
JELLO BIAFRA, einst charismatischer Frontmann der kalifornischen Polit-Punkband DEAD KENNEDYS, dann Kandidat um das Bürgermeisteramt von San Francisco, Angeklagter in einem von einem H.P. Giger-Bild ausgelösten Pornographieprozess und seitdem schärfster Gegner der konservativen Jugendschützerin und jetzigen US-Vizepräsidentengattin Tipper Gore, hat auf seinem Alternative Tentacles-Label eine neue CD veröffentlicht. Wie gehabt liefert Biafra zynische Analysen der US-amerikanischen Gesellschaft, tritt dabei in alle Richtungen wild um sich und schert sich einen Dreck darum, ob er es sich mit der gesamten Undergroundszene jetzt endgültig verdirbt. Nach diversen Projekten mit eher härteren Gitarren- und Punkbands sowie mehreren Spoken Word-Platten nahm Biafra seine neueste Platte mit Mojo Nixon, einem schrägen, eigenwilligen Countrymusiker auf.
Erst die Zusammenarbeit mit MINISTRYs Al Jourgensen in LARD, dann mit STEEL POLE BAT TUB-Leuten in TUMOR CIRCUS, die NOMEANSNO bzw. D.O.A. feat. Jello Biafra-Platten und jetzt Mojo Nixon & Jello Biafra: Hast du nach den DEAD KENNEDYS nie mehr den Drang verspürt, eine richtige Band auf die Beine zu stellen?
Wenn die Frage sein soll, ob aus meinem Studioprojekt mit Mojo Nixon eine neue Band hervorgeht, dann lautet meine Antwort: „Nein!“ Ich wollte schon immer ein Countryalbum aufnehmen, aber obwohl ich mich im Laufe der Jahre mit einer ganzen Menge von Leuten über dieses Projekt unterhalten habe, ist erst jetzt etwas daraus geworden. Mojo rief mich dann überraschend an und fragte, ob wir diese Idee nicht endlich in die Tat umsetzen sollten und ich sagte „Yeah, why the hell not?". Ich dachte mir, gerade in einer Zeit, wo jeder auf HipHop- und Techno-Metal abfährt und andere ihre fundamentalistische Punk-Nostalgie verbreiten, wäre die beste Möglichkeit, die Leute aufzuregen, ein Countryalbum. Außerdem sprach erst kürzlich eine Studie der Universität von Auburn in Alabama davon, dass entgegen allgemeiner Überzeugung nicht die Texte von Rocksongs, sondern von Countrymusik zu Selbstmord führen können - weil sie so deprimierend sind. Und da ich es in letzter Zeit nicht geschafft habe, genügend Teenager zum Satanismus zu verführen, dachte ich mir, ich könnte es mal mit Country versuchen, hehe-he.
Wer ist denn dieser Mojo Nixon?
Das ist schwer zu beschreiben, denn am besten wäre es, wenn du dir mal eine seiner Platten besorgen würdest. Er ist ein ziemlich einzigartiger Musiker, der beinahe schon im Mainstream bekannt ist, Rock n Roll der alten Sorte mit aktuellen Texten spielt und vor allem eine sehr wilde Liveshow abzieht. Früher hatte er einen eher platten „College-Humor“, machte sich über MTV lustig und hatte Songs wie „Don Henley must die“, den Don Henley übrigens überhaupt nicht witzig fand, „Kill all lawyers" oder „Debbie Gibson is pregnant with my two-headed lovechild.“
Also die Weird AI Yankovic- Schiene?
Ein bisschen, nur dass Mojo seine Songs selber schreibt und nicht nur von Coverversionen lebt. Außerdem ist seine Liveshow sehr gut. Ich hatte eine ganze Zeit nichts mehr von ihm gehört seit er bei der letzten DEAD KENNEDYS-Tour mal unser Opener war. Später, als dann seine College-Fans von ihm nur noch Scherze über MTV hören wollten, begann er plötzlich, Leute wie Oliver North zu attackieren. Er lieferte auch eine „land is not for people wh'o inherlted it, but for people who own it and fence it" hinzufügte. Da begann ich dann, mir Gedanken zu machen, ob Mojo nicht viel cooler ist als ich ihn eigentlich eingeschätzt hatte.
