mitten in der Nacht dort aufschlagen und nach Belieben Krach machen. Was ziemlich oft vorgekommen ist, haha. Tatsächlich aber hatte ich erstmals in meinem Leben das Gefühl, bei meiner Musik keinerlei Limitierungen und Grenzen mehr zu unterliegen. Ich konnte mich wirklich komplett ausleben und neue Ideen umsetzen. Deswegen denke ich auch, dass ich mit „Amen“ noch einmal in eine andere Dimension vorstoßen konnte.
Du betonst ja immer wieder, dass du gern auf „künstliche Hilfsmittel“ wie Trigger, Plugins und Ähnliches verzichten möchtest. Dennoch klingt die Platte sehr brachial, modern und ausgewogen. Wie hast du das hinbekommen?
Die Produktion und das Sounddesign haben bei diesem Album wirklich einen riesigen Teil der Arbeit ausgemacht. Ich versuche tatsächlich, alles so organisch wie möglich klingen zu lassen. Ich habe beispielsweise in einem Kloster einen echten Chor aufgenommen. Dabei habe ich um die 15 Mikrofone verwendet und sie im ganzen Raum verteilt. Anstatt nachträglich einen Hall-Effekt auf die Aufnahmen zu legen, habe ich im Mix lieber die verschieden positionierten Mikrofone kombiniert. Bei dem Drum-Aufnahmen wiederum haben wir beispielsweise zwei Mikrofone um die Ecke ins Badezimmer gestellt und dazugemixt. Ansonsten verwende ich in meinem Studio auch für die anderen Instrumente viel analoge Amps und Kompressoren, teils Mikrofone aus den 1970er und 1980er Jahren. Deswegen bin ich auch sehr stolz auf das Resultat. Ich versuche mit IGORRR immer, meiner persönlichen Vorstellung von Perfektion näherzukommen. Und diesbezüglich ist „Amen“ sicherlich das Beste, was wir bislang gemacht haben. Es ist in meinen Augen eine Mischung aus einer sehr kraftvollen und modernen Metal-Produktion und der Organik der 1970er. Ich liebe beide Welten. Und denke, dass wir eine gute Balance hinbekommen haben.
Erneut treffen auf „Amen“ die unterschiedlichsten Musikstile aufeinander. Verrätst du uns das Geheimnis, wie aus all diesen Facetten am Ende ein homogenes Album entstehen kann?
Wenn es da ein Geheimnis gibt, dann würde ich es gerne kennen! Damit könnte eine Menge Stress und Zeit sparen, haha. Ich glaube aber nicht, dass es auf diese Frage eine wirkliche Antwort gibt. Ich vermute eher, dass alle verschiedenen Stile, sei es Barock, Death Metal oder TripHop, letztlich meine persönlichen Gefühle und Sichtweisen auf die Welt verkörpern. Vermutlich ist es das, was am Ende alles irgendwie zusammenwachsen lässt.
Glaubst du, dass du in kreativer und produktionstechnischer Hinsicht irgendwann an deine Grenzen stoßen wirst?
Am ehesten dürfte das wohl bei Produktionsfragen passieren. Aus einem einfachen Grund: Wir werden nie das Budget bekannter, großer Bands haben. Weil die meisten Menschen unsere Musik dann wohl doch eher als merkwürdig und verrückt empfinden. Deswegen kann ich mir gut vorstellen, dass manche ambitionierten Vorhaben sich in produktionstechnischer Sicht wohl niemals umsetzen lassen werden. Aber darum geht es mir auch nicht wirklich. Mir geht es eher um die musikalische Idee an sich. Wenn ich eine konkrete Vorstellung habe, dann will ich auch einen Weg finden, sie musikalisch zu realisieren. Das ist die Herausforderung. Und wenn ich eine Idee nicht spannend finde, dann verfolge ich sie eben nicht weiter.