Könntest du denn vielleicht mal was zu deinem Konzept erzählen, das hinter all deinen Projekten der letzten Jahre steckt? Musikalisch sind die ja sehr verschieden, denn von Industrial über Punk und Hardcore bis hin zu Country ist mittlerweile alles vertreten. Steckt das Bestreben dahinter, sich auf keinen Fall wiederholen zu wollen?
Ich denke, dass ich mich auch mit den DEAD KENNEDYS nicht wiederholt habe: Keine unserer Platten gleicht sich und das war Absicht. Wozu es führt, wenn man dieses Prinzip missachtet, siehst du ja heute: Eine ganze Generation von Bands nimmt die gleiche Platte immer wieder auf und langweilt nur noch. Darauf habe ich absolut keine Lust. Die Bands, die du eben genannt hast, waren Funprojekte für mich, die ich dazu benützt habe, neue Wege zu erkunden. Ich spiele ja kein Instrument sondern singe nur, so dass das Studio die einzige Möglichkeit für mich ist, mit anderen Musikern zu jammen - und jedes Mal, wenn ich sowas versucht habe, hat es sich als so gut herausgestellt, dass man die Aufnahmen sogar veröffentlichen konnte. Das erste LARD- Album sowie die Aufnahmen mit D.O.A. und NOMEANSNO waren eigentlich gar nicht geplant, ebenso TUMOR CIRCUS, wo wir einfach die Bandmaschiene eingeschaltet hatten um zu sehen, was sich daraus ergibt. Mit D.O.A. und NOMEANSNO wollte ich eigentlich jeweils nur einen Song für den Soundtrack von „Terminal City Ricochet" einspielen und wir stellten dann fest, dass sich das ganz gut anhört.
Bei fast allen Songs des neuen Albums fühle ich mich an den D.K.-Klassiker „Viva Las Vegas" erinnert. War das der erste Countrysong, den du aufgenommen hast?
Nein, wir hatten vorher schon „Rawhide" im Programm, aber da kann man das Original kaum noch raushören.
Was hat es mit Phil Ochs auf sich? Mit „Love me, I m a liberal" hast du ja einen seiner Songs gecovert.
Es ist tragisch, dass den heute kaum noch jemand kennt. Phil Ochs war Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger ein ziemlich bekannter Folksänger und wurde als der große Rivale von Bob Dylan angesehen. Während Dylan auf dem besten Wege war, ein Popstar zu werden, war Ochs viel engagierter und spielte umsonst bei allen möglichen Protestveranstaltungen. Ochs machte in seinen Texten wesentlich konkretere politische Aussagen, ging auf aktuelle politische Themen ein, war gemeiner und nannte auch Namen - Präsident Johnson, Kennedy und so weiter. Aber als Johnson dann nicht mehr Präsident war, wollte auch kein Mensch mehr diesen Song hören. Anfang der Siebziger, ich ging noch zur High School, beging Ochs dann Selbstmord. Irgendwann erinnerte ich mich dann an „Love me, l'm a liberal" als großartigen Angriff auf Leute, die solange vorgeben progressiv eingestellt zu sein wie sie ihre konservativen Besitzstände bewahren können - die Art von Leuten, die die Demokraten normalerweise zu ihrem Präsidentschaftskandidaten machen. Die werden allgemein zwar immer als „liberal" bezeichnet, sind aber alles andere als liberal. Ich dachte mir, dass der Song auch heute noch aktuell ist und habe ihn deshalb für Bill Clinton umgeschrieben.
Was hat es mit „Atomic Power" auf sich, dieser Nuklearhymne?
Dieser Song ist kein Scherz, auch wenn es so aussieht. Ende der Vierziger, Anfang der Fünfziger war das in einigen Teilen der USA sogar ein Hit. Ich bin auf dem Soundtrack zu „Atomic Cafe" auf diesen Song gestoßen und wir hatten ihn mit den DEAD KENNEDYS sogar schon geprobt, aber nie live gespielt oder aufgenommen.
“Snake Oil" scheint mir ein ziemlich bitterer Song zu sein, in dem du mit der gesamten Underground-Musikszene und ihren Hypes abrechnest.
Ich wollte eigentlich nicht, dass es bitter wirkt, sondern mich über das ganze Business lustig machen. Es ist meine momentane Sicht der Dinge und beinahe jede Strophe hat mit Leuten zu tun, die ich persönlich kenne.
Du sprichts auch das seltsame Phänomen an, dass in den letzten zwei, drei Jahren jede Menge alter Punk- und Hardcorebands wieder aus ihren Löchern gekrochen kamen, um mit ihrer Reunion noch einmal abzukassieren und in Europa auf Tour zu gehen.
Gut zu hören, dass überhaupt jemand in Europa sich darüber Gedanken macht, denn ich bekomme ständig aus Deutschland Post mit Anfragen, wann sich die DEAD KENNEDYS reformieren.
Deine Antwort darauf dürfte angesichts des Songs „Nostalgia for an age that never existed" klar sein.
Ich hoffe es. Und falls doch, wäre die einzig denkbare Form einer solchen Reunion für mich eine einstündige Show, bei der wir nur „Barny, the dinosaur"-Songs nachspielen, hehe- he. Das wäre die einzig angemessene DEAD KENNEDYS - Antwort in echter Punkrockmanier. Was mich aber am meisten aufregt, ist, wie konservativ viele Punks geworden sind, gerade in musikalischer Hinsicht. Damals, als diese Musik ihren Anfang nahm, versuchten alle Bands, möglichst unterschiedlich zu klingen und Neues zu probieren, anstatt sich vorzunehmen, jeden ihrer Songs nach den RAMONES oder HÜSKER DÜ klingen zu lassen. Dieses Verhalten kotzt mich an! Wenn ich die RAMONES hören will, dann lege ich die RAMONES auf und nicht eine RAMONES-Coverband. Und die Leute wünschen sich auch noch die alten Bands zurück, weil sie nicht neugierig genug sind, neue, unverbrauchte Bands für sich zu entdecken und sich neuen Ideen zu öffnen. Bei den Aufnahmen zum TUMOR CIRCUS-Album war es sehr angenehm, dass die Leute bereit waren alles auszuprobieren, sich keinerlei Beschränkungen auferlegt hatten und keine Regeln kannten. Und wenn ich mir d a n n diese Nostalgiepunks anschaue, dann erinnert mich das an Leute, die glückliche Fernsehwelt der Fünfziger nochmal durchleben wollen. Die frühen Punks hassten diese Rückwärtsgewandtheit und machten sich darüber lustig! Was junge Bands heute in dieser Szene mitbekommen , sind all diese Beschränkungen und ungeschriebenen Regeln: Wenn du diesen oder jenen Sound hast, dies oder das machst und zu kreativ oder individuell wirst, bist du nicht Punk. Das schlechteste Beispiel für diese Denkweise ist heute unglücklicherweise das Maximumrocknroll geworden. Alternative Tentacles wird von denen mittlerweile boykottiert: Sie drucken unsere Anzeigen nicht mehr ab und besprechen auch unsere Platten nicht, weil Tim Yohannan gesagt hat - und das ist ein Zitat: „You're not punk". Für D.O.A. könnten wir meinetwegen weiterhin Anzeigen schalten, aber nicht für NOMEANSNO, NEUROSIS, GROTUS, ZENIGEVA, ALICE DONUT, VICTIM'S FAMILIY und natürlich auf keine Fall für meine Platten, denn ich habe es ja gewagt, ihm offen zu widersprechen. So rigide und konservativ ist ein Teil der Punkszene mittlerweile geworden. Mit diesem Teil der Szene will ich nicht mehr zu tun haben, denn deswegen bin ich damals nicht Punk geworden. Das ist ein neues Establishment, gegen das es zu rebellieren gilt. Wenn man Sechzehnjährigen, die von Punkrock fasziniert sind, mit so restriktiven Ansichten von Punkrock begegnet und ihrer Kreativität und Spontanität keine Chance gibt, werden sie nie dahinterkommen, was Punk außer wilder Musik zu bieten hat und sie enden irgendwann als eine weitere dieser dummen Sex & Drugs & Rock'n'Roll-Bands.