Es sind einige Gastmusiker auf der Platte vertreten. Unter anderem Scott Ian von ANTHRAX an der Gitarre oder auch Bassist Mike Leon, ex-SOULFLY. Gibt es Musikerkollegen, mit denen du unbedingt einmal zusammenarbeiten willst?
Nein, und das ist meiner Meinung nach auch der falsche Ansatz. Ich habe keine Liste mit Menschen, die ich gern einmal für einen Song dabei hätte. Ich will vielmehr die richtige Person für den richtigen Sound finden. Ich betrachte meine Songs gewissermaßen als Gemälde. Ich brauche daher verschiedene Farben und verschiedene Formen. Ich spiele selbst viele Instrumente, aber natürlich nicht so gut wie jemand, der sein ganzes Leben damit verbracht hat, ein spezielles Instrument zu lernen. Ich suche dann also nach der richtigen Person, die in meinen Augen die richtige Farbe ins Spiel bringt. Und ich denke, das ist auf „Amen“ auch gelungen. Aber da ich aktuell noch keine neuen Tracks geschrieben habe, kann ich auch nicht sagen, ob und wen ich in Zukunft gerne dabei hätte.
Auch optisch sticht die Platte ins Auge. Wer ist für das Artwork verantwortlich?
Das Artwork hat Adrian Baxter übernommen, der schon für diverse Bands gearbeitet hat. Er ist unfassbar talentiert. Und noch viel wichtiger: einer der nettesten Menschen, die ich jemals kennen lernen durfte. Das Design ist eine echte Zeichnung mit Tinte. Was durchaus zu einer kuriosen Situation geführt hat. Denn als es darum ging, die Poster für die kommenden Konzerte zu gestalten, wollten die Grafiker einzelne Elemente des Covers geschickt bekommen. Was natürlich schwierig war, weil es sich um eine ganze, echte Zeichnung handelt, haha. Aber auch dafür finden sich natürlich dann Lösungen.
Ihr habt unlängst ein Video für euren Song „ADHD“ veröffentlicht, bei dem auch KI-Technologie zum Einsatz kam. Inwiefern, glaubst du, wird künstliche Intelligenz die Musikwelt in der Zukunft verändern?
Ja, wir haben für das Video echte Aufnahmen und KI-generierte Inhalte vermischt. Aber viele Dinge kann die künstliche Intelligenz noch nicht liefern. Beispielsweise der Typ im Bett zu Beginn des Clips, der die Mundwinkel im Rhythmus der Musik bewegt. Das ist mit der aktuellen Technologie noch nicht realisierbar. Wir haben gemeinsam mit unseren Partnern Meatdept. tatsächlich neun Monate lang an dem Video gearbeitet. Ich selbst habe keine große Ahnung davon, wie solche Sachen funktionieren. Ich weiß nur, dass es nach wie vor sehr aufwändig ist. Die Technologie wird sich natürlich weiterentwickeln, die Resultate werden besser werden. Aber wenn wir über KI-generierte Musik sprechen, dann hat mich alles, was ich bislang gehört habe, nicht wirklich ins Grübeln kommen lassen. Ich denke schon, dass KI zum Gamechanger werden wird. Weil womöglich Dinge irgendwann viel schneller und günstiger realisiert werden können. Für mich persönlich braucht es immer eine neue Idee. Und wenn die nicht von Menschen umgesetzt wird, dann klingt es immer irgendwie nach Plastik.
Beschäftigst du dich manchmal auch mit dem Gedanken, was ist, wenn deine Band irgendwann nicht mehr existieren wird?
Nein. Denn woher soll ich wissen, wohin es in der Zukunft geht? Wir sind sicherlich eine ungewöhnliche Band. Und wir können das, was kommt, nicht vorhersagen. Wir machen lieber einfach das, worauf wir Bock haben und wovon wir denken, dass es für unsere persönliche musikalische Reise von Relevanz ist. Und solange das so ist, gibt es auch keinen Grund für uns aufzuhören.
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