Bands wie NEUROSIS und GROTUS sind sehr eigenständig, erfolgreich und haben unbestritten ein großes kommerzielles Potential. Wann werden wir die auf MTV sehen?
Nie, denn Alternative Tentacles ist ein kleines Label und kann es sich nicht leisten, MTV zu bestechen. MTV gehört zu einem multinationalen Konzern namens VIACOM und selbst bei „120 Minutes", das angeblich die Sendung für „alternative" Musik ist, haben Videos von Bands kleiner, unabhängiger Labels keine Chance gezeigt zu werden, denn alle in Frage kommenden Videos werden schon vorher von einer Kommission von VIA- COM-Angestellten begutachtet und sofort zurückgewiesen. Einmal haben sie zugestimmt, zwölf Sekunden aus einem ALICE DONUT-Video zu zeigen, aber das war's dann auch. Du musst sehen, dass es in den USA verschiedenen Arten von Independent-Labels gibt. Ein Teil der Labels lässt seine Platten von großen Vertrieben herstellen und vertreiben, zum Beispiel SubPop und Amphetamine Reptile, die einen Vertrag mit Caroline haben. Wenn du Caroline hinter dir stehen hast, dann können die hinter den Kulissen Fäden ziehen und dich auf MTV bringen. Ich persönlich kümmere mich überhaupt nicht um MTV und habe in meinem ganzen Leben bisher nicht mehr als zwei Stunden MTV gesehen. Rockvideos, bei denen die Leute nur die Lippen zur Musik vom Band bewegen, interessieren mich nicht, ich stehe auf Livemusik. Ich sehe mein Label Alternative Tentacles deshalb als Alternative für Leute, die nichts mit dem ganzen Majorlabel-Bullshit zu tun haben wollen und sich nicht darum kümmern, was auf MTV läuft. Manche der A.T.-Bands wie ALICE DONUT oder GROTUS machen zwar Videos, aber wir wollen nicht mit MTV arbeiten und sie nicht mit uns.
„MTV get off the air", um es mit einem alten D.K.-Song zu sagen.
Genau. Und der einfachste Weg ist, sie einfach zu ignorieren. Das kümmert die zwar nicht. aber was soll's. Bei SPIN (-das US-Gegenstück zu SPEX, der Tipper-) herrscht die gleiche Mentalität: Als die vor Jahren den Typ feuerten, der den Undergroundbereich betreute, begründeten sie das damit, dass sowas wie ein amerikanischer Underground nicht existiere. Wenn du mit internationalen Großkonzernen zu tun hast, deren einziges Interesse die Gewinnmaximierung ist, dann muss dir auch klar sein, dass die nur an einer lemminggleichen Gesellschaft von braven, gehorsamen Käufern interessiert sind und keinerlei Interesse an wirklich herausfordernder Musik haben. Außerdem haben Majorlabels hier in den USA eine viel stärkere Position als in Europa. Die Independentszene war bei uns nie so stark und so vom Majorbusiness getrennt wie bei euch.
Gerade auch, weil es in den USA an einem System guter Independentvertriebe mangelt.
Ja. das ist ein Teil des Problems. Oder nimm das Beispiel Grunge: Die Majors haben da zwanzig oder drei-Big Bands auf einmal gesignt und sie an die Wand geklatscht, in der Hoff-nung, dass zumindest eine kleben bleibt und die neuen NIRVANA werden. Dabei haben sie aber auch zwanzig oder dreißig Bands aus der Independentszene gestohlen und diese durch das Aufkaufen potentiell verkaufsträchtiger Bands geschwächt.
Erzähl bitte was zu deinem Label Alternative Tentacles: Wie groß ist es, wie viele Leute arbeiten dort?
Alternative Tentacles USA ist nicht so groß wie Alternative Tentacles Europa, das in London sitzt. Wir müssen uns schon anstrengen, damit wir über die Runden kommen, können uns aber eigentlich nicht beklagen. Hier arbeiten vier Leute, teilweise aber nur drei oder vier Tage die Woche.
Und du bist der Chef, der die meiste Arbeit erledigt.
Ja, ich bin der Boss, aber habe mit der Büroarbeit kaum was zu tun. Ich bezahle andere Leute dafür. Wenn ich der Geschäftsführer von A.T. wäre. hätte ich den Laden schon vor zehn Jahren zumachen müssen, haha. Ich bin ein verdammt schlechter Geschäftsmann.
Und was machst du dann die ganze Zeit?
Ich erledige einen Teil der Labelarbeit, kümmere mich um die Bands und versuche, nicht den ganzen Tag am Telefon zu hängen. Außerdem bin ich natürlich auch damit beschäftigt, neue Songs und Texte zu schreiben.
Du lebst also von dem Geld, das andere Leute für dich verdienen.
Das ist ein unfairer Vorwurf. Ich bekomme von Alternative Tentacles keinerlei Geld für die Arbeit, die ich dafür erledige, denn es bleibt sowieso kaum Geld übrig, um die Leute zu bezahlen, die dort arbeiten. Das Geld, das ich verdiene, kommt von den Platten, die ich gemacht habe, und den von mir geschriebenen Songs. Dazu kommen die Gagen von gelegentlichen Liveauftritten und ich denke, das ist alles Geld, das ich ehrlich verdient habe.
Trittst du denn gelegentlich live auf, zum Beispiel mit Mojo Nixon? Kaum, denn was ich in den letzten Jahren gemacht habe, waren ja vor allem Studioprojekte. Mit LARD und D.O.A. hatte ich ein paar Auftritte, aber das war alles. Vielleicht trete ich ja mit Mojo auf dieser Musikmesse in Austin auf, aber das ist noch unklar. Da würden wir im Vorprogramm von Johnny Cash spielen, haha. Das wäre so ziemlich das verrückteste seit dem DEAD KENNEDYS-Support von SUN-RA.
Was ist eigentlich aus deiner „No More Censorship"-Kampagne geworden - gerade angesichts der Tatsache, daß Al Gore, der Gatte von Tipper Gore, mittlerweile US-Vizepräsident ist?
Die Sache ist in den letzten Jahren im Sand verlaufen. Nachdem wir die ganzen Gerichtsschulden aus dem Giger-Posterskandal durch Spenden und verschiedenen Aktionen zurückgezahlt hatten, versuchten wir noch eine Weile, unsere Factsheets am Laufen zu halten, aber irgendwie war die Luft raus. Ich und die drei anderen Leute mussten ja auch irgendwann wieder in ihr normales Leben zurückkehren. Wir konnten ja nicht die gleiche Arbeit leisten wie American Civil Liberties Union, die amerikanische Bürgerrechtsunion, die zehntausende Mitglieder hat und im Jahr wohl mehr als eine Million Dollar für ihren Kampf ausgeben kann. An sich machen wir nichts mehr, aber bei meinen Spoken-Word-Performances ist Zensur natürlich immer noch ein Thema. Clinton und seine Freunde liefern mir Themen genug.
Hier in Deutschland war die politische Vergangenheit von Al Gore bzw. seiner Frau überhaupt kein Thema und gerade Gore wurde wegen seines Öko-Buches auch in der Linken als annehmbarer Kandidat angesehen.
Das ist totaler Bullshit! Der Mann hat dieses Buch doch nur geschrieben, weil er sich ausrechnete, mit diesem Image des Umweltbewussten jede Menge Stimmen gewinnen zu können. Aber nachdem er Vizepräsident geworden war, war eine seiner ersten Amtshandlungen, den Weg für eine riesige Giftmüllverbrennungsanlage in Ohio freizumachen - gegen die er aber im Wahlkampf noch angekämpft hatte! Mir war klar, dass die neue Regierung genauso konservativ sein würde wie die alte, dass sie nur so eine Art Yuppie-Version von Reagan und Bush ist. Ich habe Clinton auch nicht gewählt, sondern Ron Daniels von der „Peace & Freedom Party". Ich bin sowieso der Meinung, dass die lokale Politikebene viel wichtiger ist, obwohl sich die meisten Leute dafür überhaupt nicht interessieren.
Was ist aus deiner politischen Karriere geworden?
Ich glaube, es ist effektiver, wenn ich mein Ding durchziehe und mich an die Musik und Kunst halte. Irgendjemand hat mal gesagt, dass Politiker nur herumlaufen und verschiedene Leuten verschiedene Dinge erzählen, während ein Künstler sagen kann, was er glaubt.
Ich habe letztes Jahr bei der „America - The Other Side"-Ausstellung in Neuss Fotos aus deinem Bürgermeisterwahlkampf entdeckt. War ziemlich witzig.
Ich frage mich, wo die die herhaben. Ich habe selbst nicht mal welche.
Countrymusik: Kannst du für uns ahnungslose Mitteleuropäer mal kurz erklären, was es mit der US-Country Music auf sich hat, warum du dich darüber lustig machst.
Wenn sie hier leben würden, wüssten sie es... Wenn du das ganz genau wissen willst, dann sitzen wir in zwölf Stunden noch hier. Naja, es gibt Rockmusik, es gibt Popmusik und dann, für Leute, die denken, das das alles noch viel zu wild ist, gibt es Country Music. Hör dir mal „Burn Nashville Down" auf dem Album an, dann weißt du worum es geht. Ich meine, Country war irgendwann mal eine Art von Folk-Music für arme Leute. Und Bluegrass z u m Beispiel wurde sogar von Schwarzen erfunden, aber das weiß kaum jemand. Langsam, aber sicher hat sich Country dann zu etwas entwickelt, was man automatisch mit Rednecks in Verbindung bringt. Ich muss zugeben, dass ich mir bis zu diesem Album nicht allzu viel kommerzielle Country Music angehört habe, sondern vor allem authentischen, guten Country wie von Hank Williams oder Stompin ' Tom Connors und Truckdriverballaden aus den Fünfzigern. Anfangs hatte ich mir diese Platten gekauft, um mich darüber zu amüsieren, stellte dann aber fest, dass ich das Zeug sogar mag. Und da merkt man dann ziemlich schnell, wie schlecht die Musik gemacht ist, die heute auf den Country-Radiosendern abgenudelt wird. Das ist „Country by numbers", hehe. Und die Texte sind sowieso unglaublich schlecht: „I am from the heartland, I will do a good, honest day's work. I wish I could fall in love. I love my truck, I love my gun.“ Und das wiederholt sich dann in allen nur denkbaren Variationen.
In was für Dimension bewegt sich das denn? Sind diese Countrystars so groß wie GUNS'N ROSES oder Michael Jackson?
Der bestverkaufte Song der letzten Jahre war „Achy Breaky Heart" von Billy Ray Cyrus, den Eugene Chadbourne ja auch auf seinem letzten Album verhackstückt hat. Neun Millionen haben die von der Platte verkauft. Als ich Dallas war, hat dieser Cyrus ein Konzert vor 65.000 Leuten gegeben. Zu diesem Erfolg hat sicher auch beigetragen, dass durch den Countryrock der Seventies mit Bands wie EAGLES oder FLYING BURRITO BROTHERS viele Leute auf den Geschmack gekommen sind, die jetzt, da sie älter und konservativer geworden sind, normale Countrymusik hören.
Das hört sich vom Prinzip her so an, als ob Country das US-ameri- kanische Äquivalent zur deutschen Volksmusik ist.
Naja, ganz so verschlagen und bösartig wie HEINO ist Country dann doch auch wieder nicht.
Den meinte ich auch nicht, sondern so unglaubliche Bands wie die WILDEGGER HERZBUAM, von denen du glücklicherweise nie was gehört hast.
Immerhin kenne ich TRUCKSTOP. Ich weiß zwar nicht, ob es die noch gibt, aber die haben mich wirklich beeindruckt. Bei der letzten DEAD KENNEDYS-Tour haben die in allen Städten, in denen wir Auftritte hatten, ein paar Tage vorher gespielt und überall stießen ihre Plakate.
Die gibt es tatsächlich noch. Die tingeln heute von Truckertreffen zu Truckertreffen mit ihrem unglaublich platten Abklatsch amerikanischer Countrymusik.
Ja, und das Traurige ist, dass Country ja ursprünglich wirklich authentische, ursprüngliche Musik war, die einem guten Blues- oder LOU REED- Song in nichts nachsteht, aber heute wie jede andere Form von Popmusik einfach unglaublich schlecht umgesetzt wird. Leute, die wirkliche gute Countrymusik machen, haben in diesem Business keine Chance. Danny Barnes von den BAD LIVERS ist einer der besten Country-Songwriter, die ich kenne, aber trotzdem waren Touch & Go, die ja nicht gerade ein Countrylabel sind, die einzigen, die die Platte rausbringen wollten.
Was ist deine derzeitige Lieblingsplatte?
Oh shit, was für eine Frage: Die letzte Platte, die mich wirklich weggeblasen hat, war „African Sounds" von einer Band namens DUNGILLS. Das ist ein afro-europäischer Gospelchor, der alte Anti-Sklaverei-Songs singt und eine beinahe psychedelische Backing-Band hat.
O.k., das war´s von meiner Seite. Willst du noch was loswerden?
Watch out for GATT, the General Agreement on Tariffs and Trades. Ein paar der Formulierungen in diesem Dokument sind hervorragend dazu angetan, alle gewählten Regierungen außer Gefecht zu setzen, so dass wir schließlich wieder in einem feudalistischen System leben, in dem Lords und Barone und Konzernmanager das Sagen haben. Wenn man sich die einzelnen Punkte genau anschaut, sagen die nicht mehr und nicht weniger aus, dass ein verrückter, panamesischer Diktator in Zukunft unter Berufung auf den freien Welthandel gegen strenge Umweltgesetze in Deutschland klagen kann, wenn er will, und er auch noch gute Chancen hat, Recht zu bekommen - und die einzige Möglichkeit, dagegen vorzugehen, wird eine Berufungskommission von Chemiemanagern sein, die in Seveso in Italien tagt, hahaha. GATT ist so ziemlich die übelste Sache, die in letzter Zeit so abging und gleichzeitig auch ein Beweis für die absurde Zensur, der wir unterworfen sind, denn kaum jemand hat überhaupt mitbekommen, was da abging. Stattdessen sollen wir uns für die Knie von Eiskunstläufern und die abgeschnittenen Penisse von Ex-Marines interessieren. So sieht Zensur heute aus.
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